188 Millionen Franken für weidende Kühe

05.10.2018 / Landwirtschaft & Produktion, Trends, Innovationen, Interessantes & Skurriles

Die „heilige Kuh“ der Schweizer ist tatsächlich die Kuh. Das wurde mir wieder klar bei einer Pressereise in unser Nachbarland. Kühe sind dort weit mehr als Milchlieferanten und Käse nicht nur ein Exportschlager. Die Kuh ist – so habe ich das wahrgenommen – DIE Botschafterin und DAS Symbol für eine Landwirtschaft, der die Schweizerinnen und Schweizer weitgehend vertrauen und die sie sich etwas kosten lassen. Die Kuh hat in ihrer emotionalen Ausstrahlung identitätsstiftendes Potential. Ob das in Österreich auch der Fall ist? 

Der Landwirtschaftliche Informationsdienst der Schweiz (kurz LID, etwas unserer AMA ähnliches) hat mich zusammen mit ca. 40 anderen Agrarjournalisten aus aller Welt zu einer mehrtägigen Pressereise eingeladen. Das Generalthema war die Frage, inwiefern zunehmend kritische Konsumenten die Zukunft der landwirtschaftlichen Praxis direkt beeinflussen bzw. gar bedrohen. Das vor dem Hintergrund einer ganzen Flut an Gesetzesinitiativen, die die Schweiz teils hinter, teils vor sich hat.

Rund um hochhochkarätige Vorträge und daran anschließende Diskussionen wurde dabei von den Organisatoren für mich und meine Kollegen ein Programm aufgefahren, das sich gewaschen hat. Die Schweiz kleckert nicht, wenn es darum geht, sich im wohlarrangierten Licht zu präsentieren, sondern klotzt. Die Programmhöhepunkte standen dabei allesamt im Zeichen der Kuh und ihres edelsten Produktes, dem Käse.

Die Anfahrt:

Mein Ziel ist die Biosphären-Region Entlebuch im Kanton Luzern. Ich starte von Tirol aus. Über die Inntalautobahn und den Arlbergpass geht es bei Feldkirch über die Grenze, ein paar Kilometer durch Liechtenstein und weiter auf die Schweizer Autobahn Richtung Chur/Zürich. Die Strecke kenne ich gut. Nicht nur als (ehemaliger) Berg-, Schitour- und Kletterfreak war die Schweiz ein oft und gern gewähltes Ziel. Die Sommer 2012 und 2013 sahen mich als Senner auf Almen im Engadin und im Wallis. Im Winter 2013/14 habe ich in Zermatt russischen Oligarchen und deren Kindern das Schifahren beigebracht.

Was ich damals auf den vielen gefahrenen Autobahnkilometern wahrscheinlich gar nicht bewusst wahrgenommen habe, fällt mir jetzt umso deutlicher in die Augen: Weidende Kühe neben der Autobahn. Nicht ein paar, nicht ab und zu, nein praktisch durchgehend. Und ich muss an die Inntalautobahn denken, ganz zu schweigen von der Westautobahn. Es mache sich jeder nächstens selbst ein Bild. Wär mal eine Idee: Die weidenden Kühe zu zählen, von sagen wir Amstetten bis Sattledt. Kühe auf der Weide? Fehlanzeige! Dabei verläuft hier die Autobahn durch viehstarke Gegenden. Wie anders das Bild von Buchs bis zum Zürichsee, in etwa ebenfalls 75 Autobahnkilometer. Hier kommst du mit dem Kuh-Zählen nicht nach. Ist das eine zufällige Sache oder hält der Augenschein näherer Überprüfung stand? Ich komme am Ende dieses Beitrags auf diese Frage zurück. 

Schnappschüsse von der Autobahn aus

 

Die Ankunft:

Der Weiler Heiligkreuz, auf über 1100 Meter in lieblicher Hügellandschaft gelegen, empfängt mich mit Glockengebimmel. In unmittelbarer Nähe meiner Unterkunft für die nächsten dreieinhalb Tage grasen braune Kühe auf saftiger Weide. Nach und nach tröpfeln meine Kollegen aus aller Herren Länder ein. Egal ob aus Bangladesh, Ghana oder Kanada – es ist offensichtlich, dass ihnen gefällt, was sie hier sehen: Eine Bilderbuchlandschaft, die als wesentliches Element ihrer selbst Kühe „in Szene setzt“. Blickfang und Ohrwurm zugleich. Weniger Begeisterung rufen beim ersten Frühstück die vielen Fliegen hervor, die ebenfalls daran teilnehmen wollen. „Kollateralschäden“ sozusagen der angesprochenen „Inszenierung“…

 

Glockengebimmel bei der Ankunft...

