Was ist eine schöne Landschaft?
Der Aufenthalt im Grünen ist gut für Körper und Geist. Welche Landschaften wir dabei besonders gerne besuchen, hat wenig mit persönlichem Geschmack zu tun – viel dagegen mit der Geschichte des Menschen.
Die Landschaft ist – direkt oder indirekt – der mit Abstand wichtigste Grund dafür, dass Menschen nach Österreich in den Urlaub fahren. Aber was genau macht eine Landschaft überhaupt anziehend oder schön? Wie sollte die ideale Landschaft aussehen? Wäre eine sich selbst überlassene Wildnis nicht mindestens genauso heiß begehrt bei Erholungssuchenden wie die von Menschen gepflegte Kulturlandschaft, die in Österreich dominiert? Und beruhen unsere Vorlieben für bestimmte Landschaftsformen einfach nur auf persönlichem Geschmack oder steckt mehr dahinter?
Mit Fragen wie diesen beschäftigen sich auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU University). Institutsleiter Arne Arnberger kennt den Stand der Wissenschaft und nennt den typischen englischen Landschaftspark als wissenschaftlich gut belegte Idealform einer „schönen“ Landschaft. Solche künstlich angelegten Landschaftsparks kamen im England des 18. Jahrhunderts bei wohlhabenden Grundstücksbesitzern in Mode und bestehen aus dem reizvollen Wechsel von Grasflächen, Einzelbäumen, Baumgrüppchen, Waldrändern, Gewässern und minimaler Bebauung, etwa mit Steinbrücken, nachgeahmten Tempeln oder Pagoden, sprich mehrgeschossigen Holztürmen, wie sie aus Asien bekannt waren.
Solche und ähnliche Landschaften werden als „halboffen“ bezeichnet. Darunter ist eine Art Mittelweg zu verstehen: zwischen einem vollkommen dichten, also geschlossenen Waldgebiet und einer völlig offenen Landschaft, ohne jeden Baum- oder Strauchbewuchs.
Englische Landschaftsparks sind nicht natürlichen Ursprungs, lehnen sich aber an bestimmte Ausschnitte aus der Natur an. Der „Englische Garten“ als eine Art eingehegter und gepflegter Natur wurde an vielen Orten der Welt kopiert, nicht zuletzt im bekannten Englischen Garten in München. Auch der Lainzer Tiergarten oder der Prater in Wien folgen zum Teil ähnlichen Prinzipien. Genau wie die unzähligen kleineren Parks, wie sie in vielen Gemeinden zu finden sind. Der Englische Garten dient noch heute als ein Sinn- und Leitbild in der Gartenkunst.
Warum gelten halboffene Landschaften als schön?
Legt man Menschen im Rahmen wissenschaftlicher Studien Fotos von verschiedenen Landschaften vor, dann zeigt sich auch dabei regelmäßig die Vorliebe für halboffene Landschaften. Warum ist das so? Arne Arnberger verweist auf verschiedene Theorien, die die sogenannten Landschaftspräferenzen erklären können. Vereinfacht gesagt deuten diese Theorien darauf hin, dass uns vor allem solche Landschaftsbilder zusagen, die unseren Vorfahren in der afrikanischen Savanne vor hunderttausenden Jahren am ehesten Schutz und Nahrung gewährten und damit das eigene Überleben wahrscheinlicher machten.
Savannen sind weite, ebene Graslandschaften mit unterschiedlich dichtem Gehölzbewuchs. Sie bilden den Übergang zwischen Wüsten- und Regenwaldgebieten und sind etwa vom Norden Tansanias bis in den Süden Kenias zu finden. Dort, in Ostafrika, liegt die Wiege der Menschheit, wo die Gattung Mensch den aufrechten Gang erlernte.
In Kombination mit Wasser versprachen halboffene Urzeit-Landschaften auf der einen Seite Nahrung in Form von Wild, das erlegt werden konnte. Auf der anderen Seite boten sie eine gewisse Übersicht und zugleich Deckung und Schutz. Das Motto lautete: sehen, ohne gesehen zu werden. Das half beim Anschleichen an die Jagdbeute, aber auch, wenn sich die Menschen selbst verstecken mussten. Schließlich war der Homo sapiens, also unsere eigene Art, zu Beginn seiner Entwicklung nicht nur Jäger, sondern oft genug auch selbst Gejagter.
Diese landschaftlichen Vorlieben haben sich im Laufe der Evolution durchgesetzt und sind auch im Erbgut des modernen Menschen festgeschrieben. Aufgrund unseres Erbes können wir in der Regel also gar nicht anders, als abwechslungsreiche, kleinstrukturierte und halboffene Landschaften deutlich gegenüber monotonen Landschaften vorzuziehen.
Als besonders schön gelten heute Landschaften, die nicht nur ein Mosaik aus verschiedenen Nutzungsformen wie etwa Wald, Wiese, Weide oder Streuobstwiesen zeigen, sondern auch weitere menschengemachte oder natürliche Elemente und Formen. Dazu zählen beispielsweise Felsen, Hecken, Einzelbäume, Bachläufe, Hütten, Scheunen, Bienenhäuser, Fischteiche, Pfade, Wege und historisch gewachsene dörfliche Strukturen. Auch Spuren aus der Vergangenheit, wie Burgen oder Anzeichen aktueller Geschehnisse, wie ein Traktor bei der Arbeit und vieles, vieles mehr können für Abwechslung und Spannung in der Landschaft sorgen. Aber auch in Bezug auf solche Landschaftselemente kommt es laut Arne Arnberger auf das richtige Maß an: „Eine Landschaft darf weder zu komplex sein noch zu sehr ausgeräumt und monoton. Am besten bewertet werden daher historische Kulturlandschaften wie beispielsweise die Wachau oder die Almen.“
Eine rein „traktorgerechte“ Landschaft, wie Arnberger sie nennt, zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass die meisten Strukturen entfernt wurden, die im Zuge der Modernisierung der Landwirtschaft aus rein produktionstechnischer Sicht überflüssig geworden sind. Diese Art der „Flurbereinigung“ hat die einzelnen Parzellen größer werden lassen und aus einer Vielzahl an krummen und rundlichen Rändern wenige geradlinige gemacht. In solchen eher monotonen Landschaften lassen sich zwar Lebensmittel unter geringerem Energie- und Zeitaufwand und dadurch günstiger und klimaeffizienter produzieren. Ihr Wert für Freizeit und Erholung hat aber stark abgenommen, genau wie ihr ökologischer Wert. Wichtig zu verstehen ist allerdings, dass Traktoren keinen grundsätzlichen Widerspruch zu einer ökologisch wertvollen Landschaft darstellen. Zudem existieren in der Realität viele Abstufungen zwischen sehr monotonen, ausgeräumten und traditionellen, abwechslungsreichen Kulturlandschaften.
