Können Almen vor Naturgefahren schützen?
Der Klimawandel bringt ein höheres Risiko für Naturkatastrophen wie etwa Schlammlawinen oder Überflutungen mit sich. Ein Teil der dadurch entstehenden Schäden geht aber nicht auf das Konto der erwärmten Erdatmosphäre. Auch die Aufgabe von Almweiden und andere Veränderungen bei der Landnutzung wirken sich negativ aus. Auch bei der Trinkwasserbildung spielen Almen eine wichtige Rolle.
Unter alpinen Naturgefahren sind Ereignisse wie etwa Muren (Schlamm-/Gerölllawinen), Hangrutschungen, Felsstürze, Hochwasser, Überflutungen oder Schneelawinen zu verstehen. Dabei kommen innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Wasser, Schnee, Erde, Fels oder Gestein einen Abhang herunter. Je nach Ort und Größe des Ereignisses können sie Häuser, Straßen und andere Infrastruktur zerstören sowie Menschenleben direkt gefährden.
Prinzipiell gehören Naturgefahren zur Natur, wie es der Begriff bereits verrät. Da Gebirge der natürlichen Verwitterung sowie Wetter- und Klimaschwankungen ausgesetzt sind, sind Muren, Lawinen und Co. immer schon Teil des Repertoires der Alpen. Zur Katastrophe werden solche Ereignisse erst dadurch, dass sich der Mensch mit seinen Siedlungen oder im Rahmen seiner Aktivitäten in ihren unmittelbaren Einflussbereich begibt.
Hinzu kommt, dass das Risiko von Naturgefahren mit dem voranschreitenden Klimawandel größer wird. Das liegt etwa daran, dass die wärmere Atmosphäre mehr Wasser aufnehmen kann, das dann in Form von stärkeren Niederschlägen wieder nach unten kommt. Ein anderes Beispiel sind Felsbereiche im Hochgebirge, die bislang dauerhaft gefroren waren und durch das Eis zusammengehalten wurden. Teile davon tauen inzwischen auf und werden dadurch instabiler. In eisfrei gewordene Ritzen und Spalten kann erneut Wasser eindringen und gefrieren. Da sich Wasser beim Gefrieren ausdehnt, kann es dabei das Gestein auseinanderdrücken. Dieser als Frostsprengung bezeichnete Vorgang trägt zur Instabilität von Felsbereichen bei.
Wie schützen Almen vor Naturgefahren?
Generell können auch Almflächen solche Naturkatastrophen nicht verhindern. Durch eine standortangepasste und nachhaltige Bewirtschaftung lässt sich ein Teil des Risikos allerdings verkleinern. Konkret kommt es dabei vor allem auf die Art des Bewuchses einer Fläche beziehungsweise auf deren Bewirtschaftung an.
Was ist ein Schutzwald?
Den besten Schutz vor Naturgefahren bieten Waldflächen. Dabei sind laut Gerhard Markart vom Institut für Naturgefahren am Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) vor allem zwei Wirkungen des Waldes maßgeblich: „Zum einen brechen die Bäume die Bewegungsenergie des Niederschlags, indem sie Regentropfen zerkleinern und deren Aufprallgeschwindigkeit am Boden reduzieren.“ Wo der Boden dagegen ohne den Schutz durch eine Pflanzendecke offen daliegt, prallen die Tropfen mit großer Wucht auf die Oberfläche und schleudern Bodenpartikel nach allen Seiten weg. Auf diese Weise wird der Boden zugleich verdichtet, eingeschlämmt und versiegelt. Nach und nach reduziert sich seine Fähigkeit, Wasser aufzunehmen. Bäume wirken dem entgegen. „Zum anderen haben Waldböden in der Regel ein deutlich höheres Wasseraufnahmevermögen als vergleichbare Böden ohne Wald“, fügt Gerhard Markart hinzu. „Das liegt daran, dass Bäume mehr Wasser aufnehmen und verdunsten als andere Pflanzen. Daher ist im Waldboden meist mehr freier Porenraum vorhanden, der etwa bei Starkregen wieder aufgefüllt werden kann.“
Als physische Barriere wirkt Wald auch Lawinen oder Steinschlag entgegen. Sie können hier kaum entstehen oder werden abgebremst werden, wenn sie von oberhalb kommen. Allerdings können Bäume auch zum Problem werden, zum Beispiel, wenn sie eine Hangrutschung einmal doch nicht verhindern können und in einen Bach stürzen. Dessen Wasser kann sich daraufhin anstauen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Verklausung“. Wenn sie sich ruckartig wieder löst, können schwere Muren die Folge sein.
