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Wie helfen Almen beim Schutz der biologischen Vielfalt?

Die meisten europäischen Pflanzenarten sind lichtbedürftig. Indem bewirtschaftete Almen die Ausbreitung des dunkleren Waldes verhindern, spielen sie eine wichtige Rolle als Rückzugsort zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. 100.000 Jahre Eiszeit sowie Bäuerinnen und Bauern haben diesen Zustand geschaffen.  

Die traditionelle Landwirtschaft hat auf den von ihr genutzten Flächen die biologische Vielfalt (Biodiversität) gegenüber dem ursprünglichen, natürlichen Zustand vergrößert. Dies gilt auch und insbesondere für die Bewirtschaftung der Almen. Der wesentliche Grund dafür liegt in der großflächigen Rodung der Urwälder. Dadurch entstand ein abwechslungsreiches, kleinteiliges Landschaftsmosaik mit deutlich mehr offenen Bereichen als zuvor. Da es in Mitteleuropa von Natur aus mehr an das Offenland angepasste Arten gibt, konnten viele da- von ihr Verbreitungsgebiet im Zuge der Rodungen ausdehnen. Das gilt vor allem für solche, die gut mit Beweidung und Mahd zurechtkommen. 

Vor der Verbreitung von Ackerbau, Grünlandwirtschaft und Viehhaltung, als sich Österreich noch weitgehend im Naturzustand befand, waren die Alpen bis weit nach oben mit Wäldern bedeckt. Und diese sind laut Expertinnen und Experten vergleichsweise artenarm. 

Warum ist der Wald artenarm und das Offenland artenreich? 

„Der wichtigste Grund für die heutige Artenarmut unter den Gehölzarten liegt in den Eiszeiten. Die haben nur wenige Arten durch den Rückzug in Refugien überstanden“ erklärt Peter Schönswetter, Professor für Botanik an der Uni Innsbruck. „Davor war die Gehölzflora Europas deutlich artenreicher.“ 

Die jüngste einer ganzen Reihe von Eiszeiten, die in der Wissenschaft eigentlich als „Kaltzeiten“ bezeichnet werden, endete nach einer Dauer von rund 100.000 Jahren vor ungefähr 12.000 Jahren. Weite Teile der Alpen sowie Nordeuropas waren zu dieser Zeit vergletschert und lagen unter einem dicken Eispanzer. In Österreich erreichte er Stärken von mehreren hundert bis über eintausend Metern. Dazwischen lag eine weitläufige, baumlose Tundra- und Steppenlandschaft. Da hier auch Mammuts grasten, wird diese eiszeitliche Landschaft auch als Mammutsteppe bezeichnet. 

Pflanzen, die nicht zu den Gehölzen zählen, taten sich mit den Eiszeiten leichter. Vereinfacht gesagt waren ihre Ansprüche an Rückzugsorte geringer, zum Beispiel, weil sie weniger Wärme und Wasser brauchen als Bäume oder weil sie schneller Samen ausbilden, die noch dazu kleiner sind und sich deshalb leichter verbreiten lassen. Derartige Eigenschaften halfen vielen dieser Arten, sich schneller anzupassen und die rauen Zeiten besser zu überstehen. Die meisten haben sie in tieferen, eisfrei gebliebenen Lagen überdauert, etwa am Süd- oder Ostrand der Alpen. Nur wenige Baumarten haben dasselbe geschafft. Von ihren Rückzugsorten aus breiteten sich somit wenige Baum- und viele Offenlandarten im wärmeren Klima immer wieder über die gesamten Alpen aus. So auch nach der jüngsten Eiszeit. 

Nach dieser waren aber die verbliebenen Baumarten wieder im Vorteil und der Wald breitete sich großflächig aus. Wo er wächst, können vergleichsweise wenige andere, an Schatten angepasste Arten bestehen. Sein Dach aus Baumkronen schirmt den darunterliegenden Boden von der Sonne ab. Auf diese Weise nivelliert ein Wald auch jene Unterschiede in den Geländeformen, die auf einer baumfreien Fläche für vielfältigere Standortbedingungen und somit größere Vielfalt an jeweils daran angepassten Arten sorgen. So kann beispielsweise eine Rinne auf einem Hang ohne Baumbestand je nach Sonnenstand unterschiedliche Licht- und Schattenbereiche aufweisen. Liegt der Hang aber im geschlossenen Wald, dann liegt die gesamte Rinne ganztägig im Schatten. 

Trotz der Dominanz der Bäume fanden sich in den Alpen aber auch in deren natürlichen Zustand vor Ausbreitung der Landwirtschaft einige offene, waldfreie Bereiche. Dazu gehören etwa die alpinen Rasen oberhalb der Baumgrenze oder die Lawinenbahnen, auf denen wegen regelmäßig abgehenden Schneemassen keine Bäume wachsen konnten. Auch Stürme sorgten für Lücken im Wald, die zumindest eine Zeit lang von Wildtieren beweidet wurden. Außerdem gab es kleinflächige sogenannte Magerrasen oder Felsrasen. Sie entstanden etwa auf sehr durchlässigem Boden mit geringer Wasserspeicherkraft in sonniger Lage oder im Regenschatten großer Bergmassive. Diese Bedingungen verhinderten das Wachstum von Bäumen und förderten das von Gräsern und Kräutern. Ein weiterer baumfreier Lebensraum wurde durch die frei fließenden Flüsse in den Tälern geschaffen. Ihr Lauf veränderte sich ständig und hinterließ immer wieder neu geformte mächtige Sand- und Schotterbänke, auf denen sich eine spezifische Flora und Fauna etablieren konnten. In diese offenen Bereiche hatte sich die Artenvielfalt der Gräser oder Kräuter nach der Eiszeit ausgebreitet. 

Mehr Lebensraum durch Landwirtschaft 

Als schließlich, grob gesagt, ab etwa 5.000 vor Christus, also vor 7.000 Jahren, die ersten Ackerbau und Viehhaltung betreibenden Menschen nach Österreich einwanderten, erhielten diese Pflanzen des Offenlandes über die Jahrtausende hinweg nach und nach zusätzlichen Lebensraum. Zur neu gestalteten Landschaft gehörten neben Waldstücken und wenigen von Natur aus offenen Bereichen nun auch die neu geschaffenen Grünlandbereiche der Almen sowie Äcker, Weiden, Wiesen und dörfliche Strukturen weiter talwärts. Die teilweise Rodung der Wälder hat also zu einer größeren Verbreitung unterschiedlicher Lebensräume und ökologischer Nischen geführt. In das neu geschaffene Offenland konnten nun die Arten der alpinen Rasen, Lawinenbahnen und anderer Nischen vordringen. 

Botaniker Peter Schönswetter erforscht die Biodiversität in Gebirgsregionen. Er sagt: „Es gibt keine Arten, die auf den Lebensraum Alm spezialisiert sind und nur dort vorkommen. Sie stammen überwiegend aus der Umgebung und waren schon vor den Almen da. Aber auf einer extensiv bewirtschafteten Almweide ist die Biodiversität größer als im geschlossenen, artenärmeren Wald.“ 

Der Wald ist zwar ein eigenes, wertvolles Ökosystem mit daran angepassten Lebewesen. Zu- dem spielt er als Speicher von Kohlenstoff bei der Eindämmung des Klimawandels, als Rohstofflieferant oder als Schutzwald eine wichtige und unersetzliche Rolle. Wo der Wald aber gerodet wird, dringt vermehrt Sonnenlicht auf den Boden und das Bodenwasser wird nicht mehr von Bäumen beansprucht. Dadurch entsteht ein neues Mikroklima und ein voll- kommen anderer Lebensraum. 

Auch der Boden- und Vegetationsökologe Andreas Bohner von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein bestätigt, dass die in Österreich von Natur aus gegebene Artenausstattung mehrheitlich auf offene, waldarme oder waldfreie Flächen angewiesen ist. „Es gibt halt wenige Schattenpflanzen und viele Lichtpflanzen“, sagt der Wissenschaftler. „Daher kommen im Wald weniger unterschiedliche Pflanzen vor als auf offenen Flächen." Bohner hat sich intensiv mit der Flora, also der Pflanzenwelt der heimischen Almgebiete beschäftigt. Er ist zudem Autor des 2024 erschienenen Buches „Praxisführer Almpflanzen“, in dem er über 60 Futter- und Zeigerpflanzen des Alpenraums beschreibt. 

