Als die Landwirtschaft nach Österreich kam
Als die Landwirtschaft nach Österreich kam, veränderte sich alles von Grund auf: nicht nur die Lebensweise der Menschen, auch die Natur und das Aussehen der Landschaft. Nutztiere spielten dabei eine zentrale Rolle und tun es bis heute.
Die Landwirtschaft kam aus fernen Gegenden nach Europa – genau wie die Menschen, die sie zuerst betrieben. Sie waren auch die Vorfahren jener, die sich heute Österreicherinnen und Österreicher nennen.
Was war vor der Landwirtschaft?
Aber auch schon vor Ankunft der ersten Ackerbau-Kulturen lebten in Europa Menschen, auch in jenem Teil, der sehr viel später einmal „Österreich“ heißen sollte. Diese Menschen sind unter dem Begriff „Jäger und Sammler“ oder auch „Wildbeuter“ bekannt. Sie hatten noch keine festen Behausungen, sondern zogen wahrscheinlich in Gruppen von 20 bis 25 Individuen umher. Dabei wohnten sie – über Stunden bis zu mehreren Monaten – in Lagern aus Zelten oder natürlichen Unterständen, etwa den Eingangsbereichen von Höhlen.
Vor der Landwirtschaft: Menschen aßen, was da war
Je nach Ort und Zeit ernährten sich diese Menschen von dem, was in der natürlichen Umgebung zu finden beziehungsweise zu erlegen war. „Biologisch gesehen sind wir Menschen Omnivoren, das heißt ‚Allesfresser‘“, sagt Caroline Posch, Steinzeit-Expertin vom Naturhistorischen Museum Wien. „In diesem Sinne können wir sowohl tierische als auch pflanzliche Nahrungsmittel zu uns nehmen und verdauen. Ganz wesentlich für diese Zeit ist aber, dass die Menschen ihre Lebensmittel noch nicht selbst produzierten, sondern sich durch die Jagd und das Sammeln aneigneten.“
Die bislang letzte große Kaltzeit – umgangssprachlich „Eiszeit“ genannt – dauerte rund 100.000 Jahre und endete vor grob 12.000 Jahren. Während dieser Zeit waren es Tiere wie Rentiere, Pferde, Wisente, Mammuts, Saiga-Antilopen, Moschusochsen oder auch kleinere Tiere wie Hasen, die in der tundraartigen „Mammutsteppe“ lebten und den Menschen als Nahrungsgrundlage dienten. Diese Mammutsteppe beschränkte sich in Österreich allerdings auf das Alpenvorland oder das östliche Flachland.
Zwar waren während etwas wärmerer Phasen der Kaltzeit auch manche Alpentäler eisfrei. Aber zu ihrem Höhepunkt vor ungefähr 22.000 Jahren waren die Alpen samt der Täler von einem mehrere hundert Meter dicken Eispanzer bedeckt und menschenleer.
Als sich das Eis vor 12.000 Jahren in die Gipfelregionen zurückzog und dichte Wälder sich bis auf rund 2.000 Meter Höhe auszubreiten begannen, änderte sich die natürliche Artenzusammensetzung und damit auch der Speiseplan der Menschen. „In der Zeit um 9.000 Jahre vor heute, also noch am Beginn der heutigen Warmzeit, blieb die generelle Lebensweise der Menschen zunächst noch die gleiche, nur die Ernährung passte sich viel stärker an den jeweiligen Lebensraum an“, stellt Caroline Posch fest.
Durch die Klimaveränderungen bildeten sich in Europa verschiedenste Ökosysteme. Landschaften wie die alpinen Täler und Hochflächen konnten nun besiedelt werden und boten eine vielfältige Nahrungspalette an Pflanzen- und Tierarten. „Wir wissen von Fundstellen in Norditalien, Westösterreich oder der Schweiz, was die Menschen vornehmlich erlegt haben dürften: In den Niederungen und Tälern waren es Wildschwein, Rothirsch und Reh, weiter oben Gams, Steinbock und Murmeltier. Entlang von Flüssen wurde Fischfang betrieben sowie Otter und Biber gejagt beziehungsweise mittels Fallen erlegt.“
Als Ergänzung zur Jagdbeute sammelten die Menschen – abhängig von der Jahreszeit – andere Nahrungsbestandteile. Dazu gehören Vogeleier, Beeren wie Brombeeren und Himbeeren, Pilze, wilder Fenchel, möglicherweise auch Wildgräser, Rohrkolben und Insekten. Nicht alles lässt sich explizit für Österreich nachweisen und trotzdem liegt eine Nutzung aufgrund von Funden anderswo in Europa nahe.