 

Die Alp:

Kaum angekommen beginnt das straff durchgeplante Programm. Und es beginnt stilgerecht. Wir besuchen eine Alp. Diese ist wunderschön gelegen mit schroffen Felsen als Bilderrahmen und natürlich ebenfalls wieder grasenden Kühen auf zwischen sanft geneigt und steil abfallend changierenden grünen Almmatten. Und wieder: Den Kollegen gefällt’s. Selfie mit Kuh ist der Renner. Sogar ein freilaufender Stier lässt sich sehen, der von seinem Besitzer und Betreiber der Alp als „total unproblematisch“ beschrieben wird. Nach einer kurzen, wohldurchdachten Sprechpause, in der er ein verschmitztes Lächeln aufsetzt, fügt dieser hinzu: „…außer, dass er keine Fremden mag…“ und genießt die spürbare leichte Verunsicherung, die sich seines Publikums bemächtigt. Jedenfalls wird der Stier vorsorglich im Stall untergebracht.

 

"...total unproblematisch... außer, dass er keine Fremden mag..."

 

Hochinteressant dann die Ausführungen über die ökonomischen Eckdaten des Betriebes. Dieser Almsommer, der sich in den letzten Zügen befindet, weshalb eine Bilanz bereits gezogen werden könne, brachte ein sehr gutes Ergebnis. 10 Tonnen Käse aus der Milch seiner 45 Kühe, das sei Allzeitrekord. Außerdem habe sich ein Experiment mit 50 Almschweinen als zukunftsträchtig erwiesen. Vermarktet wird das Schweinefleisch zur Gänze und der Käse zu 80 Prozent über die beiden führenden Lebensmitteleinzelhändler. Kilopreis für den Alpkäse AOP*, 12 Franken (gut 10 Euro). Den Rest verkauft er vor allem auf der Alp selbst für 18 Franken (knapp 16 Euro) das Kilo. Da kommt schon was zusammen, denke ich mir. Und dann noch die Alpauftriebsprämie und die Bealpungsprämie. Für jede Kuh, die für mindestens 100 Tage aufgetrieben wird, bekommt ihr Besitzer 330 Franken (264 Euro), der Alpbetreiber 400 Franken (320 Euro). Jeder Tag mehr auf der Alm wird anteilsmäßig genau berechnet. Unser Bauer hier hat eine lange Almzeit mit 135 Tagen. Da er Kuhbesitzer und Alpbetreiber in einer Person ist, bekommt er also für jede bealpte Kuh nach meiner Rechnung 985,5 Fränkli, umgerechnet 867 Euro! Die 40 Stück Jungvieh, die er ebenfalls bealpt, machen sicher auch noch ein bisschen Mist, wie man so schön sagt.

Es wird, denke ich, jedem klar, dass sich die reiche Schweiz ihren „Mythos Alp“ etwas kosten lässt. Ob der Bauer dabei „reich“ wird? Keine Ahnung, immerhin muss er sich einen ausgebildeten Käser leisten und Schweizer Löhne sind hoch. Klar ist auch, dass er und seine Frau und Mutter der vierköpfigen Kinderschar selbst fraglos ordentlich „rein buckeln“ müssen, wie wir sagen würden. Ich war selbst zwei Jahre auf Schweizer Almen beschäftigt und weiß so ungefähr, wovon ich rede. 