Was macht Almen besonders artenreich? 

In der Gegenwart sind es innerhalb des Alpenraums vor allem die Almen, die im Bemühen um den Erhalt von landschaftlicher Vielfalt und Biodiversität eine besondere Rolle spielen. Aber warum genau konzentrieren sich Lebensraum-Vielfalt und Artenreichtum gerade hier? 

Auf Almen wirken neben dem vermehrten Lichteinfall durch die teilweise Rodung des Waldes eine ganze Reihe weiterer Faktoren. In Kombination führen sie zu einer besonders großen Vielfalt unterschiedlicher, aber eng beieinander liegender Lebensräume. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer großen Strukturvielfalt. 

Einer dieser Faktoren ist in der geografischen Lage der Alpen zu finden. Das Gebirge liegt unter anderem im Grenzbereich zwischen dem als kühl-gemäßigt bezeichneten Klima Mitteleuropas und dem wärmeren und trockeneren Klima des Mittelmeerraums. Zudem sind die Alpenlandschaften naturgemäß durch große Höhenunterschiede auf engstem Raum gekennzeichnet. Je höher ein Organismus vordringt, desto besser muss er mit kühleren Temperaturen und stärkerem UV-Licht klarkommen. Daher kommen in den Alpen Pflanzen- arten vor, die an verschiedenste Klimazonen angepasst sind, wie die mitteleuropäisch, mediterran, pannonisch oder arktisch geprägte. 

Für Almlandschaften sind zudem wechselhafte Reliefs mit in alle Himmelsrichtungen geneigten Hängen charakteristisch. Genauso Ebenen, Senken, Grate und andere Geländeformen. Da sie nicht von Wald bedeckt sind, werden sie je nach Ausrichtung von der Sonne unterschiedlich stark erwärmt. Damit ist auch die Verfügbarkeit von Wasser verbunden, da sonnenbeschienener Boden schneller trocknet als im Schatten liegender. In Senken wiederum sammelt sich das Wasser, was wieder andere, spezifische Standortbedingungen schafft. Selbst auf einer Weide herumliegende Felsen zeigen an ihren verschiedenen Seiten ein unterschiedliches Mikroklima. Sie speichern außerdem Sonnenwärme und geben sie nachts nach und nach wieder ab. Solche auf offenen Flächen wirksam werdenden Reliefunterschiede werden von einem Wald weitgehend ausgeglichen beziehungsweise nivelliert. Erst durch die Öffnung der Landschaft konnten sie ihre Wirksamkeit voll entfalten. 

Außerdem haben geologische Kräfte während der Entstehung der Alpen innerhalb kurzer Distanzen unterschiedliche Gesteinsarten an die Oberfläche verfrachtet. Die verschiedenen Bodentypen, die daraus entstanden sind, liegen dadurch unmittelbar nebeneinander vor. Unterschiedliche Böden ziehen unterschiedliche Pflanzenarten an. 

Traditionelle Almbewirtschaftung ermöglicht Artenvielfalt 

Und schließlich trägt auch die verschiedenartige Bewirtschaftung der Almflächen zu einem Mosaik aus vielzähligen Kombinationen unterschiedlicher Standortfaktoren bei. So wurde der Mist aus dem Almstall aus praktischen Gründen meist immer schon in Nähe der Almgebäude ausgebracht. Dort entstanden sogenannte Bergfettwiesen. Andere Bereiche wurden dagegen nie gedüngt, was zur Entstehung von Magerwiesen führte. Als mager bezeichnen Expertinnen und Experten einen nährstoffarmen Boden. Verschiedene Almflächen werden auch unterschiedlich stark beweidet beziehungsweise einmal im Jahr oder einmal alle zwei Jahre gemäht. 

Dort, wo die Hufe der Weidetiere kleine Öffnungen in die Grasnarbe treten, können neue Pflanzensamen auskeimen. Zum Teil werden diese auch im Fell der Tiere – besonders im dichten Fell der Schafe – mittransportiert. Und wo der Dung etwa in Form eines Kuhfladens zu Boden fällt, gedeihen eher nährstoffliebende Pflanzen, während direkt daneben Spezialisten für nährstoffärmere Bedingungen gedeihen können. Der Dung selbst schafft die Lebensgrundlage für bestimmte Insekten, die sich davon ernähren, zum Beispiel Dungkäfer oder bestimmte Fliegenarten. Auch auf der sonnenbeschienenen Seite von Steinmauern herrschen im Vergleich zu ihrer Rückseite spezifische Bedingungen. Bachläufe und weitere Strukturen wie Heuschober sorgen für zusätzliche Vielfalt. 

Der Grund für die große Biodiversität der Almen liegt also an der Kombination aus naturbedingter großer Standortvielfalt und der menschengemachten Bewirtschaftungsvielfalt. Je nach Standort haben sich charakteristische Pflanzengesellschaften angesiedelt, die von Fachleuten mit Bezeichnungen wie beispielsweise Goldhaferwiese, Gold-Pippau-Kammgras- weide oder Krummseggenrasen versehen wurden. Zu den artenreichsten dieser Pflanzengesellschaften gehören die Violettschwingel- und Goldschwingelwiesen. Laut Fachliteratur können hier auf 50 Quadratmetern Fläche unter besonders günstigen Bedingungen annähernd 100 verschiedene Pflanzenarten vorkommen. Andere Almpflanzengesellschaften kommen auf 30, 40 oder 50 verschiedene Pflanzen pro 50 Quadratmeter. Die Fläche entspricht einem größeren Wohnzimmer von etwas mehr als sieben mal sieben Meter Seitenlänge. 

Was bewirken intensivere Formen der Grünlandwirtschaft? 

Zum Vergleich: Auf heute teils sehr intensiv bewirtschafteten Mähwiesen, die oft in Talbereichen und im Flachland liegen, wachsen häufig nur rund fünf bis sieben verschiedene Arten. Das liegt vor allem daran, dass diese Flächen stärker gedüngt und häufiger gemäht werden. Genau genommen kann deren Schnitthäufigkeit, statt bei ein- oder zweimal wie in der Vergangenheit, heute bei fünf- oder sechsmal – an dafür geeigneten Standorten auch bei bis zu siebenmal im Jahr liegen. 

Bei dieser Kombination aus größeren Nährstoffmengen und kürzeren Schnittintervallen können nur wenige, genetisch darauf angepasste Arten bestehen. Andere Arten haben dagegen nicht die Fähigkeit, schnell genug zu wachsen. Sie werden überwuchert oder schaffen es nicht rechtzeitig, Samen auszubilden. Daher ist die Intensivierung der Grünlandbewirtschaftung ein Problem in puncto Artenvielfalt. 

Dabei sind allerdings zwei Aspekte ebenso zu beachten: Erstens bringen intensivere Bewirtschaftungsformen logischerweise auch Vorteile mit sich: So erhöht sich mit Nährstoffmenge und Schnittfrequenz auch die Qualität des Grünfutters, was eine klimaeffizientere Produktion mit höheren Erträgen ermöglicht. Pro Kilogramm Fleisch oder Milch muss weniger Energie und Arbeitszeit aufgewendet werden, wodurch die Lebensmittel zu geringeren Kosten her- gestellt werden können. Resultat dieser Entwicklung ist, dass die Menschen in Österreich und anderen Industrieländern heute sehr viel geringere Anteile ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen. In den 1950er-Jahren lag dieser Anteil noch bei rund 45 Prozent, heute bei ungefähr zwölf Prozent. Erst dadurch wurden Annehmlichkeiten des modernen Lebens wie elektronische Geräte, Urlaubsreisen oder größere Wohnungen und Häuser für weite Teile der Bevölkerung überhaupt erst möglich. Vor allem in den Tälern sowie außerhalb der Alpen ermöglichen bessere Böden und ein günstigeres Klima solche intensiveren, kostengünstigen Produktionsweisen. Hier wird auch der Großteil der heimischen Lebensmittel produziert. 

