Alkohol ist Kulturgut, Genuss-, Rausch- und Suchtmittel zugleich und in vielen Situationen in unserem Leben gegenwärtig. Die Folgen einer durchzechten Nacht für unser Wohlbefinden sind bekannt, Langzeitfolgen von Alkohol für unsere Gesundheit weniger. Österreich liegt im weltweiten Ranking des Pro-Kopf-Konsums auf Rang 36. Die Zahl der Alkoholabhängigen ist beträchtlich. Übermäßiger Alkoholkonsum ist in der EU nach Rauchen und Bluthochdruck der drittgrößte Risikofaktor für Gesundheit und Leben. 

Entspannung, Beruhigung, Entschleunigung und Wohlbefinden sind zunächst die Folgen, wenn wir Alkohol trinken. Er wirkt über das GABA-System aufs Gehirn. GABA steht für Gamma-Aminobuttersäure. Sie verringert die Erregbarkeit der Neuronen - der Nervenzellen im Gehirn. Wir tun Dinge, vor denen wir ohne Alkohol zurückscheuen. Dieser und weitere Effekte des Alkohols können manches Mal positiv sein, aber auch fatale Konsequenzen haben, etwa im Straßenverkehr. 

Davon unabhängig hat Alkohol grundsätzlich eine negative Auswirkung auf unseren Körper. Dieser baut Alkohol sukzessive ab, Großteils über die Leber. Dabei entsteht Azetaldehyd. Es ist sehr giftig und hauptverantwortlich dafür, dass Alkoholmissbrauch Schäden im ganzen Körper anrichtet. Ein zweites Produkt des Alkoholabbaus ist Azetyl, das für eine Fettleber verantwortlich sein kann. Grundsätzlich gilt wie so oft, die Dosis macht das Gift. Wie viel Alkohol für unsere Gesundheit verkraftbar ist, dazu etwas später.

Frauen sind schneller betrunken als Männer

Menschen mit einem höheren Anteil an Wasser im Körper werden weniger schnell betrunken. Männer haben im Schnitt einen höheren Anteil an Körperwasser als Frauen und "vertragen" daher mehr Alkohol. Ein hoher Fettanteil bewirkt einen niedrigeren Wasseranteil. Alkohol löst sich in Wasser besser als in Fett. Je größer der Wasseranteil im Körper, desto stärker wird Alkohol verdünnt und desto geringer der Alkoholgehalt im Blut nach Konsum einer beliebigen Menge. Obwohl Frauen schneller betrunken sind als Männer brauchen sie gleich lange, um wieder nüchtern zu werden.

Ist jemand Alkohol "gewohnt", wird er oder sie tatsächlich nicht so schnell betrunken. Dann steht mehr von einem Enzym zur Verfügung, das hilft, Alkohol schneller abzubauen. Das macht Alkohol aber keinesfalls gesünder. Je öfter und mehr Alkohol wir trinken, desto weniger spüren wir die angenehmen Wirkungen des Alkohols bei mäßiger Dosis. Grund dafür ist, dass das Gehirn über das so genannte Glutamatsystem dem GABA-System entgegenwirkt. Um den gleichen Effekt der Betrunkenheit zu erzielen, müsste man immer mehr und mehr trinken. 

Es gibt eine Reihe von Faktoren, durch die Alkohol schneller ins Blut gelangt und die für jedermann gelten. Diese sind Wärme, Kohlensäure, Zucker, schnelles Trinken, ein leerer Magen. Glühwein macht wegen Wärme und Zucker schneller betrunken als Wein, gleiches gilt für den kohlensäurehaltigen Sekt. Essen wir vor dem Alkoholkonsum, bleibt der Alkohol länger im Magen und gelangt langsamer ins Blut. Nicht nur fettiges Essen hat diesen Effekt, auch kohlenhydrat- und eiweißreiches. Eine Hypothese ist, dass Einzelteile von Fett im Dünndarm Alkohol binden und verhindern, dass diese frei ins Blut gelangen.

Alkoholnation Österreich?