Wissenschaftlerin Posch berichtet: „Aus Norddeutschland wissen wir, dass die Menschen Haselnüsse pflückten und auf heißem Sand rösteten, um sie dadurch haltbar zu machen. Haselnüsse sind extrem kalorienreich und fast überall verfügbar. Es ist wohl davon auszugehen, dass sie auch in Österreich gegessen wurden.“
Und welche Bedeutung hatte speziell die Jagd beziehungsweise der Verzehr von Fleisch gegenüber anderen Ernährungsbestandteilen? „Wir gehen davon aus, dass die Jagd während der Hochphase der letzten Eiszeit aufgrund der klimatischen Bedingungen der größte Lieferant von Nahrung war“, so Caroline Posch. „Mit Beginn der Warmzeit nahm aber die Bedeutung gesammelter Nahrung stark zu und konnte, abhängig von Region und Jahreszeit, bis zu mehr als die Hälfte des Speiseplans ausmachen.“
War das Jäger-und-Sammler-Leben paradiesisch?
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert beobachteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Gruppen von Menschen, die zu diesem Zeitpunkt in entlegenen Weltgegenden noch als „Jäger und Sammler“ lebten. Deren Leben unterschied sich wahrscheinlich nur wenig von jenem, das Menschen 10.000 Jahre zuvor lebten. Solche sogenannten ethnografischen Vergleiche helfen der Wissenschaft noch heute, sich ein Bild der lange zurückliegenden Vergangenheit vor Einführung der Landwirtschaft zu machen.
Eine unter anderem daraus abgeleitete These besagt, dass unsere in Wildbeutergruppen lebenden Vorfahren im Schnitt vier bis fünf Stunden täglich für die Nahrungsbeschaffung und -zubereitung benötigten. Und dass sie ein im Vergleich zu den späteren Bauernkulturen weniger hartes Leben führten.
Kerstin Kowarik, Archäologin bei den Österreichischen Akademien der Wissenschaften, meint dazu: „Teilweise wird das Jäger-und-Sammler-Leben fast paradiesisch dargestellt. Und in der Tat ist es so, dass diese Menschen größer und stärker gewachsen waren als danach die frühen Ackerbauern, was ein Hinweis auf bessere Lebensumstände ist.“
Bekannt ist zum Beispiel, dass die bäuerliche Lebensweise mit ihrer stark getreidehaltigen Kost die Zähne stärker abnutzte und Karies förderte. Ebenso führte das enge Zusammenleben von Menschen mit ihren Haustieren innerhalb fester Behausungen zur Entstehung oder zumindest viel stärkeren Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Die Masern etwa stammen ursprünglich vom Rind.
„Andererseits wissen wir aus Gesprächsanalysen neuzeitlicher Jäger und Sammler, dass sie ständig über Essen geredet und sich Sorgen gemacht haben, ob die nächste Jagd erfolgreich sein und die Nahrung ausreichen wird. Also auch die Wildleute kannten den Hunger“, gibt Kerstin Kowarik zu bedenken.
„Es wird auch davon ausgegangen, dass angesichts knapper Ressourcen Infantizid, also Kindstötung, in wildbeuterischen Gesellschaften als Form der Geburtenkontrolle vorgekommen ist. Vielleicht haben sie nur vier Stunden gearbeitet, aber dass es gar so paradiesisch war, darf bezweifelt werden.“
Dennoch sei das Phänomen der Kindstötung keinesfalls auf die Wildbeuter beschränkt.
Österreich war wild
Wie genau das Leben der Menschen in Österreich vor acht- oder zehntausend Jahren, also vor Einführung der Landwirtschaft, ausgesehen hat, wissen wir nicht. Fest steht aber, dass sie ohne Äcker, Ställe, Häuser, Dörfer oder gar Städte lebten. Durch den mehr oder weniger permanenten Aufenthalt unter freiem Himmel war ihr Leben durch engsten Kontakt zur natürlichen Umgebung geprägt. Diese Umgebung bestand in weiten Teilen aus dichten Urwäldern, Sümpfen und sich wild durch die Täler und Ebenen schlängelnden Flüssen. Baumfreie Flächen dürften sich unterhalb der natürlichen Baumgrenze auf einzelne Bereiche innerhalb der Wälder, auf Lawinenbahnen im Gebirge, auf Flussläufe sowie auf Teile des trockeneren Flachlandes im Osten Österreichs beschränkt haben. Die großen Ströme wie Rhein und Donau waren nicht so wie heute in ein künstlich geschaffenes Flussbett gezwängt, sondern formten Flussarme mit unzähligen Seitenverästelungen, deren Verläufe sich nach jedem Hochwasser veränderten.