Kleinteilige Kulturlandschaft höher bewertet als dichter Wald
Die jedenfalls zum Teil sehr dichten Urwälder, die sich in der Naturlandschaft des heutigen Österreichs nach dem Ende der jüngsten Kaltzeit vor rund 12.000 Jahren etablierten, wären aus heutiger menschlicher Sicht kein Ideal. „Rein in Sachen Ästhetik wird eine kleingliedrige Kulturlandschaft höher bewertet als ein Urwald“, sagt BOKU-Forscher Arnberger. „Ein Urwald besteht aus mehreren Schichten mit Unterwuchs, Sträuchern und unterschiedlich hohen Bäumen. Er ist sehr dicht, außerdem liegt viel Totholz herum. Dadurch ist auch der Ausblick blockiert und der Urmensch in uns weiß nicht, ob hinter dem nächsten Busch der Säbelzahntiger sitzt oder nicht. Und deshalb haben wir instinktiv immer ein Problem mit dunklen, unübersichtlichen Umgebungen.“
Das heißt natürlich umgekehrt nicht, dass uns die Natur generell abschreckt oder kaltlässt. Im Gegenteil: Die Theorie der Biophilie, also der „Liebe zum Lebendigen“, geht davon aus, dass sich der Mensch aufgrund der Entwicklungsgeschichte seiner Art und dem damit verbundenen engen Naturkontakt grundsätzlich zu anderen Lebewesen hingezogen fühlt. Wer Kleinkinder dabei beobachtet, mit welcher Hingabe sie in Gartenerde nach Regenwürmern suchen oder am Wegesrand krabbelnde Tiere beobachten, der sieht den biophilen Charakter des Menschen bestätigt. Auch der Umstand, dass Tiere in Kinderliedern oder Märchen seit jeher eine zentrale Rolle spielen, Streichelzoos zu den beliebtesten Ausflugszielen für Familien mit Kleinkindern zählen und Haustiere sich ungebrochener Beliebtheit erfreuen, dürfte kein Zufall sein.
Zudem sind wir Menschen durchaus fasziniert von unberührter Wildnis wie dem tropischen Dschungel Südamerikas oder den tiefen Wäldern Nordamerikas, wie sie etwa in den Universum-Dokus im Fernsehen zu sehen sind. „Aber wenn man es genau betrachtet“, sagt Arne Arnberger, „dann ist auch die Universum-Kamera selten im dichten Wald unterwegs, sondern häufig an den offenen Flussläufen oder den Grünlandflächen, wo die Bisons weiden. Oder die Waldlandschaften werden vom Flugzeug aus von oben betrachtet.“ Insofern sei der Blick auf solche Wildnis-Gebiete durch eine Kamera etwas verfälscht. Durch den Kamera-Blick von oben wirken wahrscheinlich ähnliche Mechanismen wie beim Streben nach Aussichtspunkten während einer Wanderung: Die unten liegende Landschaft gefällt uns unter Umständen besser als in dem Moment, in dem wir uns mittendrin befinden.
So oder so lasst sich der Mensch von der Natur in ihren Bann ziehen. Und auch die menschengemachte Kulturlandschaft basiert schlussendlich auf dem, was in der Natur und durch die Naturkräfte entstanden ist. Im Gegensatz zur wilden, unberührten Natur steht die Kulturlandschaft aber für eine gezähmte und eben kultivierte Abwandlung der Natur, die Sicherheit und Geborgenheit gibt. Aus ihr heraus lassen sich Tiere, Pflanzen und andere Lebewesen bequem beobachten und erleben.
Was wir als schön und was eher als bedrohlich empfinden, ist also durch die menschliche Entwicklung und unsere Gene geprägt. Allerdings nicht ausschließlich.
Persönliche und kulturelle Prägung beeinflussen die Landschaftswahrnehmung
Auch persönliche Bedürfnisse und Erfahrungen, Bildung oder kulturelle Prägungen haben Einfluss auf die Wahrnehmung einer Landschaft oder bestimmter Landschaftselemente. Menschen können sich zum Beispiel mit dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind und den sie möglicherweise „Heimat“ nennen, besonders stark identifizieren. Wer etwa in der Norddeutschen Tiefebene lebt, kann das flache Land dort als schön empfinden, auch wenn er oder sie im Urlaub gerne etwas anderes ganz anderes sieht und erkundet und dazu in den ganz anders aussehenden Alpenraum reist.
Emotionale Bindung ist auch gegenüber Orten feststellbar, an denen Menschen ihren Hobbys oder anderen Bedürfnissen besonders gut nachgehen können. Sei es Skifahren, Wandern oder auf einer ganz bestimmten Sitzbank sitzen und ein Buch lesen.
Je nachdem, welche Art von Nutzen man persönlich hat oder wahrnimmt, kann die Bewertung einer Landschaft unterschiedlich ausfallen. Eine ortsansässige Landwirtin wird an größeren Getreidefeldern und einem produktionstechnisch nützlichen Landschaftsbild eher Gefallen finden als ein durchreisender Radfahrer, der abwechslungsreichere Landschaften bevorzugt. Jemand, der um den ökologischen Wert verlassener Industrie- oder Bahngelände weiß, kann solche verwilderten Gelände ansprechend finden, während andere Menschen diese abschätzig als nutzlose „Gstettn“ bezeichnen.
Universelle Präferenz für kleinräumige und abwechslungsreiche Landschaften
Und schließlich kann es sein, dass jüdisch-christlich geprägte Menschen eine Kirche in der Landschaft positiver bewerten als etwa ein Minarett als Symbol islamischer Religion. Genauso wird mittelalterlichen Burgen durch in Mitteleuropa aufgewachsene Urlauberinnen und Urlauber eher Nutzen und Wichtigkeit zugeschrieben als durch Menschen aus Asien.