Die weitgehende Schutzfunktion des Waldes haben die Menschen aber dennoch bereits im Mittelalter erkannt und bestimmte Bereiche oberhalb besiedelter Flächen von der Rodung ausgeschlossen. Heute sind in Österreich gemäß dem Forstgesetz 1,6 Millionen Hektar Staatsfläche als Schutzwald festgelegt, das entspricht 42 Prozent der gesamten Waldfläche.56 Hier gelten spezielle gesetzliche Rahmenbedingungen für die Bewirtschaftung und Nutzung. Diese sollen dafür sorgen, dass die Funktion des Schutzwaldes erhalten bleibt. Laut Experte Markart sind für den Schutz des Bodens vor allem sogenannte Standortschutzwälder wichtig. „Ohne solche Wälder wäre der Boden in vielen Steillagen längst verschwunden und das Wasser könnte ungebremst zu Tal rauschen.“ Laut Landwirtschaftsministerium könnten ohne Schutzwälder fast die Hälfte des Lebens- und Wirtschaftsraums hierzulande nicht genutzt werden.
Brachliegende Almen vergrößern das Risiko für Lawinen
Neben den Schutzwäldern mindern auch gut geführte Almweiden das Risiko für bestimmte Naturgefahren. Auf den ersten Blick sollte eine Umwandlung von Almweide zu Wald also kein Problem darstellen. Schließlich würde der Schutz dadurch nur verbessert werden. Von entscheidender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang aber die mehrere Jahrzehnte andauernde Übergangsphase, in der eine nicht mehr bewirtschaftete Fläche weder gepflegte Almweide noch richtiger Wald ist. Gerade dann herrscht für Lawinen oder bestimmte Formen der Erosion ein erhöhtes Risiko. Das liegt an den besonderen Bedingungen, die sich auf einer brachliegenden Almweide einstellen können.
Dazu gehört die zuvor beschriebene Tatsache, dass Gras ohne Beweidung oder Mahd zu langen Halmen heranwächst. Auch nieder wachsende Gehölze wie Grünerlen oder Latschenkiefern kommen allmählich auf. Je nach Bedingungen kann sich diese Art des Bewuchses unter Schneelast beugen und so zu einer Rutschfläche formen. Auf nicht beweideten oder gemähten Flächen in Hanglage erhöht sich dadurch die Intensität des sogenannten Schneegleitens. Ähnlich wie die Eismassen eines Gletschers langsam Richtung Tal fließen, gleitet auch eine Schneedecke als Ganzes ganz allmählich hangabwärts. Je nach Standort und Witterungsbedingungen kann die herabgleitende Schneedecke brechen und dadurch Lawinen, genauer gesagt Gleitschneelawinen, auslösen.
Gleitschneelawinen werden durch einen weiteren Prozess begünstigt, der sich auf brachliegenden Almflächen zeigen kann: Nicht gemähte oder abgefressene Grashalme sterben am Ende jeder Vegetationsperiode naturgemäß ab. Da sie im kühlen Bergklima nur langsam ver- rotten, können bestimmte Grasarten im Laufe der Jahre robuste Filzmatten bilden, durch die Wasser nur schwer versickern kann. Einige Arten verstärken den Effekt zusätzlich durch einen dichten Filz aus Wurzelfilz. Während Phasen der Schneeschmelze sickert das Wasser durch die Schneedecke hindurch und bildet zwischen Filzmatte und Schneedecke einen Wasserfilm. Dieser gerät umso dicker, je schwerer das Wasser im Boden versickern kann. Der Wasserfilm verringert den Reibungswiderstand der Schneedecke zusätzlich, und das Risiko für Gleitschneelawinen wächst.