Die AOP*- und andere Käse:

Der zweite Tag bringt uns nach einer Führung durch einen Bio-Vorzeigebetrieb, der ebenfalls vor allem Käse produziert, zu den Swiss Cheese Awards, der Schweizer „Käseolympiade“ in die Messe Luzern. Hier also wird alljährlich dem besten Schweizer Käse die Krone aufgesetzt. Laut Adrian Krebs, dem Chefredakteur der Schweizer Bauernzeitung und allzeit kompetenten Übersetzer, Moderator und Gesprächspartner während dieser Tage, kann man den Hinweis, dass es sich um den Schweizer Olymp handelt, der hier vom besten Käse erobert wird, ruhig sparen. Nachdem die Schweiz bekanntlich den besten Käse der Welt habe, gehe es hier sozusagen um nicht weniger als den Weltmeistertitel. Ich muss schmunzeln, Adrian Krebs auch, und warte vergeblich auf Widerspruch vonseiten italienischer oder französischer Kollegen. Der bleibt aus. Was weiter nicht verwundert, da die beiden Käsegroßnationen keine Vertreter ins Nachbarland geschickt haben. Hätte ich als Österreicher etwa im Namen unserer Käseproduktion Einspruch erheben sollen? Zwar haben auch wir exzellente Käse in Österreich, aber an den Mythos Schweizer Käse reichen wir nicht annähernd heran. 

 

Nachdem die Schweiz bekanntlich den besten Käse der Welt habe, gehe es hier sozusagen um nicht weniger als den Weltmeistertitel

Dieser Mythos wird hier denn auch sofort spürbar. Die Swiss Cheese Awards sind ein feierliches und ernstes Unterfangen. Aus 965 eingereichten Käsen in nicht weniger als 28 verschiedenen Kategorien will der jeweils Beste eruiert und dann aus diesen noch ein Tagessieger gekürt werden. Ein schweißtreibendes und höchst verantwortungsvolles Unterfangen für die internationale Jury und eine echte Herausforderung für deren Gaumen und wohl auch Mägen. Meine Kollegen und ich werden ebenfalls nach kurzer Einführung in die Qualitätskriterien zu einer Bewertung eingeladen. Nach 20 der 28 für uns ausgewählten Vertreter ihrer jeweiligen Kategorie muss mein Magen die Segel streichen. Mehr Belastbarkeit erweisen gottlob die Jurorenmägen und küren den Le Gruyère d'alpage AOP von Maurice et Germain Treboux aus dem Kanton Vaud zum (inoffiziellen) Käse-Weltmeister.

Dass die Schweiz außer Käse noch anderes zu bieten hat, wird mir und meinen Kollegen eindrucksvoll im Anschluss an die Käseolympiade bewiesen. Mit einer für so manchen Flachländer aus der Gruppe im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Gondelfahrt auf den Pilatus, sozusagen den Olymp der Schweiz in Sachen Aussicht. Nicht aber an diesem Tag leider. Der Pilatus hüllt sein Haupt in Wolken und nur meine Phantasie spannt sich über einen Großteil des Alpenbogens von den Glarner Alpen bis zu den Eisriesen im Berner Oberland.

 

Blöd, wenn man extra aus Ghana bzw. Bangaldesh angereist ist und die beste Aussicht der Schweiz vernebelt ist...

 

Nach schwindelerregender Abfahrt auf der steilsten Zahnradbahn der Welt trägt uns ein Boot von Luzern aus in die langsam zudämmernde Nacht auf den Vierwaldstättersee. Und hier noch einmal große Bühne für den Käse: Beat Wampfler, Veterinär und Hobbyforscher präsentiert zum Gaudium der versammelten Journalistenschar den letzten Schrei in Sachen Käsevermarktung, den „Music-Cheese“, beschallten Käse. Mozart, Hip-Hop usw. – je nach Zielgruppe – sollen den Käse hipper machen und gar seine Reifung beschleunigen. Ein Projekt, das von ganz ernsthaften Wissenschaftlern begleitet, jedenfalls den etwas schleppenden Absatz von Emmentaler und co. befeuern soll. Ob es einschlägt? 

 

Beat Wampfler rockt Emmentaler mit Mozart und Hip Hop - meine Kollegen wollen's wissen...

 

Die Alpabfahrt:

Der emotionale Höhepunkt der ganzen Reise dann am dritten Tag: Eine der traditionsreichen Alpabfahrten. Wir Journalisten dürfen exklusiv bei den Vorarbeiten hautnah dabei sein, wenn die Kühe und Jungtiere für die Abfahrt geschmückt werden und können dann den Zug vom Start weg begleiten.

