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Warum Europa die Alpen entdeckte – Geschichte des Tourismus I

Schon Menschen im Alten Ägypten reisten Menschen aus purem Vergnügen. Doch bis zu dem weitverbreiteten Phänomen, das wir heute Tourismus nennen, war es ein weiter Weg. Neben den Küsten spielten die Alpen dabei eine zentrale Rolle.

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Das Reisen liegt offensichtlich in der menschlichen Natur. Jedenfalls, wenn man es im Sinne der Betretung von Neuland und der Entdeckung und Erkundung zuvor unbekannter Orte betrachtet. Ohne ihren Entdeckerdrang hätte es die auf dem afrikanischen Kontinent entstandene Art Homo sapiens erst gar nicht geschafft, den Rest des Erdballs zu besiedeln. Auch, um Handel zu treiben oder Rohstoffe zu beschaffen, reisten Menschen schon in frühester Vergangenheit. So wurden etwa in Krems an der Donau Feuersteine gefunden, die Menschen vor rund 31.000 Jahren aus einer 300 Kilometer entfernten Lagerstätte im Norden Mährens beschafft hatten. Das konnten Forscherinnen und Forscher der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nachweisen.18

Aber nicht auf der Suche nach neuen Lebensräumen oder nach Rohstoffen waren unsere Vorfahren früh unterwegs. Schon tausend und mehr Jahre vor Christi Geburt reisten im ägyptischen Pharaonenreich privilegierte Bevölkerungsschichten auch zum reinen Zeitvertreib oder zu Erholungszwecken. Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte schreibt dazu:

„Sie besuchten, wie aus ihren Inschriften ersichtlich ist, berühmte Monumente und Zeugnisse der altägyptischen Kultur, darunter z. B. die Stufenpyramide von Sakkara, die Sphinx und die großen Pyramiden von Gizeh – Bauwerke, die gut tausend Jahre zuvor errichtet worden waren.“19

Auch im antiken Griechenland wurde gereist, etwa zum berühmten Orakel von Delphi oder zu den Olympischen Spielen. Und 300 nach Christus diente im Römischen Reich das rund

90.000 Kilometer lange Netz aus Überlandstraßen wohl nicht nur dem Transport von Truppen und Waren, sondern auch professionell organisierten Einzel- und Gruppenreisen. „Der vornehme Römer suchte im Sommer Erholung in den Seebädern im Süden oder verweilte an den Stränden Ägyptens und Griechenlands. Die Antike kannte aber nicht nur den Typus ‚Badereise‘ – sie entwickelte auch eine Frühform der ‚Sommerfrische‘ in mondänen Thermalbädern und Luxusorten, von denen reiche Stadtbürger während der heißen Monate Gebrauch machten“, schreibt das Institut. Mit dem Niedergang des Römischen Reichs und dem Zerfall seiner Straßen wurde auch das Reisen für Jahrhunderte wieder beschwerlicher und gefährlicher.

Im Mittelalter war das Reisen auf wenige, kleine Personenkreise beschränkt. Zu Ihnen gehörten Kaufleute, Pilger, Soldaten, Handwerksgesellen oder auch Räuber. Seit dem 16. Jahrhundert galt für die Gesellen bestimmter Handwerkszünfte sogar eine mehrjährige Wanderpflicht.

Als eine Art frühe Form des modernen Tourismus kann man die so genannte Grand Tour oder Kavaliersreise betrachten. In ihrem Rahmen wurden schon seit dem 16. Jahrhundert junge Adelige und andere Mitglieder der Oberschicht, oft mehrere Jahre lang, auf Europareise geschickt. Sie besuchten dabei andere Herrscherhäuser und bedeutende Städte wie Paris, Wien oder Rom. Die elitäre und „minutiös geplante“ Grand Tour diente als eine Art Abschluss der Erziehung und sollte dazu beitragen, die Bildung zu erweitern und die „weltmännisch-gesellschaftlichen Umgangsformen“ zu festigen. Mit der Zeit ging es laut Leibniz-Institut für Europäische Geschichte aber immer mehr auch um „Muße und Vergnügungen".

Was ist die Vorgeschichte des modernen Alpentourismus?

Der moderne Tourismus hat eine Vorgeschichte jenseits der Antike. Ohne sie ist gerade das Phänomen des heutigen Alpentourismus nicht zu verstehen. Die Geschichte des modernen Tourismus beginnt nämlich nicht etwa mit einer vergnüglichen Kutschfahrt oder dem Bau eines Hotels, sondern mit einer neuen Weltsicht.

Aufbauend auf der alten Weltsicht und noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hinein galten die Alpen eher als „schreckliche und furchterregende Berge, als ‚montes horribiles‘, in denen man nicht leben kann bzw. in denen nur ‚Barbaren‘ auf primitive Weise leben.“ So kann man es im fast 500 Seiten langen Standardwerk „Die Alpen – Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ nachlesen. Das Buch wurde vom Kulturgeografen Werner Bätzing verfasst, den einige auch den „Alpen-Papst“ nennen. Die Sicht auf die Alpen sei laut Bätzing noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts von dem geprägt gewesen, was einst römische Schriftsteller über das höchste Gebirge Europas festgehalten hatten.