Was sind Blaiken?
Bei einer Blaike handelt es sich um eine Art Wunde in der Grasnarbe eines Hangs. Zu einem erhöhten Risiko von Blaiken kann ebenfalls das Aufkommen bestimmter Pflanzenarten bei- tragen. Dazu gehören Gräser, die sogenannte Horste bilden. Von Horsten ist bei Pflanzen die Rede, bei denen viele Triebe oder Halme dicht beieinander und büschelartig wachsen. Die langen Halme horstbildender Gräser oder auch die Zweige starrwüchsiger Zwergsträucher können unter bestimmten Bedingungen in die Schneedecke einfrieren. Rutscht diese dann im Zuge des üblichen Schneegleitens nach unten, dann zieht sie die eingefrorenen Pflanzen samt Wurzeln und Erde mit nach unten. Kahle Stellen im Hang bleiben zurück.
Das Risiko für solche auch „Blaiken“ genannte Hangrutschungen ist sowohl auf brachliegenden als auch auf überweideten Flächen erhöht.
Erosion und Überschwemmungen durch brachliegende Almen?
Ein dichter Filz aus altem Gras kann auf aufgelassenen Almen auch im Sommerhalbjahr für Probleme sorgen, wie Naturgefahren-Experte Gerhard Markart erklärt: „Bei einem Starkregen wirkt der Filz wie ein Strohdach, von dem die Tropfen abperlen. Das Wasser fließt vermehrt oberflächlich ab, statt im Boden zu versickern.“ Das Problem dabei: Je mehr Wasser inner- halb kurzer Zeit vom Himmel fällt und nicht im Boden versickert, desto eher führt es weiter talwärts zu lokalen Überschwemmungen und Erosion. Mit Erosion ist in diesem Zusammenhang ein Phänomen gemeint, bei dem fließendes Wasser Bodenteilchen mit sich reißt. Dadurch können sich immer tiefer ins Gelände eingrabende Rinnen und Gräben bilden. In ihnen kann das Wasser bei starkem Regen mit hoher Geschwindigkeit Richtung Tal fließen und sich in Bächen sammeln. Außerdem geht auf betroffenen Flächen wertvoller Boden verloren.
Grundsätzlich sind Grünlandflächen (Wiesen und Weiden) wegen ihres dauerhaften Bewuchses zwar sehr viel weniger erosionsgefährdet als etwa hügeliges Ackerland. Bei Letzterem liegt der Boden meist phasenweise unbedeckt und schutzlos vor, zum Beispiel rund um die Aussaat einer neuen Kultur im Frühjahr oder Herbst. Aber auch auf Almfutterflächen kann es zu Erosion kommen.
Das Erosionsrisiko im Bereich von Almen vergrößert sich aber nicht nur durch Nutzungsaufgabe und potenzielle Filzmatten. Auch eine punktuell zu intensive Beweidung vergrößert das Erosionsrisiko. Wenn zu viele Tiere ständig dieselben Stellen betreten, sodass sich die Pflanzen nicht mehr erholen, kann die Grasnarbe dauerhaft aufreißen und so Eintrittspforten für Niederschlagswasser öffnen. Entlang von nicht befestigten Wanderwegen ist das Phänomen ebenfalls beobachtbar. Hier wird es teils durch Menschen, teils durch Weidevieh verursacht, das Wanderwege ebenfalls nutzt.