Unter all diesen sich überlagernden Einflüssen schlummert aber stets die Präferenz für die kleinräumige, abwechslungsreiche, halboffene Landschaft, wie sie in Österreich durch die traditionelle Landwirtschaft geschaffen wurde. „Das Interessante ist, dass diese Landschafts- Präferenz allen Menschen gegeben ist, weil sie aus der Menschwerdung stammt“, sagt BOKU-Professor Arnberger. „Das können wir nicht verändern. Wenn wir die beiden anderen Dimensionen, das Soziale und das Individuelle, herausnehmen, dann haben alle Menschen im Prinzip eine sehr ähnliche Landschaftspräferenz.“
Warum lieben wir mysteriöse Landschaften und Aussichtspunkte? Überall auf der Welt steigen Menschen auf Türme, betreten Balkone und Terrassen, machen Halt am Rand der Höhenstraßen oder wandern und klettern auf die Gipfel von Bergen. Und was tun sie dort? Sie genießen die Aussicht. Aber warum genau tun wir das eigentlich? Worin liegt der offenbar unwiderstehliche Reiz des Nach-unten-Schauens?
Im Prinzip sind die Erklärungsmuster dieselben wie bei den generellen Vorlieben für die halb- offenen Landschaften: Unseren urmenschlichen Vorfahren und Verwandten haben Aussichtspunkte beim Überleben geholfen. Von oben konnten sie einen Überblick über potenziell neu zu besiedelnde Lebensräume bekommen. Sie entdeckten Wasserstellen, registrierten den Verlauf von Flüssen oder die Zugroute von Tierherden. Aufsteigender Rauch konnte sie vor möglicherweise feindlich gesinnten anderen Menschengruppen warnen.
Auch heute noch lassen sich bei Aussichtspunkten Menschengruppen beobachten, die sich angeregt darüber unterhalten, was sie in der Ferne zu erspähen glauben: bestimmte Ortschaften, markante Bauwerke, ferne Berggipfel oder Seen. Sich in einer Umgebung Orientierung zu verschaffen, ist ein urmenschliches Bedürfnis.
Wichtig zu wissen: Unterhalb der natürlichen Baumgrenze gäbe es in einer unberührten österreichischen Naturlandschaft ohne menschliche Aktivität beziehungsweise Landwirtschaft nur wenige Aussichtspunkte. Stattdessen wäre die Sicht an den meisten Stellen durch ein Dickicht aus Bäumen und Sträuchern verstellt. Fernblick gäbe es lediglich dort, wo Sturm, Feuer, Lawinen- oder Murenabgänge für Störungen im Waldbestand gesorgt haben oder wo Weidetiere diese offenhalten. Auch das ist ein Grund dafür, dass kleinteilige Kulturlandschaften häufig besser bewertet werden als mitteleuropäische Urwälder, die das Gros der potenziellen Naturlandschaften ausmachen.
Gewundene Wege besser als gerade
Es gibt einen weiteren Faktor, der die Attraktivität einer Landschaft erhöhen kann: Arne Arnberger bezeichnet diesen Faktor als „Mysteriösität“ und beschreibt ihn so: „Mysteriösität führt dazu, dass einen eine Landschaft gewissermaßen in sich hineinzieht, sodass man immer weiter gehen und um die nächste Ecke schauen will.“ Mysteriös können etwa sich windende Pfade wirken, die hinter dem nächsten Busch oder Felsen verschwinden. Oder Ruinen, verfallene Stadln (Scheunen), auffällige Steinformationen, Tierspuren und schlicht alles, was die Fantasie beflügeln kann. Manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Landschaftsrätseln“, also Entdeckungen, die Fragen aufwerfen: Was genau sehe ich dort? Wozu wird das gebraucht? Was mag sich hier einmal abgespielt haben? Welches Tier oder welche Menschen haben hier ihre Spuren hinterlassen?
Besonders reizvoll: Die Alpen zwischen Kulturlandschaft und wilder Natur
Im Alpenraum ist es nicht die Kulturlandschaft allein, die die besonders hohe Anziehungs- kraft ausstrahlt. Vielmehr ist es laut Tourismus-Forscherin Theresa Mitterer-Leitner das unmittelbare Nebeneinander zwischen Kulturlandschaft und rauer Bergwelt. Sie weist darauf hin, dass die Höhenlagen der Alpen die meisten Menschen noch bis ins 18. Jahrhundert hinein eher abschreckten. Fels und Eis seien vor allem als unwirtlich und sogar bedrohlich wahrgenommen worden.
Das änderte sich erst mit dem wachsenden Interesse an den Naturwissenschaften und dem technischen Fortschritt. Erste Forschungsreisende und Bergsteiger schrieben Reiseberichte, die in den Städten mit großer Faszination gelesen worden seien. In einem Artikel10 schreibt die Wissenschaftlerin: „Die dadurch inspirierten Werke der reisenden Dichter und Maler des späten 18. und 19. Jahrhunderts zeigen, dass nicht nur die wilde Berglandschaft begeisterte, sondern dass gerade der Kontrast zwischen rauen Bergen und einer sanften, harmonisch anmutenden Kulturlandschaft mit Nutztieren und Hütten besonders anziehend war.“
Als im Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert schließlich Massen von Menschen vom Land in die Städte zogen, um in Fabriken zu arbeiten, etablierte sich das Motiv der vermeintlichen alpenländischen Idylle vollständig und besteht bis heute. „Die Abbildung der einfachen Lebensweise der Bewohner im Einklang mit der Natur wurde zu einer idealisierten und begehrten Gegenwelt zu den zunehmend industrialisierten Städten Europas“, schreibt Theresa Mitterer-Leitner in erwähntem Artikel.
Wie hat die Landwirtschaft den frühen Blick auf die Berge ermöglicht?
Angenommen, die frühen Dichter und Maler hätten sich nicht speziell für den Kontrast aus Kulturlandschaft und schroffer Wildnis interessiert, sondern allein für letzteres, allein für die unberührte Natur. Selbst dann wäre der Kulturlandschaft und somit der Landwirtschaft eine zentrale Rolle zugekommen. Denn ohne sie wäre auch die Wildnis weitgehend unsichtbar beziehungsweise kaum erlebbar geblieben.
Auf diesen Zusammenhang weist auch Alpenforscher Werner Bätzing hin: „Die Alpen wären von Natur aus ein dunkles, relativ finsteres Waldgebirge und bis in Höhen von 2000, teilweise bis zu 2300 Metern komplett mit Wald bedeckt. Waldfreie Fläche gab es nur an wenigen Stellen, etwa in Rinnen, wo regelmäßiger Steinschlag oder Lawinen Bäume verhindern.“ Auch unten im Tal seien lediglich jene Auen-Bereiche waldfrei geblieben, wo die frei hin- und herpendelnden Alpenflüsse immer wieder Sandbänke aufgeworfen haben. „Aber links und rechts stand der Auwald“, so Bätzing.