 Der zweite in diesem Zusammenhang zu beachtende Aspekt: Eine starre Einteilung der Landwirtschaft in intensiv und extensiv wird der Realität kaum gerecht. Vielmehr finden sich unter den Betrieben alle Abstufungen an Intensitäten. So sind in der Grünlandwirtschaft etwa auch Flächen mit drei- oder viermaliger Mahd keine Seltenheit. Diese lassen sich als mittel-intensiv bezeichnen. Zudem finden sich auch außerhalb der Almen extensiv bewirtschaftete Flächen. 

Insgesamt stehen landwirtschaftliche Betriebe vor einer Reihe von Zielkonflikten. Diese ergeben sich aus dem Spannungsfeld zwischen Lebensmittelproduktion beziehungsweise Versorgung der Bevölkerung, Biodiversitäts- und Klimaschutz sowie dem eigenen wirtschaftlichen Dasein. Diese Zielkonflikte sind selten vollständig auflösbar.  

Fest steht jedenfalls, dass die Artenvielfalt im Grünland sowohl durch Intensivierung als auch durch das extreme Gegenteil dessen bedroht ist: die völlige Aufgabe der Bewirtschaftung. Letzteres ist vor allem im Bereich der Almen das Problem. 

Auch eine im Jänner 2023 präsentierte Studie58 zur Veränderung der Insektenpopulationen in Österreich diagnostiziert einen „markanten Intensivierungsschub in der Grünlandwirtschaft, vor allem ab dem Jahr 2000.“ In den vergangenen 30 Jahren seien knapp 690.000 Hektar Grünland in eine intensiviere Bewirtschaftung überführt worden. Zudem wird festgehalten, „dass die heute regional möglichen vier- bis sechsschnittigen Wiesen zu Beginn der Untersuchungsperiode absolute Ausnahmen waren.“ 

 Insgesamt stellte die im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums durchgeführte Studie für Österreichs Insekten zwar relativ stabile Gesamtartenzahlen fest. Allerdings war eine deutliche Verschiebung des Artenspektrums zu beobachten. So sind inzwischen viele an nährstoffarme Verhältnisse angepasste Arten durch weniger spezialisierte Arten ersetzt worden. Laut dieser und anderer Studien „werden diese Intensivierungsprozesse durchwegs mit rückläufigen Beständen und Artenzahlen in Insektenpopulationen des Acker- und Grünlandes in Zusammenhang gebracht.“ Wobei auch mehrere andere Faktoren eine Rolle spielen. Um Österreichs Insektenvielfalt zu schützen, betont die zitierte Studie die Bedeutung der traditionellen, extensiven Grünlandwirtschaft, wie sie vor allem in den Almgebieten noch zu finden ist. Wörtlich heißt es: 

„Die wichtigsten und effizientesten Maßnahmen zur langfristigen Absicherung arten- und individuenreicher Insektenpopulationen in Österreich wurden im abschließenden Teil der ‚Insektenstudie‘ ausformuliert. Besonders hervorzuheben ist dabei die Fortführung bzw. Ausweitung traditioneller Nutzungsformen in der Grünlandwirtschaft (v. a. ein- bis zweimähdige Wiesen, Streuwiesen, Bergmähder und extensive Weideflächen) sowie im Wald (...), wodurch vor allem der Artenreichtum sowie das Vorkommen anspruchsvoller und gefährdeter Arten gesichert werden kann.“59 

Mit anderen Worten: Die Auflassung von Almen wirkt kontraproduktiv auf die Insektenvielfalt. Almen machen in Österreich den mit Abstand größten Teil der genannten traditionellen Nutzungsformen aus. Als weitere Maßnahmen zum Schutz von Insekten im Grünland nennt die Studie unter anderem das nicht gleichzeitige Mähen ganzer Wiesen („abgestufter Wiesenbau“), die Reduktion von Wurmmitteln in der Weidehaltung, die Reduktion von Stickstoffeinträgen sowie eine „starke Reduktion der Versiegelungsrate“. Letzteres betrifft die Tatsache, dass in Österreich durchschnittlich rund elf Hektar Land täglich verbaut werden. Rund die Hälfte davon wird dabei mit Asphalt oder Beton versiegelt (beim Rest handelt es sich um unversiegeltes Bauland wie Rasenflächen, Spielplätze, etc.). 

Was ist der Unterschied zwischen Biodiversität und Artenvielfalt?

Mit Artenvielfalt ist, wie der Name schon sagt, die reine Anzahl unterschiedlicher Arten innerhalb eines definierten Lebensraums gemeint. Die Biodiversität ist gleichbedeutend mit der biologischen Vielfalt und umfasst neben der Artenvielfalt weitere Aspekte: Auch die Vielfalt der Lebensräume sowie die genetische Vielfalt innerhalb einer Art sind Teilgrößen der Biodiversität.

Was bringen Almen für die Biodiversität insgesamt? 

Auch Andreas Bohner von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein betont die Bedeutung der Almen für die biologische Vielfalt. In einer Fachunterlage der Almwirtschaft Österreich schreibt er: „Bewirtschaftete Almen sind durch ein Mosaik unterschiedlicher Pflanzengesellschaften charakterisiert. Nachdem jede Pflanzengesellschaft eine charakteristische Flora und Fauna beherbergt, haben bewirtschaftete Almen für die Biodiversität eine große Bedeutung.“60 

Ebenso unterstreicht Uta Schirpke vom „Institute for Alpine Environment“ (Institut für Alpine Umwelt) in Bozen, Teil der Forschungseinrichtung „Eurac Research“, den diesbezüglichen Wert der Almen: „Almen machen in Österreich einen großen Teil der noch erhaltenen extensiv bewirtschafteten Kulturlandschaften aus. Sie sind sehr, sehr biodivers, weil durch die kleinräumige Bewirtschaftung und das Gemisch aus Wald und offenen Bereichen sehr viele Lebensräume entstanden sind. Wenn die Almen nicht mehr bewirtschaftet werden, gehen diese Lebensräume verloren.“ 

Und schließlich schlägt mit der Biologin und Geografin Susanne Aigner auch ein Mitglied des Österreichischen Biodiversitätsrats in dieselbe Kerbe. Sie erforscht das Leben auf den Almen seit den 1990er-Jahren. In einem Video-Interview mit dem Webportal „Unsere Almen“ plädiert sie dafür, die Bedeutung der Rinderwirtschaft für die biologische Vielfalt in Österreich stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Sie sagt: „Almen sind nur mit Tieren Almen. Die Rinderhaltung ist für unsere Kulturlandschaft einfach unerlässlich.“ Dabei begründet sie ihren Appell mit dem Argument: „Die Almen in Österreich sind äußerst vielfältig. Almen können eine enorme Vielfalt an Tieren und Pflanzen beherbergen.“61 

Warum werden Almen extensiv bewirtschaftet? 

Die Almgebiete sind eher ungeeignet für die intensive und besonders ertragreiche Landwirtschaft. Würde man hier beispielsweise ähnlich stark düngen wie im Tal, dann könnten die Erträge dennoch nicht mithalten. Der Boden könnte die Nährstoffe nicht speichern und das Wachstum der Pflanzen bliebe wegen der kühleren Temperaturen und kürzeren Vegetations- zeit auch mit stärkerer Düngung begrenzt. 

Die in Österreich noch erhaltenen rund 8.000 Almen sind daher so etwas wie der logische Rückzugsort der traditionellen, extensiven, sprich weniger intensiven Landwirtschaft – und damit auch einer der Rückzugsorte für die biologische Vielfalt Österreichs. 

Das ist auch für den Botaniker Peter Schönswetter der entscheidende Punkt: „Extensiv be- wirtschaftete Almen erhalten Lebensräume für Arten, die es früher auch weiter Richtung Tal oder anderswo vermehrt gegeben hat, die aber dort etwa durch die ausufernde Verbauung oder intensivere Formen der Landwirtschaft kaum noch vorkommen.“ 

Laut Grünem Bericht fielen 25 Prozent der gesamten Grünlandfläche Österreichs im Jahr 2023 auf Almen und Bergmähder. Das entspricht mehr als der Hälfte des extensiv genutzten Grünlands. Dabei sind Flächen als extensiv definiert, die maximal zweimal im Jahr genutzt werden. Insgesamt macht das Extensiv-Grünland 47 Prozent der Gesamt-Grünlandfläche Österreichs aus. 

Warum ist kleinräumige Landwirtschaft besonders wertvoll für die Biodiversität? 