Die üppige Tier- und Pflanzenwelt prägte im Zusammenspiel mit Wetterereignissen und dem Wandel der Jahreszeiten die sinnlichen Erfahrungen der Menschen in einem Maß, wie es für den modernen Menschen nur noch schwer vorstellbar scheint. „Wir Menschen sind ja heute noch fasziniert, wenn wir etwa einen großen Vogelschwarm beobachten“, erklärt Archäologin Kowarik. „Aber das ist nichts verglichen mit der Fülle an Vögeln, Insekten und Säugetieren, die in dieser Zeit einfach überall präsent waren und deren Verhalten und Erscheinen sich ständig mit Temperatur und Niederschlag gewandelt haben.“
Das Entscheidende aber ist: Die Jäger und Sammler veränderten ihre natürliche Umgebung nicht beziehungsweise nur minimal. Sie lebten von dem, was die Natur ihnen „schenkte“, was sie sich mittels Jagd und Sammeln aneignen konnten.
Mit der Einführung der Landwirtschaft in Österreich vor grob 7.000 Jahren (5.000 vor Christus) veränderte sich das und damit auch das Aussehen des Landes radikal. Von nun an wurde die einst natürliche Umgebung in einem bis heute andauernden Prozess an die Bedürfnisse und Ziele der Menschen angepasst und fundamental umgestaltet.
Rein genetisch betrachtet ist der Mensch allerdings noch immer von den vielen hunderttausend Jahren vor dem Wechsel zu Ackerbau und Viehhaltung geprägt. Die Zeit der Landwirtschaft und erst recht die aktuelle „Phase der Büroarbeit“ gleicht dagegen einem Wimpernschlag. Oder wie es der israelische Historiker Yuval Harari in seinem Bestseller „Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit“ ausdrückt:
„Bis heute sind unsere Gehirne daher auf ein Leben als Jäger und Sammler programmiert. Unsere Ernährungsgewohnheiten, unsere Konflikte und unsere Sexualität ergeben sich aus der Konfrontation unserer Steinzeitgehirne mit der entfremdeten Welt der Megastädte, Flugzeuge, Telefone und Computer. Dieser modernen Umwelt haben wir es zu verdanken, dass wir heute mehr Ressourcen zur Verfügung haben und länger leben als sämtliche unserer Vorfahren, doch dieselbe Umwelt ist auch dafür verantwortlich, dass wir uns oft einsam, deprimiert und gestresst fühlen.“1
Wie die Landwirtschaft alles veränderte
Die Landwirtschaft kam vor etwas mehr als 7.000 Jahren nach Österreich, laut Stand der Forschung noch vor 5.000 vor Christus. Eingeführt wurde sie von Menschen, die, neben anderen Routen, vor allem über den Balkan entlang der Donau in den Osten Österreichs und von dort weiter in die Alpen und tiefer nach Mitteleuropa vordrangen.
„Erfunden“ worden war die Landwirtschaft allerdings noch einmal rund 7.000 Jahre zuvor in einem Gebiet, das auch als „Fruchtbarer Halbmond“ bekannt ist. Heute finden sich in diesem Gebiet Staaten wie Israel, Syrien, Jordanien, Iran, Irak oder die Türkei. Dort begannen Menschen vor rund 12.000 Jahren weltweit erstmals, Landwirtschaft zu betreiben.
