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Artgerechte Haltung? – Was Almen für das Tierwohl bringen

Das Rind auf der (Alm-)Weide steht für ein hohes Maß an Tierwohl. Speziell die Almen werden mit verschiedenen tiergesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht. Aber warum sind manche Rinder im Winter angebunden?  

Unsere heutigen europäischen Hausrinderrassen stammen von dem einst über ganz Eurasien verteilt lebenden Auerochsen ab. Als Lebensraum dieser Tierart werden Graslandschaften oder halboffene Wälder angenommen. Es gilt daher als unstrittig, dass von allen derzeit praktizierten Haltungsformen die Weidehaltung der natürlichen Lebensweise dieser Tiere am nächsten kommt. Daher wird von Fachleuten – wie auch von weiten Teilen der Gesellschaft – die Haltung auf der Alm als Variante der Weidehaltung positiv bewertet. 

Für die meisten Fachleute wird das damit verbundene hohe Maß an Tierwohl auch dann kaum geschmälert, wenn die Tiere einen Teil ihres 24-Stunden-Rhythmus in einem Stall verbringen. Auf den Almen Österreichs sind diesbezüglich mehrere grundsätzliche Praktiken vorzufinden: Es gibt Almen, auf denen die Tiere Tag und Nacht draußen, sprich auf den Almweiden unterwegs sind. Laut Almwirtschaft Österreich betrifft dies die überwiegende Mehrheit der Almen. Auf einem Teil der Melkalmen ist es anders. Hier bleiben die Kühe entweder nachts im Stall, damit sie zum morgendlichen Melken nicht erst wieder von der Weide geholt werden müssen, oder sie verbringen den Tag im Stall und die Nacht im Freien. Letzteres wird auf niedriger gelegenen Almen auch zum Schutz vor tagaktiven Insekten und hohen Temperaturen zum Teil so gehandhabt. 

Warum werden manche Almtiere vorübergehend angebunden? 

Für das Almpersonal kann die vorübergehende Unterbringung von Milchkühen im Almstall eine erhebliche Arbeitserleichterung bedeuten. Sie müssen dadurch innerhalb von 24 Stunden einmal weniger von den Almflächen in den Stall getrieben, beziehungsweise gesucht werden. Im Stall befindet sich die Melkmaschine, wodurch dort zweimal täglich die Anwesenheit der Tiere erforderlich ist. Vor allem auf weitläufigeren Almen mit besonders großen Weideflächen kann diese Praxis sinnvoll sein. 

Auf Almen kommen sowohl Laufställe als auch Anbindeställe vor. In einem Laufstall können die Tiere frei umhergehen. Handelt es sich um einen Anbindestall, dann ist die Kuh während ihrer Stallzeit mittels einer Kette oder einem Halsband an einem festen Platz fixiert. Da die Tiere auf einer Alm ohnehin zumindest zwölf von 24 Stunden Weidezugang haben, spielt die Art des Almstalls in öffentlichen Diskussionen eine untergeordnete Rolle. Stärker unterschiedliche Sichtweisen zeigen sich dagegen bei der Frage, in welchem Stallsystem ein Rind außerhalb des Almsommers auf dem Heimbetrieb gehalten wird. 

Dabei gilt es den wichtigen Unterschied zwischen der dauerhaften Anbindehaltung und der sogenannten Kombinationshaltung zu beachten. Ein Rind dauerhaft, also das ganze Jahr über, ganztägig angebunden zu halten, ist in Österreich seit dem Jahr 2005 nur noch in bestimmten Ausnahmefällen erlaubt. Es ist ab dem 1. Jänner 2030 vollständig verboten. Für AMA-Gütesiegel-Betriebe ist die dauerhafte Anbindehaltung seit 2024 nicht mehr gestattet. 

