Erntehelfen: Ein Selbstversuch

29.07.2020 / Landwirtschaft & Produktion, Trends, Innovationen, Interessantes & Skurriles

„Spätestens am dritten Tag hätte ich aufgegeben“, sage ich zu meiner Kollegin am Montagmorgen im Land schafft Leben-Büro und lache. Ich zeige ihr meinen roten Rücken und meine mit Blasen versehenen Hände. Vor ihr gebe ich ganz offen zu, dass „nur“ zwei Tage Erntehelfen am Bio-Zuckerrübenfeld sogar mich als Sportlerin an meine Grenzen gebracht haben. Wobei man hier auch mal eines klarstellen muss: „Erntehelfen“ klingt wesentlich idyllischer als es eigentlich ist! Anstatt zu ernten, steht man mit der Hacke am Feld und jätet Unkraut in der prallen Sonne. Anstatt zu „helfen“, was ja eher nach „so ein bisschen Mitarbeiten“ klingt, arbeitet man so hart, dass man abends sogar fast schon zum Essen zu müde ist. Aber zurück zum Anfang meiner Geschichte als Erntehelferin für zwei Tage am Zuckerrübenfeld in Niederösterreich:


Während der Corona-Krise suchten Landwirte verzweifelt nach Erntehelfern. Denn Ukrainer, Rumänen, Ungarn und Arbeitskräfte aus anderen Ländern konnten nicht mehr über die Grenzen. So kommunizierten wir von Land schafft Leben wie wild, um Menschen dazu zu bewegen, beim Ernten zu helfen. Ein Landwirt hat uns dann eine Nachricht geschickt und meinte, wir könnten doch mal selbst am Feld mithelfen, damit wir überhaupt wissen, wovon wir da reden: Gesagt, getan!


Wenige Tage später stehe ich also mit einer Gruppe von zwölf polnischen Erntehelfern am Feld. Mein erster Gedanke ist: „Die sind ja wie eine große Familie!“ Anstatt gegeneinander zu arbeiten, helfen sie sich gegenseitig. Ist einer von ihnen mit einer Zuckerrübenreihe fertig, wird sofort in den Reihen der anderen mitgeholfen. Meistens ist es Barbara, eine unglaublich zähe Frau, die immer als Erste mit ihrer Reihe fertig ist. Sie kommt dann in meine Reihe – denn ich bin die Langsamste von allen – und packt mit an. Obwohl sie alle hart arbeiten, murren sie nicht und lachen zwischendurch. Oft höre ich aber trotzdem das Wort „kurva“, also „scheiße“ auf Polnisch. Als ich sie danach frage, geben sie mir in brüchigem Deutsch zu verstehen, dass das einfach so ein Satzfüller sei. Währenddessen sieht uns die Sonne ohne Pause bei der Arbeit zu. Ich habe mir wohl die zwei heißesten Tage überhaupt ausgesucht. Mit Schweiß auf der Stirn und Kopfschmerzen befreie ich die Zuckerrüben von ihrer Konkurrenz. Entweder mit der Hacke oder – wenn das Unkraut zu nahe an der Rübe wächst – mit der Hand. Obwohl ich mir wirklich Mühe gebe, treffe ich manchmal daneben und hacke kleine Löcher in die Rüben. Während ich versuche, nicht ins Fluchen zu verfallen, führe ich mir vor Augen, wie viel Lohn Erntehelfern bezahlt wird. Dieser wichtigen Arbeit, die uns ermöglicht, satt und mit Energie durch das Leben zu gehen. Der Kollektivlohn für Barbara und die anderen beläuft sich auf ca. 1520 € brutto, ziemlich ähnlich dem Lohn einer Putzfrau, nur mit dem Unterschied, dass man da der Sonne voll ausgesetzt und noch anstrengender ist. Obwohl das für einen Durchschnittsösterreicher nach wenig klingt, reicht es für einige der polnischen Arbeiter zum Leben.