Der ökologische Wert der Almen liegt nicht allein in ihrer extensiven Bewirtschaftung. Auch speziell ihre Kleinräumigkeit beziehungsweise Kleinstrukturiertheit hat spezielle Auswirkungen. Für ein besseres Verständnis muss man sich dazu klarmachen, dass „extensiv“ und 

„kleinräumig“ nicht dasselbe ist. Es werden nämlich auch kleinere Äcker oder Wiesen manch- mal sehr intensiv bewirtschaftet. Umgekehrt finden sich etwa auch große Felder, die eher extensiv bewirtschaftet werden. 

Interessant ist dabei, dass der positive Effekt der Kleinräumigkeit sogar stärker sein kann als jener der extensiven Bewirtschaftung. Konkret haben zum Beispiel Studien der Universität Göttingen in Deutschland gezeigt, dass in Landschaften mit kleinen, intensiv bewirtschaften Feldern eine größere Artenvielfalt vorzufinden ist in solchen mit großen, extensiv bewirtschafteten. 

Die Forscherinnen und Forscher führen das unter anderem auf sogenannte Grenzlinieneffekte zurück. Wenn viele kleine Einheiten aneinandergrenzen, finden sich automatisch mehr und insgesamt längere Grenzlinien, die ökologisch besonders wertvoll sind. An ihnen können sich zum Beispiel Insekten im Flug orientieren, während sie sehr große, monotone Einheiten nicht überqueren können. Zudem sorgt die Kleinräumigkeit vereinfacht gesagt eher dafür, dass etwa Insekten oder Spinnentiere in einem Bereich Zuflucht oder Futter finden, während ein anderer Bereich gerade gemäht oder von anderen Störungen betroffen wird. Die Überlebenschance von Lebewesen ist also in kleinen Strukturen größer. 

Auf vielen Almen ist die Biodiversität daher auch deshalb so groß, weil hier die positiven Effekte der Kleinräumigkeit auf die positiven Effekte der extensiven Bewirtschaftung treffen. Diese Kombination hat sich auch in der Forschung aus Göttingen als ideal erwiesen. Nicht nur, dass die Almfutterflächen die unterschiedlichsten Bedingungen aufweisen, sie grenzen auch häufig an Fels- oder Waldbereiche. Speziell dadurch finden manche Lebewesen ideale Bedingungen vor. Ein Beispiel ist das Birkhuhn. Als Bodenbrüter kann die Vogelart drei verschiedene, nah beieinanderliegende Almbereiche für sich nutzen: Das Birkhuhn brütet seine Eier im Schutz von Zwergsträuchern oder kleinen Bäumchen aus. Aus dieser Deckung heraus gehen die Küken später auf die Jagd nach Insekten, die sie auf den Almwiesen finden. Von dort können sie bei Gefahr schnell in die Deckung zurückweichen. Im Lauf des Jahres bieten die Zwergsträucher dann auch Beeren als Nahrung. Als wechselwarmes Tier ist das Birkhuhn zudem für die Sonnenstrahlung auf diesen offenen Bereichen dankbar. Später, im Winter, suchen sie als flugfähige Tiere auf höheren Bäumen Schutz vor Bodenräubern und können sich von Fichtennadeln ernähren. Somit hat das Birkhuhn gelernt, Zwergsträucher, Almwiesen und Almwald gleichermaßen für sich zu nutzen. 

Was bedeutet „extensive“ oder „intensive“ Landwirtschaft im Allgemeinen?

Extensive Landwirtschaft: Extensiv bedeutet wörtlich „ausgedehnt“ und meint Formen der Landwirtschaft, bei der dem einzelnen Tier mehr Platz zur Verfügung steht oder zur Erzielung einer bestimmten Erntemenge mehr Fläche vorgesehen ist. Extensiv bewirtschaftete Ackerflächen werden weniger stark gedüngt und der Bewuchs mit Kulturpflanzen ist häufig lichter. Extensives Grünland wird seltener gemäht – laut Definition des Grünen Berichts höchstens zweimal pro Jahr – oder von weniger Tieren beweidet und wenig gedüngt. Nicht zuletzt diese Umstände lassen mehr Raum für Wildkräuter und ermöglichen somit mehr Biodiversität. Dies spiegelt sich im Gegenzug in geringeren Erträgen wider. Je nach Kulturart und Form der Bewirtschaftung können diese Unterschiede ein geringeres bis zum Teil erhebliches Ausmaß erreichen. 

Intensive Landwirtschaft: Intensiv ist ein Synonym für „gründlich“ oder „konzentriert“. Bei intensiven Formen der Landwirtschaft lassen sich unter erhöhtem Einsatz von Technik und Betriebsmitteln in Form von Dünger, Pflanzenschutzmitteln oder Bodenbearbeitung auf gegebener Fläche höhere Erträge erzielen. Der Bewuchs mit Kulturpflanzen ist meist dichter, Tiere sind auf kleineren Flächen konzentriert und haben weniger Platz als bei extensiven Formen der Tierhaltung. Konventionelle Landwirtschaft wird häufig intensiv betrieben, das muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein. Im Rahmen des Agrarumweltprogramms ÖPUL sowie der Anforderungen der EU integrieren konventionelle Betriebe Maßnahmen wie Blühflächen und Randstreifen, die einer Teil-Extensivierung gleichkommen. 

FFH-Richtlinie: Extensive Landwirtschaft ist Naturschutz 

Die Bedeutung der Almen spiegelt sich auch in der Flora-Fauna-Habitat- oder kurz FFH- Richtlinie wider. Mit ihr beschloss die EU 1992 eines ihrer wichtigsten Instrumente des Naturschutzes. Kern der FFH-Richtline ist die Schaffung eines europaweiten Netzwerks aus Schutzgebieten, das als „Natura 2000“ bezeichnet wird. Es soll zur Erhaltung der „natürlichen“ Lebensräume (Habitate) sowie wildlebender Tiere und Pflanzen dienen. In ganz Österreich finden sich 65 beziehungsweise rund ein Drittel aller Lebensraumtypen der EU, die gemäß der Richtlinie schützenswert sind. Davon sind 17 auf Almen zu finden und viele davon, wenngleich nicht alle, sind landwirtschaftlich geprägt. Zum Verständnis: Zu Österreichs Almflächen zählen auch Wälder oder Felslandschaften. 

 In einem „Handbuch der FFH-Lebensraumtypen Österreichs“ des Umweltbundesamtes findet sich das Wort Alm zwar selten, allerdings wird die extensive Bewirtschaftung mittels Beweidung und/oder Mahd bei etlichen der gelisteten Lebensraumtypen explizit als erforderliche und zugleich alternativlose Pflegemaßnahme genannt. So heißt es etwa beim „Naturnahen Kalk-Trockenrasen“, der sowohl außerhalb als auch innerhalb der Alpen vorkommt: „Eine extensive Beweidung oder Mahd bei Unterlassung einer Düngung ist erforderlich.“ Davon ausgenommen sind lediglich von Natur aus entstandene Trockenrasen, auf denen aus klimatischen Gründen und aufgrund des Bodens auch ohne Pflege keine Gehölze aufkommen können. 

Das Hauptverbreitungsgebiet des Lebensraumtyps der „Artenreichen montanen Borstgras- rasen“ liegt dagegen auf Almen der Zentralalpen sowie der nördlichen und südlichen Kalkalpen. Kleinflächig kommt er auch noch in Mühl- und Waldviertel vor (Böhmische Masse). Zum Thema Pflege wird hierzu festgehalten: „Eine Pflege durch extensive Beweidung oder Mahd bei Unterlassung einer Düngung ist erforderlich.“ 

Und ein gewissermaßen für die Almen urtypischer FFH-Lebensraum sind die „Berg-Mähwiesen“. Sie kommen zwar noch relativ häufig vor, gelten aber laut Handbuch der Lebensraumtypen als gefährdet. Auch sie kommen ebenfalls noch in der Böhmischen Masse vor, sind dort aber „von vollständiger Vernichtung bedroht“. Die Antwort auf die Frage, wie dieser wertvolle Lebensraum gerettet werden kann, lautet auch bei diesem Beispiel: „Der Lebensraumtyp ist von einer extensiven Bewirtschaftung abhängig. Diese erfolgt durch 1–2-mal jährliche Mahd und keine bis wenig Düngegaben (zumeist Festmist). Eine extensive Nachbeweidung ist möglich.“63 

Welche Pflanzenarten sind typisch für Almen und die Alpen? 