Über Jahrtausende hinweg wagten sich Nachfahren dieser Menschen immer wieder ein Stück weiter Richtung Mitteleuropa vor und landeten schließlich auch im Gebiet des heutigen Österreichs. Im Gepäck hatten sie das sogenannte „neolithic package“, also das „jungsteinzeitliche Gesamtpaket“, wenn man so will. Als Jungsteinzeit oder Neolithikum versteht man die Epoche des Übergangs hin zur Landwirtschaft. „Neben allem anderen, was diese neue Kultur der Ackerbauern und Hirten mit sich bringt, enthält das neolithische Paket allem voran die Sesshaftigkeit, die Keramikherstellung sowie Nutztiere und Nutzpflanzen“, erklärt Andreas Heiss, Archäobotaniker und Zimmernachbar von Kerstin Kowarik im Archäologischen Institut der Österreichischen Akademien der Wissenschaften in Wien. „Die Menschen brachten Einkorn und Emmer mit, also die Verwandten unseres heutigen Weizens, ebenso Erbsen und Linsen, etwas später auch Lein beziehungsweise Flachs, Gerste und Mohn.“ Wesentlicher Teil des Pakets waren zudem bereits domestizierte Rinder, Schafe und Ziegen, also die bereits lange zuvor zu Haustieren gezüchteten Nachfahren der entsprechenden Wildtiere. Auch Schweine kamen aus dem Nahen Osten, Hühner aus dem entfernteren asiatischen Raum, beide allerdings später.
Zumindest für einige Jahrhunderte, vermutlich Jahrtausende, lebten die neu ankommenden Menschen wohl Seite an Seite mit den Wildbeutern. Auch Vermischungen sind nachgewiesen. Da die Landwirtschaft aber von einer bestimmten Fläche viel mehr Menschen ernähren konnte, waren die Bauernkulturen bald in der Überzahl und verdrängten die Jäger und Sammler beziehungsweise übernahmen letztere vielleicht auch einfach die neue Lebensweise.
Weniger Wald, mehr Vielfalt
Grundlage dieser neuen Lebensweise war allerdings die mehr oder weniger radikale Umgestaltung der Naturlandschaft in eine Kulturlandschaft. Über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg wurde in unterschiedlich intensiven Phasen immer mehr Wald gerodet, Sümpfe und Moore wurden trockengelegt, stattdessen Äcker, Weiden und Dörfer, später ganze Städte angelegt. Abgesehen von Gipfelregionen und wenigen anderen Ausnahmen ist in Österreich heute kein Teil des Landschaftsbildes auch nur annähernd in seinem ursprünglichen Zustand. Vor acht- oder zehntausend Jahren hätte sich alles vollkommen anders präsentiert.
Interessanterweise vergrößerten sich die landschaftliche und die biologische Vielfalt zunächst sogar dadurch, dass Bäuerinnen und Bauern Bäume rodeten und so mehr offene, lichtdurchflutete Bereiche in bis dahin dichten Wäldern schufen (mehr dazu findest du hier). Neben Weiden und Äckern mit unterschiedlichen Anbaukulturen kamen Landschaftselemente wie Raine, Terrassen, Böschungen, Hecken, Obstbäume, Gräben, Teiche, Scheunen, Feldwege und vieles Weitere hinzu. Diese Elemente waren zwar künstlich angelegt, schufen aber auch unterschiedliche ökologische Nischen auf engstem Raum. Diese wurden von einer Vielzahl unterschiedlichster Tier- und Pflanzenarten in Beschlag genommen.
„Schon von den Anfängen der Landwirtschaft lässt sich über alle Epochen hinweg ein Muster erkennen: Die Landschaft war immer kleinteilig und vielfältig“, erklärt Andreas Heiss, der unter anderem pflanzliche Überreste aus Grabungen wissenschaftlich untersucht. „Natürlich hat sich die Zusammensetzung der angebauten Kulturpflanzen je nach Zeit und Ort immer etwas verändert. Aber man hat nie nur eine Getreideart angebaut.“
Die längste Zeit der Vergangenheit hindurch gab es nur wenig überregionalen Handel und Warenaustausch. Nahezu alles, was auf den Tisch kam, musste aus eigenem Anbau beziehungsweise von den eigenen Tieren kommen. Genauso wie andere Rohstoffe, etwa Textilien aus Hanf oder pflanzliche Farbstoffe. Der Anbau verschiedener Kulturen war für die sich selbst versorgenden Ackerbauern aber auch eine Möglichkeit, das Risiko von schlechten Ernten zu verkleinern. Die daraus resultierende landschaftliche Vielfalt war eine Art Nebenprodukt.
Die Reste solcher kleinteiligen, vielfältigen und von Bäuerinnen und Bauern über viele Generationen erschaffenen Kulturlandschaften machen einen wesentlichen Teil dessen aus, was wir heute unter dem Begriff „Naturschutz“ erhalten möchten. Gleichzeitig sind sie das, was Menschen unter einer „schönen Landschaft“ verstehen und die Basis des Tourismus in Österreich ausmacht.