Diese nahezu vollständige Bedeckung mit Wald ist aus heutiger Sicht nur noch schwer vorstellbar. Aber sie hatte große Auswirkungen. Nicht nur auf die Zusammensetzung der hier beheimateten Tier- und Pflanzenarten. Wald in Reinform hätte auch enormen Einfluss auf die ästhetische Wirkung der Alpenlandschaften.
Das liegt zum einen daran, dass „Wald die Unterschiede des Untergrunds nivelliert“, wie es Werner Bätzing formuliert. Das heißt: Sämtliche Unebenheiten im Gelände werden optisch einander angeglichen. Etwa solche, wie sie die Gletscher der vergangenen Eiszeit in Form von unterschiedlich mächtigen Schutt- und Geröllbergen (Moränen) hinterlassen haben. „Wenn ein Wald auf solchen Flächen wächst, homogenisiert er das Ganze. Das Mikrorelief ver- schwindet im Wald und der Wald sieht sehr einheitlich aus. In einem solchen Waldgebirge haben wir eine sehr geringe landschaftliche Vielfalt und Kleinräumigkeit.“
Die Folge: Für das menschliche Auge wäre der Anblick naturbelassener Alpen vergleichs- weise langweilig. Theoretisch blieben dann zwar immer noch die majestätisch wirkenden Bergmassive aus Fels und Eis, die die natürliche Baumgrenze weit überragen. Aber: „Wenn man unten im Tal steht, dann kann man normalerweise nicht die Gipfel sehen, weil man ja mitten im Wald steht.“
Dies ist eine der Erklärungen dafür, warum auch schon die Anfänge des Alpentourismus ohne das Wirken der Landwirtschaft schwer denkbar sind. Bäuerinnen und Bauern haben – neben dem Bergbau – über unzählige Generationen hinweg Schneisen in den Urwald geschlagen, die Landschaft und damit auch den Blick auf die Berge geöffnet und so eine abwechslungs- reiche und kleinräumige Kulturlandschaft geschaffen. Diese ergab im Zusammenspiel mit den Resten wilder Natur den ästhetischen Reiz in den Augen der ersten „Influencer“, die das Bild der Alpen in alle Welt getragen haben.
Übrigens: Auch die Gipfelregionen selbst wurden durch die Landwirtschaft leichter zugänglich. Wie die Almen diesbezüglich als Trittbrett fungiert haben, liest du hier.
Mehr zu den Anfängen des Tourismus im Alpenraum findest du hier.
Zusammengefasst: Was macht eine Landschaft schön?
Halboffenheit: ein Mix aus Wald und offenen Flächen mit unterschiedlichen Bewuchs- formen
Abwechslung: ausreichend, aber nicht zu viele sich abwechselnde Landschaftselemente, kleinteilige Landschaftsmosaike
Mysteriösität: geschlungene Pfade und „Landschaftsrätsel“
Nützlichkeit: wenn man persönliche oder berufliche Ziele verwirklichen kann
Kulturelle Prägung: was man kennt und auch Mitmenschen als schön oder wichtig erachten
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Wirken (Kultur-)Landschaften gesundheitsfördernd?
Körperlich aktiv zu sein, ist gesund. Auch der reine Aufenthalt im Freien ist mit einer Reihe positiver Wirkungen auf den menschlichen Körper verbunden. Allerdings gilt beides nur innerhalb eines gewissen Rahmens. Bei extremer körperlicher Anstrengung, beispielsweise in Verbindung mit Höhenluft oder im Rahmen sogenannter Extremsportarten, können die Risiken den Nutzen überwiegen. Auch der Aufenthalt im Freien kann unter bestimmten Umständen gesundheitliche Schäden verursachen, zum Beispiel durch ungeschütztes und langes Sonnenbaden oder durch Unterkühlung.
Dennoch gilt grundsätzlich, dass der menschliche Körper sowohl für moderate Bewegung als auch für das Draußen-Sein geschaffen ist. Unsere viele hunderttausend Jahre dauernde Entwicklungsgeschichte als Jäger und Sammler war durch die Kombination aus beidem geprägt: Als „Steppenläufer“ durchstreiften unsere Vorfahren die afrikanische Savanne, um zu jagen und essbare Pflanzen zu sammeln. Ihr Leben bestand wesentlich aus Bewegung im Freien.
Wissenschaftliche Studien, die mögliche Unterschiede zwischen Bewegung drinnen oder draußen untersuchen, kommen zwar nicht zu einheitlichen Ergebnissen, und die rein körperlichen Effekte einer Sporteinheit sind möglicherweise dieselben, unabhängig davon, wo sie stattfinden. Einiges spricht aber zumindest für mentale Vorteile von Bewegung an der frischen Luft. Dazu gehören mehr subjektiv empfundene Freude an der Bewegung, eine bessere Wirkung bei Stressreduktion und Stimmungsverbesserung sowie größere Motivation, den Sport zu wiederholen.
Wie viel Bewegung ist gesund?
Grundsätzlich gilt der gesundheitliche Nutzen körperlicher Aktivität an sich in der Wissenschaft als unbestritten und dürfte sich in weiten Teilen der Bevölkerung herumgesprochen haben. Was weniger bekannt ist: Es gibt sogar „offizielle“ Bewegungs-Empfehlungen. Vergleichbar mit jenen für eine gesunde Ernährung gibt es auch die „Österreichischen Empfehlungen für eine gesundheitswirksame Bewegung"11. Sie wurden im Auftrag des Fonds Gesundes Österreich erarbeitet. Darin heißt es: „Erwachsene sollten jede Gelegenheit nutzen, körperlich aktiv zu sein. Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung, weil der Wechsel vom Zustand ,körperlich inaktiv‘ zum Zustand ,geringfügig körperlich aktiv‘ ein wichtiger erster Schritt ist.“
Konkret legen die Empfehlungen erwachsenen Menschen nahe, sich jede Woche zumindest zweieinhalb Stunden mit mittlerer oder eineinviertel Stunden mit höherer Intensität zu bewegen. Idealerweise sollte sich die Bewegung über möglichst viele Wochentage verteilen und pro Einheit zumindest zehn Minuten dauern. Wer sich mehr als das bewegt, der darf mit einem „zusätzlichen und weiter reichenden gesundheitlichen Nutzen“ rechnen.