Drei der bekanntesten Pflanzen des Alpenraums zieren jeweils eine eigene Euro-Cent-Münze österreichischer Prägung: der Enzian ist auf der 1-Cent-Münze zu sehen, das Edelweiß schmückt die 2-Cent- und die Alpenprimel die 5-Cent-Münze. Typisch für die Almen bedeutet nicht, dass sie ausschließlich auf Almen vorkommen. Durch die Erschaffung der Almen wurde ihre Verbreitung allerdings wesentlich ausgedehnt. 

Enzian 

Neben dem Edelweiß gehört der Enzian wohl zu den allerberühmtesten Almpflanzen, wobei es weltweit mehrere hundert Arten der Gattung Enzian gibt, die auch abseits von Gebirgen vorkommen. Auch in Österreich sind zahlreiche Arten vertreten. Charakteristisch ist für viele Enzian-Arten die intensive Blaufärbung ihrer Blüten, wobei es auch Arten in rötlich-violetten oder gelben Färbungen gibt. 

In Form und Größe unterscheiden sich die verschiedenen Enzian-Arten zum Teil stark. So wird etwa der Frühlings-Enzian samt seinen Blüten nur maximal 15 Zentimeter hoch, während etwa der Gewöhnliche Gelb-Enzian stattliche Höhen von 1,40 Meter erreichen kann. Beide kommen auf mageren Bergwiesen und -weiden vor. Enziane können ein Alter von 60 Jahren erreichen. Allerdings dauert es auch acht Jahre vom Auskeimen des Samens bis zur ersten Blüte. 

Wie vielen anderen Pflanzen werden dem Enzian, vor allem dem Gelben Enzian, heilsame Wirkungen zugeschrieben, was schon zur Römerzeit, genauer im ersten Jahrhundert nach Christus, dokumentiert ist. Die Wurzelstöcke des Gelben Enzians enthalten unter anderem Zuckerstoffe sowie bitter schmeckende natürliche Pflanzenschutzmittel, die Schädlingsfraß abwehren. Sie lassen sich zu Schnaps und Tee verarbeiten. In Tirol nahm das Ausgraben und Brennen der Enzianwurzel bereits im 17. und 18. Jahrhundert für den Pflanzenbestand bedrohliche Ausmaße an. Ein landesfürstliches Verbot im Jahr 1700 führte zu einer Zunahme des Schwarzbrennens. 

Heute werden Enziane schwerpunktmäßig im Zillertal oder im Inntal ausgegraben und verarbeitet, zum Teil auch eigens ackerbaumäßig kultiviert. 

Edelweiß 

Kaum eine Pflanze des Alpenraums ist so bekannt und symbolträchtig wie das Edelweiß. Die Alpenblume mit den charakteristischen, filzartig-weißen Blüten ist vielfach besungen, gemalt und Motiv in Filmszenen. So schenkt Kaiser Franz Joseph I. im Film „Sissi – die junge Kaiserin“ von 1956 seiner Ehefrau ein Edelweiß. Laut des Wochenblattes „Carinthia“ hat der 26-jährige Kaiser bei seinem Besuch der Pasterze in Kärnten, am 7. September 1856, eigenhändig einen Strauß Edelweiß gepflückt und gerufen: „Das erste in meinem Leben, das ich selbst pflücke!“ In „The Sound of Music“ von 1965, einer der erfolgreichsten Musicalverfilmungen aller Zeiten, singt die Familie Trapp das Lied „Edelweiss“, kurz bevor sie in der Schlussszene Österreich auf der Flucht vor den Nazis verlassen muss. Auch ziert das Alpen-Edelweiß das Vereinsabzeichen der Alpenvereine in Deutschland und Österreich. 

Das Edelweiß ist eine typische Pflanze des Hochgebirges und kommt in baumlosen Höhen von meist 2.000 Metern und mehr vor – bevorzugt an steilen, steinigen Hanglagen auf bestimmten kalkreichen Böden. Da es nur bis zu 20 Zentimeter hoch werden kann, ist es auf viel Licht in Bodennähe angewiesen und kommt mit dichtem Bewuchs von Konkurrenzpflanzen nicht zurecht. Die Gattung der Edelweiße stammt ursprünglich aus dem tibetischen Hochland und dürfte während des rund 2,5 Millionen Jahre andauernden Erdzeitalter des Pleistozäns – das vor rund 12.000 Jahren zu Ende ging – über die sibirische Steppe auch in die Alpen eingewandert sein. 

Seine spezifischen Ansprüche machen das Alpen-Edelweiß schon von Natur aus vergleichs- weise selten. In Bedrängnis kam das Edelweiß daher schon mit Aufkommen des Bergtourismus im 19. Jahrhundert. Wegen seiner besonderen Schönheit wurde es als begehrtes Sammlerobjekt vor allem entlang von Wanderwegen gepflückt oder ausgegraben. Innerhalb Österreichs wurde die Pflanze im Bundesland Salzburg bereits im Jahr 1886 unter Schutz gestellt. Heute ist es in den meisten Bundesländern streng geschützt. Zum Teil wird das Edelweiß inzwischen züchterisch optimiert und zur Verwendung in Sonnen- und sogenannten Anti-Aging-Cremen, Likören und anderen Produkten angebaut. 

Kärntner Wulfenie 

Das natürliche Verbreitungsgebiet der äußerst seltenen Kärntner Wulfenie ist innerhalb Österreichs auf einen einzigen Berg und seine Almen beschränkt. Sie wächst am Gartnerkofel in den Karnischen Alpen (Kärnten) beiderseits der Grenze zu Italien. Vor allem ist sie in den Übergangsbereichen zwischen Almfutterflächen und Wald im Bereich lichter Baumbestände. Entdeckt wurde sie im Juli 1779 vom Kärntner Botaniker Franz Xaver Wulfen, nachdem sie auch benannt wurde. Laut Landesmuseum gilt sie zudem als „Kärtner Landesblume“. 

Ihre volkstümliche Bezeichnung „Kuhtritt“ hat die meist 30 bis 40 Zentimeter hoch wach- sende und blauviolett blühende Pflanze davon, dass sie ihre Samen zum Auskeimen auf Verletzungen der Grasnarbe angewiesen sind, wie sie durch Kuhtritt entstehen. Eine andere Erklärung ist, dass sie möglicherweise im Fell der Tiere an offene Stellen verfrachtet wird. Bei ausbleibender Beweidung wird die lichtbedürftige Kärntner Wulfenie von anderen, konkurrenzstärkeren Pflanzen wie der Grünerle verdrängt. 

Blauer Eisenhut 

Der Blaue Eisenhut mit seinen auffälligen blau-violetten Blütenständen ist auf Almen weitverbreitet. Er wächst 40 bis 80 Zentimeter hoch und kommt bis in Höhen von 3.000 Metern vor. Er braucht nährstoffreichere Almböden und wird daher durch Düngung gefördert. Da alle Pflanzenteile allerdings sehr stark giftig sind, wird er vom Weidevieh verschmäht und gilt daher als Weideunkraut. Laut „Praxisführer Almpflanzen“ handelt es sich um die giftigste Pflanze Europas, wobei bereits eine aufgenommene Menge von 0,2 Gramm beim Menschen Vergiftungserscheinungen auslösen können. Seinen Namen hat der Eisenhut vom Erscheinungsbild seiner Einzelblüten, die wie die in der Vergangenheit von Soldaten getragenen Metallhelme aussehen. 

Der Eisenhut wächst gerne um Almhütten und Viehställe herum, aber auch auf Berggipfeln, besonders bei Schafsbeweidung. Starken Tritt und Mahd verträgt die Pflanze allerdings nicht gut. Zur Bestäubung ist sie auf Insekten mit einem langen Rüssel angewiesen, die Eisenhuthummel hat sich darauf spezialisiert und ist der wichtigste Bestäuber des Blauen Eisenhuts. 

Was bedroht die Artenvielfalt auf den Almen? 