Einer der wichtigsten dieser römischen Geschichtsschreiber war Titus Livius, der in den Jahren 59 vor bis 17 nach Christus lebte und die frühe Geschichte des Römischen Reiches dokumentierte. Unter anderem schrieb Livius über den Moment, als die Armee des Karthagers Hannibal im Jahr 218 vor Christus vor ihrer geschichtsträchtigen Alpenüberquerung stand:

„Doch der Anblick der Alpen weckte die schlimmsten Ängste in den Köpfen seiner Männer. Obwohl Gerüchte, die im Allgemeinen unbekannte Gefahren vergrößern, sie mit düsteren Vorahnungen erfüllt hatten, erwies sich der nähere Anblick als noch viel furchterregender. Die Höhe der Berge, die nun so nahe waren, der Schnee, der sich fast im Himmel verlor, die armseligen Hütten auf den Felsen, die vor Kälte verkrüppelten und verkümmerten Herden, die wilden und ungepflegten Menschen, alles Belebte und Unbelebte, das vor Frost erstarrt war, und andere unbeschreiblich schreckliche Anblicke – all das trug dazu bei, ihre Beunruhigung weiter zu steigern.“20

Obwohl die Alpen auch schon zu Römerzeiten längst nicht überall gefährlich und schrecklich waren, änderte sich ihr Bild in den Augen Außenstehender erst während des Zeitalters der Aufklärung.

Die Alpen: Vom Ort des Schreckens zum Ort der Sehnsüchte

Die neue Weltsicht entwickelte sich in Etappen. Es begann mit der Renaissance im 15. Jahrhundert, als die Lehren und kulturellen Leistungen der Antike von Künstlern und Gelehrten wiederentdeckt wurden. Sie leiteten damit das Ende des Mittelalters ein. Die Entwicklung setzte sich in einer als „Wissenschaftliche Revolution“ bezeichneten Epoche während des 16. und 17. Jahrhunderts fort, als Größen wie Nikolaus Kopernikus oder Galileo Galilei den Weg für eine wissenschaftliche Weltsicht ebneten.

Aber erst während des europäischen Zeitalters der Aufklärung setzten sich die neuen, revolutionären Denkweisen allmählich in breiteren Bevölkerungsschichten durch. Die Aufklärung erstreckte sich über das 18. Jahrhundert hinweg und veränderte den Blick der Menschen auf alles Bekannte und Unbekannte grundlegend. Während dieser Zeit zwischen den Jahren 1700 und 1800 rückte die Vernunft (Rationalität) als Maßstab allen Handelns endgültig in den Mittelpunkt. Statt allein auf Glauben beziehungsweise Aberglauben zu vertrauen, forderten Aufklärer wie der deutsche Philosoph Immanuel Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Althergebrachte Erklärungen und Sichtweisen wurden nun zunehmend in Frage gestellt. In Österreich zeigte sich die neue Denkrichtung unter anderem in den Staats- und Bildungsreformen von Erzherzogin Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph II.

Beginnend zu dieser Zeit zeigte sich auch ein zunehmendes Bestreben, die Natur zu erforschen. Statt Wetterphänomene, Tiere oder Pflanzen als gottgegeben hinzunehmen, begann nun verstärkt die bis heute andauernde Suche nach logischen Erklärungen für die Dinge, die man beobachtete. Einer der berühmtesten Naturforscher dieser Zeit war Alexander von Humboldt, der unter anderem durch die wissenschaftliche Aufarbeitung seiner Südamerika-Reisen neue Maßstäbe setzte.

Andere Forscher, Entdecker, Abenteurer sowie erste Bergsteiger und, der Zeit entsprechend, sehr wenige Bergsteigerinnen, richteten ihren Blick auf die Alpen. Nachdem das Gebirge viele Jahrtausende den meisten Menschen eher unheimlich war, wollte man es von nun an erkunden und erleben.

Einer der Ersten, der die Alpen systematisch und intensiv erforschte, war der Schweizer Mediziner und Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer. Zwischen 1702 und 1711 erkundete er in jeweils vierwöchigen Forschungsreisen alle Regionen der Schweiz, mitfinanziert durch die britische Wissenschaftsakademie Royal Society, deren Mitglied Scheuchzer 1703 geworden war. Auf seinen Reisen sammelte er zum Beispiel Pflanzen- und Gesteinsproben, beobachtete das Tierleben, maß die Höhe von Bergen, notierte meteorologische Daten und führte Gespräche mit der lokalen Bevölkerung. Die Ergebnisse seiner Forschung veröffentlichte er danach in seinem dreibändigen Werk „Die Natur-Historie des Schweitzerlandes“, das laut der Universität von Cambridge in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts „breite Beachtung unter europäischen Intellektuellen“ fand und gemeinsam mit nachfolgenden Werken anderer Schweizer Autoren „wesentlich zur enthusiastischen Aufnahme der Alpenlandschaft in den folgenden Jahrzehnten beitrug.“21

Ein Meilenstein der Alpenforschung war auch die Erstbesteigung des Mont Blanc durch den Bauer Jacques Balmat und den Arzt Michel-Gabriel Paccard am 8. August 1786. Sie gilt gleichzeitig als der Beginn des modernen Alpinismus, sprich des Bergsteigens und Bergwanderns.

Erstbesteigungen der höchsten Alpengipfel

Mont Blanc, 8. August 1786

Ganz der Epoche der Aufklärung entsprechend, hatte man den Mont Blanc Mitte des 18. Jahr- hunderts vermessen und wusste seither, dass es der höchste Berg der Alpen ist. Noch hatte ihn aber niemand bestiegen. Jedenfalls sind keine früheren Besteigungen dokumentiert. Nun wurde seine Erklimmung zum Ziel für Naturforscher, die das Hochgebirge besser verstehen wollten, genauso wie für Abenteurer auf der Suche nach dem Unbekannten. Immer wieder scheiterten Versuche, den Gipfel zu erreichen.

