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Raus aus der Stadt: Wie der Tourismus nach Österreich kam

Schon vor 200 Jahren wollten Menschen aus Wien und anderen Städten zu Erholungszwecken hinaus aufs Land. Industrielle Revolution und Eisenbahnbau legten schließlich den Grundstein für ein Massenphänomen.

Wenn man so will, dann lassen sich schon die Wallfahrten, beziehungsweise Pilgerreisen des Mittelalters als Frühform des Tourismus betrachten. Laut des Lehrbuchs „Einführung in die Tourismus- und Freizeitwirtschaft in Österreich“ sind solche religiös motivierten Reisen zu österreichischen Wallfahrtsorten schon aus dem 14. Jahrhundert überliefert. Seit dem 15. Jahrhundert sind demnach auch Kuraufenthalte an Orten wie Baden bei Wien oder Bad Gastein dokumentiert.

Auch die hier erwähnten Bildungsreisen junger Adeliger (Grand Tour) im 17. und 18. Jahrhundert führten zu Orten innerhalb des heutigen Österreichs, etwa nach Wien oder in die Stadt Salzburg, die erst seit 1816 ein Teil Österreichs ist. Ebenso besuchten Maler oder Dichter Städte und Landschaften, um sie zu malen oder sich einfach nur inspirieren zu lassen.

Aber was ist mit dem Reisen zum Selbstzweck? Menschen entwickelten schon im 18. Jahr- hundert an vielen Orten Europas zunehmend das Bedürfnis, zumindest zeitweise den langsam größer werdenden Städten zu entfliehen. In Österreich wurde die Idee, die ländliche Umgebung einer Stadt allein aus Gründen der Erholung aufzusuchen, unter anderem durch den in Krems (Niederösterreich) geborenen Pädagogen und Lokalhistoriker Franz de Paula Gaheis befördert.

Gaheis durchwanderte Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts die vor Wien liegenden Dörfer und Städtchen – von denen etliche inzwischen selbst Teil der Stadt sind – und schrieb den Verlauf seiner Routen sowie seine gewonnenen Eindrücke auf. Ab 1797 wurden neun „Bändchen“ seiner „Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden um Wien“ veröffentlicht. Laut offizieller Wiener Geschichtsschreibung leitete Franz de Paula Gaheis damit die „Entdeckung der Wiener Landschaft“ ein.28 

Man kann das Werk auch als eine Art Vorläufer moderner Reiseführer betrachten.

Sich „dem Stadtgetümmel entrissen wünschen“

Erholung und „Stressabbau“ lockten somit schon an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, also vor über 200 Jahren, Menschen aus den Städten in die von Bäuerinnen und Bauern geformte Kulturlandschaft. Das macht innerhalb der Gaheis'schen Heftreihe zum Beispiel die Einleitung zum Kapitel „Spazierfahrt von Wien nach Kalksburg“ deutlich. Kalksburg war ein Dorf, dessen Namen sich von einer ursprünglich so etwas wie „Kälberberg“ bedeutenden Bezeichnung ableitet, wo also einst Kälber weideten. Der Ort gehört heute zum 23. Wiener Gemeindebezirk und liegt in der Nähe des Lainzer Tiergartens.

Unter dem Eindruck seiner Wanderungen dorthin schreibt Gaheis im Jahr 1802:

Für jene, welche sich gerne in stillen und einsamen Gegenden mit sich selbst und der sie umgebenden Natur beschäftigen, hat die Fahrt in diese romantische Landschaft gewiß sehr viel Anziehendes. Und wer wird sich wohl nicht auch zuweilen seiner Geschäfte entledigt und dem Stadtgetümmel entrissen wünschen, um die reinere Landluft zu geniessen, und in der Ruhe wieder Kräfte zu neuer Thätigkeit zu sammeln?

Dazu muss man wissen: Um das Jahr 1800 war die Luft in Wien dreckig. Fast 100 Prozent des Energiebedarfs der Stadt, etwa zum Kochen und Heizen, wurde aus Holz gedeckt (im Lauf des Jahrhunderts schließlich vermehrt aus Kohle). Die Öfen und Schornsteine der Häuser sorgten stetig für verrauchte Gassen. Zusätzlich verursachten die zum Teil noch ungepflasterten Straßen mit ihren unzähligen Pferdegespannen oder die Verwitterung des häufig verwendeten Wiener Sandsteins viele Beschwerden aufgrund von Staubentwicklung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs die Stadt rasant und die Luftqualität verschlechterte sich weiter.