Starkregenereignisse sind in Österreich wegen des Klimawandels schon jetzt häufiger zu beobachten. Sie können selbst an kleinsten Bächen innerhalb kürzester Zeit zu verheerenden Überschwemmungen führen. Das gilt besonders für den Alpenraum, wo das Niederschlagswasser weiter Einzugsgebiete in relativ engen Talmulden zusammenläuft.
Laut Gerhard Markart macht man es sich aber zu einfach, wenn man die entstehenden Schäden allein dem Klimawandel zuschreibt. „Es wirken zwei Faktoren zusammen: Zum einen die inzwischen auch für Österreich belegbar extremer werdenden Starkregen. Zum anderen aber auch die seit Jahrzehnten vorangetriebenen Änderungen bei der Landnutzung, die dafür sorgen, dass die Landschaft weniger Wasser halten kann: immer mehr Straßen, Gebäude und sonstige Infrastruktur mit entsprechend versiegelten Böden, Maisanbau, wo früher eine Mähwiese war, Ausbau von Skipisten teils ohne geeignete Bodenschutzmaßnahmen, Auflassung von Almen und dadurch Wegfall der Almpflege. All das erhöht das lokale Risiko für Überflutungen und andere Naturgefahren, zusätzlich zum Klimawandel.“
Wald sowie fachlich gut bewirtschaftete Almfutterflächen und Skipisten leisten dagegen einen Beitrag, das Erosions- und Überschwemmungsrisiko zu mindern.
Wie kann die Almwirtschaft zur Risikominimierung beitragen?
Bei der Bewirtschaftung einer Alm lässt sich mit unterschiedlichen Maßnahmen dem Risiko von Erosion entgegenwirken. Dazu gehört zuallererst eine gut gemanagte, gleichmäßige Beweidung mit nicht zu wenigen und nicht zu vielen Tieren.
Zu viele Huftritte fördern Verletzungen der Grasnarbe vor allem an steileren Hängen und bei besonders feuchtem Bodenzustand. Da sich die Erde hier viel leichter nach unten treten lässt, sollten bestimmte Steillagen nicht von besonders schweren Tieren wie ausgewachsenen Milchkühen beweidet werden. Ziegen wären in diesem Fall besser geeignet. Häufig werden Steilflächen auch als Bergmähder genutzt. Dabei wird der Hang einmal jährlich oder zwei- jährlich zum Heumachen genutzt und von Weidetieren nicht oder nur für kurze Zeit betreten. Auch das dient dem Schutz der Flächen.
Eine gelenkte Weideführung mit Hilfe von Hirtinnen und Hirten oder der Unterteilung der Weiden mittels Zäunen (Koppelwirtschaft) kann die Tiere in den jeweils geeigneten Bereichen der Alm halten, je nach Witterung und Zustand der Flächen. So lassen sich Schäden minimieren. In der Praxis scheitern derartige Maßnahmen allerdings häufig an Personalmangel oder daran, dass die Kosten dafür in keinem Verhältnis zu den Erlösen aus der Almwirtschaft stehen.
Viehgangeln bremsen Wasser und Schnee
Umgekehrt kann das regelmäßige Betreten von Hängen durch Weidetiere – in nachhaltigem Ausmaß – das Erdreich auch leicht verfestigen und so vor Erosion schützen. Dieser Effekt zeigt sich in den Viehgangeln. Sie sehen nicht nur aus wie schmale Terrassen, sie wirken auch wie solche. Genau genommen bremsen die von den Weidetieren geschaffenen Geländestufen Wasser und Schnee auf dem Weg talwärts.
Die Erosionsgefahr vergrößert sich also sowohl durch eine zu intensive beziehungsweise nicht ideal gemanagte Nutzung der Almweiden als auch durch das genaue Gegenteil, nämlich die komplette Nutzungsaufgabe. Es kommt auf das passende Maß beziehungsweise die Intensität der Beweidung an. Betrachtet man die Österreichs Almen als Ganzes, dann steht das Problem einer zu geringen Bestoßung (Beweidung) laut vieler Fachleute deutlich im Vordergrund.