Fasching, Maibaumaufstellen, Sonnwendfeier, Zeltfest, Weihnachten, Silvester - kaum ein Fest, das hierzulande trocken gefeiert wird. "Jetzt trink ma nu a Flascherl Wein", "A Gulasch und a Seitl Bier". Wir Österreicher feiern nicht nur mit Alkohol, wir feiern oftmals den Alkohol selbst. Feierabend, Wochenteilen, Freitag, Samstag - Gelegenheiten bieten sich auch abseits jährlicher Feste viele. Weniger gesellig und gar nicht lustig wird's, wenn der kurzfristig hohe Alkoholkonsum ernsthafte Konsequenzen hat oder wenn es in Richtung Abhängigkeit geht und Alkohol zum Alltag gehört.

Laut dem Handbuch Alkohol des Gesundheitsministeriums konsumieren 72 Prozent der 16- bis 99-Jährigen Alkohol in "unbedenklichem Ausmaß" oder praktisch gar nicht, 14 Prozent in "relativ unbedenklichem" Ausmaß. Neun Prozent gelten als "alkoholgefährdet, aber nicht alkoholabhängig". Fünf Prozent oder rund 370.000 Österreicher sind abhängig. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, weil die meisten Alkoholiker über viele Jahre noch 'gesellschaftlich funktionieren' und in dieser Zeit auch keine Hilfe suchen, wodurch sie auch in keiner Statistik erfasst werden. Letztere beiden genannten Gruppen trinken zwei Drittel der bundesweit getrunkenen Alkoholmenge.

Weißrussland, Moldau, Litauen, Russland und Rumänien sind jene Länder, in denen einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge am meisten Alkohol getrunken wird. Gerechnet wird mit reinem Alkohol. Eine Halbe Bier mit fünf Volumsprozent enthält beispielsweise fünf Prozent oder 25 Milliliter reinen Alkohol. Österreich liegt im weltweiten Ranking auf Platz 36, mit jährlich 10,3 Liter reinem Alkohol pro Person über 15 Jahren. Gut 50 Prozent dieser 10,3 Liter reinen Alkohols konsumieren wir über Bier, 35,5 Prozent über Wein und 14 Prozent über Spirituosen. Die Weißrussen trinken 17,6 Liter reinen Alkohol, die Russen 15,1 Liter. Die ersten zwölf Plätze weltweit belegen europäische Länder, die vor allem in Mittel- und Osteuropa liegen. Spannend ist auch der Wert Italiens als vermeintliche Wein-Nation. Die Italiener trinken mit 6,7 Liter reinen Alkohol pro Jahr deutlich weniger als die Österreicher, rund zwei Drittel davon in Wein. Am wenigsten wird offiziellen Zahlen zufolge in islamischen Ländern getrunken.

"Lockerer Umgang mit Alkohol" in Österreich

Wie viel in einem Kulturkreis getrunken wird, hat viel mit der Akzeptanz von Alkohol in einer Gesellschaft zu tun, sagt Michael Kunze, Sozialmediziner am Zentrum für Public Health an der Universität Wien. Zwischen vier Formen von Trinkkulturen in Gesellschaften unterscheidet das vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Handbuch Alkohol. In Abstinenzkulturen ist Alkohol gesetzlich verboten, was von der Mehrheit auch anerkannt wird. In Ambivalenzkulturen haben Teile der Bevölkerung starke Vorbehalte gegen jeglichen Alkoholkonsum, wünschen aber kein totales Alkoholverbot. Und Permissivkulturen akzeptieren moderaten Alkoholkonsum. Sie lehnen aber mehrheitlich exzessiven Konsum ab, der deutliche Probleme verursacht. Dann gibt es laut Handbuch Alkohol noch extreme Permissivkulturen, die auch exzessiven Konsum weitgehend akzeptieren. Michael Kunze zählt Österreich zu jenen Kulturen, die "einen lockeren Umgang mit Alkohol" pflegen, also zu Permissivkulturen. Alkohol sei gesellschaftlich akzeptiert und jederzeit verfügbar. Das seien Gründe, warum mehr konsumiert wird.