Beschwerde über den Wiener Staub

In der der humoristisch-satirischen Wochenschrift mit dem Titel „Hans Jörgel von Gumpoldskirchen“, Ausgabe vom 3. August 1872, ist eine bissige Beschwerde über den Schmutz Wiens nachzulesen. Die darin erwähnte „Heugassen“ entspricht der heutigen Prinz-Eugen-Straße, die westlich am Schloss Belvedere vorbeiführt. Auf ihr wurden einst allwöchentlich große Mengen Heu aus Ungarn zum Heumarkt transportiert.

„Die Heugassen ist schmal und wird nicht gespritzt. Man mag sich nun ein' Begriff machen, wie groß der Staub is', den die hunderte von Wagen aufwirbeln und den die Fußgänger und Bewohner der Heugassen schlucken müssen. Es ist geradezu gewissenlos, wie unsere Stadt- väter ihre armen Kinder in Staub ersticken lassen; Brust, Lunge, Augen sein immer in Gefahr, aber die Herren Väter lassen fünfe grad sein. Der Ring, ja, der wird ordentlich gespritzt, aber sehr schlecht gekehrt, aus allen Seitengasse aber wirbelt der Staub heraus, und so kommt's, daß man unten im Koth watet, während man oben in einer Staubwolken athmet. Dass wir Wiener unseren berühmten Staub und Koth zugleich genießen können, das danken wir den weisen Anordnungen uns'rer Stadtväter.

Im Prater haben's die neuen Wege und Straßen mit einem Schotter (?), richtiger mit einer Erden überschüttet, die natürlich resch trocken worden is' und sich in ein' mehlartigen Staub verwandelt hat. Nun wandern aber alle Tag, besonders aber an Sonntagen, tausende von Menschen in den Prater, die vielen Füße, die praktischen Schleppen der Damen, endlich der Wind wirbeln den Staub auf und es entsteht eine Athmosphäre zum Verschmachten. Wenn zur Weltausstellung auch Afrikaner aus der Wüste Sahara kommen, die werden eine Freud haben, sie werden glauben, sie sein zu Haus.“29

Die vor allem in den Vorstädten noch mangelhaft ausgebaute Kanalisation sorgte zusätzlich für schlechte Luft. Auch die allgegenwärtigen Schlachttiere, die zu den Schlachthöfen getrieben wurden, verursachten Schmutz, Staub und schlechte Gerüche. Noch bevor die Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts das Wachstum Wiens und seiner Fabriken erst richtig ankurbelte und die Umweltsituation zunächst verschärfte, gab es also das Bedürfnis nach regelmäßigen „Atempausen“. Mehr und mehr Menschen suchten sie in ländlicher Umgebung.

Was man heute einen Ausflug nennen würde, war im 19. Jahrhundert die „Landpartie“. Per Kutsche oder mit sogenannten Zeiselwagen, einfachen Leiterwagen mit Sitzbrettern und einer Beschattung aus Schilfrohrdecken, fuhr man gemeinsam aufs Land. Dort ging man spazieren, machte ein Picknick, tanzte oder genoss einfach frische Luft und Ruhe. Aufgrund der gegebenen Transportmöglichkeiten führten die Landpartien meist „nur“ in die Vororte. Menschen aus Wien etwa fuhren nach Nussdorf, Hietzing, Kaltenleutgeben oder einen der vielen weiteren Orte rund um Wien.

Wie kam der moderne Tourismus nach Österreich?

In Österreich entwickelte sich der Tourismus mit seiner eigenen Infrastruktur vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Laut Tourismusforscherin Theresa Mitterer-Leitner waren in dieser Zeit zwei Faktoren besonders prägend: Auf der einen Seite die angenommenen gesundheitlichen Wirkungen von Luft, Sonne, Salzwasser oder Sand, auf der anderen Seite das „Naturerlebnis“, beziehungsweise die körperlich-sportliche Betätigung durch Wandern und Bergsteigen, gegen Ende des Jahrhunderts auch durch Skifahren. Mehr zur Geschichte des Skifahrens findest du hier.

