Weidevieh, Wind und Wetter: Was muss man beim Besuch einer Alm bedenken?
Wer eine Alm besucht, begibt sich nicht nur in die relative Abgeschiedenheit der Bergwelt, sondern kann auch in Kontakt mit Weidetieren kommen. Beides gilt es aus Sicherheitsgründen zu beachten.
Almen sind nicht nur Produktionsort hochwertiger Lebensmittel oder des Rohstoffs Holz, sondern auch ein Ort mit vielen Erholungsfunktionen. Für die österreichische Tourismus- und Freizeitwirtschaft sind Almen ein fast unersetzliches Zugpferd bei der Bewerbung Österreichs als Urlaubsziel. Und auch ganz konkrete Urlaubs- und Freizeitaktivitäten wie Wandern oder Mountainbiken spielen sich oftmals auf den von der Landwirtschaft gepflegten und erhaltenen Almflächen ab.
Besonders im Sommer kann es auf Almen auch zu Konflikt- beziehungsweise Gefahrensituationen kommen. Das hat mehrere Ursachen. Dazu gehört die Tatsache, dass zu dieser Zeit die Weidetiere auf den Almflächen unterwegs sind und Wanderwege die Aufenthaltsräume der Tiere kreuzen – sei es innerhalb oder außerhalb eingezäunter Areale. Wenn sich Menschen und Weidetiere begegnen, dann passiert in aller Regel überhaupt nichts. Aber unter ganz bestimmten Umständen ist es in der Vergangenheit vereinzelt zu Angriffen von Rindern auf Menschen gekommen. Aufgrund des Gewichts der Tiere von mehreren hundert Kilogramm können solche Angriffe im schlimmsten Fall tödlich enden.
Warum ist der moderne Mensch in der Bergwelt „ausgesetzt"?
Auch ganz unabhängig von Weidetieren sind die Almen und die darüberliegende Bergwelt ein Ort, wo Menschen sich bewusst oder unbewusst in eine gewisse Ausgesetztheit begeben. An keinem anderen Ort innerhalb Österreichs befindet man sich weiter entfernt von dörflicher oder städtischer Infrastruktur, an deren Versorgungs- und Schutzfunktion wir Menschen uns seit Langem angepasst haben. So kann es etwa bei Verletzungen oder anderen medizinischen Notlagen länger dauern, bis einen Rettungskräfte finden und erreichen. Das gilt vor allem, wenn zur Unfallzeit schlechtes Wetter herrscht. Auch von der einbrechenden Dunkelheit überrascht zu werden, bringt die meisten Menschen abseits des Siedlungsgebiets und ohne Straßenbeleuchtung in eine absolute Ausnahmesituation.
Wer in den Bergen in ein Gewitter gerät, findet abseits von Alm- oder Schutzhütten kaum Unterschlupf und ist gegebenenfalls der vollen Wucht der Naturkräfte ausgesetzt.
Blitzschlag ist ein reales Risiko, das wir, von unserer städtisch-dörflichen Schutzzone aus betrachtet, manchmal unterschätzen. Erst im Juni 2025 wurden drei erfahrene Bergsteiger, zwei Männer und eine Frau, beim Abstieg von der Mittagsspitze in Tirol vom Blitz getroffen und getötet. Die einem Blitzschlag folgende Druckwelle kann einen menschlichen Körper im Extremfall mehrere Meter durch die Luft schleudern, selbst wenn er nicht direkt getroffen wird. Auch ohne Blitzschlag können plötzliche Wetterumschwünge und das damit verbundene rapide Absinken der Temperatur im Gebirge Lebensgefahr bedeuten. Das gilt vor allem für Menschen, die ohne die notwendige Schutzkleidung im Hochgebirge unterwegs sind.
Insgesamt spielen Blitzschlag und Wettersturz als Todesursache bei Unfällen im Gebirge aber eine untergeordnete Rolle. Laut Österreichischem Kuratorium für Alpine Sicherheit waren im Zehn-Jahres-Mittel, Stand 2024, beide Ursachen zusammengenommen, für durchschnittlich 1,3 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Insgesamt kamen in diesem Zeitraum durchschnittlich 292 Menschen pro Jahr bei Alpinunfällen in den österreichischen Bergen um. Unter den feststellbaren Unfallursachen liegen Herz-Kreislauf-Störungen mit 71 Todes- opfern im Zehn-Jahres-Mittel ganz vorne, gefolgt von „Sturz, Stolpern, Ausgleiten“ mit 48, Absturz mit 41 sowie Lawinen mit 19 Fällen. Nicht selten spielen dabei die Überschätzung der eigenen Kräfte und Fähigkeiten oder die Fehleinschätzung anderer Umstände eine zentrale Rolle.
Wer haftet bei Unfällen mit Weidetieren?
Unfälle mit Weidetieren sind in der Statistik nicht eigens aufgeführt. Passieren sie dennoch, dann ist die mediale Aufmerksamkeit meist groß. Das mag auch daran liegen, dass im Falle einer „Kuh-Attacke“ eher die Frage der Schuld diskutiert wird als bei den statistisch bedeutsameren Unfallursachen, bei denen Fremdverschulden oftmals frühzeitig ausgeschlossen werden kann.