Der Begriff Kombinationshaltung beschreibt eine Kombination aus Anbindehaltung und Weidehaltung beziehungsweise Zugang zu einem befestigen Laufhof unter freiem Himmel. Die Rinder sind bei der Kombinationshaltung also zeitweise angebunden. Laut Tierschutzgesetz müssen sie bei dieser Haltungsform aber zumindest an 90 Tagen im Jahr Auslauf oder Weidezugang bekommen. Seit dem Jahr 2024 findet sich im Handel das AMA-Gütesiegel „Tierhaltung Plus“ für Milchprodukte. Auch dieses ermöglicht neben Laufstall- die Kombinationshaltung, wobei statt 90 mindestens 120 Weide- oder Auslauftage vorgeschrieben sind. 

Klassischerweise werden Rinder in Kombinationshaltung über den Winter im Anbindestall gehalten, zum Teil inklusive tageweisem Auslauf auf einem befestigtem Laufhof. Ab Frühjahr, sobald das Gras auf den vorhandenen Weideflächen ausreichend wächst, bekommen sie Weidezugang. Grundsätzlich können diese Weiden direkt beim Heimbetrieb liegen oder auf einer Alm. 

Auch dieses vorübergehende Anbinden von Tieren unter den Regeln der Kombinationshaltung steht in der Kritik, vor allem von Konsumentinnen und Konsumenten. Und auch der Lebensmittelhandel schließt es im Rahmen verschiedener Vermarktungsprogramme aus – die dauerhafte Anbindung ohnehin. De facto ist der Laufstall in Bezug auf das Tierwohl grundsätzlich die deutlich bessere Lösung. Gerade in der typisch kleinstrukturierten Berglandwirtschaft Tirols oder Salzburgs ist allerdings die Kombinationshaltung Standard. Sie charakterisiert den überwiegenden Anteil der Almbetriebe.  

Warum sind Laufställe nicht der Standard für Almtiere? 

Das liegt vor allem an den Kosten. Einen modernen Laufstall zu bauen, erfordert hohe Investitionskosten. Das gilt umso mehr für das Bauen im Berggebiet, wo die Platzverhältnisse aufgrund der Geländeform beengt, der Untergrund felsig und die Anfahrtswege lang sein können. Hinzu kommt, dass die Kosten pro Kuh für die typischen Kleinbetriebe der alpinen Regionen besonders hoch sind. Eine vergleichbare Baukostenauswertung für Bayern aus dem Jahr 2024 – ohne Fokus auf die Berggebiete – zeigt etwa für Laufstallneubauten mit Platz für rund 30 Kühe Baukosten von rund 25.000 Euro pro Kuh. Größere Ställe für 150 Kühe kommen dabei auf durchschnittlich 15.000 Euro pro Kuh48. In Österreich hatten laut Grünem Bericht 2025 zuletzt mehr als 70 Prozent aller Melkalmen 30 oder weniger Milchkühe. Daraus lassen sich für einen österreichischen Beispiel-Almbetrieb mit 10 Kühen Baukosten im Be- reich von grob 300.000 Euro ableiten. 

Almwirtschaft-Österreich-Obmann Josef Obweger fürchtet einen massiven Verlust von Klein- und Kleinstbetrieben in den Berggebieten, sollte die Kombinationshaltung aus dem Markt verdrängt werden. „Der Druck, der vom Handel auf die Kombinationshaltung ausgeht, ist ein Riesenthema in den alpinen Regionen und betrifft gerade die Almwirtschaft“, erklärt er. „Ich bin überzeugt, dass ein Sommer auf der Alm die höchste Form des Tierwohls darstellt und das zeitweilige Anbinden im Winter kompensiert. Wenn das nicht mehr so gesehen würde, dann gäbe es viele Betriebe, die eine Laufstall-Pflicht nicht mitgehen könnten und stattdessen aufgeben würden.“ 

Bringt die Alm Vorteile für Tierwohl und -gesundheit? 

Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA hat im Jahr 2023 das vorhandene Wissen zum Thema Tierwohl bei Milchkühen zusammengetragen und in Form einer wissenschaftlichen Stellungnahme49 veröffentlicht. Darin wird festgehalten, dass jede praktizierte Form der Milchkuhhaltung in puncto Tierwohl Vor- und Nachteile beziehungsweise potenzielle Risiken mit sich bringt. 