Die Anfänge liegen schwerpunktmäßig eher in den Heil- und Kurorten, die zum Teil schon im Mittelalter aufgesucht worden waren. Entsprechende neu bereitgestellte touristische Angebote würde man heute wohl „Wellness-Angebote“ nennen. Sie wurden von nobleren Hotels oder Kureinrichtungen geschaffen und bedienten zahlungskräftigeres Publikum aus den Reihen des Adels sowie des Bürgertums, das im Lauf des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung größer und wohlhabender wurde.

Das 1823 gegründete Heilbad von Ischl löste einen Tourismus-Boom aus, ganz besonders seitdem die kaiserliche Familie den Ort als Domizil für die jährliche „Sommerfrische“ auserkoren hatte (mehr dazu). Auch in Bad Gastein, Baden bei Wien, am Semmering mit seinem legendären, 1882 eröffneten Südbahnhotel und an vielen anderen Orten entstanden Domizile für den erholsamen und komfortablen sommerlichen Landaufenthalt derer, die es sich leisten konnten.

Bis zum Ersten Weltkrieg verfügte Österreich zudem über einen Meerzugang. Der auch als „Österreichische Riviera“ bezeichnete Abschnitt der Adria nördlich und südlich von Triest zog schon im 19. Jahrhundert Mitglieder des Bürgertums und des Adels an. Ein Kuraufenthalt in der Lagunenstadt Grado kam in Mode, nachdem 1873 ein Seehospiz für kranke Kinder und seine bekannt gewordenen Heilerfolge mehr und mehr Besucher anlockte. Voraussetzung dafür war der Ausbau der Eisenbahn, der ab Mitte des Jahrhunderts vorangetrieben wurde.

Sommerfrische am Land – Die Bauernstube wird zum Fremdenzimmer

Die Sommerfrische gab es aber nicht nur als noble Variante in Grand Hotels, Kurbädern oder der eigenen Landvilla. Speziell das etwas weniger zahlungskräftige Publikum aus mittleren Beamten, Angestellten oder Geschäftsleuten verbrachte sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch auf Bauernhöfen. Dazu räumten die Bauernfamilien oftmals ihren eigenen Wohnbereich und wichen auf andere Räumlichkeiten des Bauernhofs aus. Laut Mitterer-Leitner wurde diese Form des Reisens aber keinesfalls als Urlaub zweiter Wahl wahrgenommen, ganz im Gegenteil. „Gerade in Verbindung mit dem Begriff Sommerfrische suchte man das einfache Landleben: Gemütlichkeit, Geborgenheit und – vor allem für die Kinder – die gesunde Umgebung jenseits der verdreckten Städte“, erklärt die Tourismus-Forscherin. „Die Sommerfrische war ab Ende des 19. Jahrhunderts stark mit monatelangen Aufenthalten am Land verbunden. Im Gegensatz zum Kurbad oder Kuraufenthalt ging es gar nicht um Luxus, zwar auch um Gesundheit, aber eher um das ‚rotbackige‘ einfache Landleben, die Gemütlichkeit, die Nähe zur Natur und eben auch zum Bäuerlichen. Man wohnte in eigenen Landvillen, Pensionen oder eben sehr häufig direkt auf Bauernhöfen. Schon damals wurden dazu Zimmer für die Städter freigemacht.“

Diese frühe Form des „Urlaubs auf dem Bauernhof“ diente nicht zuletzt auch Künstlern und Literatinnen als zum Teil schaffensreicher Rückzugsort. Einer der typischen Sommerfrische- Orte war Bad Aussee im steirischen Salzkammergut. Dort residierten zwischen Juni und September zwar auch Persönlichkeiten wie der deutsche Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst in ihren eigens erbauten Seehäusern, aber drumherum auch junge Künstler.