Hunger war immer normal
Zwar konnte die Landwirtschaft viel mehr Menschen ernähren als zuvor die Wildbeuter. Aber gleichzeitig waren die Menschen nun auf Besitz in Form von festen Häusern, Vieh, Ackerland und ihren Vorräten angewiesen. In widrigen Zeiten konnten sie nicht einfach weiterziehen, so wie die Jäger und Sammler es konnten. Das Risiko schrecklicher Notzeiten war auch für die Ackerbauern immer gegeben.
„Es ist davon auszugehen, dass immer wieder auch Familien oder ganze Siedlergruppen vom Hungertod ausgerottet wurden“, sagt Archäobotaniker Heiss. „Auch, wenn man sich das heute nicht mehr vorstellen kann: Hunger war bis zu den 1950er-Jahren auch bei uns in Österreich normal. Das vergisst man oft.“
Game Changer „Moderne Landwirtschaft“
Die weltweit existierende Hungerproblematik wurde erst durch die Modernisierung der Landwirtschaft weitgehend entschärft. Diese Modernisierung kam in Form der Mechanisierung (Maschinen und Traktoren statt Handarbeit und Zugtiere), mineralischer Düngemittel, von Pflanzenschutzmitteln und stark verbesserten Pflanzensorten, die durch gezielte Züchtung vor allem ertragreicher gemacht wurden. All dies verbreitete sich ungefähr ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und ganz besonders nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die entscheidende Leistung der modernen Landwirtschaft ist ihre Produktivität bei gleichzeitiger Flächen- und Arbeitskräfteeffizienz. Auch in Österreich wächst auf einem Hektar Ackerland heute im Vergleich zur Mitte des 20. Jahrhunderts ungefähr die dreifache Menge Getreide. Eine österreichische Kuh gibt statt 2.400 Litern Milch, wie noch im Jahr 1960, heutzutage durchschnittlich mehr als 7.200 Liter pro Jahr. Dabei nimmt diese, zum Teil auch als „industrialisiert“ bezeichnete Form der Landwirtschaft pro erzeugter Menge weniger Fläche und weniger Arbeitskraft in Anspruch. Während eine landwirtschaftliche Arbeitskraft in Österreich heute so viel Lebensmittelmenge produziert, dass durchschnittlich hundert Menschen davon satt werden, konnten die prähistorischen Ackerbauern manchmal nur mit Glück sich selbst und einen Teil ihrer Kinder über den nächsten Winter bringen.
Diese Modernisierung der Landwirtschaft stellt damit auch die alles entscheidende Voraussetzung sämtlicher Errungenschaften der Moderne dar – von der Mondlandung über den Mobilfunk und die globale Vernetzung bis hin zur künstlichen Intelligenz (KI). Nur deshalb, weil sich der weit überwiegende Teil der Bevölkerung nicht mehr selbst um die Beschaffung von Lebensmitteln kümmern musste, konnte sich die bis heute praktizierte Arbeitsteilung entwickeln. Menschen konnten die unterschiedlichsten Berufe ausüben und so die Grundlage des Fortschritts schaffen. Die moderne Landwirtschaft stellt somit die Basis unseres heutigen Wohlstands dar.
Für Landschaft und Umwelt bringt die modernisierte und intensivierte Landwirtschaft zwei unterschiedliche Entwicklungen mit sich. Auf der einen Seite ist die traditionelle, kleinteilige Kulturlandschaft durch die Intensivierung stark gefährdet. Vereinfacht ausgedrückt führt sie zu größeren und einheitlicheren Feldern, weniger Vielfalt bei den angebauten Kulturen und unerwünschten Nebeneffekten durch Nährstoffeinträge oder Pflanzenschutzmittel. Auf der anderen Seite ist die Vielfalt der Landschaft in Europa auch durch das genaue Gegenteil, nämlich die völlige Nutzungsaufgabe, gefährdet. Dies ist in Österreich besonders im Bereich der Almen zu sehen und unter anderem daran ablesbar, dass die Waldflächen seit ungefähr 1850 wieder stark zunehmen. Sie breiten sich vor allem auf aufgegebenen Almflächen aus und führen dort zu einem Rückgang der biologischen Vielfalt.