Im August 1786 gelang es schließlich. Der Arzt Michel-Gabriel Paccard aus dem Talort Cha- monix hatte mit dem Fernglas eine mögliche Route auf den Berg ausgemacht. Zusammen mit Jacques Balmat, einem Bauern, Gamsjäger und erfahrenen Bergsteiger, ebenfalls aus Chamonix, macht er sich auf den Weg. Der Genfer Naturforscher Horace Bénédict de Saussure hatte mehr als 25 Jahre zuvor bereits eine Belohnung für die Erstbesteigung ausgelobt. Er hoffte, so neue wissenschaftliche Erkenntnisse über das Hochgebirge zu gewinnen. Am 8. August 1786, um 18.23 Uhr standen Paccard und Balmat erstmals am Mont-Blanc-Gipfel. Nach einem lebensgefährlichen und strapaziösen Abstieg kamen sie am nächsten Morgen entkräftet und schneeblind zurück ins Tal.

Übrigens: Auch Frauen wurden von den höchsten Gipfeln angezogen. Auch wenn der Alpinismus, wie so vieles in der Vergangenheit, zu Beginn eine fast ausschließliche Männerdomäne war, am Gipfel des Mont Blanc stand wenige Jahre nach der Erstbesteigung auch erstmals eine Frau: Die Französin Marie Paradies gelangte im Sommer 1808 zusammen mit dem Erstbesteiger Balmat und zwei weiteren Bergführern bis ganz nach oben, wobei sie streckenweise getragen wurde.

Aus eigener Kraft und als zweite Frau erreichte die französische Adelige Henriette d’Angeville im September 1838 den Gipfel. Sie hatte ihre Tour selbst geplant und ihre eigene Bergbekleidung dafür entworfen. Am Gipfel trank sie ein Glas Champagner und schrieb ihr Motto in den Schnee: „Wollen ist Können.“

Großglockner, 28. Juli 1800

Der Großglockner ist der höchste Berg im heutigen Österreich. Bis zum Ersten Weltkrieg war es der Ortler im heute zu Italien gehörenden Südtirol. Für den naturkundlich interessierten Kärntner Fürstbischof Franz Xaver Salm-Reifferscheidt lieferte der Berg dennoch ausreichend Gründe, eine wissenschaftlich begleitete Expedition zu organisieren. Im Lauf des Sommers 1799 wurde am Aufstieg von Heiligenblut zum Gipfel eine Hütte errichtet, deren Nachfolgebau noch heute „Salm“-Hütte heißt. Im selben Jahr scheiterten allerdings zwei Ver- suche, den Gipfel zu erreichen. Ein Jahr später folgt ein neuer Anlauf – besser vorbereitet und mit der Salm-Hütte als Trittbrett.

Die Gruppe bestand aus Geistlichen, Trägern, Handwerkern und einheimischen Führern – darunter auch die zwei Heiligenbluter Zimmerleute Martin und Sepp Klotz. Am 28. Juli 1800 erreicht ein Teil der Gruppe zunächst den Kleinglockner, später gelingt es zwei Männern, den Hauptgipfel zu bezwingen. Wer genau ganz oben stand, ist nicht zweifelsfrei belegt. In der Überlieferung ist von zwei anonymen Führern die Rede, möglich ist aber auch, dass einer der Klotz-Brüder dabei war. Laut mancher Quellen standen auch alle fünf Teilnehmer am Gipfel. Die Expedition brachte jedenfalls erste wissenschaftliche Beobachtungen aus großer Höhe und gilt als Meilenstein des Alpinismus in Österreich.

Ortler, 27. September 1804

Anfang des 19. Jahrhunderts galt der Ortler in Südtirol als höchster Berg des habsburgischen Kaiserreichs. Erzherzog Johann beauftragte im Jahr 1804 den Topografen Johannes Gebhard, die Besteigung des Berges zu organisieren – auch als Zeichen von Entdeckergeist und wissenschaftlichem Interesse. In Begleitung zweier Zillertaler scheiterten mehrere Versuche Gebhards. Schließlich meldete sich am 26. September 1804 der Gamsjäger Joseph Pichler aus Schluderns im Vinschgau, genannt Pseierer Josele. Gegen Mittag des 27. September 1804 erreichte Pichler mit zwei weiteren Begleitern nach neunstündigem Marsch über die eisfreie Nordwestflanke der „Hinteren Wandln“ den Gipfel des Ortler. Der Rückweg verlief glimpflich und der Erfolg wurde rasch in Wien bekannt. Die Ortler-Besteigung gilt als frühes Beispiel für alpinistische Unternehmungen mit staatlichem Auftrag.

Die Berge im romantisch-verklärten Blick von Dichtung und Malerei

Im Zeitalter der Aufklärung begannen sich die Alpen also zum Forschungsobjekt zu verwandeln. Die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetze, fügte dieser rationalen Sichtweise den gefühlsbetonten Blick hinzu. Maler und Dichter der Romantik thematisierten individuelle Emotionen, Leidenschaft und seelisches Erleben und machten Landschaften, ganz besonders die Alpen, zusätzlich zu ästhetischen und emotionalen Sehnsuchtsorten. Erste Reiseberichte, Gedichte und Gemälde schwärmten von der Erhabenheit der Gipfel, von der wilden Schönheit der Landschaft, von der Ursprünglichkeit des Lebens in den Bergen. Solche Berichte stießen auf großes Interesse bei Adel und Bürgertum.