Für die bäuerliche und in bescheidenen Verhältnissen lebende Bevölkerung bedeuteten die Sommerfrischler Verdienstmöglichkeiten, die man sich nicht entgehen lassen wollte oder konnte. Nach Aussee kam unter anderem auch der Wiener Schriftsteller und Mitbegründer der Salzburger Festspiele Hugo von Hofmannsthal mit seiner Familie regelmäßig. In seiner Erzählung „Das Dorf im Gebirge“30 setzt er dieser frühen Verbindung aus Landwirtschaft und Tourismus fast eine Art Denkmal:

Im Juni sind die Leute aus der Stadt gekommen und wohnen in allen großen Stuben. Die Bauern und ihre Weiber schlafen in den Dachkammern, die voll alten Pferdegeschirrs hängen (...). Sie haben aus den unteren Stuben alle ihre Sachen weggetragen und alle Truhen für die Stadtleute freigemacht, und nichts ist in den Stuben zurückgeblieben als der Geruch von Keller mit großen Rahmeimern und altem Holz (...). Nur den Schmuck der Wände hat man zurückgelassen: die Geweihe und die vielen kleinen Bilder der Jungfrau Maria und der Heili- gen in geschnitzten und papierenen Rahmen (...). Die Frauen aus der Stadt hängen ihre großen Gartenhüte und ihre bunten Sonnenschirme an die Geweihe (...).

Die touristische Form der Sommerfrische erlebte um das Jahr 1900 herum einen Höhepunkt. Laut Tourismus-Forscherin Mitterer-Leitner war diese Form des Tourismus aber auch noch in den 1950-er und 60-er Jahren ein großes Thema. „Man kann natürlich darüber diskutieren, ab wann die Sommerfrische zum normalen Sommerurlaub wurde. Die Aufenthaltsdauern verkürzten sich sicher nach dem Zweiten Weltkrieg. Was aber blieb, ist die Bedeutung der Bauernhöfe als Unterkunftsgeber.“ Allerdings kam es nach und nach weniger häufig vor, dass die Bauernfamilien ihre eigenen Zimmer den Gästen überließen. Stattdessen schuf man jetzt eigene „Fremdenzimmer“ auf den Höfen. „Das hat auch mit dem Strukturwandel der Landwirtschaft zu tun. Knechte und Mägde fanden jetzt attraktivere Arbeitsplätze, etwa in der Industrie. Auf den Höfen wurden sie durch Maschinen ersetzt. Ihre Zimmer wurden frei und konnten stattdessen an Touristen vermietet werden.“

Tourismus auch in den Städten

Wichtig zu erwähnen ist: Wie beschrieben waren die Städte des Habsburgerreiches einerseits zwar Orte, die man zumindest phasenweise hinter sich lassen und von deren „hektischem“ Treiben man sich per Landpartie und auf Sommerfrische erholen wollte. Andererseits wurden sie aber aufgrund ihres aufblühenden Kunst-, Kultur- und Wirtschaftslebens auch selbst zum touristischen und ökonomischen Anziehungspunkt. Es entstanden mondäne Hotels ebenso in Salzburg, Linz, Graz, Klagenfurt, Innsbruck oder Wien.

In Wien eröffnete 1873 das Hotel Metropole, das berühmte Gäste wie etwa 1897 den Schriftsteller Mark Twain beherbergte (in der Nazi-Zeit aber eine unrühmliche Rolle als Gestapo-Hauptquartier einnahm, bei Kriegsende ausbrannte und später abgerissen wurde). 1873 war Wien auch Schauplatz der fünften Weltausstellung, einer internationalen Leistungsschau für technische und kunsthandwerkliche Neuheiten, die heute eher unter dem Namen EXPO bekannt ist.

Wien war damals der erste Austragungsort der Weltausstellung im deutschsprachigen Raum, wodurch „die ganze Welt“ in die Hauptstadt des Habsburgerreichs blickte. 35 Nationen und 53.000 Unternehmen nahmen daran teil und lockten für das sechsmonatige Großereignis mehr als sieben Millionen Gäste nach Wien. Im Vorfeld der Weltausstellung waren zahlreiche neue Hotels und Gasthöfe eröffnet und die allgemeine Infrastruktur ausgebaut worden. Nur drei Jahre später, 1876, wurde das berühmte Hotel Sacher gegründet, das noch heute einen Anziehungspunkt für internationale Gäste darstellt.31

Einer der Grundsteine für das „Tourismusland Österreich“ war im 19. Jahrhundert, wie erwähnt, der Gesundheitstourismus. Das zeigte sich nicht nur in der Beliebtheit der Kur-, Bade- und Sommerfrische-Orte. Auch in den Bergen war am Beginn der Entwicklung, neben dem Wandern und Klettern, das Thema Erholung & Gesundheit mitausschlaggebend.