Beide Phänomene, Intensivierung und Nutzungsaufgabe, vermindern zugleich auch den ästhetischen Wert beziehungsweise die Schönheit der Landschaft. Die moderne Landwirtschaft ist grundsätzlich also zugleich Garant für Wohlstand und Sicherheit als auch eine Herausforderung in Sachen Umwelt und Tourismus. Beide gedeihen in einer vielfältigen und abwechslungsreichen Landschaft besser.
Die prägende Rolle der Tierhaltung und der Weiden
Nutztiere spielten bei der Besiedelung Österreichs durch die ersten sesshaft lebenden Menschen eine zentrale Rolle. Zwar ist in diesem Zusammenhang oft von den „ersten Ackerbauern“ die Rede, allerdings war für sie auch die Haltung von Rindern, Schafen oder Ziegen von zentraler Bedeutung. Die Nutztiere hatten wohl die Funktion einer Art „Lebensversicherung“. Als Wiederkäuer ernähren sie sich von Gras, das grundsätzlich von ganz allein und ohne Zutun des Menschen wächst – auf Waldlichtungen, Rodungsflächen, den Steppenarealen des östlichen Tieflandes oder über der Waldgrenze. Wenn nach einem verregneten Sommer die Getreideernte schlecht oder ganz ausfällt, dann gibt ein Schaf oder eine Kuh noch immer fett- und vitaminreiche Milch, die als Joghurt oder Käse haltbar gemacht werden kann. Zur Not können die Tiere auch geschlachtet werden und als Fleischlieferant dienen.
Besiedelung nur mit tierischer Hilfe?
Das gilt umso mehr für den Bereich der Alpen, wo die Bedingungen für den Ackerbau viel schlechter sind als in den Niederungen. „Gerade die Nordalpen sind kein einfacher Raum zum Besiedeln: kalt, viel Regen, wenig Sonne“, sagt Archäologin Kerstin Kowarik. „Es gibt innerhalb der Wissenschaft die These, dass die Menschen erst durch die Milchwirtschaft in der Lage waren, zusammen mit dem Ackerbau ausreichend Kalorien zu produzieren, um dauerhaft in dieser Landschaft Fuß fassen zu können.“
Gestützt wird diese These unter anderem durch modernste molekulare Analysen. Mit ihrer Hilfe lassen sich in bis zu 3.000 Jahre alten Keramikgefäßen, die man in Höhenlagen von über 2.000 Metern gefunden hatte, Milchfett nachweisen.2 Auch war damit wahrscheinlich schon eine sehr frühe Form der Almwirtschaft verbunden. Man schonte die Weideflächen im Tal, indem man mit den Tieren im Sommer auf die Hochweide (Alm) zog.
Vieles spricht dafür, dass die ersten Schritte zur Besiedelung der Alpen überhaupt erst durch reine Hirten und von den Bergen in Richtung Tal erfolgten. Archäologin Kerstin Kowarik sagt: „Im Alpenraum finden wir die Spuren der ersten jungsteinzeitlichen Menschen häufig zuerst in den Höhenlagen.“ Vermutlich sind Menschen über den Sommer etwa von der trockeneren Alpensüdseite aus immer wieder für beschränkte Dauer mit ihrem Weidevieh zu den Grünlandflächen oberhalb der natürlichen Baumgrenze vorgestoßen. Dort war zu dieser Zeit gerade der Schnee geschmolzen und das Gras spross üppig.
„Über solche Formen von mobiler Viehwirtschaft hat man diese natürlich vorhandenen Flächen als Urweiden genutzt. Große dauerhafte Siedlungen datieren im Alpenraum in der Regel etwas später.“ Aber auch aus dem Osten sei es denkbar, dass Teile von Dorfgemeinschaften mit ihren Herden über den Sommer in die Berge gezogen sind. Solche als Transhumanz oder Wanderweidewirtschaft bezeichneten Formen der Tierhaltung gibt es – in ihren Resten – bis heute.
Und was haben die ersten Bauern- und Hirtenfamilien gegessen? Neben Getreidebreien und gebackenen Brotfladen dürften Milch und Milchprodukte schon viel früher als lange angenommen weit verbreitet gewesen sein. „Es wurde auch Fleisch gegessen“, stellt Kowarik fest. „Keine Unmengen, aber doch.“ Zum Teil dürfte dieses Fleisch auch noch von erlegten Wildtieren gestammt haben – vom Biber bis zum Auerochsen. In den Ebenen des Ostens gehörte auch die Großtrappe, eine Vogelart, dazu.