Tourismusforscherin Theresa Mitterer-Leitner bezeichnet die – meist männlichen – Verfasser solcher Berichte als die „ersten Influencer“. Zu ihnen gehörten auch bekannte Namen wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und später etwa Mark Twain. „Es gibt sehr, sehr viele berühmte Werke, die ein schwärmerisches Bild über die Berge zeichnen und damit eine echte Zeitenwende einleiten“, erklärt die Wissenschaftlerin. Zuvor galten die Berge vor allem als unvermeidliches Hindernis, das man auf dem Weg Richtung Süden möglichst schnell hinter sich lassen wollte. Diese neuen Berichte zeichneten oftmals ein ebenso wenig realistisches Zerrbild wie zuvor die römischen Schreckensberichte, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen.

Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide, Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her; Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide, Und seine Hügel sind von hundert Herden schwer.

– Albrecht von Haller im Jahr 1729

In der That ist dies ein allgemeiner Eindruck, welchen alle Menschen empfinden, obwohl sie nicht alle darauf achten, daß man auf hohen Bergen, wo die Luft rein und dünn ist, mit größerer Leichtigkeit athmet, mehr Federkraft im Körper, mehr Heiterkeit im Geiste spürt; das Lustgefühl ist dort weniger hitzig, die Leidenschaften sind gemäßigter.

– Jean-Jacques Rousseau 1761

Wir konnten nicht sprechen. Wir konnten kaum atmen. Wir konnten nur in trunkenem Entzücken hinstarren und alles in uns einsaugen.

– Mark Twain über den Anblick eines Alpenpanoramas 1880

Auch die Kinderbücher rund um Heidi haben enorme Bedeutung erlangt und ein romantisch-idyllisches Alpenbild in alle Welt transportiert. Sie erschienen 1880/81 und waren laut dem schweizerischen Alpenforscher Jon Mathieu anschließend „praktisch ununterbrochen in der Druckerpresse“. Als Filme und Serien schafften es Heidi und die Alpen als krisenloser Zufluchtsort bis in die USA und nach Japan.

Sowohl in der Literatur als auch in der Malerei ist seit der Zeit der Aufklärung ein durchgängiges Prinzip erkennbar: Der Reiz der Alpen lebt vom Zusammenwirken zwischen Idylle und Bedrohlichem.

„Das Auffällige ist, dass es nicht nur die reine Bergwelt war, die da beschrieben oder gemalt wurde", erläutert Tourismusexpertin Theresa Mitterer-Leitner. „Stattdessen war die Darstellung der Alpen von Anfang an mit der Kulturlandschaft verbunden. Es war genau der Kontrast zwischen schroffer, eisbedeckter Bergwelt einerseits und den lieblichen Landschaftsausschnitten anderseits, der den Reiz ausmachte. Vor allem die Ruhe und Geborgenheit ausstrahlenden Almen, wo die Tiere friedlich neben einer Hütte grasen, stehen aus Sicht der gewissermaßen verklärten Städter für die idyllische alpenländische Lebensweise.“

Dieser in der Wissenschaft viel zitierte Kontrast zwischen der schönen, pittoresken (also beschaulich oder malerischen) Kulturlandschaft und der Erhabenheit der Bergwelt spiegelte sich auch in der Landschaftsmalerei wider. Ebenso wie die Literatur trug sie dazu bei, den Blick auf die Natur und speziell auf die Alpen zu verändern. Das typische und bis in die heutige Zeit prägende Motiv: die vermeintlich sanfte Welt der Almen oder einer barocken Kirche und ähnlichen kulturellen Werken im Vordergrund – harter, schneebedeckter Fels im Hintergrund. Dieses Bild hat sich längst ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Mischung aus Naturgewalt und bäuerlich-dörflicher Geborgenheit machte die Alpen einzigartig. Passend zum Leben innerhalb der Alpen, das sich stark von der Welt drumherum unterscheidet, nennt die Expertin auch den Begriff der Binnen-Exotik. Will heißen: In Form einer Reise in die Alpen können Menschen den vielzitierten „Tapetenwechsel“ auf ähnlich intensive Weise erleben, wie es sonst vielleicht nur der Besuch ferner Kontinente, beziehungsweise „exotischer“ Länder ermöglicht.

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Exkurs für Liebhaber:innen: Die schwärmerischen Werke der „Influencer“ des 18. und 19. Jahrhunderts

Der Schweizer Mediziner und Botaniker Albrecht von Haller verfasste 1729 mit dem Gedicht „Die Alpen“ (erschienen 1732) eines der ersten literarischen Werke, die die Alpen in einem neuen Licht darstellten. Aus diesem Grund wurde es in der Encyclopaedia Britannica schon 1911 als „historisch bedeutsam“ eingeordnet, auch wenn es „in erster Linie darauf abzielt, das einfache und idyllische Leben der Alpenbewohner mit dem verderbten und dekadenten Leben der Menschen des Flachlandes zu kontrastieren.“22

Im folgenden Vers23 thematisiert Haller den Kontrast zwischen schroffer Natur und vermeintlich sanfter, von Menschen geformter Kulturlandschaft. Ein häufiges Motiv in der Beschreibung der Alpen.

Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder, Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich getürmt, Sein frostiger Kristall schickt alle Strahlen wieder, Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt. Nicht fern vom Eise streckt, voll Futterreicher Weide, Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her; Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide, Und seine Hügel sind von hundert Herden schwer. Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen Trennt nur ein enges Tal, wo kühle Schatten wohnen.

