Die Kraft am Land ist weiblich Vol. 3: Helene Binder

22.10.2019 / Landwirtschaft & Produktion, Trends, Innovationen, Interessantes & Skurriles

Sie steht der größten österreichischen Jugendorganisation im ländlichen Raum mit 90.000 Mitgliedern vor. Sie ist Bäuerin und zugleich im Qualitätsmanagement einer Metzgerei. Sie mag Schafe. Sie denkt viel nach und gilt ihren Freunden als konsequente Ökotante. Sie steigt in kein Flugzeug mehr. Sie hatte immer schon eine Affinität zu Bio, das für sie dennoch keine Ideologie und schon gar nicht Religion ist. Sie denkt wirtschaftlich und sie denkt dabei weit über ihren Betrieb hinaus. Sie findet die Ziele von FFF (Fridays for Future) gut. Die scheinbar festgefrorenen Ideen der Klima-Streik-Kids von (angeblich) nachhaltiger Landwirtschaft und (angeblich) klimafreundlichen Lebensmitteln weniger. Das bringt sie sichtlich in Wallung, aber nicht in Schockstarre. Dafür ist sie viel zu geerdet und kommunikativ. Ich habe Helene Binder, Leiterin der Landjugend Österreich, bei ihr Zuhause besucht und zusammen mit ihrem Lebensgefährten Hannes ein super interessantes Gespräch geführt. 

Bäuerin mit Anlauf

Geboren und groß geworden auf dem elterlichen Bauernhof im oberösterreichischen Innviertel, der in konventioneller Weise Mutterkühe hält und Rindermast betreibt, war Helene eigentlich für die Hofnachfolge vorgesehen. Nicht zuletzt aufgrund ihrer landwirtschaftlichen Ausbildung. Aber mit Kühen – und mit der Konvention wohl auch – „sympathisiert“ (O-Ton) Helene nicht unbedingt. Kühe sind ihr tendenziell zu groß und Bio schien ihr bereits seit Pfadfinderzeiten der interessantere Weg. 

Kleinwiederkäuer mit denen Helene "sympathisiert"

 

Zunächst aber sieht es gar nicht danach aus als würde sie Bäuerin werden. Der Landwirtschaft in ihrer Region kommt sie vorerst auf statistisch-analytischem Weg nahe. Für den Grünen Bericht sammelt sie aus der Region Innviertel umfangreiches Datenmaterial. So lernt sie viele Betriebe über deren ökonomische Kennziffern, aber auch viele Betriebsführer in intensiver Vorortrecherche persönlich kennen. Ihr Learning daraus: Erschreckend, wie oft sich Betriebe über ihre mittel- bis langfristige finanzielle Situation kein rechtes Bild machen. Erschreckend, wie oft Familien in die Landwirtschaft hineinzahlen und von der schleichend veräußerten Substanz leben. Erschreckend, wie selbstverständlich die eigene Arbeitsleistung von Angehörigen nicht in Rechnung gestellt wird.

Erschreckend, wie oft Familien in die Landwirtschaft hineinzahlen und von der schleichend veräußerten Substanz leben.

Krisensicheres Modell Bäuerlicher Familienbetrieb

„Der bäuerliche Familienbetrieb also ökonomisch gesehen kein Erfolg versprechendes, sondern eher ein selbstausbeutendes, gar ein Auslauf-Modell?“, frage ich ein wenig provokant. Das will sie nicht gesagt haben. Im Gegenteil sieht sie den Familienbetrieb immer noch optimistisch. Gute und sich selbst gegenüber ehrliche Betriebsführung vorausgesetzt, sei er immer noch das krisensicherste Modell: „Auf ökonomische oder sonstige herausfordernde Situationen kann man flexibler reagieren. Man kann sich einschränken. Ausgabenseitig sparen. Ja, auch mal vorübergehend von der Substanz leben. Natürlich geht das nicht jahrelang. Bin ich aber Unternehmer und komme kurzfristig in finanzielle Turbulenzen, kann keine Löhne mehr zahlen und habe insgesamt Liquiditätsprobleme, dann geht halt gleich alles den Bach runter.“ 

Krisensicheres Modell Familienbetrieb: Auch der Opa von Hannes legt mit Hand an

 