Die mit Einführung der Landwirtschaft vor vielen tausend Jahren gesteigerte biologische Vielfalt (Biodiversität) innerhalb der Alpen als Ganzes dürfte seit weit mehr als hundert Jahren wieder schrumpfen. Exakte Aussagen sind zwar schwierig, aber Werner Bätzing fasst mehrere wissenschaftliche Untersuchungen zusammen und schreibt in „Die Alpen“ davon, 

„dass das historische Maximum der Biodiversität im Alpenraum im Zeitraum 1850–1880 zu finden ist, also auf dem Höhepunkt der traditionellen landwirtschaftlichen Nutzung der Alpen.“ 

Dieser Zeitraum dürfte zugleich einen historischen Tiefststand in der Waldbedeckung der Alpen markieren. Seit grob 150 Jahren ist die traditionelle Landwirtschaft im Alpenraum auf dem Rückzug. Die Auflassung von Almflächen ist dabei der entscheidende Treiber hinter den seit vielen Jahrzehnten zunehmenden Waldflächen, die heute bereits 48 Prozent der österreichischen Staatsfläche einnehmen. Während sie in ertragreicheren Lagen im Talbereich durch intensivere Formen der Landwirtschaft ersetzt wurden, tritt in den ertragsärmeren und schwerer zu bewirtschafteten Berglagen häufig das genaue Gegenteil ein: Die Flächen wer- den aufgegeben und verwalden. Beides wirkt sich negativ auf die Biodiversität aus. 

Nutzungsaufgabe und zu wenige Almtiere als größte Probleme 

Blickt man speziell auf die Almen, so sind sich die allermeisten Fachleute einig: die größte Bedrohung für die Biodiversität in diesem Bereich ist aus den oben genannten Gründen die Aufgabe der Almen. Aber auch für noch bewirtschaftete Almen existieren diesbezügliche Risiken. Auch wenn zum Teil die Überweidung durch vermeintlich zu viele Tiere genannt wird, ist Andreas Bohner von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein überzeugt: „Aus boden- und vegetationsökologischer Sicht müssen wir eigentlich mehr Vieh auftreiben. Von einer Überweidung sind wir insgesamt jedenfalls weit entfernt.“ 

Andreas Bohner begründet seine Aussage damit, dass zu geringe Auftriebszahlen dazu führen, dass auf den Almen vor allem die guten Futterflächen beweidet werden, während die schlechteren oder auch schwerer zugänglichen tendenziell zu wenige Tiere unterwegs sind. Dort droht dadurch eher die biodiversitätsschädliche Verbuschung der Flächen. Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass die Almen tendenziell zu wenig betreut werden. „Früher hat es erfahrene Hirten gegeben, die die Tiere überall herumgetrieben haben. Und die fehlen heute. Das ist ein Problem.“ 

Dass umgekehrt vor allem um die Almställe und Tränken herum, wo sich das Vieh besonders häufig aufhält, eine sehr intensive Nutzung stattfindet, sieht Bohner nicht als Problem. Eher im Gegenteil. „Eine Landschaft hat dann die maximale Biodiversität, wenn sie eine Vielzahl an unterschiedlichen Lebensräumen aufweist. Und dazu gehören auch kleinere Flächen, die man für sich genommen als überweidet und überdüngt bezeichnen würde. Problematisch wäre das nur, wenn es großflächig passiert. Das kommt hier und da zwar auch mal vor, aber das große Problem ist der Mangel an Almvieh.“ Stark gedüngte Teilflächen innerhalb einer extensiv bewirtschafteten Almlandschaft bilden demnach eigene, zusätzliche Lebensräume für spezielle Arten. „Die Kleine Brennnessel oder der Gelbstern wachsen auf Almen nur um die Hütte herum, wo der Boden nährstoffreich ist.“ 

Balkendiagramm zu Flächennutzung in Österreich: Agrarflächen schrumpfen, Siedlungen und Feuchtgebiete nehmen zu. © Land schafft Leben 2025
Balkendiagramm zu negativen Einflüssen der Landwirtschaft auf Lebensräume; Grünlandnutzungsende größter Faktor. © Land schafft Leben 2026

Entwurmungsmittel halten Almtiere gesund und schaden Insekten 

Ein Problem für einen Teil der Biodiversität können Entwurmungsmittel sein, mit deren Hilfe Almtiere vor Parasiten des Verdauungsapparats geschützt werden können. Bestimmte Würmer und Leberegel sind typische Weideparasiten. Ihre Larven sitzen zum Beispiel auf dem Weidegras und gelangen so in den Körper der Weidetiere. Ihren Wirten bescheren die Parasiten zum Beispiel Blutverlust oder Durchfall. Unbehandelte Tiere können durch Parasitenbefall im schlimmsten Fall verenden. Rinder sind in der Regel weniger stark betroffen als Schafe und Ziegen. Auch deshalb, weil Rinder nach einem Wurmbefall normalerweise eine Immunität entwickeln. 

Bestimmte Wirkstoffe können den Parasitenbefall lindern und sind nach der Anwendung einen Monat, manche auch länger aktiv. Über den Kot der Tiere werden sie nach und nach wieder ausgeschieden. Sofern die Entwurmung kurz vor oder während des Almsommers stattfindet, kann dies negative Folgen für solche Insekten haben, die vom Dung der Tiere leben. Dazu gehören etwa bestimmte Dungkäfer, Schmetterlinge oder Fliegen. Die Empfehlung lautet daher, Tiere nur nach einer Kotuntersuchung und bei einem tatsächlichen Befall, zu- dem mit spezifisch wirksamen und nicht mit Breitbandmitteln zu behandeln. 

Grundsätzlich stellt der Dung der Weidetiere eine wertvolle Nahrungsquelle für Insekten dar. 

Sollten Almen verwildern? 

Innerhalb der Naturschutzbewegung gibt es eine Strömung, die große Landflächen von Ein- griffen des Menschen befreien und wieder vollständig der Natur überlassen möchte – nicht nur weltweit, sondern auch innerhalb Europas. Durch ein solches „Rewilding“ („Rückverwilderung“) soll zum einen die heimische Tier- und Pflanzenwelt durch die Erweiterung ihrer Lebensräume profitieren. Zum anderen soll die Neuentstehung von echter Wildnis und das damit verbundene Pflanzenwachstum einen Beitrag zum globalen Klimaschutz leisten. Vor allem Bäume könnten demnach vermehrt Kohlenstoff einlagern und so der Atmosphäre entziehen. 

Der Rewilding-Ansatz geht damit weit über den herkömmlichen Naturschutz hinaus. In seinem Rahmen sollen nämlich vor allem noch intakte Landschaften wie etwa Flussauen oder Gebirgswälder geschützt werden. Ebenso grenzt sich das Rewilding von solchen Formen des Naturschutzes ab, bei der bestimmte Elemente der traditionellen Kulturlandschaft durch fort- geführte Bewirtschaftung erhalten bleiben sollen. Ein Beispiel dafür sind die Almen oder anderes traditionell bewirtschaftetes Grünland. 

Die in den Niederlanden ansässige Organisation „Rewilding Europe“ schreibt auf ihrer Webseite: „Durch die Wiederbelebung natürlicher Prozesse werden unsere Landschaften und Meeresgebiete auf dynamische Weise geformt. Es gibt kein vom Menschen definiertes optimales Stadium oder einen Endzustand. Die Natur bestimmt die Richtung.“64 Als Beispielregion für einen bis dato gelingenden Rückverwilderungs-Prozess nennt die Organisation etwa die südostfranzösische Region der Dauphiné-Alpen. Diese sei seit dem 19. Jahrhundert stark von Abwanderung betroffen, wodurch sich die Landwirtschaft meist auf die Tallagen zurückgezogen habe und die Hänge weitestgehend „der Natur zurückgegeben“ worden seien. „Die Dauphiné-Alpen beheimaten prächtig gedeihende Populationen von Rot- und Rehwild, Wildschweinen, Gämsen, Alpensteinböcken, Wölfen, Fischottern, Bibern und Murmeltieren, zudem sind alle vier europäischen Geierarten vertreten“, schreibt die Organisation. 

Der französische Zweig von Rewilding Europe will den Prozess weiter forcieren, etwa durch den Schutz sich selbst überlassener Wälder oder die Renaturierung von Flüssen. Gleichzeitig wird festgestellt, dass es in dem Gebiet noch zu wenige wilde Weidetiere gibt. Wörtlich heißt es: „Das bedeutet, dass es den verwilderten Wäldern in der Landschaft derzeit an natürlicher Beweidung durch große, freilebende Pflanzenfresser mangelt, die die biologische Vielfalt durch die Öffnung der Landschaft und die Verhinderung der Ausbreitung von Sträuchern verbessern kann.“ Durch die Aussetzung von halbwilden Pferderassen, wie Konik-Pferden oder etwa Galloway-Rindern soll dieser Zustand verbessert werden, wenn es nach den Vorstellungen der Organisation geht. 