 

"In Österreich wird viel getrunken, weil Alkohol bei uns sozial akzeptiert, leicht verfügbar und zudem billig ist."

Michael Kunze, Zentrum für Public Health, Universität Wien

 

Islamische Länder zählt das Handbuch Alkohol zu den Abstinenzkulturen, nordeuropäische Länder zu den Ambivalenzkulturen. Michael Kunze sieht auch die USA in diesem Bereich. In Österreich hätten wir eine Permissivkultur, da sind Kunze und die Autoren des Handbuchs Alkohol gleicher Meinung. Das Handbuch geht sogar einen Schritt weiter. Die gesellschaftliche Akzeptanz von exzessivem Alkoholkonsum, "kann man in Österreich und Deutschland bei einem Teil der Bevölkerung anlassbezogen feststellen". Als Beispiele dafür werden Zeltfeste, das Münchner Oktoberfest, Hochzeiten und Silvesterfeiern genannt.

 

Wie viel Alkohol ist noch harmlos?

Pro Tag 0,4 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein für Frauen und 0,6 Liter Bier oder 0,3 Liter Wein für Männer - in diesem Bereich liegt die so genannte "Harmlosigkeitsgrenze" bei Alkohol, die auch das Gesundheitsministerium so bezeichnet. Die Richtwerte kommen vom Health Education Council, weltweit nehmen Experten darauf Bezug. Es definiert die Harmlosigkeitsgrenze als jene Alkoholmenge, "bis zu der der Konsum von Alkohol als körperlich bedenkenlos eingestuft werden kann." Mindestens zwei Tage in der Woche sollten frei von Alkohol sein. Sich die Menge mehrerer Tage fürs Wochenende aufzusparen, gilt nicht. Mehr auf einmal ist schädlicher als dieselbe Menge über eine Woche verteilt zu trinken.

"Es gibt keine gesunde Menge an Alkohol. Das heißt, je weniger Sie trinken, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie erkranken", sagt Bianca Heppner von der steirischen Initiative "Weniger Alkohol, mehr vom Leben". Wenn man die Menge der Harmlosigkeitsgrenze - Heppner bezeichnet sie als "risikoarme Grenze" - trinke, sei eine Schädigung sehr unwahrscheinlich. Auch Alexander Jäger, Biologe an der FH Wels, hält die Harmlosigkeitsgrenze, wie sie definiert ist, für sinnvoll. Diese sei nach einer großen Metaanlayse entstanden, welche viele Studien zusammenfasst, mit insgesamt 600.000 befragten Patienten in 19 Industrienationen.

 

"Einen halben Liter Bier an vier, fünf Tagen in der Woche kann man wirklich unterschreiben."

Alexander Jäger, FH Wels

 

Weniger Alkohol als die Menge der Harmlosigkeitsgrenze zu trinken, gilt auch nur dann als "risikoarm", wenn man nur in geeigneten Situationen trinkt. Auch der Konsum von geringen Mengen Alkohol kann mit unmittelbaren Risiken verbunden sein, beispielsweise bevor oder während man sich im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz aufhält oder wenn man schwanger ist. Schwangeren und Stillenden wird eindringlich empfohlen, auf alkoholische Getränke gänzlich zu verzichten. Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist die dritthäufigste Ursache für Entwicklungsstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern und die einzige, die durch Verzicht zu 100 Prozent vermeidbar wäre.

Dann gibt es noch eine "Gefährdungsgrenze". Diese liegt bei einem Liter Bier oder 0,5 Liter Wein bei Frauen und 1,5 Liter Bier und 0,75 Liter Wein für Männer, wiederum jeweils pro Tag. Ab dieser Menge wird der Alkoholkonsum laut dem Health Education Council und Experten, die sich darauf beziehen, als "gesundheitsgefährdend" eingestuft. Die Alkoholmenge der Gefährdungsgrenze wird auch als "problematischer Konsum" bezeichnet, was die Gefahr einer Sucht betrifft. "Der Übergang von einem problematischen zu einem abhängigen Alkoholkonsum ist fließend", schreibt das Gesundheitsministerium in einem Factsheet. Wichtig zu erwähnen ist bei allen angegebenen Richtwerten, dass diese von Person zu Person unterschiedlich sind. Wieviel Alkohol welche Krankheiten beeinflusst oder verursacht, ist sehr komplex und individuell.