Auch wenn es um die Vereinbarkeit von Familie, Kinderbetreuung, um Pflege von Angehörigen geht, hat der Familienbetrieb für Helene ganz eindeutige Vorteile: „Ist auch bei weitem das kostensparendste Modell. Da muss natürlich der Zusammenhalt schon da sein.“ Ob sie als junge und gut ausgebildete Frau damit nicht überholten Rollenmodellen und Zuschreibungen das Wort rede, hake ich nach. Diese sozialen Familienleistungen blieben ja wohl in aller Regel an der Frau hängen. Dabei habe ich während des Gesprächs so gar nicht den Eindruck eines unemanzipierten Paares bei Helene und Hannes (ganz im Gegenteil), bleibe aber meiner leicht provokanten Interviewführung treu. Helene schmunzelt nur mit einem selbstsicheren Seitenblick Richtung Hannes und sagt dann, dass junge Bäuerinnen heute auch in der Familienarbeit Partnerschaftlichkeit als selbstverständlich ansehen. Und damit lasse ich’s gut sein…

Tausche groß (Kuh)  gegen klein (Schaf) - Helene im Glück

Partnerschaftlich wurde auch ihr bäuerlicher Wiedereinstieg ins Werk gesetzt. Den vormals bereits von Hannes‘ Eltern verpachteten Hof haben sie zusammen reaktiviert und dabei alles auf das Milchschaf gesetzt. Wäre es nur nach den ökonomischen Erfolgsaussichten gegangen, hätten sie damals 2013/14 wohl auf Masthühner setzen müssen. Aber Schafe waren ihnen einfach sympathischer. Heute melken sie beide zweimal täglich 160 Schafe, deren Milch von einer regionalen Molkerei hauptsächlich zu Joghurt verarbeitet wird. Helene ist fast jeden Tag im Stall und findet es einfach eine schöne Sache, eine sinnvolle Arbeit: für andere Menschen ein gutes Lebensmittel herzustellen.

Bio-Weideschafe: Das beste Modell für Helene und Hannes

 

Tierhaltung im Fadenkreuz der Kritik

Dass Milchprodukte, tierische Produkte überhaupt heute aber von vielen vor allem jungen Menschen gar nicht als gut erachtet, sondern schwer in Frage gestellt werden, davon kann Helene ein Liedchen singen. Diesbezügliche Erfahrungen haben ihr mitunter schon schwer zu schaffen gemacht und zu denken gegeben. Darin sieht sie eine der dringendsten Aufgaben der landwirtschaftlichen Branche. Auch ihrer eigenen Organisation, der Landjugend: Das wirklich verheerende Image der Nutztierhaltung, ihrer Produkte und Betreiber, der Bauern, der Landwirtschaft insgesamt also im öffentlichen Diskurs zurecht zu rücken. Mit Vehemenz, Nachdruck und dem besseren Argument.

Sich einbringen: Mit Vehemenz, Nachdruck und dem besseren Argument

 

So habe sie sich etwa beim Workshop unter dem #goodfoodforall zu dem alle österreichischen Jugendorganisationen eingeladen waren, um sich Gedanken über nachhaltige Lebensmittelproduktion und Ernährung zu machen, recht bald gefragt: „Oida, wo ist da die Praxis?“ angesichts allzu naiver „Verbesserungsvorschläge“. Sie als einzige Vertreterin aus der Landwirtschaft sah sich schnell mit allerlei altbekannten Vorwürfen konfrontiert. Die sie freilich geduldig und mit Beispielen aus ihrer eigenen Erfahrung zu entkräften versuchte. Mit Erfolg, wie sie feststellen konnte. Aber zugleich die Einsicht: normalerweise bekommen diese Kids diese Beispiele gar nicht, normalerweise sind bäuerliche Vertreter allzu oft gar nicht mit am Tisch! Das muss sich ändern, ist Helene zu tiefst überzeugt und fordert hier viel mehr Engagement vonseiten aller Standeskollegen. 

Wir müssen aufhören nur unsere eigenen Veranstaltungen zu besuchen. Das fällt uns alles auf den Kopf!