Im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch ist die Frage der möglichen Haftung von Tierhalte- rinnen und Tierhaltern geregelt, aber auch die Eigenverantwortung jener Menschen festgehalten, die Almen besuchen. In einem als wegweisend wahrgenommenen Urteil des Obersten Gerichtshofs (OGH) hielt dieser im Frühjahr 2025, vereinfacht ausgedrückt, fest: Rinder grundsätzlich per Zaun von Wanderwegen fernzuhalten, ist für die Almbetriebe nicht zumutbar und nicht angemessen. Solange die Tiere kein ungewöhnlich aggressives Verhalten zeigen, genügt es, Warnschilder aufzustellen. Der Rest liegt in der Eigenverantwortung der die Alm besuchenden Menschen. Eine Ausnahme gilt nur bei belebten Liftstationen, Straßen oder bei verhaltensauffälligen Tieren. Dann ist die Bäuerin oder der Bauer dafür verantwortlich, für ausreichenden Schutz zu sorgen. Prinzipiell bleibt die Haftungsfrage aber immer einzelfallabhängig, wie der OGH in seinem Urteil betont.
Unter welchen Umständen können Rinder Menschen gefährlich werden?
Rinder sind, wie alle Tiere, vor allem instinktgesteuert. Sie reagieren auf bestimmte Schlüssel- reize mit angeborenen Verhaltensweisen, die ihrer Art im Laufe der Evolution einen Überlebensvorteil beschert haben. Wenn ihnen solche Reize eine Gefahr für sich oder ihren Nachwuchs signalisieren, dann kann die naturgegebene Reaktion die Flucht oder der Angriff sein. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Rinder, ähnlich wie Menschen, unterschiedliche Charaktere haben. Manche sind von Natur aus ruhiger, andere reagieren gereizter oder aggressiver.
Bedrohlich können auf Rinder zum Beispiel Lärm und hektische Bewegungen wirken, insbesondere, wenn sich die vermeintliche Bedrohung auf sie zubewegt. Dabei steigern mitgeführte Hunde das Risiko eines Zwischenfalls ganz besonders. Daher gilt es sich zu vergegenwärtigen, dass es sich bei Hunden letztlich um „genetisch manipulierte“ Wölfe handelt und der Wolf in der Entwicklungsgeschichte des Rindes einen der Hauptfeinde darstellt. Dass Rinder in Hunden unter Umständen eine Bedrohung sehen, liegt also in ihrer Natur.
Besondere Aufmerksamkeit ist dabei sogenannten Mutterkuhherden zu widmen. Sie sind daran zu erkennen, dass Jungtiere, sprich Kälber, Teil der Herde sind. Die entwicklungsgeschichtliche Programmierung der Rinder verleiht ihrem Nachwuchs den allerhöchsten Stellenwert, weshalb Kälber unter allen Umständen verteidigt werden müssen. Die Kälber selbst zeigen aber mitunter Neugier und suchen vielleicht sogar den Kontakt zu Menschen, wodurch gefährliche Situationen entstehen können.
Eher selten sind Mutterkuhherden auch von einem Stier begleitet, was für Nicht-Fachleute nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Stiere sind männliche, nicht kastrierte Rinder und vor allem an ihrer kräftigen, bulligen Gestalt erkennbar – in Deutschland sind sie auch als „Bullen“ bekannt. Ein weiteres Merkmal sind die ausgeprägten Hoden zwischen den Hinterbeinen. Auch Stiere können stärkeres Verteidigungs- beziehungsweise aggressives Verhalten zeigen.
Wie läuft die Konfrontation mit einem Rind ab?
Für einen kurz bevorstehenden Angriff durch ein Rind kann es verschiedene Warnsignale geben. Fühlt sich ein Rind bedroht, dann bleibt es stehen, fixiert sein Ziel und hebt und senkt seinen Kopf abwechselnd. Es geht dabei leicht in die Knie und fällt durch Brummen und Schnauben auf, was mit einem intensiven Riechen verbunden ist. Schließlich geht das Tier zunächst ein paar langsame Schritte auf sein Ziel und läuft dann mit hoher Geschwindigkeit weiter.
Der eigentliche Angriff erfolgt, indem die Tiere versuchen, den Menschen mit dem Kopf zu rammen, umzustoßen, zu Boden zu drücken oder buchstäblich auf die Hörner zu nehmen. Ohne Hilfe von außen lässt das Tier möglicherweise länger nicht von seinem Opfer ab, was zu schweren Verletzungen führen kann. Auch Tritte mit den Hinterbeinen sind möglich.
Wie soll ich mich beim Wandern auf einer Alm verhalten?
Das österreichische Landwirtschaftsministerium hat in Kooperation mit weiteren Institutionen „10 Verhaltensregeln für den Umgang mit Weidevieh“ zusammengestellt und zusammen mit weiteren Informationen rund um das Thema auf der Webseite sichere-almen.at veröffentlicht.
Land schafft Leben gibt diese Regeln hier im Originalwortlaut wieder, unsere Grafik zeigt die Regeln in einer kompakteren Variante:
Kontakt zum Weidevieh vermeiden, Tiere nicht füttern, sicheren Abstand halten!
Ruhig verhalten, Weidevieh nicht erschrecken!
Mutterkühe beschützen ihre Kälber. Begegnung von Mutterkühen und Hunden vermeiden!
Hunde immer unter Kontrolle halten und an der kurzen Leine führen. Ist ein Angriff durch ein Weidetier abzusehen: Sofort ableinen!
Gekennzeichnete Wander- und Radwege nicht verlassen!
Wenn Weidevieh den Weg versperrt, mit möglichst großem Abstand umgehen bzw. umfahren, allenfalls das Rad schieben!
Bei Herannahen von Weidevieh: Ruhig bleiben, nicht den Rücken zukehren, den Tieren ausweichen!
Schon bei ersten Anzeichen von Unruhe der Tiere Weidefläche zügig verlassen!
Zäune sind zu beachten! Falls es ein Tor gibt, dieses nutzen, danach wieder gut schließen und Weide zügig queren!
Begegnen Sie den hier arbeitenden Menschen, der Natur und den Tieren mit Respekt!
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.