Auch andere Vereinigungen setzen sich für das Rewilding ein. „Mountain Wilderness Schweiz“ etwa betont jedoch zugleich auch die Notwendigkeit, „die Kulturlandschaft mit ih- ren vielfältigen Lebensräumen und der dazugehörigen Artenvielfalt zu schützen.“ Die Organisation setzt sich aber dafür ein, „dass es daneben auch Räume gibt, in denen Prozesse frei und dynamisch ablaufen können, ohne dass der Mensch lenkend eingreift.“65 

 Auch die Umweltschutzorganisation „We Planet“ fordert in einem Positionspapier „die groß angelegte Wiederherstellung von Ökosystemen bis zu dem Punkt, an dem die Natur für sich selbst sorgen kann.“66 Allerdings gibt es auch hier eine Einschränkung im Bereich der Almen ein. Andreas Fellner, österreichischer We-Planet-Vertreter sagt: „Das Ökosystem der Almen lässt sich übergangsweise mit extensiver Nutztierhaltung wahrscheinlich besser schützen, da in den Alpen schon lange keine Wisente oder Auerochsen mehr vorkommen, die die Rolle der Nutztiere übernehmen könnten.“ Auch eine Wiederansiedlung dieser Großsäuger dürfte kaum realistisch sein und ist im Fall des ausgestorbenen Auerochsen unmöglich. „Wir werden daher derweil voraussichtlich nur ein begrenztes Alpen-Rewilding fordern“, sagt Andreas Fellner über die Ausrichtung der 2021 gegründeten Organisation. 

Grundsätzlich hält aber auch der Weltklimarat IPCC allgemein und mit globalem Bezug fest, dass in der „Wiederherstellung von Wäldern und anderen Ökosystemen“ großes Potenzial zur Eindämmung des Klimawandels steckt. Unter anderem könne demnach eine „nachhaltige landwirtschaftliche Intensivierung“ dabei helfen, „Flächen für Aufforstung und Ökosystemrestaurierung“67 freizusetzen. Damit ist gemeint, dass sich mit hohen Hektarerträgen der Landwirtschaft Flächen einsparen ließen, die dann wieder in natürliche Flächen umgewandelt werden könnten. 

Braucht Österreich mehr Wildnis? 

Reste von Wildnis gibt es auch in Österreich noch, zum Beispiel im Nationalpark Kalkalpen“. Der 1997 eingerichtete Nationalpark umfasst heute mehr als 20.000 Hektar Fläche und ist damit halb so groß wie das Gemeindegebiet der Bundeshauptstadt Wien. Rund drei Viertel der Parkfläche stehen als „eingriffsfreie Naturzone“ unter Schutz. Dazu gehören auch als Urwaldinseln bezeichnete Areale mit ihren Resten an ursprünglichen Wäldern. Diese waren von den umfangreichen Fällarbeiten verschont geblieben, die über Jahrhunderte hinweg in dem Gebiet stattfanden. Die älteste dort wachsende Buche ist laut Nationalpark-Webseite über 550 Jahre alt. 

Der Nationalpark beheimatet in den verschiedenen Buchenwaldtypen insgesamt mehr als 10.000 Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen. Dazu gehören etwa Luchse, Steinadler, Weißrückenspechte, Fledermäuse und viele mehr. Der Luchs ist einer der Profiteure der Wildnis. Das Tier ist nämlich auf große, geschlossene Wälder angewiesen, während die für viele andere Arten so wertvollen Offenlandbereiche ihn eher an der Ausbreitung hindern. Der Weißrückenspecht wiederum fühlt sich in ungenutzten Naturwälder deshalb wohl, weil er dort einen hohen Anteil an Totholz findet. In den am Boden liegenden Stämmen abgestorbener Bäume findet er seine Nahrung, die hauptsächlich aus Insekten besteht. 

Was, wenn die Idee der Rewilding-Bewegung, also die Neu-Etablierung von Wildnis, in Zukunft dort vonstattenginge, wo heute noch Almen zu finden sind? Bezogen auf die Biodiversität lässt sich grob zusammenfassen, dass davon zwar Tierarten profitieren könnten, die in störungsfreien Wäldern, wie jenen des Nationalparks Kalkalpen, ideale Bedingungen finden. 

Auf der anderen Seite würde die spezielle Artenvielfalt der Almen durch die mittel- und langfristige Etablierung dichter Waldbestände verloren gehen. Auch ihre Funktion als Lieferant heimischer Lebensmittel oder viele Formen der touristischen Nutzung wären auf diesen Flächen dann nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich. 

Auch Christian Pichler vom WWF Österreich wirft einen differenzierten Blick auf das Thema: 

„Generell gibt es in Österreich nur mehr wenige Gebiete, wo natürliche Prozesse selbständig ablaufen können“, stellt der Artenschutzexperte fest. „Es gibt aber Arten, die darauf angewiesen sind, dass ihre Lebensräume wenig oder nicht bewirtschaftet werden. Sie finden in diesen Gebieten ihre Rückzugsräume. Dazu gehören etwa Totholzkäfer oder der Habichtskauz, der seine Nisthöhlen in alten Bäumen findet und daher in Wildnisgebieten häufiger vorkommt. Anders verhält es sich etwa bei vielen Heuschrecken- und Schmetterlingsarten, die auf Wiesen und Weiden leben und wiederum von einer extensiven Bewirtschaftung profitieren.“ 

Heutige Rinder und Schafe übernehmen dabei die Rolle, die vor der Verbreitung der Landwirtschaft, jedenfalls in Tieflagen, von wild lebenden Pflanzenfressern wie Auerochsen, Wildpferden oder Wisenten erfüllt wurden: Indem sie den Bewuchs fressen, verhindern als Nebeneffekt die flächige Ausbreitung von Bäumen, erhalten Offenlandschaften und somit auch den Lebensraum von Heuschrecken, Schmetterlingen und zahlreichen anderen Arten. 

„Rein aus Sicht des Naturschutzes heißt das nicht, dass jede einzelne Alm erhalten werden muss. Aber es ist auch nicht Ziel, sämtliche Almen aufzulassen.“ 

Übrigens: Zum Nationalpark Kalkalpen gehören nicht nur jene Gebiete, in die der Mensch nicht mehr eingreift. Auch von Menschen einst durch Waldrodung erschaffene Almen gehören dazu. Laut Nationalpark nehmen sie sechs Prozent seiner Fläche ein und „bereichern die landschaftliche Vielfalt und die Biodiversität des Nationalparks in hohem Maße.“68 Auf den Almwiesen haben Expertinnen und Experten mehr als 800 Pflanzenarten entdeckt, was mehr als 80 Prozent der gesamten Pflanzenvielfalt des Nationalparks entspricht. 

Rund ein Prozent der Wälder Österreichs ist Naturwald 

Alternativ zur Umwandlung von Almen könnte zusätzliche Wildnis dort entstehen, wo sich heute schon Wälder befinden – jedenfalls in der Theorie. Wälder breiten sich in Österreich seit wahrscheinlich weit über 100 Jahren aus und bedecken heute 48 Prozent der Staatsfläche. Diese Ausbreitung erfolgt in erster Linie auf aufgegebenen Almflächen. Allerdings machen vollkommen sich selbst überlassene Naturwälder nur rund ein Prozent der Gesamtwaldfläche aus. 