Relativ eindeutig negativ bewertet wurde lediglich die dauerhafte Anbindung von Milchkühen, obwohl die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst bei dieser Haltungsform positive Aspekte feststellen: So kommen bestimmte Klauenkrankheiten etwas weniger häufig vor. Ein Pluspunkt besonders für schwächere Kühe ist die Tatsache, dass das Angebunden- sein an festen Plätzen Rangkämpfe innerhalb der Herde reduziert. Dadurch erleben die rangniedrigeren Tiere weniger Stress. Die Liste der Schwachpunkte der dauerhaften Anbindehaltung ist allerdings deutlich länger. Dies erklärt sich vor allem durch die nicht vorhandene Bewegungsfreiheit und das dadurch unterbundene Sozialverhalten dieser von Natur aus sehr sozialen Tiere. Umgekehrt bestätigt die wissenschaftliche Stellungnahme wenig überraschend die vielen Aspekte der Weidehaltung, die sich potenziell positiv auf Tierwohl und Gesundheit von Milchkühen auswirken. Vielleicht am eindrücklichsten erklärt sich dies durch folgende Feststellung: „Kühe, die Zugang ins Freie haben, entscheiden sich von sich aus, mehr Zeit auf der Weide als im Stall zu verbringen, außer bei schlechtem Wetter.“ Darüber hinaus ließen sich auf der Weide mehr natürliche Verhaltensweisen, eine insgesamt verbesserte Gesundheit des Bewegungsapparats, der Klauen und des Euters oder ein verbesserter Liegekomfort beobachten. 

Weide allein garantiert kein Tierwohl 

Aber auch die Weide ist nicht frei von Risiken. Zu ihnen gehören laut EFSA Hitzestress, Parasitenbefall oder Störungen des Verdauungsapparats. Auch andere wissenschaftliche Arbeiten betonen, dass der Zugang zu einer Weide oder einer Alm im Speziellen per se keine Garantie für ein ausgeprägtes Tierwohl darstellt. Es gibt auch Studien, die keine eindeutige Abhängigkeit zwischen Weidegang und Tierwohl, beziehungsweise Tiergesundheit finden konnten, zum Beispiel vom Institut für Ökologischen Landbau am deutschen Thünen-Institut.50 Stattdessen kommt es auf die individuellen Gegebenheiten an beziehungsweise auf die Frage, wie gut die einzelne Weide oder Alm geführt wird. So können zum Beispiel schlecht gepflegte Ziehwege oder scharfkantiger Felsuntergrund die Klauengesundheit der Rinder gefährden oder unzureichend gestaltete Almställe, schlechte Trinkwasserversorgung sowie nicht vorhandener Witterungsschutz und anderes das Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigen. 

Mehr Milch nach einer Jugend auf der Alm 

Eine Untersuchung51 aus Bayern konnte im Jahr 2015 zeigen, dass Kühe mehr Milch gaben und länger als Milchkuh genutzt werden konnten, wenn sie während ihrer Aufzuchtphase ein oder zwei Sommer lang auf einer Alm lebten. Forscherinnen und Forscher der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) verglichen dazu in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Weihenstephan die Daten von mehr als 40.000 Kühen, die im Jugendalter auf einer Alm waren mit annähernd 400.000 Kühen aus den gleichen Regionen, die als Jungtier nie auf einer Alm waren. Durch die große Datenmenge glichen sich viele störende Einflussfaktoren aus oder konnten herausgerechnet werden. 

Konkretes Ergebnis der Auswertung: Die gealpten Tiere zeigten bezüglich der Milchmenge eine um rund 13 Prozent gesteigerte durchschnittliche Lebensleistung. Außerdem verlängerte sich die durchschnittliche Nutzungsdauer der gealpten Tiere bei der Rasse Fleckvieh um 92 und bei der Rasse Braunvieh um 106 Tage. Gleichzeitig zeigten die gealpten Tiere aber ein deutlich erhöhtes Erstkalbealter, gebaren ihr erstes Kalb also später. Als mögliche Gründe für die insgesamt dennoch erhöhte Leistung der gealpten Tiere nennt die Studie einen „durch die natürlichen Umweltreize hervorgerufenen, allgemein verbesserten Gesundheitsstatus“ sowie Unterschiede, die das Almfutter gegenüber Stallfutter aufweist. 