Kleinteilige Kulturlandschaften wirken erholsam und sind gut gegen Stress
Aber was passiert, wenn wir nach draußen gehen und Asphalt, Beton und Verkehrslärm hinter uns lassen? „Wir können schon davon ausgehen, dass der Aufenthalt im Grünen einen positiven Effekt auf unsere Gesundheit hat“, sagt Landschaftsforscher Arne Arnberger von der BOKU. Er und seine weltweite Kollegenschaft untersuchen mittels verschiedener wissenschaftlicher Methoden die Effekte von Landschaften auf Menschen, die sie besuchen, bewohnen oder einfach nur betrachten. Dabei sollen Probandinnen und Probanden mal ihnen im Labor vorgelegte Fotos beurteilen, mal geht es hinaus, um unterschiedliche ländliche und städtische Umgebungen vor Ort zu testen und zu vergleichen. „Wenn wir mit Personen raus ins Grüne gehen und Messungen der mentalen Gesundheit machen, dann sehen wir nahezu immer positive Effekte“, stellt Arne Arnberger fest.
Beispiel: Naturpark Geras im nördlichen Waldviertel. Hier schickten Arnberger und seine drei Kolleginnen Beatrix Schiesser, Claudia Weidl und Renate Eder 27 Menschen auf drei unterschiedliche, rund zwei Kilometer lange und 90 Minuten andauernde Spaziergänge. Einer dieser absolvierten Spaziergänge führte durch einen Laub-, einer durch einen Nadelwald und ein dritter durch Offenland, bestehend aus Ackerflächen und den für das nördliche Waldviertel charakteristischen Karpfenteichen. Jeweils am Beginn, in der Mitte und am Ende des Spaziergangs führten die Forschenden bestimmte Messungen auf emotionaler, physischer und kognitiver, sprich verstandesmäßiger Ebene durch.
Beispielsweise mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer Skala von eins bis fünf angeben, wie sehr sie sich gerade frisch, missmutig, ärgerlich, locker oder gelöst fühlten. Auf ähnliche Weise wurden weitere Aspekte des subjektiven Wohlempfindens sowie die Wahrnehmung der Landschaften abgefragt. Eine Aussage über die Konzentrationsfähigkeit erlaubten zudem kurze mathematische Aufgaben, in deren Rahmen unter Zeitdruck mehrfach die Quersumme aus zehn einstelligen Zahlen gebildet werden musste. Puls- und Blutdruckmessungen rundeten das Bild ab.
Das Ergebnis der im Jahr 2021 im Auftrag des Bundesforschungszentrums für Wald (BfW) veröffentlichten Studie12: Alle drei durchwanderten Landschaften zeigten positive Effekte auf das Wohlbefinden, führten zu einer Reduktion des selbst wahrgenommenen Stresslevels und verliehen den spazierenden Menschen das Gefühl, sich besser konzentrieren zu können. Eine signifikant verbesserte Konzentrationsfähigkeit bestätigte sich auch mittels objektiver Messung durch die Rechenaufgaben. Dabei zeigte die Laubwaldroute in fast allen genannten Kategorien die besten Ergebnisse. Die objektiv gemessene Konzentrationsfähigkeit steigerte sich dagegen am stärksten im Nadelwald.
Aber ist es nicht vielleicht der Spaziergang selbst, der unabhängig von der Umgebung all diese positiven Effekte zeigt? Schließlich weiß man, wie oben beschrieben, dass körperliche Aktivität so oder so gut für uns ist.
Städte in Sachen Erholung negativ bewertet
Eine Antwort gibt eine ähnliche frühere Studie13, an der Arne Arnberger beteiligt war. Dabei wurden 44 Personen auf fünf unterschiedliche 45-minütige Spaziergänge geschickt. Vier führten durch jeweils verschiedene Kulturlandschaftstypen innerhalb des UNESCO- Biosphärenparks Wiener Wald und einer über die Laxenburger Straße mitten in Wien. Das Ergebnis der Befragungen war eindeutig: Fast alle Probandinnen und Probanden gaben an, sich in der Stadt „am wenigsten erholt“ zu haben. Die beste Erholungswirkung zeigte dagegen ein Spaziergang über eine Wiese, gefolgt von einem Waldspaziergang.
An erster Stelle stand die Wiese auch bei der Frage nach dem persönlichen Gefallen einer Landschaft, während die Stadt im Mittel „eher nicht bis überhaupt nicht“ gefallen hat. Auch bei anderen Parametern wie „Stressabbau“, „Wiederherstellung der Konzentrationsfähigkeit“ oder „Eignung zur Erholung“ belegte die Wiese den Spitzenplatz, während die Stadt als einziger Aufenthaltsraum durchgehend negativ bewertet wurde.
Wichtig ist dabei allerdings auch: Nicht alle Menschen ticken genau gleich, daher rufen bestimmte Landschaften auch unterschiedliche Reaktionen hervor. „So hat sich zwar die Hälfte der ProbandInnen in der Wiese am besten erholt, jedoch standen bei den übrigen TeilnehmerInnen der Wald, der Weingarten oder der Waldbach an erster Stelle der persönlichen Erholungswirkung“, heißt es beispielhaft im Resümee des Forschungsberichts.
Einzelstudien wie die beschriebenen lassen für sich allein zwar keine endgültigen oder gar allgemeingültigen Aussagen zu. Viel spricht allerdings dafür, dass die menschliche Psyche vom Besuch unterschiedlicher Landschaftstypen profitiert, erst recht im Vergleich zu städtischen Umgebungen.
Kann ein Spaziergang im Grünen Depressionen lindern?