Schon die Kleinsten sind mit dabei - ein Fest für die ganze Familie

 

Ohne Worte...

 

Miss Kriensertal darf nicht fehlen

 

Außerdem stellt man uns eine Aussichtsloge in Schüpfheim zur Verfügung, dem Ort, wo rund um die feierliche Heimkehr der Kühe ein Volksfest im großen Stil aufgezogen wird. Über 10.000 Schaulustige in dem 4000-Seelen Dorf bestaunen neben den herrlich geschmückten Kühen vieles, was sonst noch die Schweizer Seele bewegt – und nicht nur diese: Alphörner und Chorgesang inklusive.

 

 

Eine Alpabfahrt oder wie wir in Tirol sagen, Almabtrieb, ist für mich mit Worten schwer zu beschreiben. Also das, was mir dabei unter die Haut geht seit Kindheitstagen. Ich werde es gar nicht erst versuchen. Vielleicht geben die Bilder etwas davon wieder. Dass es nicht nur mir so geht dabei, kann ich an den Gesichtern und Augen meiner teils weitgereisten Kollegen ablesen. Besonders mein afrikanischer Freund Richmond kommt aus dem Staunen nicht heraus. (Freilich wird dann auch er ein wenig bestaunt, wie ich sehe, als wir Journalisten ein klein wenig mit den Kühen durch das Zuschauerspalier mitmarschieren). Auch die intimen und nüchternen Kenner der Milchwirtschaft etwa aus den USA und Irland, zwei Global Player in Sachen Milch, erliegen dem Zauber der Stunde und versuchen diesen mit ihren Fotoapparaten einzufangen.

 

Impressionen von der Alpabfahrt Schüpfheim 2018

 

Eine Sache kann ich hier abschließend nicht unerwähnt lassen: Anders als leider bei so manchen mittlerweile zur Touristenfalle verkommenen Almabtrieben Zuhause in Tirol, fehlt es in der Schweiz völlig an allem unnötigen Spektakel. Kein Alm-Halligalli, das sich hier dem vermeintlichen Geschmack der herbeigekarrten Touristen auf Kosten des Unverfälschten anbiedert, sondern echte Schweizer Folklore.

 

Die Anläufe, das alles zu hinterfragen

Im Anschluss an die Alpabfahrt geht es dann inhaltlich so richtig zur Sache. Das Generalthema der Pressefahrt bestimmt eine Reihe von Vorträgen und Diskussionen, die den ganzen Nachmittag einnehmen. Kritische Konsumenten und Konsumentenverbände, Parteien, NGOs und andere Interessensgruppen lancierten bzw. lancieren zur Zeit eine ganze Reihe von Initiativen, die unmittelbare Auswirkung auf die agrarische Praxis hätten bzw. haben, nämlich dann, wenn sie vom Schweizer Wahlvolk mehrheitlich angenommen werden.

Ohne jetzt en détail auf alle diese Initiativen hier eingehen zu können, nur so viel dazu: Kernpunkte der Kritik sind alltägliche Praktiken in der (vor allem) konventionellen Landwirtschaft einerseits: Wie Pestizideinsatz und einzelne Aspekte der Tierhaltung (Enthornung der Kühe) oder gar die Struktur derselben im Ganzen (Stichwort „Massentierhaltung“). Andererseits zielen manche Initiativen auch auf eine indirekte Stärkung der schweizerischen Landwirtschaft durch eine Angleichung der Auflagen für Agrarimporte an Schweizer Produktionsstandards. Dazu muss man wissen, dass die Schweiz 50 Prozent der benötigten Lebensmittel importiert!

Allesamt sehr spannende, aber eben auch hochkomplexe Themen, wie ich finde. Und genau am Unvermögen der Komplexität der miteinander verflochtenen Aspekte gerecht zu werden, scheint es mir praktisch allen diesen Initiativen zu fehlen.