Nutztiere als alltägliche Erscheinung und Grundlage von Biodiversität
Die prägende Rolle speziell der Rinderhaltung ist in Österreich bis heute gegeben. Ohne sie würden vor allem im Bereich der Alpen sämtliche Grünlandflächen, die Futtergrundlage der Rinder, verbuschen und verwalden. Das Aussehen der Landschaft wäre auf den Kopf gestellt.
Gleichzeitig sind Nutztiere heutzutage aus dem Alltag und dem Blickfeld der allermeisten Menschen vollkommen verschwunden, vor allem in den städtischeren Gebieten. Selbst am Land sind sie zum größten Teil in kaum einsehbaren Ställen untergebracht. Auch die noch vorhandenen Weiden sind, bis auf Teile der Almen, durch Zäune vom Rest des Dorflebens abgetrennt.
Bis vor rund hundert Jahren und zum Teil auch wenigen Jahrzehnten war das vollkommen anders. Enger Kontakt zu Nutztieren war selbst in den Städten der Normalfall, zum Beispiel durch Pferde im Transportwesen oder Kleinsthaltungen von Hühnern, Schweinen oder „Stallhasen“ (Hauskaninchen) im Hinterhof. In den Dörfern waren Rinder und Schweine sowieso dauerpräsent.
„Früher hatte jedes Dorf seinen Gemeinde-Hirten“, stellt Alexander Mrkvicka, Naturschutzexperte und Ökologe vom Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien fest. „Der Hirte hat jeden Morgen die Tiere im Dorf eingesammelt, durch die Straßen und hinaus auf die Gemeindeweide getrieben – immer genau dorthin, wo gerade das beste Gras stand. Zäune brauchte man dabei keine.“
Am Abend wurden die Tiere zurück in die Ställe getrieben. Der dort anfallende Dung diente der Ernährung des Gemüses in den Gärten oder des Getreides auf den Äckern. Auf diese Weise wurden den Weideböden über lange Zeiträume hinweg Nährstoffe entzogen, wodurch sich dort eine einzigartige Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten etablieren konnte.
Zur Erklärung: Besonders artenreich ist eine Wiese dann, wenn ihr Boden nährstoffarm ist. Unter nährstoffreichen Bedingungen setzen sich dagegen nur ein paar wenige Pflanzenarten durch, die genetisch auf gute Nährstoffverwertung und damit schnelles Wachstum programmiert sind.
Viele dieser ehemaligen Gemeindeweiden sind heute wieder bewaldet oder bebaut. „Viele der großen Wiener Gemeindebauten sind in der Zwischenkriegszeit und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg auf ehemaligen Gemeindeweiden errichtet worden“, berichtet Alexander Mrkvicka und nennt den im Jahr 1930 eröffneten Karl-Marx-Hof im Wiener Gemeindebezirk Döbling als Beispiel.
Die an dem für 5.000 Menschen konzipierten Gemeindebau vorbeiführende Heiligenstädter Straße war bis zu seiner Trockenlegung unter Kaiser Josef II. ein Seitenarm der Donau. An seinen Ufern beziehungsweise in den Auen weidete auch später noch das Vieh. Die den Gemeindebau noch heute querende und 1865 so benannte Halteraugasse ist ein – wenngleich versteckter – Hinweis darauf: „Halter“ ist nämlich ein anderes Wort für „Hirte“.
Mit dem Verschwinden der Hirten kamen die Wohnhäuser. „Das waren halt große Flächen ohne Bäume, die aus damaliger Sicht nutzlos waren, nachdem die Viehwirtschaft aus dem Gebiet verbannt worden war. Es waren ideale Standorte für die Gemeindebauten.“
Letzte Reste solcher ehemaligen Dorf- oder Gemeindeweiden zählen heute zu den artenreichsten und damit wertvollsten Naturschutzflächen. Um sie zu erhalten, machen oftmals freiwillige Helferinnen und Helfer die Arbeit, die früher das Vieh nebenbei erledigt hat: den Aufwuchs von Gehölzen eindämmen.