Eine bedeutende Rolle bei der Neubewertung der Alpen kommt auch dem 1761 veröffentlichten Briefroman „Julie oder Die neue Heloise“24 des Genfer Philosophen und Aufklärers Jean- Jacques Rousseau zu. Das Buch war ein großer Publikumserfolg und erschien bis Ende des

18. Jahrhunderts in mehr als 70 Auflagen und Raubdrucken. Rousseau verknüpfte eine mit viel Leidenschaft versehene Liebesgeschichte mit der Beschreibung von Alpenlandschaften. Im 23. seiner fiktiven Briefe, gerichtet an Julie, lässt Rousseau seine Romanfigur St. Preux, Julies Liebhaber, „auf ziemlich rauhen Fußpfaden aufwärts“ durch die Schweizer Bergwelt wandern und Folgendes berichte

Ich wollte meinen Träumen nachhängen, und immer zog mich irgendein neues überraschendes Schauspiel davon ab. Bald hingen ungeheure Felsen in Trümmern über meinem Haupt nieder; bald benetzten mich hoch herabstürzende Wasserfälle mit ihrem dichten Staub; bald eröffnete sich neben mir ein endloser Strom, eine Kluft, deren Tiefe das Auge nicht ermessen konnte. Manchmal verlor ich mich in das Dunkel einer dicken Waldung; manchmal ward ich beim Austritt aus einer Schlucht durch den Anblick einer lachenden Wiese gelabt. Ein staunenswürdiges Gemisch von wilder und angebauter Natur verrieth überall die Hand des Menschen, wo man hätte glauben sollen, daß sie niemals hingedrungen wäre; dicht neben einer Höhle fand man Wohngebäude; man erblickte entblätterte Rebstöcke, wo man nichts als Dornen gesucht hätte, Weingärten auf zusammengestürztem Boden, herrliche Fruchtbäume auf Felsmassen und Aecker in Abgründen.

Am Folgetag lässt sich Rousseaus Wanderer schließlich vollständig von der Landschaft vereinnahmen:

Da entdeckte ich allmählig in der Reinheit der Luft, worin ich mich befand, die wahre Ursache des Wechsels, der in meiner Stimmung vorgegangen war, und der Rückkehr jenes Innern Friedens, den ich seit so langer Zeit verloren hatte. In der That ist dies ein allgemeiner Eindruck, welchen alle Menschen empfinden, obwohl sie nicht alle darauf achten, daß man auf hohen Bergen, wo die Luft rein und dünn ist, mit größerer Leichtigkeit athmet, mehr Federkraft im Körper, mehr Heiterkeit im Geiste spürt; das Lustgefühl ist dort weniger hitzig, die Leidenschaften sind gemäßigter. Die Gedanken nehmen etwas Großes, Erhabenes an, wie es den Gegenständen entspricht, die uns vor Augen liegen, eine gewisse selige Ruhe, worin nichts Brennendes und Sinnliches ist. Es scheint, als ob man, sich erhebend über die Wohnstätten der Sterblichen, alle niederen, irdischen Gefühle zurückließe, als ob die Seele, je mehr man sich der ätherischen Region nähert, etwas von deren unwandelbarer Reinheit annähme. Man fühlt sich ernst gestimmt ohne Wehmuth, friedvoll ohne Schlaffheit, froh des Daseins und des Denkens; jede zu lebhafte Begierde dämpft sich ab, verliert den scharfen Stachel, der sie schmerzhaft macht, und läßt im Herzen nichts als eine leichte sanfte Erregung; und so bewirkt ein glückliches Klima, daß zur Glückseligkeit des Menschen die Leidenschaften dienen, welche ihm anderwärts zur Marter werden.

Johann Wolfgang von Goethe war ebenfalls daran beteiligt, in Europa ein neues Bild der Alpen zu etablieren. Goethe war, neben Friedrich Schiller, der bekannteste deutschsprachige Dichter seiner Zeit, zugleich aber auch ein Naturforscher. Er bereiste die Schweiz dreimal. 1775, 1779 und 1997. Seine Eindrücke verarbeitete er in „Briefe aus der Schweiz“25, hier beispielhaft Goethes Worte über eine winterliche Bergtour:

Wir stiegen nunmehr links den Berg hinan und sanken in tiefen Schnee. Einer von unsern Führern mußte voran und brach, indem er herzhaft durchschritt, die Bahn, in der wir folgten. Es war ein seltsamer Anblick, wenn man einen Moment seine Aufmerksamkeit von dem Wege ab und auf sich selbst und die Gesellschaft wendete: in der ödesten Gegend der Welt, und in einer ungeheuren einförmigen schneebedeckten Gebirgs-Wüste, wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiß, wo man auf beiden Seiten die weiten Tiefen verschlungener Gebirge hat, eine Reihe Menschen zu sehen, deren einer in des andern tiefe Fußtapfen tritt, und wo in der ganzen glatt überzogenen Weite nichts in die Augen fällt, als die Furche die man gezogen hat.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts leistete auch der US-Autor Mark Twain einen Bei- trag, Europa als Reiseziel US-amerikanischer Touristinnen und Touristen zu etablieren. Weltruhm erlangte Twain durch seine Romane über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Zwischen 1897 und 1899 verbrachte er mehrere Monate in Wien, außerdem in Kaltenleutgeben sowie im Sommerurlaub in Bad Ischl. Für den Alpentourismus von Bedeutung war vor allem seine frühere Reise, die ihn bereits 1878 durch Deutschland, die Alpen und Italien führte. Sie mündete in dem zum Teil fiktiven und satirischen Reisebericht „Bummel durch Europa“ („A Tramp Abroad“), der erstmals im Jahr 1880 erschien.