Die Schweiz ist so wenig wie Österreich eine Insel der Seligen. Ist strukturell eben auf Importe angewiesen. Die schön klingenden Forderungen wie „keine Massentierhaltung“ oder „sauberes Trinkwasser“ erscheinen praktisch allen meinen Berufskollegen beinahe absurd angesichts der wenige Stunden zuvor stattgehabten Alpabfahrt, angesichts einer nach dem Augenschein unglaublich sauberen und gepflegten Kulturlandschaft. Sauberes Trinkwasser – muss man das wirklich erst fordern in der Schweiz? Ein Ende der Massentierhaltung in dem Land, wo jetzt schon die weltweit schärfsten Standards herrschen? Etwa in der Geflügel- (Besatzdichte etc. – hier kann nur Österreich mithalten) und Schweinehaltung (Kastration nur unter Betäubung, maximal 100 Muttersauen pro Betrieb etc.). Wo dadurch die Produktionskosten und natürlich auch die Preise im Supermarkt im internationalen Vergleich exorbitant hoch sind und grenzüberscheitendes Lebensmittel-Shopping nach Deutschland, Frankreich etc. ein „Volkssport“ ist und wo, wie oben bereits erwähnt, jetzt schon massiv Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden müssen, auch Fleisch übrigens? Auf diese Zusammenhänge von mir angesprochen, meint die Sprecherin der Anti-Massentierhaltungs-Initiative nur, dass ohnehin viel zu viel Fleisch konsumiert werde. Ja, eh, denke ich mir…

 

Meret Schneider von der NGO Sentience Politics will der Schweizer "Massentierhaltung" das Wasser abgraben

 

Man könnte diese Dinge stundenlang diskutieren. Leider fehlt vor Ort die Zeit dazu. Ich habe oben versucht summarisch meinen Eindruck von diesen Initiativen wiederzugeben und eben auch woran es ihnen allen meines Erachtens nach ein wenig fehlt. Wir kennen diese Themen auch hier in Österreich. Und die Ausgangssituation ist eine ähnliche. Die Schweiz ist insofern anders, als sie eben als direkte Demokratie mit diesen Dingen auch direkter konfrontiert wird. Finden sich nämlich für eine Initiative 100.000 Unterstützer, dann muss das Wahlvolk darüber abstimmen. Was automatisch zu einer intensiven Diskussion führt, die potentiell wesentlich mehr Menschen erfasst, weil betrifft, als das etwa bei uns der Fall ist. Das finde ich grundsätzlich gut. In der Schweiz wird zurzeit sehr viel über Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion usw. diskutiert.

Zum Beispiel auch darüber, ob zukünftig Bauern finanziell „belohnt“ werden sollen, die ihre Kühe entgegen der bei weitem überwiegenden Praxis nicht enthornen. Ein 67 jähriges Bäuerlein namens Armin Capaul, dessen Schalk und Widerspruchsgeist einen förmlich aus seinen Augen anspringen, hat tatsächlich innerhalb kürzester Zeit über 120.000 Unterschriften für seine Initiative sammeln können, die Ende November d. J. zur Abstimmung kommt. Eine sympathische Initiative, wie ich als Horn-Fan persönlich finde. Weil sie nicht rigoros etwas verbieten will, sondern Anreize schaffen und einen interessanten Diskussionsbeitrag, wie wir mit unseren Nutztieren umgehen wollen, liefert.

 

Adrian Krebs mit Armin Capaul, der den Kühen ihre Hörner lassen will

 

Das Horn der Kuh hat jedenfalls das emotionale Potential um breite Bevölkerungsschichten zu erreichen, denke ich. Von den anwesenden Hochkarätern der Schweizer Landwirtschaft höre ich, dass dieser Initiative gute Chancen auf Erfolg beim Wahlvolk eingeräumt werden. Zumal sich die Gesamtkosten auf geschätzte 15 Millionen Franken belaufen sollen. Eine Bagatelle angesichts des Schweizer Agrarbudgets.

Das Agrarbudget und der Abschluss im Keller 

Stichwort Agrarbudget. Diese Zahlen sind wirklich beeindruckend und haben mich doch überrascht und machen mich immer noch denken: Die Angaben schwanken zwischen 2,8 Mrd. Franken, knapp 2,5 Mrd. Euro und gar 3,8 Mrd. (3,3 Mrd. Euro). So viel also lässt sich die Schweiz ihre High-End-Landwirtschaft kosten. High-End wohl im mehrfachen Wortsinn. Diese Gelder teilen sich ca. 53.000 Betriebe. Dazu kommt laut einem OECD Bericht ein Grenzschutz zugunsten der heimischen landwirtschaftlichen Produkte im Wert von 2 Mrd. Franken.