Unmittelbare Folgen des Alkoholkonsums

Auch wie sich Alkoholkonsum kurzfristig auswirkt, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Und auch dafür gibt es Richtwerte. Bereits 0,2 bis 0,5 Promille Alkohol im Blut können unsere Sinne beeinträchtigen. Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen sinken, die Risikobereitschaft erhöht sich. Dennoch haben bei einer Kontrolle im Straßenverkehr erst 0,5 Promille rechtliche Folgen. Hat man mit 0,3 bis 0,5 Promille einen auffälligen Fahrstil oder verursacht einen Unfall, kann auch dieser Alkoholwert rechtliche Konsequenzen haben. Von einem "Rauschstadium" spricht man laut den Richtwerten ab einem Promille, von einem möglichen Betäubungsstadium ab zwei Promille. Drei Promille können bereits zur Bewusstlosigkeit führen. Ab vier Promille kommt man in den Bereich der Lebensgefahr. Diese Menge Alkohol im Blut kann zu Lähmungen, Koma, Atemstillstand und schließlich zum Tod führen.

Die Promille-Richtwerte gelten nicht für Abhängige. Chronischer Konsum führt dazu, dass man Alkohol besser verträgt. Die schädigende Wirkung bleibt aber bestehen. So kann es sein, dass ein Alkoholiker über zwei Promille Alkohol im Blut hat, nach außen hin aber nüchtern wirkt. Michael Musalek, Ärztlicher Direktor am Anton-Proksch-Institut, beschreibt die so genannte Blut-Hirn-Schranke. Die Nervenzellen versuchen sich zu schützen, indem sie weniger Alkohol hinein lassen. Das lernen sie, wenn sie es chronisch mit Alkohol im Blut zu tun haben. 

Aus diesem Grund hinterfragt Michael Musalek im Gespräch mit Land schafft Leben die Promillegrenzen. Kurzfristig übermäßiger Alkoholkonsum verursacht auch Vorgänge im Körper, die wir nicht oder kaum wahrnehmen. Grundlegende körperliche Systeme wie die Regelung der Körpertemperatur und die Atmung werden beeinflusst. Im Gehirn bewirkt Alkohol neben den angeführten Auswirkungen, dass zunächst positive, euphorisierende Gefühle eintreten. Mit zunehmender Konsummenge schlägt sich die Stimmung meist ins Negative um. Das führt laut Michael Musalek in Kombination mit der enthemmenden Wirkung des Alkohols dazu, dass etwa ein Drittel der Menschen eine "Neigung zu einer gewissen Aggressivität" zeigt. Dann steige die Bereitschaft zu Gewalteinsatz. Die kurzfristigen Auswirkungen würden vor allem Gehirn und Nerven schädigen und in der Folge die Psyche beeinflussen, fasst Petra Wielender von der Initiative „Weniger Alkohol, mehr vom Leben“ im Filminterview mit Land schafft Leben zusammen

 

"Alkohol ist eine psychoaktive Substanz, beeinflusst somit Stimmung, Verhalten, die Wahrnehmung, Denk- und Reaktionsvermögen."

Petra Wielender, Initiative "Weniger Alkohol, mehr vom Leben", Gesundheitsfonds Steiermark

 

Im Körper von Jugendlichen kann Alkohol noch größeren Schaden anrichten. Das hat mehrere Gründe, die die Stiftung Sucht Schweiz auflistet. Jugendliche haben oft noch weniger Körpermasse, auf die sich Alkohol verteilen kann. Und sie haben weniger von jenen Enzymen, die den Alkohol in der Leber abbauen. Außerdem kann dieser körperliche Entwicklungsprozesse wie das Knochenwachstum beeinträchtigen. Das Gehirn von Jugendlichen ist noch nicht fertig entwickelt und daher anfälliger für alkoholbedingte Schäden. Jugendliche verlieren zudem aufgrund weniger Erfahrung schneller die Kontrolle über den Alkoholkonsum innerhalb weniger Stunden, daher sind sie für Alkoholvergiftungen besonders gefährdet. Petra Wielender merkt an: "Man hört immer, dass die Jugendlichen viel trinken, aber die Hauptproblemgruppe sind die 50- bis 60-Jährigen. Studien zeigen, dass der Alkoholkonsum mit dem Alter zunimmt."