Auch in Österreich gibt es daher die Forderung, mehr Wald der Natur zu überlassen und nicht mehr einzugreifen, sprich zu bewirtschaften. So könnten Bäume ihre natürliche Altersgrenze erreichen und nach ihrem Absterben in Form von Totholz etwa unterschiedlichen Insekten- arten und anderen Lebewesen Lebensraum und Nahrung bieten sowie die Gesamtmenge des gespeicherten Kohlstoffes erhöhen. Forstwirtschaftliche Interessen beziehungsweise die Funktion der Wälder als wichtiger Rohstofflieferant stehen diesem Ansatz entgegen. Ein weiteres Argument gegen die großflächige Umwandlung in Naturwald kommt aus den Forst- und Klimawissenschaften: Werden geerntete Bäume zu langlebigen Holzprodukten wie Möbel oder Fußböden verarbeitet, dann ist die in insgesamt der Atmosphäre entzogene Menge an CO2 im Vergleich zu einem Naturwald größer. Schließlich wächst an der Stelle des gefällten Baumes ein neuer, während das Holz des anderen im Möbel erhalten bleibt. Ein Wirtschaftswald sei demnach also besser fürs Klima als ein Naturwald. Dies gelte besonders dann, wenn Holz energieintensivere Materialien wie etwa Beton ersetze. 

Mehr Wald fürs Klima? 

Würde die weitere Wiederbewaldung ehemaliger Almen nicht dennoch dem Klimaschutz dienen, weil mehr Bäume auch mehr des wichtigsten Klimagases Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der Atmosphäre holen könnten? 

Der im Jahr 2024 erschienene APCC-Sonderreport69 „Landnutzung und Klimawandel in Österreich“, in dem mehrere Dutzend österreichische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Stand der Wissenschaft zusammengetragen haben, hält zu der Frage der Bewirtschaftungsaufgabe von Almweiden Folgendes fest: „Der Übergang von Almweide zu Wald geht mit einem vorübergehend starken Anstieg der Kohlenstoffspeicherung einher.“ 

Das liegt aber nicht etwa daran, dass Waldböden sehr viel mehr Kohlenstoff speichern würden. Auch Grünlandböden zeichnen sich oft durch hohe Humus- beziehungsweise Kohlenstoffgehalte aus. Durch die Ausbreitung des Waldes bleiben sie laut APCC- Sonderreport „weitgehend unverändert“. Weil aber dicke und meterhohe Baumstämme, salopp gesagt, mehr Kohlenstoff aufnehmen und binden als kurze, kleine Grashalme „nimmt der gebundene Kohlenstoff in der Baumbiomasse so lange zu, bis sich ein stabiler Kohlen- stoffbestand etabliert hat.“ Innerhalb weniger Jahrzehnte könnten durch die Verwaldung von Almflächen bis zu über hundert Tonnen CO2 pro Hektar der Atmosphäre entzogen und gespeichert werden. 

Wie Wald die Atmosphäre erwärmt 

Allerdings steht dieser positiven Klimawirkung der Waldausbreitung eine negative entgegen: Diese entsteht durch die Tatsache, dass Wälder die Erdoberfläche dunkler machen als dies Grünlandflächen tun. Dadurch reflektieren sie weniger Sonnenlicht zurück ins Weltall, die Atmosphäre erwärmt sich. In der Sprache der Wissenschaft erklärt es der Sonderreport so: 

„Mit der Bewaldung verändern sich allerdings auch die Oberflächenbeschaffenheit der Landschaft und deren Reflexionseigenschaften, wodurch die positiven Effekte auf die Strahlungsbilanz der Kohlenstoffsequestrierung in der Baumbiomasse teilweise, bzw. (...) vollständig verloren gehen können.“ 

An gleicher Stelle weist der Landnutzungs-Report zudem auf wissenschaftliche Ergebnisse hin, die zeigen, „dass aktiv bewirtschaftete Almweiden mehr CO2 aufnahmen als Weideflächen, welche seit 20 Jahren brach lagen.“ Dieser zumindest scheinbare Widerspruch zu den zuvor genannten Effekten eines Übergangs zu Wald ist mit ein Grund dafür, dass dieses Thema auch innerhalb der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird. 

Eher unstrittig ist allerdings eine weitere Aussage des Reports. Am Beginn der Ausführungen über die Almen heißt es: „Almen tragen maßgeblich zur Ästhetik des österreichischen Landschaftsbildes bei und erfüllen eine Reihe wichtiger Ökosystemleistungen zum Erhalt einer regional hochwertigen Landwirtschaft und einer hohen Artenvielfalt im alpinen Raum.“ 

Könnten Wildtiere die Almen offenhalten? 

Durch Almwirtschaft und Nutztiere offen gehaltene Flächen stellen ökologisch bedeutsame Lebensräume dar. Gleichzeitig profitieren etliche Tierarten aber auch von einer ganz der Natur überlassenen Wildnis. Wäre daher aus Naturschutzsicht nicht eine Kombination von beidem ideal? Oder, anders gefragt: Könnten Wildtiere wie Reh-, Rot- und Gamswild nicht Rinder, Schafe und Ziegen ersetzen und Almflächen auch nach Aufgabe der Landwirtschaft offenhalten? 

„Ich habe einmal eine Masterarbeit zu einer Alm im Nationalpark Gesäuse betreut, auf der gibt es kein Vieh mehr und trotzdem sind die Almflächen offen“, sagt Ökologe Andreas Bohner dazu. „Die Erklärung, die dort gefunden wurde, war, dass relativ viele Wildtiere unterwegs sind. Aber trotzdem muss uns klar sein, dass Wild unsere Nutztiere niemals großflächig ersetzen kann.“ Einer der schwerwiegendsten Gründe gegen diese Idee ist, dass der heute schon als hoch erachtete Wildbestand noch viel stärker wachsen müsste, sollte er dazu in der Lage sein, die heutigen Almflächen offenzuhalten. Gleichzeitig würde eine starke Vermehrung von Reh, Rothirsch und Co vor allem im Winter zu großen Waldschäden durch Wildverbiss führen. Finden die wilden Pflanzenfresser auf verschneiten Almwiesen nämlich kein Futter, dann nagen sie vermehrt die Rinde junger Bäume an. 

Bereits gegenwärtig erschwert das Wild die Ausbreitung von Baumarten wie Tanne, Bergahorn oder Eiche. Das sind Arten, die den Wald in Zeiten des Klimawandels widerstandsfähiger und fitter machen – im Gegensatz zu häufig vorkommenden Fichten-Monokulturen. Im österreichischen Landnutzungs-Report von 2024 nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daher „eine Absenkung des schädlichen Wildeinflusses“ und nicht dessen Erhöhung als Option zur Anpassung an den Klimawandel. Wörtlich heißt es im Sonderreport „Landnutzung und Klimawandel in Österreich“: „Auf einem Großteil der verjüngungsnotwendigen Waldfläche wird die Verjüngung von Baumarten, die für die Begründung zukunftsfähiger Wälder im Klimawandel erforderlich sind, durch Schalenwildeinfluss erschwert oder lokal bis regional unmöglich gemacht.“70 

Quellen

58 Zuna-Kratky et al. (2022): Veränderung von Insektenpopulationen in Österreich in den letz- ten 30 Jahren – Ursachen und ausgewählte Beispiele. Dokumentationsband, S. 48 

59 Zuna-Kratky et al. (2022): Veränderung von Insektenpopulationen in Österreich in den letz- ten 30 Jahren – Ursachen und ausgewählte Beispiele. Endbericht, S. 8 

60 Almwirtschaft Österreich, Ländliches Fortbildungsinstitut (2018): Fachunterlage Ökosys- tem Alm, Almwirtschaft und Jagd, S. 11 

61 unsere-almen.at: Dr. Susanne Aigner: Artenvielfalt ist auf Almen enorm (Zugriff: 14.10.2025)

62 Jaritz, G. & Burkart-Aicher, B. (2013): Almen aktivieren - Neue Wege für die Vielfalt. Pro- jektergebnisse und Empfehlungen. 

63 Umweltbundesamt (2000): Handbuch der FFH-Lebensraumtypen Österreichs 

64 rewildingeurope.com: Rewilding Principles (Zugriff: 21.07.2025) 

65 mountainwilderness.ch: Wildnis in der Schweiz (Zugriff: 21.07.2025) 

66 RePlanet (2022): Position Paper Rewilding 

67 IPCC (2023): Synthesebericht des 6. Sachstandsberichts, Zusammenfassung f. politische Entscheidungsträger, S. 29 

68 kalkalpen.at: Almen und Mähwiesen (Zugriff: 24.07.2025) 

69 Jandl et al. (2024): APCC Special Report: Landnutzung und Klimawandel in Österreich, S. 138–139 

70 Jandl et al. (2024): APCC Special Report: Landnutzung und Klimawandel in Österreich, S.