Auch die internationale Forschung liefert spannende Ergebnisse zu den unterschiedlichen Wirkungen eines Aufenthalts im Grünen verglichen mit der Stadt. Besonders relevant ist dies auch aufgrund der Tatsache, dass noch nie so viele Menschen in so großem Abstand zur „Natur“ beziehungsweise zu ländlichen Gegenden gelebt haben. Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, wobei dieser Anteil bis 2050 voraussichtlich auf 70 Prozent anwachsen wird. In Österreich waren es laut der Datenwebseite Our World in Data im Jahr 2023 bereits 60 Prozent der Menschen, die in städtischen Gebieten lebten. Diese fortschreitende globale Verstädterung geht einher mit einem erhöhten Maß an psychischen Erkrankungen, zu denen unter anderem Angststörungen und Depressionen zu zählen sind. Wodurch genau diese allerdings hervorgerufen werden, ist bislang weitgehend unbekannt. Die Wissenschaft geht aber davon aus, dass mehrere Ursachen eine Rolle spielen.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung untersuchte ein Forschungsteam der berühmten Universität von Stanford in Kalifornien (USA) einen der möglichen Wirkmechanismen, genauer gesagt den Einfluss von Naturerfahrungen auf das Grübeln. Grübeln wird in der Studie als „schädliches Verhaltensmuster selbstbezogener Gedanken“ bezeichnet. Wer häufig in negativen Gedankenschleifen festhängt, sei es aus Sorge um den Arbeitsplatz, die Gesundheit, aufgrund von Beziehungsproblemen oder anderem, der trägt ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Ähnliches. Das Standford-Team schickte 38 gesunde Versuchspersonen ohne mentale Auffälligkeiten auf je einen von zwei unterschiedlichen, 90 Minuten andauernden Spaziergängen.
Der „Naturspaziergang“ führte in einer rund fünf Kilometer langen Schleife durch offenes Grünland mit verstreuten Eichen und Sträuchern, weitgehend entfernt von Straßen- und Stadtlärm. Der Routenverlauf bot Ausblicke auf umliegende Hügel sowie die entfernt liegende Bucht von San Francisco. Er war außerdem frei von Autos, Fahrrädern und Hunden. Nur etwa zehn Prozent der Fläche im Umkreis von 50 Metern um den Pfad waren mit Asphalt oder ähnlichem versiegelt.
Der „Stadtspaziergang“ führte die Probandinnen und Probanden hingegen auf gleicher Distanz entlang einer Hauptverkehrsstraße von Palo Alto mit drei bis vier Fahrbahnen in beiden Richtungen und hohem Verkehrsaufkommen. Die Umgebung war stark bebaut mit Geschäften, Motels und Imbissen. Rund 76 Prozent der Fläche im jeweiligen 50-Meter-Umkreis waren versiegelt.
Das Ergebnis der Studie14 wurde 2015 im renommierten US-amerikanischen Wissenschafts- Journal PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences) veröffentlicht. Anhand spezieller, von den Versuchspersonen ausgefüllter Fragebögen zeigte sich ein deutlicher Rückgang des Grübelns nach dem Naturspaziergang. Sogar noch stärker konnte der Effekt anhand von Gehirn-Scans gemessen werden. Sie zeigten eine erheblich geringere Durchblutung jenes Hirnbereichs, der während des Grübelns aktiv ist. Da wiederholtes Grübeln, wie erwähnt, mit einem erhöhten Risiko von psychischen Erkrankungen einhergeht, bestärkt das Experiment aus wissenschaftlicher Sicht die zuvor gehegte Vermutung: Mangelnder Zugang zu naturnahen Gegenden und offenen Landschaften scheint das Risiko für Depressionen und andere mentale Leiden zu vergrößern.
Wirken Landschaften womöglich sogar schmerzlindernd?
Eine Anfang 2025 im renommierten Nature-Verlag veröffentlichte Studie fasst den Stand der bisherigen Forschung zum Zusammenhang zwischen Naturerfahrungen und menschlichem Befinden wie folgt zusammen:
„Natürliche Umgebungen wie Parks, Wälder, Küsten und ihre Bestandteile, einschließlich Pflanzen, Sonnenuntergänge und natürliche Geräuschkulissen, können eine Reihe von Gesundheitsfaktoren unterstützen und das Wohlbefinden fördern. Menschen, die in grüneren Gegenden leben, reagieren tendenziell weniger stark auf Belastungen und haben langfristig eine bessere psychische Gesundheit. Regelmäßige Naturbesucher berichten über weniger negative und ausgeprägtere positive emotionale Zustände. Und selbst kurze experimentelle Naturexpositionen können sich positiv auf subjektive und neuronale (auf das Gehirn bezogene, Anmerkung) Indikatoren des Wohlbefindens auswirken.“15
Laut Max Steininger von der Uni Wien, Erstautor der Studie, gebe es für die Annahme, dass sich Natur positiv auf die menschliche Gesundheit auswirkt, „sehr viele bestätigende Studienergebnisse“. Steininger forscht am Übergang zwischen Neurowissenschaften und Umweltpsychologie. Er möchte unter anderem herausfinden, wie genau die Umwelt auf das menschliche Nervensystem wirkt. Die Wirkmechanismen bestimmter Landschaften oder deren Elemente seien längst nicht exakt geklärt. Bei vielen Einflüssen dient die Landschaft womöglich vor allem als Bühne für gesundheitsförderliche Aktivitäten, nicht als eigentlicher Auslöser positiver Wirkungen. „Die potenziellen Wirkmechanismen sind vielfältig und reichen von mehr Bewegung, über mehr Sozialkontakt bis hin zu besserer Luftqualität oder der Wirkung von Sonne.“
Aber auch ganz ohne Bewegung, Kontakt zu anderen Menschen, frische Luft und gesundes Sonnenlicht könnte Landschaft wirken. Womöglich genügt allein der Anblick einer grünen Umgebung, um sogar Schmerzen zu lindern. Darauf deutet jedenfalls das Experiment hin, das Steininger und sein Team im Rahmen der erwähnten Studie durchgeführt haben. Dabei wurden Menschen im Forschungslabor mittels elektrischem Strom leichten schmerzhaften Erfahrungen ausgesetzt, während sie je drei unterschiedliche virtuelle Szenen betrachteten: mal eine Naturlandschaft mit einem See, mal einen umbauten See innerhalb einer Stadt und schließlich eine Büro-Umgebung mit Schreibtisch und Computer. Unterlegt waren die Szenen mit den dafür typischen Geräuschkulissen inklusive Vogelzwitschern, hupenden Autos oder Computersurren. Gleichzeitig wurde die Reaktion des Gehirns mittels Magnetresonanztomografie (MRT) gemessen.
Das Ergebnis offenbarte signifikante Unterschiede in puncto Schmerzempfinden: Bei Betrachtung der natürlichen Umgebung berichteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von geringeren Schmerzen im Vergleich zur bebauten Szenerie und der Büroumgebung. Die Wirkung zeigte sich aber nicht nur in den subjektiven Antworten der Versuchspersonen, sondern auch in den entsprechenden Reaktionen ihres Gehirns. Das heißt, der Anblick der natürlichen Umgebung bewirkte konkret messbare Veränderungen der Signalverarbeitung und damit: Schmerzlinderung. „Die Veränderung der sensorischen Wahrnehmung, die wir im Gehirn messen konnten, lassen sich am ehesten mit Ablenkungseffekten erklären“, erläutert Max Steininger.