 

Der "Kater" und was man dagegen machen kann

Uns ist übel, wir haben Kopfschmerzen und Herzklopfen. Wenn wir ein paar Stunden davor viel Alkohol getrunken haben, handelt es sich wohl um einen "Kater". Die Ursachen dafür sind vielfältig und nach wie vor nicht ganz geklärt. Alkohol beeinträchtigt die Kontrolle des Wasserhaushalts, zu viel Wasser wird ausgeschieden. Mit dem Wasser verliert der Körper auch Elektrolyte, was mitverantwortlich für die Kater-Symptome sein kann. Wenn wir zu wenig Alkoholfreies dazu trinken, können Müdigkeit, Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen Folgen eines Flüssigkeitsmangels sein. Weitere Ursachen des Katers sind so genannte höhere Alkohole und Fuselalkohole. Diese können bei der Gärung entstehen. Sie sind in eher minderwertigen alkoholischen Getränken enthalten, können aber in geringen Mengen für's Aroma erwünscht sein, etwa bei Whisky. Dann gibt es noch Acetaldehyd. Das ist ein Zwischenprodukt des Alkoholstoffwechsels und verursacht vor allem dann Kater-Symptome, wenn wir größere Mengen in wenigen Stunden trinken. Außerdem verkürzt Alkohol die wichtigen REM-Phasen im Schlaf. Trotz langem Schlaf fühlt man sich dann müde. Eine weitere Kater-Ursache ist die Reizung der Magenschleimhaut durch Alkohol.

Neben der grundsätzlichen Empfehlung, alkoholische Getränke zu genießen und nicht übermäßig zu konsumieren, hilft, schon während und nach dem Alkoholkonsum viel alkoholfreie Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Wasser bietet sich besonders an. Es bringt zusätzlich den Kreislauf in Schwung, genauso wie frische Luft. Ein "Reperatur-Seiterl" hilft übrigens maximal kurzfristig. Es verzögert den Abbau von Methanol, einem Begleitprodukt bei der Gärung, man fühlt sich kurzfristig besser. Danach wird das Methanol aber erst recht abgebaut, mit allen Konsequenzen fürs unmittelbare Wohlbefinden.

Chronischer übermäßiger Alkoholkonsum kann schwere Folgen haben

Trinkt man mehr Alkohol als die als Harmlosigkeitsgrenze definierte Menge - als Frau mehr als 0,4 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein oder als Mann über 0,6 Liter Bier oder 0,3 Liter Wein - riskiert man gesundheitliche Folgen. Das bedeutet nicht, dass man bei Konsummengen regelmäßig über der Harmlosigkeitsgrenze unbedingt schwer krank wird und auch nicht, dass eine geringere tägliche Menge auf jeden Fall folgenlos bleibt. 

Hannes Bacher, Ärztlicher Leiter der Suchthilfe Klinik Salzburg, unterscheidet allgemein zwischen bestimmungsgemäßem, riskantem und schädlichem Alkoholgebrauch und bezeichnet die Sucht als vierte und letzte Stufe. Von einem riskanten und problematischen Alkoholgebrauch spricht er, wenn man die Getränkemenge, die in ein Standardglas passt, zum Beispiel eine Halbe Bier, an vielen Tagen überschreitet, auch ohne besonderen Anlass. 

Laut der Österreichischen ARGE Suchtvorbeugung sind mehr als 60 Krankheiten und Behinderungen nachweislich mit Alkoholkonsum verknüpft. Michael Musalek vom Anton-Proksch-Institut sagt, dass Alkohol "praktisch alle körperlichen Systeme" schädigen kann - Leber, Bauchspeicheldrüse, Magen-Darm-Trakt, Herz-Kreislauf-System, Nervensystem, Haut und Knochen. Demnach verursacht Alkohol laut Musalek Schäden im ganzen Körper, im Gegensatz zu anderen Suchtmitteln, die nicht praktisch alle Körpersysteme separat schädigen.

