Die Liste der Themen, die im Kontext der Schweinefleischproduktion aus ökologischer Sicht diskussionswürdig erscheinen, ist lang. Je nach Blickwinkel werden vorliegende Zahlen und Daten ganz unterschiedlich interpretiert. Gerade beim Schwein ist die untrennbare Verflechtung der heimischen Produktion in gesamteuropäische, ja globale Zusammenhänge ein nicht zu leugnendes Faktum. Dies macht eine Bewertung der spezifisch österreichischen Produktionsvoraussetzungen nach ökologischen Nachhaltigkeitskriterien schwierig bis unmöglich. Hier können nur ein paar Aspekte aufgezeigt werden, die besonderes öffentliches Interesse beanspruchen.

Tierwohl: der fragende Blick der Ethik
freiland | © Land schafft Leben, 2017

Christian Dürnberger vom Messerli Forschungsinstitut in Wien beschäftigt sich mit ethischen Fragen der Nutztierhaltung. Ethik richtet den Blick auf gängige Moralvorstellungen und hinterfragt diese. Aus dieser Sicht heraus sei zunächst einmal festzustellen, dass das Schwein leidensfähig ist. Dies, so Dürnberger, könne uns moralisch nicht egal sein, „das heißt, wir sind dafür verantwortlich, dem Schwein Leid zu ersparen. Hierin zeigt sich der Gedanke des klassischen Tierschutzes. Seit geraumer Zeit allerdings stellen sich viele die Frage: Genügt das? Oder will ein Tier wie ein Schwein nicht mehr, als ‚nur‘ ein leidensfreies Leben? Das Konzept ‚Tierwohl‘ setzt sich genau mit diesen Aspekten auseinander, die über die Leidensfreiheit hinausgehen.“ Manche Akteure in der Schweineproduktion unterschätzen laut Dürnberger noch immer, dass es mehr und mehr Menschen gibt, denen bloßes Leidersparnis bei Nutztieren zu wenig ist - sie wünschen sich nicht nur Schutz vor Leiden für die Tiere, sondern auch Tierwohl.

 

Antibiotika und multiresistente Keime

Die Diskussion rund um multiresistente Keime und deren Zusammenhang mit Antibiotikaeinsatz im Nutztierbereich hat heute eine breite Öffentlichkeit erreicht. Vereinfacht gesagt, liegt das Problem darin, dass durch vermehrten Antibiotikaeinsatz sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin sich gehäuft Resistenzen in den zu bekämpfenden Bakterienstämmen bilden und so eine notwendige Behandlung erschweren. Dies hat insbesondere für bereits immungeschwächte Personen (ältere Menschen, Kranke) gravierende, immer öfter auch tödliche Folgen. Alarmierende Befunde etwa aus Deutschland haben es bis auf die Titelseite so renommierter Blätter wie “Die Zeit” oder “Der Spiegel” gebracht. Das Thema ist hochkomplex und wird entsprechend innerhalb der Wissenschaft heftig debattiert. Die Schweinebranche steht hier besonders in der Kritik. Gehen doch 75 Prozent der gesamten im Nutztierbereich verwendeten Antibiotika in die Schweinehaltung. Experten betonen freilich, dass reine Mengenangaben der Komplexität der Problematik nicht gerecht werden.

Nahrungskonkurrenz: Frisst das Schwein dem Menschen etwas weg?
maisdrusch | © Land schafft Leben, 2017

Seit ca. 10.000 Jahren hält der Mensch Schweine. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein diente dabei das Schwein als idealer Wiederverwerter von Lebensmittelabfällen aus Küche und Industrie. Zum Teil ist das auch heute noch so, etwa wenn Beiprodukte aus der Ölgewinnung, wie Soja- oder Rapsextraktionschrot, als Eiweißfutter zum Einsatz kommen. Seit der BSE-Krise sind aber Schlacht- und Küchenabfälle vom Speiseplan der Schweine gestrichen worden. So wurde aus dem Allesfresser Schwein, mit einem dem Menschen sehr ähnlichen Verdauungssystem, gezwungenermaßen ein Vegetarier, manchmal sogar Veganer und direkter Nahrungskonkurrent des Menschen.