In Kapitel 25 des Buches schildert Twain mit viel Humor, wie er und seine Reisebegleiter mehrfach, aber vergeblich, versuchen, das Naturschauspiel eines Sonnenaufgangs zu erleben. Nach einer erschöpfenden Wanderung hatten sie im Berghotel Rigi-Kulm geschlafen, bis sie „das Dröhnen des Alphorns weckte.“ In jener Zeit war es üblich, Hotelgäste frühmorgens zu wecken, um sie den mutmaßlich besonders wohltuenden Sonnenaufgang erleben zu lassen.

Wir warfen uns in ein paar Kleidungsstücke, wickelten uns, wie es sich gehört, in die roten Decken und stürzten barhäuptig die Gänge entlang und hinaus in den pfeifenden Wind. Auf der höchsten Spitze des Gipfels, etwa hundert Yard weit entfernt, sahen wir ein hohes Holz- gerüst und wandten uns dorthin. Wir rasten die Stufen zur Plattform dieses Gerüstes hinauf und standen dort, über der weithin ausgebreiteten Welt, mit fliegenden Haaren und roten Decken, die in der heftigen Brise wehten und knatterten. ‚Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!‘ sagte Harris mit ärgerlicher Stimme. ‚Die Sonne steht deutlich über dem Horizont.‘ ‚Macht nichts‘, sagte ich, ‚es ist ein überaus prächtiges Schauspiel, und wir werden sie immerhin bei ihrem restlichen Aufgang sehen.‘ Wir konnten nicht sprechen. Wir konnten kaum atmen. Wir konnten nur in trunkenem Entzücken hinstarren und alles in uns einsaugen. Plötzlich rief Harris aus: ‚Nanu, verdammt, sie geht ja unter!‘ Vollkommen wahr. Wir hatten das morgendliche Horntuten verpasst und den ganzen Tag durchgeschlafen. Es war verblüffend. Harris sagte: ‚Hör mal, hier ist nicht die Sonne das Schaustück – wir sind es – hier oben auf diesem Schafott in den idiotischen Decken aufgebaut, und da unten stehen zweihundertfünfzig gutangezogene Männer und Frauen, glotzen uns an und kümmern sich nicht die Bohne darum, ob die Sonne auf- oder untergeht, wenn sie ein derart lächerliches Bild in ihren Notizbüchern festzuhalten haben. Sie scheinen sich kaputt zu lachen, und dort ist ein Mädchen, das ganz und gar zu platzen scheint. Ich habe noch nie einen Menschen wie dich erlebt. Ich glaube, du bist ein Esel in höchster Vollendung.‘ ‚Was habe ich denn getan?‘ erwiderte ich hitzig. ‚Was du getan hast? Du bist um halb acht Uhr abends aufgestanden, um die Sonne aufgehen zu sehen, das hast du getan.‘

Welchen Einfluss hatte die Industrialisierung bei der Entstehung des Tourismus?

Beschreibungen einer vermeintlichen Idylle allein sind aber nicht genug, um die Entstehung des Tourismus zu erklären. Der neuen Wahrnehmung der Natur folgte nämlich auch ein tief- greifender gesellschaftlicher Wandel: die Industrialisierung. Sie erfasste im 19. Jahrhundert fast ganz Europa und die USA. Die über viele Jahrtausende bestehende Agrargesellschaft wandelte sich jetzt innerhalb relativ kurzer Zeit in eine Industriegesellschaft. Während der weit überwiegende Anteil der Menschen zuvor als Bäuerinnen und Bauern seinen Lebensunterhalt bestritt, standen deren Kinder und Enkel nun als Arbeiterinnen und Arbeiter an den Werkbänken der Industrie.

Fabriken, Maschinen und neue Arbeitsrhythmen veränderten das Leben in den Städten, die immer mehr Menschen anzogen. Der Alltag wurde lauter, dichter, schneller. Gleichzeitig wuchs der Wohlstand, zunächst fast ausschließlich in der städtischen Oberschicht, später in der breiten Masse der Bevölkerung, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. In dieser neuen Arbeits- und Lebenswelt entstand bald der Wunsch, dem Alltag zeitweise zu entfliehen. Erholung wurde zu einem neuen Bedürfnis. Wer es sich leisten konnte, suchte Entspannung – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Entspannung und Erholung fanden die Bürgerinnen und Bürger des neuen Industriezeitalters an zwei bis heute idealtypischen Urlaubsorten: an den Meeresküsten und in den Bergen.

Der Tourismus entstand aber nicht nur deshalb, weil die Industrialisierung Wohlstand und Erholungsbedarf und damit auch Nachfrage nach touristischen Angeboten geschaffen hatte. Eine nicht minder entscheidende Veränderung brachte zudem die Erfindung und der Ausbau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Sie erleichterte und verbilligte neben dem Transport von Waren auch das Reisen auf revolutionäre Weise. Die Eisenbahn gilt als „Geburtshelferin“ des Tourismus. Auch die Dampfschifffahrt leistete ihren Anteil. Mehr dazu hier.

Warum stammten die ersten Touristen vor allem aus England?