Auch die Sorgfältigkeit der Almpflege hat einen Einfluss. Die Neuansaat kahler Stellen im Almfrühling hilft bei der Regeneration der Weiden. Auch das Absammeln von Steinen ist Teil der Almpflege. Lawinen oder Steinschläge lassen diese manchmal auf den Almflächen zurück. Beim nächsten Schnee werden diese Steine von der sich bewegenden Schneedecke wie ein Pflug nach unten gezogen. Die folgenden Wunden in der Grasnarbe nennen Fachleute „Schneeschurf“. Das Entfernen von Steinen steigert außerdem den Futterertrag und mindert das Verletzungsrisiko für die Almtiere.
Auch eine optimale Düngung fördert eine möglichst gute Durchwurzelung des Bodens und stabilisiert so die Almflächen. Laut Gerhard Markart gehört eigentlich auch die Pflege von Be- und Entwässerungssystemen zur Almpflege.
Was sind Waale?
Als Waale werden in der Almwirtschaft schmale Gräben zur Bewässerung der Weideflächen bezeichnet. In ihnen fließt Wasser aus Bächen parallel zum Hang zu ausgewählten Almfutterflächen. Oft wurden Waale schon vor Jahrhunderten angelegt, vor allem in den trockeneren Regionen der Alpen. Meist handelt es sich um einfache, mit der Handhacke gezogene Rinnen, manchmal auch um schmale, mit Holz oder Stein ausgekleidete Kanäle. Innerhalb Österreich sind die pflegeaufwändigen Waale bis auf wenige Ausnahmen, wie im Tiroler Oberland, kaum noch zu finden. Die Tiroler Waale gehören inzwischen zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Wann kann die Umwandlung zur Skipiste zum Problem werden?
Die Nutzung einer Almfläche als Weide im Sommer und als Skipiste im Winter ergänzt sich in der Regel gut. So sorgen die Weidetiere für eine raue Grasnarbe, auf der schon mit relativ wenig Schnee eine gute Piste präpariert werden kann. Umgekehrt sorgt etwa die Erzeugung von Kunstschnee in trockeneren Wintern für zusätzliches Wasser zur Versorgung der Almfutterpflanzen. Auch helfen Einnahmen aus der Verpachtung der Flächen an die Bergbahnbetriebe bei der Erhaltung der Almwirtschaft.
Dennoch gibt es am Ausbau von Skigebieten auch Kritik. Laut Naturgefahren-Experte Gerhard Markart kann die Neuschaffung von Pistenflächen, wenn sie ohne Rücksicht auf den Boden gemacht wird, für eine schlechtere Wasseraufnahme und damit für vermehrten oberflächlichen Abfluss sorgen. „Die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens hängt von einem intakten Bodenleben und einer guten, gewachsenen Struktur des Bodens ab. Beides wird zerstört, wenn man ihn mit schwerem Gerät planiert und verdichtet“, erklärt Markart. Vor allem in höheren Lagen, wo die biologischen Prozesse besonders langsam ablaufen, brauche es dann lange Zeit, bis die Funktion des Bodens wieder hergestellt ist. „Wir empfehlen zum Beispiel, vor solchen Maßnahmen den Oberboden abzuschälen, auf der Seite zu lagern und nach der Planierung der Fläche wieder als oberste Schicht aufzutragen. Leider wird das nicht immer so gemacht.“ Auch die zu frühe Beweidung einer neu angesäten Pistenfläche könne kontraproduktiv sein.
Es gebe allerdings auch positive Beispiele von behutsamem Pistenausbau. Werden die Flächen etwa mit Stallmist gedüngt, fördert dies das Bodenleben und die Regeneration der Flächen.
Sind Almen gut für das Trinkwasser?
Almen spielen eine Rolle bei der Neubildung von Trinkwasser. Gegenüber einer Waldfläche bringen Almweiden den Vorteil mit sich, dass in der Regel mehr Wasser in tiefere Boden- schichten rinnen und so zur Neubildung von Trinkwasser beitragen kann. Zwei Mechanismen tragen zu diesem Effekt bei.