FFF - und die "heilige Kuh" Veganismus

Gesagt getan und quasi inkognito eingeschleust bei einem geheimen Vernetzungstreffen der FFF, der Fridays for Future Kids. Und hier die doch heftige Ernüchterung, dass die Landwirtschaft als Ganzes von den Rädelsführern der Bewegung im Fadenkreuz der Kritik steht. Viel mehr als Industrie und Verkehr. Und sie wiederum die einzige Vertreterin aus der Branche. Und das eigentlich nicht vorgesehen. Und diesmal, so Helene, verfangen ihre Argumente kaum. Das vegane Dogma sei zu stark. Kuhmilch geht gar nicht. Kuh geht gar nicht. Dafür Kokosmilch. Dass die über tausende Kilometer zu uns transportiert werden muss und noch dazu aus der Dose getrunken wird, wie sie zu bedenken gibt, scheint egal: Kokosmilch ist pflanzlich und damit gut. „Sicher sind nicht alle so drauf von den Kids, aber vegan gilt schon sehr als ‚heilige Kuh‘ in ihren Reihen.“ Mit der haben auch die Parents for Future zu kämpfen, mit denen Helene eine wesentlich bessere Gesprächsbasis von Anfang an vorfindet. Demnächst trifft sie sich mit den Farmers for Future. So viel Future, denk ich mir, was soll da noch schiefgehen…

Oida, wo ist da die Praxis?

Das "Bio-Konvi-Dilemma"

Wir kommen dann noch auf ein heikles und wichtiges Thema zu sprechen. Der  innerlandwirtschaftliche Richtungsstreit oder wie ich es immer gerne ausdrücke: das „Bio-Konvi-Dilemma“. Wir sind uns schnell einig, dass hier ein Problem ersten Ranges vorliegt. Dass diese großteils von außen in die Bauernschaft hineingetragene Spaltung inzwischen aber leider auch von vielen Bauern als Gewissenskonflikt verinnerlicht wird. Dass dieses ideologisch ausgetragene Match zwischen angeblich gut (bio) und angeblich böse (konventionell) eines ist, wo langfristig beide Seiten verlieren. Darüber herrscht völlige Übereinstimmung am Tisch. Selbst in der Landjugend geht dieses Gespenst um und führt dazu, dass man sich nicht zu einem gemeinsamen Statement zusammenfinden kann. Außer dem, wie ich finde, sehr brauchbaren Slogan „Daheim kauf ich ein!“ Der so prominente Unterstützer wie Bundespräsident van der Bellen findet.  

Debattieren selbst viel über die beste Art der Landwirtschaft - und sind unglücklich über den Bio-Konvi-Graben

 

„Ja“, sagt die überzeugte Bio-Bäuerin, „das ist wirklich ein Problem bei uns und ich habe kein Patentrezept dafür. Ich persönlich fühle mich wirklich mit allen Landwirten verbunden. Da ist ein Wir-Gefühl da, natürlich auch gegenüber den konventionellen Kollegen. Wir sollten das wirklich viel mehr kultivieren, wir, die wenigen Lebensmittelproduzenten, die wir noch verblieben sind.“ Aber da sei leider viel Porzellan zerschlagen worden – auf beiden Seiten.

 

Die ultimativen Tipps für "Bauer sucht Frau"

Wir reden noch viel an diesem Nachmittag. Auch über das leidige Thema „Bauer sucht Frau“, wo ich Helene um ganz praktische Tipps für ihre Single-Standesgenossen bitte. Den ersten, der ihr einfällt, finde ich schon mal genial und genial einfach. „Sei noch kein Bauer! Werde erst Bauer, wenn du eine gefunden hast! So war es bei uns.“ Da müssen wir alle drei lachen. Und auch der zweite Tipp bringt mich zum Schmunzeln: „Nicht von der Mama einkleiden lassen!“ Wenig sexy empfindet sie es auch, wenn man seine eigene Branche tot jammert. Und leider sei die Online-Partnersuche in ländlichen Regionen immer noch ein bisschen tabu. So nach dem Motto: Was für ein Versager… Inwiefern die Landjugend inoffiziell auch als Partnervermittlungsinstitut dient, kann sie nicht sagen. Leider auch nicht, dass sie und Hannes dort einander gefunden hätten, was natürlich eine schöne Geschichte gewesen wäre.

Aber auch so fühle ich, dass hier eine schöne, eine Mut machende und mit viel Mutterwitz ausgestattete Geschichte von diesen beiden jungen Menschen geschrieben wird. Schon ihre Adresse verrät, dass hier gern und ausgiebig gelacht werden darf: Sausack 6…