„Schon damals hat man die frische Luft und vor allem auch die Sonne als echte Erholungs- und Gesundheitsfaktoren gesehen“, erklärt Theresa Mitterer-Leitner. „Und in den Grand Hotels hat man das regelrecht inszeniert, indem man die Gäste in der Früh geweckt, in eine Decke gehüllt und dann schlaftrunken hinausgeleitet hat. Draußen haben sie die Aussicht genossen und in den Sonnenaufgang geschaut. Ziel war, auf diese Art buchstäblich Sonne zu tanken, weil die Sonne als Gesundheitsfaktor wichtig war.“

Zum Thema Alpinismus und Bergtourismus, der neben den Gesundheitsaspekten die zweite wichtige Rolle spielte, findest du hier mehr.

Wie half der technische Fortschritt dem Tourismus in Österreich?

Im 19. Jahrhundert standen auch in Österreich alle Zeichen auf Fortschritt und Erneuerung. Die wichtigste Erfindung des Jahrhunderts, Eisenbahn bzw. Dampfmaschine, wurde eingeführt und ausgebaut und damit auch der Grundstein für den modernen Tourismus gelegt.

Im November 1837 wurde der erste Abschnitt der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn zwischen Floridsdorf und Deutsch-Wagram feierlich eröffnet. Es war die erste dampfbetriebene Eisenbahn Österreichs – von Pferden gezogene hatte es schon ein paar Jahre früher gegeben. Das Eisenbahnnetz wurde in den 1840-er Jahren zügig ausgebaut und seit Juli 1857 konnte man per Zug ohne Umstieg direkt von Wien über die drei Jahre zuvor in Betrieb genommene Semmeringbahn bis an den Seehafen Triest fahren. Die Reisezeit an die Adria war damit von mehreren Tagen auf weniger als einen Tag verkürzt worden.

Während das reguläre Bahnnetz vor allem auch dem Handel und dem Militär diente, wurden im späteren 19. Jahrhundert auch erste rein touristische Bahnprojekte in Angriff genommen. Nach dem Vorbild der Rigi-Bahn nahm am 7. März 1874, also keine drei Jahre nach dem schweizerischen Vorbild, die Kahlenbergbahn in Wien ihren Betrieb auf. Sie war die erste ihrer Art in Österreich und führte von Wien-Nußdorf im Endausbau über eine über 5,5 Kilometer lange Strecke bis auf den höchsten Punkt des Kahlenbergs.

Historische Aufnahmen von der Station Grinzing zeigen, wie die Bahnstrecke durch die kleinstrukturierte Kulturlandschaft führte. Sie ermöglichte den Fahrgästen sowohl den Blick auf die mit zahlreichen Einzelbäumen gespickten Weinberge als auch über die damals in diesem Gebiet noch vielfach vorhandenen Ackerflächen. Der Reiz der bäuerlich geprägten Umgebung Wiens ergab sich, ähnlich wie heute, auch aus dem Zusammenspiel landwirtschaftlicher Nutzflächen mit Hecken, Einzelbäumen, dem angrenzenden Wiener Wald sowie der imposant wirkenden Bebauung auf dem Kahlenberg. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Betrieb der Kahlenbergbahn eingestellt und die Strecke nahezu vollständig abgetragen.

Im Gegensatz dazu existieren andere solcher Bergbahnen auch heute noch. So etwa die 1893 in Betrieb gestellte Zahnradbahn auf den Schafberg im Salzkammergut oder die Schneeberg- bahn, die seit 1897 auf den höchsten Berg Niederösterreichs führt.

Österreichs erstes Berghotel auf dem Schafberg

Der 1.782 Meter hohe Schafberg im Salzkammergut ist ein grasbedeckter, markanter Felsen über dem Wolfgangsee. Nach Norden fällt er steil ab und gibt den Blick auf Mond- und Attersee frei. Wie es sein Name nahelegt, ist der berühmte Felsen nur deshalb so markant (und berühmt), weil der einst hier wachsende Wald vor Jahrhunderten gerodet und zur Schafweide umfunktioniert wurde. Schon im Jahr 841 wird er im Salzburger Urkundenbuch als „Skefesperc“ erwähnt.