Dass natürliche Umgebungen besonders gut für die Erholung eines gestressten und ermüdeten Geistes seien, besagt schon die innerhalb der Wissenschaft weit verbreitete sogenannte Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie. Demnach kann „Natur“ die menschliche Aufmerksamkeit auf angenehme und gleichzeitig entspannende Weise auf sich ziehen, dadurch von unangenehmen Dingen ablenken und so für Erholung sorgen. Womöglich kann dies auch das verminderte Schmerzempfinden erklären. Allerdings sei weitere Forschung notwendig, um diese Interpretation der Zusammenhänge zu bestätigen.
Laut Studienautor Steininger wurde der Begriff „Natur“ im Rahmen der Studie nicht näher definiert. Damit lässt das Studienergebnis offen, ob die gemessene Schmerzlinderung durch Kulturlandschaften genauso wie durch unberührte Wildnis, also echte Natur im Sinne dieses Reports, ausgelöst werden kann. „Welche spezifischen Aspekte oder natürlichen Umgebungen hier von besonderer Relevanz sind, bleibt noch völlig offen“, gibt Steininger zu bedenken. Die in der Studie verwendete „Natur“-Videoszene entspricht allerdings durchaus einer Landschaft, wie sie durch Nutzung und Pflege zustande kommen, bzw. erhalten werden kann, sprich einer traditionellen Kulturlandschaft.
Fazit
Den Aufenthalt in unterschiedlich geprägten (Kultur-)Landschaften, zumal in Verbindung mit körperlicher Betätigung oder Sozialkontakten, bringt die Wissenschaft mit allerlei positiven Wirkungen auf das menschliche Wohlbefinden in Verbindung. Eigenschaften wie Kleinstrukturiertheit, Abwechslungsreichtum, Offenheit und Aussichtsreichtum bringen da- bei Vorteile gegenüber monotonen und eher düsteren Landschaftsbildern.
Die Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie
Menschen können sich besonders gut von mentaler Anstrengung und Ermüdung erholen, wenn sie Zeit in der „Natur“ verbringen oder auch nur Szenen aus der Natur betrachten. Das besagt die Theorie über die Wiederherstellung der Aufmerksamkeit oder Aufmerksamkeits- Erholungs-Theorie (engl.: Attention Restoration Theory, ART). Die innerhalb der Wissenschaft einflussreiche und viel zitierte Theorie wurde vom Psychologen-Ehepaar Rachel und Stephen Kaplan Ende der 1980-er, Anfang der 1990-er Jahre aufgestellt. Bereits zuvor war man in der Psychologie davon ausgegangen, dass es zwei verschiedene Arten von Aufmerksamkeit gibt.
Bei der gerichteten Aufmerksamkeit konzentriert sich der Mensch bewusst und willentlich auf eine bestimmte Aufgabe bzw. einen Reiz, wie etwa beim Lernen oder Arbeiten. Da die Konzentrationsfähigkeit des Gehirns aber begrenzt ist, wirkt die gerichtete Aufmerksamkeit mit der Zeit ermüdend, man wird leichter ablenkbar und neigt zu Reizbarkeit. Als beispielhafte Situation, in der ein Zustand der Aufmerksamkeitsermüdung eintreten kann, wird häufig das Ausfüllen der Steuererklärung genannt, während im Hintergrund die eigenen Kinder zu hören sind, die im Garten spielen.
Ganz anders bei der ungerichteten Aufmerksamkeit, auch als Faszination bezeichnet. In diesem Zustand widmen wir uns einer Sache automatisch und mühelos, es bedarf keiner willentlichen Konzentrations-Anstrengung. Stattdessen werden wir wie von selbst in etwas „hineingezogen“, während unser Gehirn sich erholen und gewissermaßen seine „Akkus“ wie- der aufladen kann. Laut der Theorie der Kaplans wird der Zustand der ungerichteten Aufmerksamkeit durch naturnahe Umgebungen stark begünstigt. Rachel Kaplan fand in einer eigenen Studie zum Beispiel heraus, dass in einem Büro arbeitende Menschen ihren Beruf mehr mochten sowie gesünder und zufriedener waren, wenn sie durch das Bürofenster eine Aussicht ins Grüne hatten.
Der Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie zufolge sind es vor allem vier Schlüsselkomponenten, die eine Umgebung erholsam machen:
Being away: Wörtlich übersetzt mit „weg sein“ erlaubt es diese Komponente einer Landschaft, dem Alltag zu entfliehen und seine Gedanken von den täglichen Sorgen und Anforderungen zu entkoppeln. „Idyllische“ Orte wie das Meer, die Berge, Seen, Flüsse oder Wiesen seien dafür besonders geeignet.
Soft fascinations: Natürliche Umgebungen sind reich an faszinierenden Objekten und Prozessen, die von vielen Menschen als fesselnd empfunden werden. In der Theorie werden manche davon als „sanfte Faszinationen“ charakterisiert, wie zum Beispiel Wolken, Sonnenuntergänge, Muster in einer Schneedecke oder die Bewegung von Blättern im Wind. Derartige Vorgänge ziehen uns „auf undramatische Weise“ in ihren Bann. Ihnen lässt sich mühelose Aufmerksamkeit schenken, wodurch reichlich Möglichkeiten entstehen, über andere Dinge nachzudenken.
Extent: Bei der Eigenschaft „Ausdehnung“ geht es darum, dass eine Umgebung das Gefühl ermöglicht, vollkommen eingetaucht und mit der Umwelt verbunden zu sein. Dazu muss man die Landschaft zwar nicht zuvor schon einmal besucht haben, sie sollte einem aber irgendwie bekannt vorkommen oder bekannten Orten ähneln und jedenfalls keine ungewöhnlichen oder unerwarteten Merkmale aufweisen. Unter solchen Umständen kann der Aufenthalt in einer solchen Umgebung komfortabel, behaglich und entspannend wirken.
