Pflanzenschutz zwischen Zulassung und Wirkung

 

Über 250 Millionen Euro kostet die Entwicklung eines chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittels. Ein Grund dafür ist das aufwändige Zulassungsverfahren. NGOs werfen den Herstellern und Behörden zu wenig Transparenz, mangelnde Unabhängigkeit und das Ignorieren von unabsehbaren Risiken der Pestizide vor. Die internationalen Hersteller sprechen von Angstmache und weisen auf Sicherheitspolster im Zulassungsverfahren hin.

Veröffentlicht im September 2016

Schon bei der Bezeichnung gehen die Meinungen auseinander. Die Hersteller bevorzugen den Begriff “chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel”, Kritiker nennen sie lieber “Pestizide”. Beide Bezeichnungen stehen für dieselben Mittel, wir verwenden in diesem Artikel beide. Pestizide schützen Nutzpflanzen, indem sie schädliche Tiere, Pflanzen oder Bakterien zerstören. Und beide sind Überbegriffe für Fungizide gegen Pilze, Insektizide gegen Insekten und Herbizide gegen Unkraut. Diese drei Gruppen sind die wichtigsten, weitere wirken etwa gegen Bakterien.

Zulassung aufwändig, teuer und umstritten

Pestizide dürfen nicht einfach so entwickelt und ausgebracht werden. Dazwischen steht ein umfangreiches Verfahren, das die Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt prüft. Der gesamte Prozess, von der Entwicklung bis zum Verkauf am Markt kostet über 250 Millionen Euro. Die Hersteller müssen zahlreiche Aspekte eines Mittels untersuchen lassen und die Studien einreichen. In Österreich übernimmt die Österreichische Agentur für Gesundheit Ernährungssicherheit AGES einen Teil des Zulassungsverfahrens.

Am Beispiel von Bier erklärt Albert Bergmann, Leiter des Instituts für Pflanzenschutzmittel der AGES, dass selbst ein Genussmittel theoretisch keine Zulassung erhalten könnte. Auch für Bier, dass früher als Hausmittel im Pflanzenschutz verwendet wurde, bräuchte man einen sehr umfangreichen und teuren Datensatz, “über die Toxikologie, zum Umweltverhalten, was passiert mit Fischen und Wasserflöhen, wie geht es Regenwürmern usw.”, so Bergmann. Bier würde die Zulassung wohl nicht erhalten, Bergmann erklärt warum: “Die IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO, Anm.) hat bei alkoholischen Getränken zweifelsfrei festgestellt, dass diese für den Menschen krebserregend sind.” In so einem Fall habe eine Produkt keine Chance auf eine Zulassung als Pflanzenschutzmittel.

 

"Pflanzenschutzmittel sind die am besten untersuchten Substanzen, die es überhaupt gibt."

Christian Stockmar, IndustrieGruppe Pflanzenschutz und Syngenta Österreich

 

Christian Stockmar ist Vertriebsleiter von Syngenta Österreich und Vorsitzender der Industriegruppe Pflanzenschutz. Er verweist auf die sehr hohen und stetig steigenden Kosten und auf die lange Dauer des Verfahrens. Pflanzenschutzmittel würden sogar mehr untersucht als Medikamente für Menschen, weil der Bereich der Umweltauswirkungen hinzukomme. Christa Größ von Bio Austria bestätigt, dass die Verfahren immer aufwändiger werden, gibt aber zu bedenken: “Oft kommt man erst 20 oder 30 Jahre später drauf, was man alles nicht  gewusst hat, was passiert ist an Schäden, sei es in der Umwelt oder bei der Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze.”

Albert Bergmann von der AGES betont, dass in Versuchen Ratten und Mäusen eine Substanz ein Leben lang verabreicht wird. Klaus Gehring von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft erwähnt, dass Studien die Tierversuche über mehrere Generationen machen. Nur Langzeitfolgen, die “keinen ursächlichen Zusammenhang” mehr mit dem Einsatz eines Wirkstoffes hätten, sondern nur mit “sekundären Nebeneffekten”, könnte man unter Umständen mit wissenschaftlichen Methoden nicht abprüfen, so Gehring. 

Wie sechs Kilometer Sicherheitsabstand bei 100 km/h oder zu unsicher?