 

"Alkohol ist unter den Suchtmitteln jene Substanz, die die größten Schäden (im ganzen Körper, Anm.) macht." 

Michael Musalek, Anton-Proksch-Institut

 

Die Stiftung Sucht Schweiz hat in einem Heft, das an Jugendliche gerichtet ist, gesundheitliche Beeinträchtigungen aufgelistet, die sich "in der Regel erst nach jahrelangem übermäßigem Alkoholkonsum" zeigen. "Die Gefahr gesundheitlicher Risiken durch chronischen Alkoholkonsum liegt in den Augen der Jugendlichen deshalb meist in weiter Ferne." Umso wichtiger sei es, bereits junge Menschen zu informieren, da viele Erwachsene, die unter alkoholbedingten Krankheiten leiden, bereits in ihrer Jugend übermäßig Alkohol konsumiert hätten. 

Am stärksten betroffen ist laut Sucht Schweiz die Leber, weil sie den Großteil des Alkohols abbaut. Dabei werden Zellen geschädigt und es sammelt sich Fett an. Das kann mit der Zeit zu einer Fettleber führen, später zu Gelbsucht, Leberzirrhose und Leberkrebs. Konsumiert man regelmäßig und übermäßig Alkohol, steigert man den Eisengehalt im Blut, was die Leber auch schädigen kann. Leberschädigungen können bereits bei Kindern und Jugendlichen eintreten. Aber nicht nur die Leber ist Leidtragende eines chronischen und übermäßigen Alkoholkonsums über der Harmlosigkeitsgrenze. Alkohol verteilt sich über das Blut im ganzen Körper. Die Bauchspeicheldrüse kann sich chronisch entzünden. Magenbluten, Gewebeveränderungen von Magen und Darm, Schädigung von Haut und Blutgefäßen und viele weitere Krankheiten können durch Alkohol verursacht werden. Auf der Webseite der WHO heißt es: "Forschungserkenntnisse deuten darauf hin, dass mehr als fünf Prozent der Todesfälle weltweit (...) direkt auf Alkoholkonsum zurückzuführen sind", alkoholbedingte Unfälle miteingerechnet.

 

Alkohol kann auch gesund sein

Alkoholische Getränke können sich auch positiv auf die Gesundheit auswirken, wenn sie in sehr geringen Mengen unter der Harmlosigkeitsgrenze konsumiert werden. Dann sollen Bier und Wein sogar Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen vorbeugen, wie mehrere Studien behaupten. Grund dafür sind spezielle Inhaltsstoffe von Hopfen im Bier und von Trauben im Wein, die Polyphenole. Sie entfalten ihre gesundheitliche Wirkung noch besser in Alkohol. Alexander Jäger, Biologe an der FH Wels und so genannter "Bierprofessor", sagt, Bier sei auch als Getränk nach dem Sport geeignet, weil es reich an Mineralstoffen und isotonisch sei. Es fehle nur das Natrium, am besten esse man daher etwas Salzhaltiges dazu. Selbst der Alkohol sei "bis zu einer gewissen Menge tolerierbar". Optimal sei aber alkoholfreies Bier, vor allem nach größeren sportlichen Belastungen. 