Der erste Alpenverein der Welt wurde nicht, wie man vermuten könnte, in einem Land der Alpen gegründet. Vielmehr war der erste seiner Art der im Jahr 1857 in London gegründete Alpine Club. Erst fünf Jahre später folgte der Österreichische Alpenverein und wenig später die Pendants der anderen Anrainerstaaten der Alpen. Mehr zur Rolle der Alpenvereine findest du hier. Dies spiegelt die Tatsache wider, dass die Engländer die Ersten waren, die sich für das Bergsteigen als Trendsport und damit auch für die Alpen regelrecht massenhaft begeisterten. Warum war das so?

England ist das Land, von dem die Industrialisierung ausgegangen war. Dort war zum Beispiel 1769 durch den Erfinder James Watt die Dampfmaschine entscheidend verbessert worden. Auch die erste öffentliche Eisenbahn wurde 1825 in England in Betrieb genommen. Das Land war Zentrum des Britischen Weltreichs, das im 19. Jahrhundert die einzige Weltmacht und das reichste Land der Welt darstellte.

Zwar ging die Industrialisierung zunächst auch mit elenden Lebens- und Arbeitsverhältnissen der neu entstandenen Arbeiterklasse einher. Aber ungefähr ab Mitte des Jahrhunderts wuchs in England, früher als anderswo, der Wohlstand breiterer Schichten der Bevölkerung. Diese konnten sich nun zunehmend Dinge leisten, die außerhalb des unbedingt Lebensnot- wendigen lagen – das Reisen gehörte dazu. Es war der Beginn des Zeitalters des Massenkonsums, das neben den USA, in Großbritannien eingeleitet wurde.

Wie ein Komiker die Alpen in Großbritannien berühmt machte

Eine nicht unwesentliche Rolle hat auch der britische Schriftsteller, Humorist und Entertainer Albert Richard Smith (1816–1860) gespielt. Bergsteigerlegende Reinhold Messner nennt Smith „eines der ersten Vermarktungsgenies des Alpinismus“. Smith hatte im Jahr 1851 im Rahmen einer geführten Tour den Mont Blanc bestiegen und anschließend darüber ein Buch geschrieben. Vor allem aber entwickelte er eine Bühnenshow, mit der er unter dem Titel The Ascent of Mont Blanc in den folgenden Jahren mehr als eine halbe Million Briten begeisterte. Queen Victoria soll gleich drei Privatvorführungen bekommen haben. Die Show „löste eine regelrechte Montblanc-Begeisterung aus und trug dazu bei, das Bergsteigen in Großbritannien populär zu machen“, wie Messner schreibt. Mit dem Verkauf von Postkarten, Zeichnungen oder Fächern mit Mont-Blanc-Motiven betrieb Smith auch eine frühe Form des Merchandisings.26

All dies erklärt, warum es vor allem reichere Engländerinnen und Engländer waren, die im 19. Jahrhundert als erste in vergleichsweise großer Zahl Erholung und Abenteuer in den Alpen suchten. Auch wenn die Situation mit der heutigen schwer vergleichbar ist, nahm die Anzahl der Reisenden ab 1850 deutlich zu. In dieser Zeit wurde die Schweiz auch – nach dem Titel eines 1871 erschienenen Buches von Sir Leslie Stephen – als „Der Spielplatz Europas“ (The Playground of Europe) bekannt.

Passend dazu schildert auch Mark Twain seinen persönlichen Eindruck während seines

„Bummel durch Europa“ 1878: „Die Hälfte der Meute, die im Sommer die Schweiz bevölkert, besteht aus Engländern; die andere Hälfte setzt sich aus vielen Nationalitäten zusammen, wobei die Deutschen vorangehen und die Amerikaner als nächste folgen.“

Warum startete der Tourismus zuerst in der Schweiz?

In Quellen über die Geschichte des Tourismus in den Alpen ist es die Schweiz, die stets als erster Anlaufpunkt erscheint. Einer der öfter genannten Gründe dafür ist die Tatsache, dass die oben beschriebene Grand Tour, die Bildungsreise junger Mitglieder der Oberschicht, fast immer in das kulturell reiche und geschichtsträchtige Italien mit seinen antiken Stätten führte. Und dort über den Landweg hinzukommen, mussten die Alpen überquert werden, wobei von eher westlichen Teilen Europas aus die kürzeste Verbindung über die Schweiz führte. Da Reisende in Zeiten der Pferdekutsche dabei mehrfach übernachten mussten, wurde die Schweiz zunächst zur Zwischenstation innerhalb der Alpen. Dem Ruf der romantischen Schilderungen der Künstler folgend, wurde die Schweiz nach und nach selbst zum ersten touristischen Reiseziel innerhalb der Alpen.

Gleichzeitig war die Schweiz im 19. Jahrhundert führend beim Ausbau der touristischen Infrastruktur. So wurde etwa bei Luzern, auf dem Gipfel des Rigi Kulm in fast 1.800 Meter Seehöhe, bereits im August 1816 das erste Gipfelhotel der Alpen eröffnet. Es hatte sechs Betten und genügte dem Ansturm schon bald nicht mehr. Bereits im Juni 1848 empfing ein Neubau aus Stein mit jetzt 130 Betten seine ersten Gäste. 1856 folgte ein zweites Hotel mit 200 Betten und 1875 ein drittes, „palastartiges Grand-Hotel“ mit weiteren 300 Betten.27 Ein paar Meter unterhalb des Gipfels war im Mai 1871 auf der Vitznau-Rigi-Linie die erste aus vornehmlich touristischen Gründen auf einen Berg geführte Zahnradbahn Europas in Betrieb gegangen. Sie war nach der 1869 eröffneten Zahnradbahn auf den Mount Washington (USA) die zweite der Welt. Gäste konnten nun ohne Anstrengung auf den Berg kommen, übernachten und frühmorgens auf einem eigens errichteten Holzgerüst den Sonnenaufgang bewundern, wie es Mark Twain humorvoll schilderte.