Bodengebundene Landwirtschaft
bodengebunden | © Land schafft Leben, 2017

Johann Schlederer, Geschäftsführer der sogenannten “Schweinebörse”, des bedeutendsten nationalen Schweinevermarktungsverbandes, betont eine österreichische Besonderheit. Hierzulande erzeugen die Schweinebauern den überwiegenden Anteil an Futtermitteln selbst am Betrieb. Nur Eiweiß kommt aus Nord- und Südamerika. Die Schweinebetriebe sind dort angesiedelt, wo auf Ackerflächen Futter produziert wird. Dieselben Ackerflächen nehmen dann auch die in der Schweineproduktion anfallende Gülle auf.

Friedrich Schmoll von der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) bestätigt diese Aussage und nennt einen zweiten damit verbundenen Vorteil: Große Schweinebetriebe in Deutschland, den Niederlanden oder Dänemark verfüttern das jeweils billigste Getreide, welches in Rotterdam vom Weltmarkt kommend umgeschlagen wird. Damit verbunden sei eine im Vergleich zu Österreich höhere Gefahr der Einschleppung von Keimen durch kontaminierte Futtermittel und eine erhöhte Gesundheitsgefährdung der Schweine.

 

Gentechnisch verändertes Soja
© Greenpeace / Rodrigo Petterson

Soja ist wegen seines hohen Eiweißgehaltes ein wichtiger Futterbestandteil in der Schweinemast. Gentechnisch verändertes Soja aus Übersee ist deutlich billiger als die gentechnikfreie Variante und als Futtermittel zugelassen. Vor allem der großflächige Sojaanbau in Südamerika steht wegen seiner Auswirkungen auf Mensch und Umwelt in der Kritik.

Österreich importiert so viel Soja wie die gesamte österreichische Bevölkerung an Körpergewicht auf die Waage bringt. 580.000 Tonnen Sojaextraktionsschrot, Sojabohnen und -kuchen erreichen jährlich Österreich, mehr als die Hälfte davon wird an Schweine verfüttert. Ein Großteil davon ist gentechnisch verändert. Die so genannte Eiweißlücke (mehr dazu unten) macht Europas Fleischerzeuger von importiertem Soja abhängig. Die Kritikpunkte an der Produktion von gentechnisch verändertem Soja in Südamerika sind bekannt. Umweltschutzorganisationen, allen voran Greenpeace, kritisieren seit der Ankunft der ersten Soja-Schiffe 1996 den hohen Pestizideinsatz, Regenwaldabholzung, großflächige Monokulturen und die Gentechnik an sich. Die Kampagnen haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Bevölkerung Mitteleuropas auf Gentechnik sensibilisiert ist. In keinem anderen Erdteil gibt es einen derart starken Wunsch nach Gentechnikfreiheit.

> Dilemma zwischen Gentechnikfrei und Konkurrenzfähig 
> HINTERGRÜNDE: Grüne Gentechnik 

> BLOG: Gentechnik - Müssen wir umdenken?

 

Die Eiweißlücke: Warum Europa und Österreich Soja importieren
© Greenpeace / Werner Rudhart

Laut dem Verein Donau Soja werden jährlich über 40 Millionen Tonnen Soja und Sojaschrot an Europas Nutztiere verfüttert. 80 Prozent davon kommen aus Nord- und Südamerika. Dort werden schon allein für den europäischen Bedarf auf 16 Millionen Hektar Sojabohnen angebaut. Das entspricht einer Fläche doppelt so groß wie Österreich und einem Vielfachen der derzeit gut 0,5 Millionen Hektar europäischer Sojaanbaufläche.

Im in den 1990er-Jahren geltenden Blair-House-Agreement war festgelegt, dass die USA große Sojamengen und Europa dafür große Getreidemengen exportieren. Südamerikanische Länder reagierten auf die weltweit steigende Sojanachfrage und begannen den großflächigen Anbau. Soja aus Übersee gibt es bis heute in großen Mengen und niedrigen Preisen. Die Transportkosten spielen keine große Rolle. Daher beziehen Europa und auch Österreich einen Großteil des Soja aus Nord- und Südamerika.

In Österreich wird immer mehr Soja geerntet, derzeit in einem durchschnittlichen Jahr mehr als 100.000 Tonnen. Dem steht immer noch die etwa sechsfache Menge an importiertem Sojaschrot gegenüber. Obwohl also die Produktion steigt, sinken die Importe nicht. Etwa die Hälfte des in Österreich geernteten Sojas wird direkt zu Lebensmitteln verarbeitet. Das ist eine internationale Besonderheit.