"Irgendwann hat ein Bier vor dem Schlafengehen nicht mehr gereicht"

Als Jugendlicher, im Alter von 14 bis 16 Jahren, beginnt Richard regelmäßig zu trinken. In üblichen Mengen, wie es nicht wenige in seinem Alter tun. Richard ist ein Mensch, der sich über vieles Gedanken macht. Bier hilft ihm, weniger nachzudenken. Er kann besser einschlafen und traut sich eher zu flirten. Der Vater trinkt zum Mittag- und Abendessen ein Bier. Daher stört es ihn nicht, dass es der Sohn genauso macht. Das funktioniert über Jahre hinweg ganz gut. Irgendwann, Richard ist bereits Familienvater, reicht eine Halbe Bier vor dem Schlafen gehen nicht mehr aus. Seinem Umfeld fällt auf, dass er viel trinkt. Richard führt mit seiner Frau erste Diskussionen über seinen Alkoholkonsum und macht sich selbst Gedanken darüber. Er testet, ob er an einem Tag ohne Alkoholkonsum seine Hände noch ruhig halten kann. Es gelingt. Was Richard nicht weiß, er ist bereits psychisch abhängig, auch wenn die körperliche Entzugserscheinung der zittrigen Hände noch nicht besteht.

 

"Alle Bereiche litten unter der Abhängigkeit. Die Sucht nahm immer mehr Platz im Leben ein. Ich verbrachte jede freie Minute damit, zu trinken."

Richard G., Selbsthilfegemeinschaft Anonyme Alkoholiker

 

"Der Punkt, an dem man sich über den eigenen Alkoholkonsum Gedanken macht, ist lange nach dem Punkt, an dem man noch ohne Probleme aufhören könnte", sagt er Jahre später im Gespräch mit Land schafft Leben. Richard G. erzählt von 15 Halben Bier, die er trank, als er bereits körperlich abhängig war. Von Ängsten und in der Folge Hilflosigkeit, als er bereits wusste, dass er ein Alkoholproblem hatte. Und er erzählt, als er vor seinem ersten Besuch bei den Anonymen Alkoholikern vor Nervosität mehrere Bier trank, einen hohen Spiegel hatte und dennoch herzlich aufgenommen wurde. Das Leben von Richard G. nahm eine sehr positive Wendung. Heute hilft er als Gruppenleiter bei den Anonymen Alkoholikern anderen Menschen, die abhängig sind. Seine eigene Sucht hat er zum Stillstand gebracht.

Schleichende Abhängigkeit

Um von einer Substanz krankhaft abhängig, also süchtig zu sein, müssen drei Faktoren zusammenspielen. Die Substanz muss verfügbar sein, persönliche Gründe sprechen dafür, die Substanz zu konsumieren und sie muss ein Abhängigkeitspotenzial haben, die Vorgänge im Gehirn auslösen, die es mit der Zeit immer schwerer machen, auf die Substanz zu verzichten. Alkohol erfüllt alle Voraussetzungen. Er ist leicht erhältlich, die Gesellschaft akzeptiert ihn als Kulturgut, Alkoholkonsum und dessen unmittelbare Folgen sind aus verschiedenen Gründen attraktiv und Alkohol kann abhängig machen. Eigentlich hat Alkohol weniger Suchtpotenzial als beispielsweise Heroin und Kokain. Die bereits erwähnten Faktoren bewirken aber, dass es dennoch relativ viele Alkoholabhängige gibt. Ab welcher Menge jemand alkoholkrank ist, ist nicht definiert. Der Übergang zur Abhängigkeit ist fließend.

Ob man süchtig wird oder nicht, hängt nicht vom Bildungsgrad ab, es kann jede Gesellschaftsschicht treffen. Man unterscheidet zwischen vier Phasen. Zunächst trinken Betroffene, um Probleme scheinbar zu bewältigen. Der Alkoholkonsum wird mehr, sie trinken oft heimlich. Schließlich haben sie die Kontrolle über das Trinken verloren. Der Alkohol nimmt einen immer höheren Stellenwert im Leben ein und sorgt für unterschiedliche Konflikte. In der vierten, der chronischen Phase haben Betroffene einen permanent hohen Alkoholspiegel. Ohne Alkohol wäre nichts mehr möglich. Körper und Psyche werden durch große Mengen an Alkohol erheblich beschädigt. Hat man bei sich selbst den Verdacht einer Abhängigkeit, empfiehlt sich ein Besuch beim Hausarzt, der weitere Schritte einleitet.