Compatibility: Eine Umgebung sollte zu den Erholungswünschen und Wertvorstellungen der jeweiligen Besucherin bzw. des Besuchers passen, also „kompatibel“ sein. Das kann etwa bedeuten, dass man seiner Lieblingssportart dort gut nachgehen kann oder das Interesse an Geschichte und historischen Hinterlassenschaften angesprochen wird. Der Aufenthalt sollte aufgrund eigener Motivation und nicht aufgrund äußerer Zwänge erfolgen.16 17
Als eines der wichtigsten Werke des Ehepaars Kaplan wird das 1989 erschienene Buch „The Experience of Nature: A Psychological Perspective“ betrachtet. Rachel und Stephen Kaplan untersuchen darin ausführlich die psychologische Rolle der Natur. Mit ihrer Forschung haben die beiden laut der US-amerikanischen Psychologenvereinigung APA „eine ganze Generation von Umweltpsychologen beeinflusst.“
Können Kulturlandschaften ein Gefühl von „Heimat“ fördern?
Kulturlandschaften haben aus Sicht des Geografen und Alpenforschers Werner Bätzing noch eine weitere, eher selten thematisierte Funktion bzw. Eigenschaft. Wobei sich der Wissenschaftler nach eigener Aussage darüber wundert, „dass darüber heute überhaupt nicht gesprochen wird“. Bätzing möchte daher die Tatsache in den Fokus rücken, dass Kulturlandschaften von den darin lebenden und arbeitenden Menschen geschaffen und gestaltet werden. Dies führe nach seiner Beobachtung zu einem Gefühl der Bindung an die Landschaft und wirke sich dadurch positiv auf die Psyche aus.
„Die Menschen sehen in der Kulturlandschaft das Ergebnis ihrer eigenen Arbeit, die sie jeden Tag machen“, erläutert der Forscher. Wer also eine Wiese gemäht, ein Stadl gebaut, einen Pfad freigeschnitten oder im eigenen Garten ein Gemüsebeet angelegt hat, der kann diese Umgestaltung seiner Umgebung täglich sehen und erleben. „Die Bewohner der Kulturlandschaft, vor allem natürlich die Bauern, haben die Wirkung ihres Schaffens zum Anfassen vor sich. Sie sehen auch die Arbeit der vergangenen Generationen und haben ein Bewusstsein dafür, was ihr Tun für die nachfolgenden Generationen bedeutet“, führt der auch als „Alpen-Papst“ bezeichnete Wissenschaftler und Autor weiter. „Diese Korrespondenz zwischen Innenwelt und Außenwelt ist meines Erachtens etwas sehr Wichtiges, damit die Menschen sich an einem Ort wohl und zu Hause fühlen. Ich würde sagen, das ist eigentlich das, was man mit ‚Heimat‘ bezeichnet, obwohl dieser Begriff so furchtbar abgedroschen ist. Um ihn zu vermeiden, sprechen heute viele von ‚regionaler Identität‘.“
Als besonders relevant könnten sich Bätzings Beobachtungen vor dem Hintergrund der er- wähnten zunehmenden Verstädterung der Welt zeigen. So hätten sich heutige Innenstädte seiner Meinung nach vielfach zu Konsumzentren entwickelt, wo sich Menschen mit Konsumprodukten identifizierten, aber „mit sonst nichts weiter“. Ähnlich kritisch sieht er den Charakter bestimmter städtischer Wohngebiete: „Das sind austauschbare Gebiete. Die sehen in ganz Europa und inzwischen fast auf der gesamten Welt überall gleich aus. Da stehen riesige Wohnmaschinen in Reih und Glied und man kann sich praktisch gar nicht mehr orientieren. Man sieht nicht mehr ‚was ist mein Hochhaus, was ist das andere Hochhaus‘. Oder die riesigen Einfamilienhaussiedlungen, die alle gleich aussehen, eine wie die andere. Da ist keine Identität mehr möglich.“
Aus Sicht des im deutschen Bundesland Hessen geborenen und aufgewachsenen Professors für Kulturgeografie, der zuletzt an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrte, liege die Ursache mancher aktuellen gesellschaftlichen Probleme an einem Mangel ebendieser Korrespondenz zwischen Innenwelt und Außenwelt. Die führe zu einer fehlenden Bindung und betreffe die Verantwortung für Landschaft und Heimat ebenso wie für Nachbarn und sich selbst.
In dem Ganzen liegen nach Ansicht Bätzings aber auch Chancen, vor allem für sanftere Formen des Tourismus innerhalb noch erhaltener, traditioneller Kulturlandschaften, gerade in den Alpen und in ländlichen Räumen. Ein Besuch in den Alpen, im Waldviertel oder den alten Dörfern des Burgenlandes könnte demnach die Möglichkeit eröffnen, in Landschaften mehr als nur etwas Schönes zu erkennen. „Wenn Touristen angeleitet werden, neben der Ästhetik, auch die Spuren der Arbeit in der Landschaft zu sehen, die Geschichte der landschaftlichen Umgestaltung wahrzunehmen, zu merken, dass die Landschaft nicht einfach bloß ‚Natur‘ ist, dann wird die Landschaft sofort sehr viel interessanter und die Besucher kriegen ein anderes Verhältnis zur Landschaft.“ Werner Bätzing glaubt, dass solche Art der Anregung Menschen über ihren Urlaub hinaus inspirieren kann. „Dann können sie vielleicht auch in ihrem Wohnumfeld anfangen, Landschaft und Umgebungen so zu gestalten, dass sie sich da ein Stück weit, wenigstens ansatzweise, darin wiedererkennen.“
Ausgangspunkt sei aber stets die Freude über den Anblick einer Landschaft.
Quellen
10 Mitterer-Leitner (2023): Mehr als schön – die Almen, Der Beitrag der Almlandschaft zum touristischen Produkt
11 Fonds Gesundes Österreich, Titze et al. (2012): Österreichische Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung
12 Arnberger et al. (2021): Forschungsbericht BOKU: Gesundheitswege im Wald. Wissenschaftliche Analysen am Beispiel Geras
13 Allex at al. (2016): Endbericht Health Spaces – Biosphärenpark-Landschaften und ihre Bedeutung für die Gesundheit: Analyse des Potenzials des Biosphärenparks Wiener Wald hinsichtlich Lebensqualität und Wohlbefinden
14 Bratman et al. (2015): Nature experience reduces rumination and subgenual prefrontal cortex activation, PNAS
15 Steininger et al. (2025): Nature exposure induces analgesic effects by acting on nociception-related neural processing; Nature Communications
16 Kaplan (1995): The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework, Journal of Environmental Psychology
17 positivepsychology.com: What is Kaplan's Attention Restauration Theory (ART)? Zugriff: 24.03.2025
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.