Nach Ihrer Besteigung des Schafbergs schwärmte die deutsche Journalistin und Dichterin Helmina von Chézy im Jahr 1833: „O, welch ein Bild lohnte unsern Muth! – Schweigend lag die Welt unter uns, schon in nächtliches DunkeI verhüllt, nur zwei breite lichtere Streifen im Kreise herum, bezeichneten die stillen Flächen des Atter-, Mond- und Wolfgangsees.“

In St. Wolfgang am Fuße des Schafbergs gab es im 19. Jahrhundert rund 30 Sesselträger, von denen sich die „Damen der Gesellschaft“ üblicherweise auf den Berg tragen ließen. Bereits 1853 errichtete ein Gastronom aus St. Wolfgang auf dem Schafberg ein Gasthaus mit 16 Betten.32 1864 wurde das vornehme Hotel Schafbergspitze eröffnet. Es gilt heute als das älteste Berghotel Österreichs.

Die Schafbergbahn führt vom oberösterreichischen Ufer des Wolfgangsees, genauer gesagt von der Marktgemeinde St. Wolfgang aus, auf die Bergstation knapp unterhalb des Schafberggipfels. Sie wurde am 1. August 1893 feierlich eröffnet und ist die älteste und nach Betreiberangaben auch steilste Zahnradbahn Österreichs, die noch immer in Betrieb ist. Auf der knapp sechs Kilometer langen Strecke überwindet sie rund 1.190 Höhenmeter.

Der Schafberg ist für den gesamten Österreich-Tourismus von Bedeutung. Vor allem auch deshalb, weil er einer der Drehorte für den 1964 in Salzburg und Umgebung gedrehten Film „The Sound of Music“ (dt. Titel: „Meine Lieder – meine Träume“) war. Die Hollywood-Verfilmung des gleichnamigen Musicals zählt – obwohl im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt – zu den erfolgreichsten je produzierten Musikfilmen. Laut Österreichischer Nationalbibliothek33 wurde er nach seiner Veröffentlichung 1965 „zu einem der meistgesehenen Hollywood-Filme aller Zeiten – ein Oscar-gekrönter, bahnbrechender und globaler Erfolg.“ Zudem präge der Film „das Bild von Österreich im Ausland, besonders in den USA und Asien, nach wie vor wie kein anderer.“

Die ersten Tourismus-„Hotspots“ Österreichs

Viele Orte Österreichs können mit einer spannenden Geschichte aufwarten, auch was erste touristische Entwicklungen betrifft. Einige sind hier beispielhaft beschrieben.

Baden bei Wien

Schon die Römer badeten im Wasser der warmen Schwefelquellen und nannten die Ansiedlung an der Stelle der heutigen Stadt Baden bei Wien „Aquae", was zu Deutsch „Bäder“ heißt. Ebenso ist die Gegend an der sogenannten Thermenlinie seit mindestens 2.000 Jahren bekannt für ihren Weinbau. Wein und Badekultur wusste die Stadt lange vor der Erfindung des modernen Tourismus zu vermarkten.

Das Stadtwappen, das Kaiser Friedrich III. den Badenern im Jahr 1480 gemeinsam mit dem Stadtrecht verlieh, sorgte immer wieder für Diskussionen: Es zeigt einen nackten Mann und eine nackte Frau gemeinsam in einem hölzernen Badebottich – ein deutlicher Hinweis auf das beliebte Gesellschaftsbad, dessen Sitten zum Teil recht locker gewesen sein sollen. Be- merkenswert ist, dass dieses für damalige Zeiten ungewöhnliche Motiv von der kaiserlichen Kanzlei offiziell genehmigt wurde.

Später, im Jahr 1531, überließ Kaiser Ferdinand I. der Stadt die Quellen des heutigen Frauenbades. Zudem erlaubte er den Einwohnerinnen und Einwohnern, pro Badegast ein Eintrittsgeld von zwei Pfennig einzuheben – eine Maßnahme, die helfen sollte, die wirtschaftlich angeschlagene Stadt nach den Türkenkriegen zu sanieren.

Der Begründer des 1804 ins Leben gerufenen Kaisertums Österreich, Franz I., verbrachte zwischen 1796 und 1834, also über fast vier Jahrzehnte hinweg, jeden Sommer in Baden. In seinem Schlepptau kamen weitere Adelige, vermögende Bürger und bekannte Künstler. Dadurch konnte die Stadt zum bekannten Kurort aufsteigen. Auch Wolfgang Amadeus Mo- zart oder Franz Liszt gaben der Stadt die Ehre. Eine Bürgerin der Stadt war die bekannte Schauspielerin Katharina Schratt, zugleich wichtigste Geliebte des Kaisers Franz Joseph I.