Medikamente werden am Ende des Zulassungsverfahrens in der Regel auch am Menschen getestet. Bei Pestiziden ist das verboten, daher kommen während des gesamten Verfahrens Tiere zum Einsatz. Die Unsicherheiten, die durch die Übertragung von Ergebnissen aus Tierversuchen auf den Menschen entstehen, werden laut Christian Stockmar, dem Vorsitzenden der IG Pflanzenschutz, im Rahmen einer wissenschaftlichen Risikoprüfung berücksichtigt. Durch die Einführung eines zusätzlichen Faktors von 100 werde das Vorsorgeprinzip sichergestellt. Für Helmut Burtscher, Umweltchemiker von Global 2000, ist das alles andere als ein beruhigendes „Sicherheitspolster“. “Wir wissen, dass der menschliche Organsismus oft anders reagiert als jener von Mäusen oder Kaninchen. Auch Tierexperimente können extrem unterschiedliche Resultate liefern“, sagt Burtscher. Für Christian Stockmar ist der Sicherheitsfaktor 100, “als würde man auf der Autobahn mit 100 km/h anstatt der vorgeschriebenen 60 Meter sechs Kilometer Abstand halten.”

 

"Das Zulassungsverfahren in der jetzigen Form ist sehr reformbedürftig."

Helmut Burtscher, Global 2000

 

NGOs kritisieren, dass die Pestizidhersteller die Studien in Auftrag geben und so gewisse Abhängigkeiten der Labors entstehen würden. Für Umweltchemiker Helmut Burtscher ist ein zentraler Kritikpunkt eine “fehlende Transparenz und fehlende Überprüfbarkeit der Richtigkeit der Daten”. Die Hersteller würden sich auf das Geschäftsgeheimnis berufen, für Burtscher ist das inakzeptabel. Das Zulassungsverfahren sei überhaupt “in der jetzigen Form (...) sehr reformbedürftig.” Auch François Meienberg von der NGO Public Eye spricht das Thema der Transparenz an. Seine Organisation hat zum Herbizid Paraquat recherchiert. “Da haben wir gesehen, dass der überwiegende Teil der Studien nicht einsehbar war”, so Meienberg. In der EU ist Paraquat übrigens seit 2007 nicht mehr zugelassen. Meienberg kritisiert, dass es Syngenta in anderen Ländern dennoch weiterhin verkauft.  

 

“Ohne neue Technologien und Lösungen der nächsten Generation werden schwer zu kontrollierende Schädlinge die Landwirtschaft zwingen, einen Schritt rückwärts zu machen.”

Dow AgroSciences

 

Wir haben bei der internationalen Kommunikationsstelle des Pestizidherstellers Dow AgroSciences nachgefragt, warum es überhaupt notwendig ist, immer neue Pestizide zu entwickeln. Dow AgroSciences verweist auf die Geschichte und das Auftreten von Resistenzen: “Schon immer haben sich Schädlinge weiterentwickelt und sie werden Jahr für Jahr eine größere Herausforderung für die Bauern.” Ohne neue Technologien würde die Landwirtschaft einen Schritt zurück machen, so das Unternehmen.

So läuft die Zulassung ab

Über 250 Millionen Euro kostet und über zehn Jahre dauert die Zulassung eines neuen Pflanzenschutzmittels. Das Zulassungsverfahren läuft wie folgt ab und gilt auch für nicht-chemisch-synthetische Mittel für die Bio-Landwirtschaft.


1.  Der Hersteller entwickelt einen Wirkstoff, der später in einem Pflanzenschutzprodukt eingesetzt werden soll. Er reicht Studien ein. Alle Mitgliedstaaten und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA prüfen diese. In Österreich übernimmt diesen Schritt die AGES. Nach positiver Prüfung und Schlussfolgerung der EFSA spricht die EU-Kommission eine Genehmigung aus.

2. Das Pflanzenschutzprodukt, das den Wirkstoff enthält, wird im so genannten “Zonalen Verfahren” geprüft. Dazu ist Europa in drei Zonen unterteilt - Norden, Mitte und Süden. Lässt ein Land einer Zone ein Produkt zu, wird das weitere Verfahren in den weiteren Ländern dieser Zone verkürzt.

3. Das Bundesamt für Ernährungssicherheit BAES erteilt die Zulassung auf Basis der Prüfung durch die AGES und die EFSA. Für Österreich werden bei der Produkt-Zulassung noch spezielle Daten für Boden und Klima eingefordert. Ist die Bewertung positiv, werden noch die Bedingungen festgelegt, unter welchen das Mittel angewendet werden darf.

Alle zehn Jahre muss ein Wirkstoff EU-weit wieder genehmigt werden. Besteht dieser aufgrund neuester Studien die strenge Prüfung nicht, muss die Zulassung von  Pflanzenschutzmitteln mit diesem Wirkstoff zurückgenommen werden.