"Man muss sich fast entschuldigen, wenn man keinen Alkohol trinken will"

"Rund zehn Prozent (...) erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Alkoholsucht", sagt Hannes Bacher von der Suchthilfe Salzburg. Mehr als 70 Prozent der geschätzten 370.000 alkoholkranken Österreicher sind Männer. Frauen greifen eher zu anderen Suchtmitteln wie Medikamenten. Anteil und Zahl an alkoholkranken Frauen steigen allerdings. Die Gesamtzahl der Alkoholkranken blieb in den vergangenen Jahren gleich. Nicht nur die Betroffenen selbst, auch Familie und Freunde leiden unter der Abhängigkeit. Die Österreichische ARGE Suchtvorbeugung schätzt, dass in Österreich etwa 150.000 Kinder leben, von denen mindestens ein Elternteil von einem Alkoholproblem betroffen ist.

 

"Alkohol oder andere Suchtmittel sind oftmals die einzige Möglichkeit, in einer Gruppe akzeptiert zu werden."

Hannes Bacher, Suchthilfe Klinik Salzburg

 

Sucht-Experte Hannes Bacher spricht von einem gewissen Gruppenzwang in Zusammenhang mit Alkoholkonsum. Michael Musalek sieht das ähnlich. "Man muss sich fast entschuldigen, wenn man keinen Alkohol trinken will oder Ausreden dafür suchen." Alkohol werde überall angeboten, der Konsum von der Gesellschaft verharmlost. Aber, Alkoholkranke grenze man aus und dramatisiere ihren Zustand. Man solle "unaufgeregt mit dem Problem umgehen und dort, wo es Probleme gibt, sie aufzeigen", fordert Musalek.

Höhere Preise und Sensibilisierung könnten Alkoholkonsum senken

Was könnte man tun, um Alkoholmissbrauch mitsamt seinen gesundheitlichen Auswirkungen in einer Gesellschaft zu reduzieren? Diese Frage hat sich die WHO am Beginn einer Studie in 16 Ländern gestellt. Unterschiedliche Maßnahmen wurden verglichen. Ko-Autor Daniel Chisholm vom WHO-Regionalbüro für Europa meint: "Steuererhöhungen sind vielleicht nicht die attraktivste Handlungsoption, doch sie sind die mit Abstand kosteneffektivste Methode, um Nachfrage und Verbrauch einzudämmen." Sozialmediziner Michael Kunze stimmt dem zu. "Kosten Zigaretten mehr, wird weniger geraucht. Das könnte beim Alkohol auch so sein, wobei es in Österreich dazu keine Studien gibt", so Kunze. Eine weitere sinnvolle, aber vergleichsweise weniger wirkungsvolle Maßnahme ist laut WHO-Studie die gesetzliche Beschränkung der Verfügbarkeit von Alkohol. Auch diesen Aspekt erwähnt Michael Kunze: "Wenn Alkohol leicht verfügbar ist, wird mehr von ihm konsumiert", so der Sozialmediziner.

Mindestens genauso wichtig ist Sensibilisierung. Daher gibt es Initiativen wie "Weniger Alkohol, mehr vom Leben" in der Steiermark. Sie hat das Ziel, in ihrem Bundesland  für einen verantwortungsvollen und bewussten Umgang mit Alkohol zu sensibilisieren. Bianca Heppner sagt über ihre Arbeit: "Man muss dorthin, wo Alkohol eine Rolle spielt. Wo wir leben, spielen, arbeiten, im Verein tätig sind." Das beginne mit der Selbstbestimmung im Kindesalter und gehe bis ins Seniorenalter. Aber wie reagieren die Menschen, wenn ihnen gesagt wird, sie sollten bewusster mit Alkohol umgehen? "Die Zuhörer sind schon sehr kritisch eingestellt", sagt Bianca Heppner. Aber, "wenn sie hören, wo wir hinwollen, haben wir sie auf unserer Seite." Schließlich gehe es darum, weniger Alkohol zu trinken und nicht darum, völlig darauf verzichten zu müssen. Maßnahmen auf politischer Ebene und in der Sensibilisierung können dazu beitragen, dass Alkohol wieder mehr als Genussmittel konsumiert und Alkoholmissbrauch gesenkt wird.