Zum Vergleich: Österreich hat mit knapp 160.000 dreimal so viele Bauern wie unser Nachbar. Die öffentlichen Gelder mit denen EU, der Bund und die Länder die Leistungen derselben honorieren, wie immer man dazu stehen mag, nehmen sich im Schweizer Vergleich relativ bescheiden aus, nämlich ca. 1,9 Mrd. Euro. Ich stelle diese Zahlen hier einmal unkommentiert hin.

 

Mindestens 2,5 Mrd. Euro für 53.000 Schweizer und 1,9 Mrd. Euro für dreimal so viel österr. Bauern...

Und picke mir zum Abschluss nur ein Detail heraus. Damit komme ich auf meine anfangs gestellte Frage zurück. Diese wollte wissen, ob der Augenschein, demzufolge in der Schweiz wesentlich mehr Kühe auf die Weide kommen als hierzulande, näherer Überprüfung standhält. Ja, das tut er. Mehr als 8 von 10 der insgesamt 570.000 Schweizer Milchkühe „genießen“ regelmäßigen Weidegang bzw. ganzjährigen Auslauf. So viele nehmen nämlich am sogenannten RAUS-Programm teil. Allein 188 Mio. Franken (165 Mio. Euro) fließen dafür in die Kassen der teilnehmenden Betriebe.

Sieht man sich die Situation in Österreich an, so ergibt sich beinah das genaue Gegenstück zur Schweiz. Lediglich 15 bis 20 Prozent der heimischen Milchkühe werden Schätzungen von Insidern zufolge regelmäßig geweidet (genaue Zahlen wie in der Schweiz liegen nicht vor).

Man kann diese Zahlen sicher von vielen verschiedenen Seiten her betrachten. Ich nehme hier zum Schluss noch einmal die Position des durch die Landschaft kurvenden Autofahrers ein. In der Schweiz sehe ich grasende Kühe auf wohlgepflegten Weiden: flächendeckend, neben der Autobahn und nicht nur in touristischen Kernzonen wie etwa in den Tiroler Seitentälern.

 

...sehen nicht alle so, wie die vielen Initiativen zeigen

 

Auch wenn ich als Autofahrer, als Radfahrer, als Fußgänger gar nicht bewusst die vielen Kühe ins Auge fasse, ich nehme sie trotzdem wahr. Ich nehme sie vielleicht wahr als Symbol und Abzeichen einer Landwirtschaft, die sich nicht zu verstecken braucht? Aber die Kosten? Ist es das wert? Zahlt sich das aus, wenn dann trotzdem manche nicht zufrieden sind, wie die vielen Initiativen zeigen? Und jetzt auch noch eine Massentierhaltungsdebatte vom Zaun brechen? Und über Hörnerprämien abstimmen? Wo kommen wir da hin? Fragen über Fragen…

Mit diesen Fragen im Gepäck und freilich ohne Antworten trete ich die Heimreise an. Was bleibt, sind starke, nachhaltige und nachhallende Eindrücke von der Schweiz, der Schweizer Gastfreundschaft, den Schweizer Schönheiten, den weidenden Kühen usw. usw.

 

Abschluss-PK und -Essen im Schweizerischen "Fort Knox" in Kaltbach, wo 600 Tonnen des eidgenössichen Goldes lagern

 

Und zumindest für die nächsten paar Stunden der Schweizer Käse im Bauch. Dieser wurde mir und meinen Kollegen zum Abschied in Form des traditionellen Raclettes gereicht. Stilgerecht im Ambiente des größten eidgenössischen Käse-Felsenkellers, der unglaubliche 600 Tonnen des Schweizer Goldes in seinen Eingeweiden reifen lässt. Wie ich schon sagte: Die Schweiz kleckert nicht, so klein sie als Nation sich auf dem Globus ausnehmen mag, die Schweiz klotzt…

 

*Appellation d‘Origine Protégée, deutsch: GUB, geschützte Ursprungsbezeichnung