Um einen der beiden Effekte zu erklären, stellt Almexperte Andreas Bohner von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein eine Frage: „Wenn es zum Beispiel nieselt, dann werde ich bei einer Wanderung über die Alm nass. Wenn ich zur gleichen Zeit aber im Wald spazieren gehe, dann werde ich nicht nass. Warum ist das so? Weil die Wassertropfen auf den Bäumen oben hängenbleiben und von dort wieder verdunsten.“ Bei diesem als „Interzeption“ bezeichneten Vorgang können beträchtliche Anteile des Niederschlags „verloren gehen“, indem sie nicht in den Boden versickern und damit auch nicht zur Trinkwasserneubildung beitragen können.
Unterschiedliche Studien legen für Nadelwälder Interzeptionsverluste ungefähr zwischen 20 und 35 Prozent des jährlichen Niederschlags nahe. „Was die Trinkwasserspende betrifft, sind Almflächen klar im Vorteil“, hält Andreas Bohner fest, „weil der Wassertropfen auf den Weidepflanzen schnell Richtung Boden rinnt und dort versickert. Allerdings immer vorausgesetzt, dass die Weide nicht extrem verdichtet ist.“
Bäume brauchen mehr Wasser als Gras
Ein zweiter Effekt kommt hinzu: Auch von der Wassermenge, die in den Boden gelangt, kann auf einer Almweide mehr als im Wald zur Trinkwasserneubildung beitragen. Der Grund ist simpel: Bäume nehmen aufgrund ihrer Größe viel mehr Wasser auf als der Grasbewuchs der Weiden. Alle Pflanzen geben dieses Wasser im Zuge der sogenannten Transpiration über ihre Blätter oder Nadeln wieder an die Atmosphäre ab. Nur Bäume eben viel mehr als Gras. Weil die Bäume, salopp gesagt, ständig Wasser wegschaffen, kann ein Waldboden zwar meist mehr Wasser aufnehmen als ein Weideboden. Umgekehrt lässt die Weide aber größere Wassermengen in Richtung Grundwasser davonrinnen.
Nicht zuletzt deshalb werden Almen auch bei der Anpassung an den Klimawandel eine wichtige Rolle zugeschrieben. Dies ist etwa in einer Veröffentlichung des „Austrian Panel on Climate Change“ (APCC) nachzulesen. Das Gremium setzt sich aus den im Bereich Klimawandel renommiertesten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Landes zusammen. Es sammelt, ordnet und veröffentlicht regelmäßig Zusammenfassungen der für Österreich wichtigsten Klimaforschung. In seinem Sonderbericht zu Landnutzung und Klimawandel aus dem Jahr 2024 heißt es: „Aufgrund der im Vergleich zu Grünlandflächen erhöhten Evapotranspiration von Waldflächen führt die zunehmende Verwaldung und Verbuschung zu einer verstärkten negativen Entwicklung der Bodenwasserbilanz in den alpinen Tälern Österreichs.“57 Mit „Evapotranspiration“ ist in der Fachsprache das Zusammenspiel aus Transpiration, also der Verdunstung durch Pflanzen, und der Verdunstung von freien Oberflächen gemeint.
Übrigens: Im selben Abschnitt bezeichnet der Landnutzungs-Report die weidebasierte Milch- und Fleischproduktion der Almen als „nachhaltige Produktionsstrategie mit einer vergleichsweise hohen Umweltverträglichkeit“. Außerdem erwähnt er als Option zur Anpassung an den Klimawandel die Möglichkeit, „den Almfutterflächenverlust zu reduzieren und bereits verbuschte und verstrauchte Almflächen zu rekultivieren.“
Quellen
56 BML (2024): Der Schutzwald in Österreich, S. 5
57 Jandl et al. (2024): APCC Special Report: Landnutzung und Klimawandel in Österreich, S. 232
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.