Rübenbauern nie nur Rübenbauern

Bauern, die Zuckerrüben kultivieren, bauen immer mehrere Pflanzenarten an, nie nur Rüben. Schon die breite Fruchtfolge - die Abwechslung von Kulturarten über die Jahre am selben Feld - erfordert von den Bauern Vielseitigkeit. Ackerbauern setzen ohnehin nie nur auf eine Pflanzenart. Österreichs Rübenbauern kultivieren im Schnitt auf sechs bis sieben Hektar Zuckerrüben. Deutsche und französische Bauern haben durchschnittlich 20 Hektar Rübenfläche, belgische Bauern in etwa gleich viel wie österreichische. Rübenbauern halten meist keine Nutztiere und haben dadurch auch weder Gülle noch Mist zur Verfügung. In den Rübenregionen gibt es überhaupt wenig Viehhaltung. 

“Königin des Ackers”

Die Zuckerrübe wächst in warm-gemäßigten Klimazonen am besten. Zu heiß soll es nicht sein, dann wird die Wasserversorgung der Pflanze zur großen Herausforderung. Es soll aber auch nicht zu viel regnen. Die Rübenpflanze ist frostempfindlich, das Anbaudatum im Frühjahr muss sorgfältig gewählt werden. Am besten geeignet sind fruchtbare Löss- oder Schwarzerdeböden, die nicht zu steinig sind. Die Zuckerrübe gilt als “Königin des Ackers”. Sie erfolgreich zu kultivieren ist besonders herausfordernd. In allen Bereichen ist die Zuckerrübe eine anspruchsvolle Kultur, die in guten Jahren ein gutes Einkommen liefern kann, wenn auch die Preislage passt. 

Ein Achtel wird bewässert

Zu sandige Böden lassen viel Wasser durch ohne es zu speichern. Dann hat selbst die Rübenpflanze mit ihren mehr als zwei Meter tiefen Wurzeln ein Problem. Ein Niederschlag von 600 bis 650 Liter pro Quadratmeter und Jahr ist optimal. Auf guten Standorten darf es auch etwas weniger sein. Vor allem im Osten Österreichs regnet es an vielen Orten im langjährigen Schnitt weniger als 600 Liter. Etwa 13 Prozent der Felder können zusätzlich zu den Niederschlägen bewässert werden. Während die Rüben am Feld stehen bekommen sie bei Bedarf drei- bis viermal 20 bis 30 Liter pro Quadratmeter und Jahr. Diese Menge macht nur einen kleinen Teil des natürlichen Niederschlags aus, kann aber entscheidend zu einer erfolgreichen Ernte beitragen. 

ENDE DER ZUCKERQUOTE

Nachdem die EU die Milchquote abgeschafft hatte, war der Zuckermarkt der letzte Agrarmarkt, der durch eine Quote geschützt wurde. Die Produktionsmengen wurden limitiert, der Markt so zumindest nicht durch europäischen Zucker überschwemmt. Im September 2017 endete diese Quote, der Zuckermarkt ist seither dem freien Spiel der Marktkräfte ausgesetzt. Die Statistiken im Herbst 2017 zeigen erste alarmierende Auswirkungen, auch auf Österreichs Zuckerbauern und -verarbeiter.

Preise werden bekanntlich von Angebot und Nachfrage bestimmt. Steigt das Angebot, fällt der Preis. Genau das verhinderte die Zuckerquote der EU. Jedes Land bekam ein Kontingent, für das ein Mindestpreis von 26,29 € pro Tonne Rüben gelten musste. Jede weitere Tonne galt als Überlieferung der Quote und musste deutlich billiger verkauft werden. So wurde verhindert, dass ökonomisch unvernünftige Übermengen Zucker produziert wurden. Auf Druck der Welthandelsorganisation WTO ließ die EU die Zuckerquote fallen. Für das Anbaujahr 2017 war die Quote nicht mehr relevant, weil sie im September und damit noch vor der Ernte fiel.