Nach und nach wurden in dieser Zeit große, luxuriöse, steinerne Palasthotels und Grandhotels gebaut, von denen ein großer Teil in der Schweiz liegt.

Ein weiterer Grund für die touristische Vorreiterrolle der Schweiz, ist in den natürlichen Voraussetzungen zu finden. Österreichs westlicher Nachbar beheimatet einige besonders herausragende oder majestätisch erscheinende Berge wie das Matterhorn oder das Massiv aus Eiger, Mönch und Jungfrau (auf das Jungfraujoch führt seit 1912 eine elektrische Zahnradbahn). Alle Alpen-Viertausender liegen zudem außerhalb Österreichs in den Westalpen, viele davon in der Schweiz. Von diesen höchsten Gipfeln fühlten sich gerade englische Bergsteiger und Bergsteigerinnen zuerst angezogen.

In einer als „Goldenes Zeitalter des Alpinismus“ bezeichneten Phase in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden besonders viele Alpengipfel erstmals – dokumentiert – bestiegen, beziehungsweise „erobert“, wie es damals häufig hieß. Die in Europa aufkommenden nationalistischen Strömungen spielten auch in den Bergen eine zunehmende Rolle und waren neben sportlichem Wettkampf eine Komponente bei der Konkurrenz um die Erstbesteigungen. Der Schweizer Alpen-Historiker Jon Mathieu gibt in seinem Buch „Die Alpen – Raum, Kultur, Geschichte“ den Verlauf der Anzahl an Erstbesteigungen wieder: „Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nennen die Annalen des Alpinismus 86 Erstbesteigungen, für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts schon 210 und für dessen zweite Hälfte 1010.“ In die Geschichte ging unter anderem das Drama um die Erstbesteigung des Matterhorns ein. Dabei stürzten am 14. Juli 1865 vier Männer aus der Seilschaft des britischen Erstbesteigers Edward Whymper beim Abstieg in den Tod.

Dass die Schweiz im Tourismus des 19. Jahrhunderts in mancherlei Hinsicht eine Vorbildfunktion hatte, lässt sich auch an der Tatsache ablesen, dass weltweit ungefähr 200 Orte den Namenszusatz „Schweiz“ tragen. Sie wurden oftmals schon zur Zeit der Romantik so benannt. Durch den Vergleich mit dem Original wollte man Regionen adeln und ihren Namen touristisch aufwerten.

Am bekanntesten sind etwa die Fränkische Schweiz oder die Sächsische Schweiz in Deutschland. Sogar hoch im Norden Deutschlands gibt es eine Bremer Schweiz, keine 50 Kilometer von der Nordsee entfernt. Daneben gibt es etwa in Tschechien die Böhmische Schweiz, die Kleine Schweiz bei Haifa in Israel und selbst im US-Bundesstaat North Carolina existiert seit 1910, inspiriert durch die umliegenden Berge, ein Little Switzerland.

Schon der Schriftsteller Theodor Fontane kommentierte im 19. Jahrhundert die Mode, selbst sanfte Hügellandschaften als „Schweiz“ zu bezeichnen, spöttisch. Er notierte 1862 in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg: „Die Schweize werden jetzt immer kleiner, und so gibt es nicht bloß mehr eine Märkische, sondern bereits auch eine Ruppiner Schweiz.“

Quellen

18 Österreichische Akademie der Wissenschaften (oeaw.ac.at): Steinzeitliche Handelsrouten unter dem Mikroskop (Zugriff: 17.04.2025)

19 Ueli Gyr, Leibnitz-Institut für Europäische Geschichte (2010): Geschichte des Tourismus: Strukturen auf dem Weg zur Moderne

20 Titus Livius (Livy): The History of Rome, Book 21, Chapter 32 via Perseus Digital Library (perseus.tufts.edu); Zugriff: 26.03.2025; eigene Übersetzung aus dem Englischen

21 Cambridge University Press 2023 (cambridge.org): Johann Jakob Scheuchzer, The Natural History of Switzerland (1716); (Zugriff: 23.04.2025)

22 Hugh Chisholm (1911): 1911 Encyclopædia Britannica, Volume 12: Haller, Albrecht von (1708–1777) via en.wikisource.org; (Zugriff: 31.03.2025)

23 Albrecht von Haller (1729): Die Alpen; via projekt-gutenberg.org; Zugriff: 26.03.2025

24 Jean-Jacques Rousseau (1761): Julie oder Die neue Heloise, Dreiundzwanzigster Brief. An Julie.; E-Book via thalia.at, Erscheinungsdatum 08.01.2024

25 Johann Wolfgang von Goethe (1808): Briefe aus der Schweiz, Realp, den 12. Nov. Abends.; E-Book via thalia.at, Erscheinungsdatum 04.05.2015

26 Reinhold Messner (2021): Zwischen Durchkommen und Umkommen – Die Faszination des Bergsteigens, S. 216

27 Rigi-Kulm-Hotel (rigikulm.ch): Gastfreundschaft seit 1816 (Zugriff: 10.04.2025)