Baden wurde früh elektrifiziert: Bereits 1894 nahm die Stadt die zweite elektrische Bahn Österreichs in Betrieb. Ab 1895 verband diese Linie auch das benachbarte Bad Vöslau mit Baden. Daraus entwickelte sich 1907 die noch heute existierende Badner Bahn (Wiener Lokalbahn), wodurch Badegäste und Sommerfrischler aus Wien noch vor Verbreitung des Automobils die Stadt bequem erreichen konnten. Heute gilt Baden als einer der bedeutendsten Kurorte Österreichs.

Bad Ischl

In Ischl – das „Bad“ darf die Stadt seit 1906 im Namen tragen – wurde bereits im Jahr 1827 mit dem Posthof das erste Hotel des Salzkammerguts errichtet. Vier Jahre zuvor, 1823, war das erste Ischler Heilbad gegründet worden und lockte immer mehr Kurgäste in die Stadt. Den Salzbädern wurde heilende Wirkung nachgesagt.

Den endgültigen Durchbruch als touristisches Ziel dürfte Ischl allerdings dem Wiener Arzt Franz Wirer zu verdanken haben. Er schickte die bis dahin mehrere Jahre kinderlose Erzherzogin Sophie und ihren Mann Franz Carl auf Kur nach Ischl, um Mineralsolebäder in Anspruch zu nehmen. Wenig später wurde im August 1830 der spätere Langzeit-Kaiser Franz Joseph I. geboren. Es folgten Maximilian, der spätere Kaiser von Mexiko, sowie zwei weitere Söhne. Da allgemein der – wissenschaftlich nicht begründete – Zusammenhang zu den Salzwasseranwendungen hergestellt wurde, gingen die vier Brüder als „Salzprinzen“ in die Geschichte ein. Franz Joseph lernte in Ischl auch die spätere Kaiserin Elisabeth („Sisi“) kennen und verlobte sich hier mit ihr. Ischl war mit seiner „Kaiservilla“ von 1849 bis 1914 die Sommerresidenz des Kaisers. Dadurch wurde Ischl auch für berühmte Künstler und das wohl- habende Bürgertum zum gesellschaftlichen Muss.

Seinen Erfolg verdankt der Ort aber nicht nur dem Salz und dem kaiserlichen Interesse, sondern auch der Arbeit von Bäuerinnen und Bauern, die die Umgebung prägen: So schreibt der Tourismusverband Bad Ischl auf seiner Webseite: „Mindestens so wichtig wie die Gesundheitskuren waren für die Erholung Suchenden die Einzigartigkeit der Landschaft und die vielen Möglichkeiten zu Landpartien und Bergtouren. Das Ortsbild von Ischl änderte sich zu dieser Zeit enorm. Aus dem ärmlichen Dorf wurde ein in die Welt hinaus bekannter Bade- und Kurort mit städtischem Charakter. Bäder, noble Hotels und vornehme Sommervillen prägten nun das Zentrum.“34

Gasteinertal

Das Gasteinertal im Salzburger Land war in frühgeschichtlicher Zeit eines von vielen finsteren und dicht bewaldeten Alpentälern. Spätestens im 8. Jahrhundert rodeten Bauern größere Teile dieser Wälder auch an talnahen Hängen. Sie schufen damit die Voraussetzung für die dauerhafte Besiedelung der drei heutigen Gemeinden des Gasteinertals: Bad Gastein, Bad Hofgastein und Dorfgastein.

Bad Gastein, früher als Wildbad oder Wildbad Gastein bezeichnet, entwickelte sich über Jahrhunderte vom abgelegenen Alpendorf zum international bekannten Kurort. Bereits 1350 wurde hier der erste Badebetrieb dokumentiert – auch wenn das warme Thermalwasser wahrscheinlich schon viel früher zu Heil- und Erholungszwecken genutzt wurde. Auch nach Gold und Silber wurde geschürft, Mitte des 16. Jahrhunderts soll Gastein eines der ertrag- reichsten Abbaugebiete für Gold gewesen sein. Der letzte Stollen sperrte im Jahr 1865 zu. Im 19. Jahrhundert begann der eigentliche Aufschwung des Kurwesens, unterstützt durch den Bau der ersten Thermalwasserleitungen und den Besuch prominenter Gäste wie Erzherzog Johann oder Kaiser Franz Joseph I., der hier auch mehrfach den Deutschen Kaiser Wilhelm I. traf. Mit dem Bau der Tauernbahn ab 1901 wurde das Tal verkehrstechnisch erschlossen – und damit für mehr Menschen besser erreichbar.