 

Europäische Reaktion auf fallende Preise: mehr Produktion

Die Reaktion der Zuckererzeuger auf das Ende der Anbaulimitierung in den meisten EU-Ländern war, viel mehr zu produzieren. Dazu trug auch bei, dass aufgrund einer auslaufenden Handelsvereinbarung mit Entwicklungsländern wieder weniger Rohrohrzucker für die Verarbeitung in europäischen Zuckerfabriken importiert wurde. Auch ökonomische Gründe wie die Fabriksauslastungen führten zu mehr Produktion in Europa. Diese trug wiederum zu einem Überangebot an Zucker und naturgemäß zu fallenden Preisen bei. Was noch dazu kam, die Ernte in Europa fiel im Herbst 2017 besonders gut aus. Noch mehr Menge bedeutete einen noch niedrigeren Preis. Österreich reduzierte sogar als einziges EU-Anbauland die Rübenfläche und damit die zu erwartende Erntemenge. Eine Ausweitung der Flächen macht aus Sicht der österreichischen Rübenbranche keinen Sinn. Ernst Karpfinger, Präsident des Rübenbauern-Verbandes, erinnert an die positiven Effekte der Zuckerquote. Sie habe zu einer Produktion geführt, “die dem Markt entsprochen hat.” Karpfinger befürchtet, dass die Situation schwierig bleibt, “bis die Landwirte europaweit vernünftig werden und ihre Anbauplanung wieder ihrem Markt entsprechend ordnen.” 2018 wurde in Europa weniger Rübenzucker angebaut, die Marktsituation blieb aber schwierig. In Österreich ist 2018 und 2019 ein deutlicher Rückgang der Anbauflächen zu beobachten.

 

Subventionen verschärfen Situation

Einige europäische Länder, allen voran Rumänien und Spanien, verteilen überdurchschnittlich viele EU-Agrarsubventionen auf die Rübenbauern. Rumänien zahlt freiwillig gekoppelte Zahlungen von 600 Euro pro Hektar, Spanien 419 Euro, Polen, die Slowakei und Ungarn knapp 400 Euro. In Österreich, Deutschland, Frankreich und weiteren Ländern gibt es neben den üblichen Förderungen keine zusätzlichen Zahlungen an Bauern, nur weil sie Zuckerrüben kultivieren. Im ökonomischen Wettbewerb sorgen diese Zahlungen für unfaire Verhältnisse zu Ungunsten der Länder, die diese nicht ausschütten. Das Ende der Zuckerquote lässt die Zuckerbranche in vielen europäischen Ländern, auch in Österreich, in eine ungewisse Zukunft blicken. 

Die Entwicklung der Anbauflächen vom letzten Jahr mit Quote, 2016, auf das erste ohne, 2017, zeigt ganz klar die Reaktion auf den zu erwartenden Preisfall. In fast allen EU-Ländern wurde deutlich mehr angebaut. Das hat erst recht zum Preisfall beigetragen. Allein Deutschland hat von 2016 auf 2017 auf mehr zusätzlicher Fläche Rüben angebaut als die gesamte österreichische Rübenanbaufläche ausmachte. 2018 wurden europaweit wieder Flächen reduziert.

Österreich verkauft mehr Zucker in andere Länder als es selbst erzeugt. Grund dafür sind Zuckerimporte, die zu Produkten wie Süßwaren verarbeitet und dann exportiert werden. Die heimische Landwirtschaft und Zuckerfabriken erzeugen mehr Zucker als die Bevölkerung verbraucht. 

Bauern an Zuckerfabrik beteiligt

Österreichs Bauern und Zuckerfabriken erzeugen jährlich um die 500.000 Tonnen Zucker aus 3,5 Millionen Tonnen Rüben. Diese Menge kann von Jahr zu Jahr stark schwanken, vor allem bedingt durch die Witterung im jeweiligen Anbaujahr. Die Rübenbauern sind in Landesverbänden organisiert, die wiederum zu einem bundesweiten Verband zusammengeschlossen sind. Den niederösterreichischen Verband gibt es seit 1905. Über den bundesweiten Verband sind die Bauern zu knapp 15 Prozent an der AGRANA, dem Betreiber der beiden österreichischen Zuckerfabriken, beteiligt und können so auch auf Ebene der Verarbeitung und Vermarktung mitentscheiden.

Wie in anderen landwirtschaftlichen Bereichen nimmt die Anzahl der Bauern kontinuierlich ab. Vor 20 Jahren gab es noch fast doppelt so viele Rübenbauern in Österreich wie heute. Die Rübenanbaufläche pro Bauer ist gestiegen, weil die Gesamtanbaufläche bei starken Schwankungen etwa gleich groß geblieben ist.