Alles in allem dürften die potenziellen positiven Auswirkungen der Weidehaltung auf das Tierwohl überwiegen. Fest steht, dass sie den natürlichen Lebensbedingungen dieser Tierart am nächsten kommt. Darüber werden Almen als spezielle Form der Weide von Expertinnen und Experten besondere Wirkungen zugeschrieben, die über die „normale“ Weide im Tal hinausgehen. Dazu gehören unter anderem: 

  • in gestärkter Bewegungsapparat, der sich auf die Distanzen zurückführen lässt, die die Tiere auf der Futtersuche im bergigen Gelände zurücklegen; 

  • eine verbesserte Lungenfunktion aufgrund des „Höhentrainings“ in der sauerstoffärmeren Höhenluft und der damit verbundenen gesteigerten Produktion von roten Blutkörperchen; 

  • die verbesserte Durchblutung der Klauen durch die Fortbewegung auf unterschiedlichen Untergründen wie Grasmatten oder steinigerem Boden; 

  • das auch im Vergleich zu Talweiden potenziell größere Platzangebot, das den Tieren so- wohl soziale Interaktion als auch das individuelle Bedürfnis nach Distanz ermöglicht; 

  • allgemein gesteigertes Wohlbefinden aufgrund der im Vergleich zum Tal kühleren Höhenluft. Die Wohlfühltemperatur eines Rindes liegt zwischen sieben und 17 Grad Celsius. Diese wird in Zeiten des Klimawandels in tieferen Lagen immer häufiger bei Weitem überschritten. Ein „Ausweichen“ auf die Alm kann den dadurch verursachten Hitzestress der Tiere lindern. 

Ob der sommerliche Aufenthalt auf einer Alm ein Rind für ein etwaiges winterliches Angebundensein gewissermaßen entschädigen kann, lässt sich aus der oben erwähnten EFSA-Stellungnahme nicht eindeutig beantworten. Zumal der Anbindestall am Heimbetrieb mit einem unterschiedlichen Maß an Zugang zu einem Laufhof, also einer befestigten Fläche unter freiem Himmel, verbunden sein kann. Ein Laufhof entspricht einem Außenbereich mit befestigtem Boden und kann als eine Art Mittelweg zwischen Stall und Weide betrachtet werden. 

Vielmehr betont die EFSA die starke Abhängigkeit des Wohls der Tiere von den Bedingungen auf den individuellen Betrieben. Sie schreibt in den Schlussfolgerungen: „Die Ergebnisse variieren in Bezug auf das Wohlergehen der Tiere zwischen Betrieben aller Haltungssysteme. Daher sind die Auswirkungen der einzelnen Haltungssysteme auf das Wohlergehen der Tiere sehr unterschiedlich und hängen von der Qualität der physischen Umgebung und des Managements in einem bestimmten Betrieb ab. Es gibt jedoch stichhaltige Beweise dafür, dass das Wohlergehen von Kühen, die dauerhaft in Ställen gehalten werden, beeinträchtigt ist.“ Zusammenfassend kann man sagen: Eine fachgerecht geführte Alm birgt großes Potenzial für eine artgerechte Haltung von Rindern inklusive Milchkühen und anderen Nutztierarten. Sie kann laut Ansicht vieler Fachleute ein Höchstmaß an Tierwohl gewährleisten. Eine „g’mahte Wiesen“ ist die Alm in dieser Hinsicht allerdings nicht. 

Quellen

48 Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft (2024): Baukosten von Milchviehlaufställen 

49 EFSA Panel on Animal Health and Animal Welfare (2023): Scientific Opinion on the welfare of dairy cows 

50 Thünen-Institut (thuenen.de): Welchen Einfluss hat der Weidegang auf Gesundheit und Wohlbefinden von Milchkühen? (Zugriff: 28.05.2025) 

51 Krogmeier et al. (2015): Einfluss einer Jungviehalpung auf die Nutzungsdauer und die Leistungseigenschaften von Kühen der Rassen Braunvieh und Fleckvieh