Typisch für die Zeit des Belle Époque wurde am 29. Mai 1909 im Zentrum von Bad Gastein das Grand Hotel de l’Europe eröffnet. Das Luxushotel war 10 Stockwerke hoch gebaut worden und maß 62 Meter in der Länge. Am Tag der Eröffnung stand in der Salzburger Chronik zu lesen: „148 Zimmer dienen zur Beherbergung der Gäste und Fremden. Außerdem befinden sich im Hause eine große Halle, Speisesaal, Frühstück- und Restaurationsräume, Damensalon, Lesezimmer, Herren- und Rauchsalon, 14 Thermal-Badekabinen und 14 Badezimmer in den Stockwerken, nebst einem Friseursalon.“35 Dieses größte Hotel dieser Art im Gasteinertal diente nach 1970 nicht weiter als Hotel. Es hat den einstigen Ruf Bad Gasteins als „Monte- Carlo der Alpen“ mitbegründet.

Nach den Einschnitten durch die Weltkriege erlebte Bad Gastein ab den 1950er Jahren einen neuen Aufschwung. 1958 fand hier die Ski-Weltmeisterschaft statt, 1969 ging mit der „Felsentherme“ die erste öffentliche Therme Österreichs nach heutiger Prägung in Betrieb. In den vergangenen Jahrzehnten standen einige der das Ortsbild prägenden Belle-Époque-Bauten leer, ein Teil des Glanzes vergangener Zeiten schien zu verblassen. Derzeit sind aber auch wieder Neu-Eröffnungen und Renovierungsarbeiten zu beobachten. Die Mischung aus traditioneller Kulturlandschaft und schroffer Bergwelt, historischer Bäderkultur und Wintersport zieht bis heute Gäste aus aller Welt an.

Grado

Der Tourismus in Grado begann Ende des 19. Jahrhunderts. Bereits 1873 wurde der Bau eines Seekurheims für kranke Kinder beschlossen, was die Basis für den späteren Kur- und Badetourismus legte. Wegen der als heilsam erachteten Wirkung von Meerwasser und Sand erhielt Grado 1892 von Kaiser Franz Joseph den offiziellen Status als Kurbetrieb.

1896 entstand das erste Hotel, und um 1900 war Grado schon als Heilbad in ganz Europa bekannt. Der Tourismus entwickelte sich weiter, unterstützt durch neue Hotels, Strandbäder und die direkte Anbindung an das Bahnnetz.

Quellen:

28 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Wienbibliothek im Rathaus (geschichtewiki.wien.gov.at): Franz Anton de Paula Gaheis (Zugriff: 13.04.2025)

29 Österreichische Nationalbibliothek (anno.onb.ac.at): Jörgel-Briefe, 3. August 1872, S. 5 (Zugriff: 07.05.2025)

30 Hugo von Hoffmannsthal (1896): Das Dorf im Gebirge via projekt-gutenberg.org (Zugriff: 04.07.2025)

31 Zimmermann, Gamper (2012): Die Geschichte des Tourismus, in: Einführung in die Tourismus- und Freizeitwirtschaft in Österreich, S. 20

32 Gudrun & Herta Wallentin (2020): Alpingeschichte kurz und bündig – Steinbach am Attersee; ÖAV

33 Österreichische Nationalbibliothek (onb.ac.at): „Schnitzel mit Nudeln“ und andere Ungereimtheiten: 60 Jahre „The Sound of Music“ (Zugriff: 15.04.2025)

34 badischl.salzkammergut.at: Die Geschichte von Bad Ischl (Zugriff: 11.04.2025)

35 Österreichische Nationalbibliothek (anno.oc.at): Salzburger Chronik vom 29. Mai 1909 (Zugriff: 07.05.2025)