Ein Beispiel ist die Perchtoldsdorfer Heide am südwestlichen Stadtrand von Wien, heute ein beliebtes Ausflugsziel. Ihre Weideflächen waren noch 1880 rund neunmal größer als heute.3
Auch wesentliche Teile des heutigen Nationalparks Neusiedler See – Seewinkel gehen auf solche ehemaligen gemeinschaftlich genutzten Weiden zurück. Diese werden auch als „Hutweide“ bezeichnet – „Hut“ kommt von „hüten“. Erst mit dem Niedergang der Viehwirtschaft im Burgenland ab den 1970er-Jahren drohten diese Flächen zu verbuschen oder wurden als Acker- oder Rebfläche umgenutzt.
Auf der Website des Nationalparks ist zu lesen: „Ab Mitte der 1980er-Jahre, als wertvolle Lebensräume durch deren Nicht-Nutzung verloren zu gehen drohten, wurde mit der Beweidung im Sinne des Naturschutzes begonnen. Begleitet von wissenschaftlichen Langzeitstudien wurden die Hutweiden und Wiesenbereiche seither stetig erweitert.“4
Der Weg der Ochsen aus Ungarn
Heute kaum noch vorstellbar dürften auch die riesigen Viehtriebe sein, die seit dem Mittelalter Ochsen aus Ungarn über Niederösterreich, das Burgenland und Wien bis nach München, Augsburg, Ulm oder Nürnberg führten. Als es weder Eisenbahn noch Kühlmöglichkeiten wie heute gab, wurde Rindfleisch vielfach lebend auf vier Beinen zum Ort des Verzehrs gebracht.
In Wien marschierten die riesigen Herden ungarischer Grauochsen mit ihren Treibern über die Landstraßer Hauptstraße bis zum Ochsenmarkt vor dem Stubentor. Die nahe verlaufende Ungargasse verweist noch heute auf die ungarischen Händler, die damals dort Quartier bezogen. Solche Viehmärkte wurden in kleinerem Maßstab überall in Österreich abgehalten.
Das Wien-Museum schreibt dazu anlässlich seiner Ausstellung „Fleisch“ Anfang 2026: „Jeden Freitag, am Markttag, mussten die Straßen geräumt und alle Türen und Läden geschlossen werden, an denen die Ochsenherden vorbeikamen. Der Trieb durch urbanes Gebiet, der bei Schaulustigen äußerst beliebt war, war nicht ungefährlich: Das Spektakel wurde von Soldaten und der Stadtguardia bzw. der Polizeiwache begleitet. Im Jahr 1874 verzeichnete die Stadtpolizei 271 Fälle scheuer Pferde und Ochsen, die eingefangen werden mussten.“5
Auch das Schlachten lief lange vor den Augen der Öffentlichkeit ab – in Wien oftmals auf Brücken über den Donaukanal. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts führten die Viehtriebe vermehrt zu neu errichteten Schlachthöfen in Gumpendorf, Meidling oder St. Marx.
„Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Ökologe Mrkvicka. „Es ist schade, dass es von den Viehtrieben kaum Fotos gibt. Aber Fotografieren war damals teuer und deshalb hat man fast nie Alltägliches fotografiert.“
Bald gab es einen offiziellen Schlachthauszwang, der die viele Jahrtausende alte, aber inzwischen auch industrialisierte Tätigkeit endgültig aus der Öffentlichkeit verbannte. Viehtriebe wurden in Wien erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten. Und mit dem Schlachthof St. Marx wurde 1997 der letzte Schlachthof Wiens geschlossen.
All diese Beispiele verdeutlichen, dass der Umgang und die Abhängigkeit von Nutztieren nicht nur die Geschichte der Menschen in Österreich, sondern auch der Kulturlandschaft wesentlich prägten. Mehr dazu findest du im Artikel zu den Themen „Almen“ und „Tourismus“.
Quellen
1 Yuval Noah Harari (2024): SAPIENS - Eine kurze Geschichte der Menschheit, Taschenbuch, Penguin-Verlag, S. 57
2 Carrer et al. (2016): Chemical Analysis of Pottery Demonstrates Prehistoric Origin for High-Altitude Alpine Dairying
3 Freunde der Perchtoldsdorfer Heide (perchtoldsdorfer-heide.at: Geschichte; Zugriff: 13.02.2026)
4 Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel (nationalparkneusiedlersee.at: Beweidung; Zugriff: 13.02.2026)
5 Museen der Stadt Wien (magazin.wienmuseum.at: Achtung, Viehtrieb! Nutztiere in der Stadt; Zugriff: 13.02.2026)
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.