„Einige von uns kommen nur für zwei Monate nach Österreich und können dann den Rest des Jahres in Polen von dem Geld leben“, erklären sie mir am Abend beim Essen in der Küche unserer geteilten Unterkunft. Unsere Unterkunft hat nichts mit den skandalösen Beispielen in den Medien zu tun. Kein Schimmel an den Wänden, ausreichend Platz und saubere Räume mit jeweils vier Betten. Die Unterkunft wird über den Lohn hinaus zur Verfügung gestellt. Ich habe Glück denke ich, obwohl ich nach elf Stunden Feldarbeit inklusive einer Stunde Pause schon recht müde bin. Die Kommunikation mit den anderen verläuft nicht nur deswegen etwas holprig. Sie sprechen alle kaum Deutsch und nur mit einer von ihnen schaffe ich es, mich ein bisschen auf Italienisch zu unterhalten. Sie führen ein sehr genügsames Leben in Polen, wie ich erfahre. „Wir sind auf den Job als Erntehelfer in Österreich angewiesen“, sagen manche von ihnen.

Mit Schweiß auf der Stirn und Kopfschmerzen befreie ich die Zuckerrüben von ihrer Konkurrenz

 

In meinen späteren Recherchen erfahre ich, dass Erntehelfer in Österreich wohl schon seit über 100 Jahren nicht mehr aus dem Inland kommen. Immer wieder kamen Arbeitskräfte für die Saison nach Österreich, um in der Landwirtschaft mitanzupacken und sich etwas dazuzuverdienen. Die Herkunft der Erntehelfer war jedoch nicht immer die gleiche. Während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg waren es oft Deutsche aus Südost- und Osteuropäischen Ländern, die zum Erntehelfen kamen. Sie wurden im Nationalsozialismus als „Volksdeutsche“ bezeichnet. Später in den 80ern waren es vor allem Jugoslawen und später, mit der Ausdehnung des Schengenraumes kamen immer mehr Rumänen, Ungarn und Tschechen. Zu welchem Zeitpunkt wirklich nur Österreicher anpackten, finde ich in meinen Recherchen nicht heraus.


Am nächsten Tag geht alles von vorne los. Die Arbeit ist monoton. Meine Haut am Rücken wird röter und röter und auch die anderen haben schon Sonnenbrand. Doch für ein T-Shirt ist es einfach zu heiß und wir alle sind keine großen Fans von Sonnencreme. Was ich nicht erwartet hatte, ist, dass die Arbeit nicht nur physisch, sondern auch mental anstrengend ist. Die Zuckerrüben-Reihen scheinen kein Ende zu nehmen und da man ja auch nicht wirklich erntet, gibt es nichts, auf das man am Ende des Tages mit Stolz blicken kann. Am Abend des zweiten Tages bin ich dann einfach nur froh, dass es vorbei ist, aber auch gleichzeitig irrsinnig dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Ich ziehe den Hut vor allen, die als Erntehelfer arbeiten und es schaffen, diesen Job über Wochen oder gar Monate durchzuziehen. Was ich gelernt habe ist, dass man viel Ausdauer, Kraft und Willen braucht, um diese Arbeit zu leisten. Beim nächsten Mal im Supermarkt vor dem Zucker-Regal, werde ich nicht als erstes an Süßspeisen denken, sondern an das Feld. An die Hitze auf unseren Rücken, das monotone Hacken und den Schweiß, der uns allen über die Stirn gelaufen ist. Ich werde die Lebensmittel mit anderen Augen wahrnehmen und im Frühjahr mit Stolz ein Päckchen Bio-Zucker kaufen, da ich weiß, dass da auch meine Arbeit drinsteckt. Zudem habe ich später in der Recherche herausgefunden, dass nur rund 3,5 Prozent der Zuckerrübenflächen in Österreich biologisch sind! Biozucker ist also noch dazu eine echte österreichische Rarität. Wenn du mehr zum Zucker-Anbau in Österreich erfahren möchtest, dann klick dich doch mal durch unsere Webseite. Unter diesem Link findest du alles zur Zuckerrübe aus Österreich:


 Alles Zum Zucker aus Österreich
 https://www.landschafftleben.at/lebensmittel/zucker