Wie nachhaltig ist Österreichs Schweinefleischproduktion?
Seit rund 10.000 Jahren hält der Mensch Schweine. Heute stehen Themen wie Antibiotikaeinsatz, multiresistente Keime, Futterquellen und der Einsatz von Soja aus Regenwaldgebieten im Fokus – und in der Kritik. Warum das so ist, erfährst du in diesem Artikel.
Antibiotika und multiresistente Keime
Die Diskussion rund um multiresistente Keime und deren Zusammenhang mit dem Einsatz von Antibiotika im Nutztierbereich hat eine breite Öffentlichkeit erreicht. Vereinfacht gesagt liegt das Problem darin, dass sich durch den weltweiten Einsatz von Antibiotika sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin gehäuft Resistenzen bei den zu bekämpfenden Bakterienstämmen bilden.1 Dadurch kann die Behandlung bakteriell verursachter Erkrankungen erschwert werden. Dies kann insbesondere für bereits immungeschwächte Personen, etwa ältere oder kranke Menschen, gravierende Folgen haben.2
Das Thema ist hochkomplex und wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Wissenschaftlich betrachtet sind die grundlegenden Zusammenhänge zwar relativ unstrittig, nicht genau sagen lässt sich allerdings, welchen Anteil die Nutztierhaltung an der Verbreitung von Resistenzen beim Menschen hat. Das stellt etwa das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fest. Dennoch sieht das BfR den wichtigsten Faktor in der Humanmedizin. In einem im Jänner 2026 auf der BfR-Website veröffentlichten Fragen-und-Antworten-Teil (FAQ) heißt es: „Den stärksten Einfluss auf die Resistenz der Bakterien beim Menschen hat aber der Einsatz von Antibiotika beim Menschen selbst.“3 So oder so sei der Antibiotikaeinsatz aber grundsätzlich auf das „unbedingt notwendige therapeutische Maß“ zu begrenzen.
Innerhalb der Tierhaltung steht die Schweinebranche besonders in der Kritik, da Stand 2024 rund zwei Drittel der gesamten im Nutztierbereich in Österreich verwendeten Antibiotika in die Schweinehaltung gehen. Expertinnen und Experten betonen, dass das reine Betrachten von Mengenangaben nicht ausreicht, um der Komplexität der Problematik gerecht zu werden. Seit der Erstveröffentlichung dieses Artikels im Jahr 2017 ist der Einsatz von Antibiotika in der österreichischen Schweinehaltung rückläufig, wenngleich unter starken Schwankungen.4,5 Regelmäßige Rückstandskontrollen der AGES liefern diesbezüglich keine gesundheitlich bedenklichen Ergebnisse.6
Mehr zu diesem Thema findest du in unserem Artikel über Tierhaltung und Tiergesundheit in der Schweinemast.
Nahrungskonkurrenz: Frisst das Schwein dem Menschen etwas weg?
Seit etwa 10.000 Jahren hält der Mensch Schweine.7 Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein diente dabei das Schwein als idealer Wiederverwerter von Lebensmittelabfällen aus Küche und Industrie. Mit der BSE-Krise zu Beginn der 2000er-Jahre sind aber Schlacht- und Küchenabfälle vom Speiseplan der Schweine gestrichen worden. Auch heute noch sind diesbezüglich explizite Verbote in Kraft. Zwar dürfen inzwischen bestimmte tierische Nebenprodukte, etwa von Geflügel, theoretisch wieder an Schweine verfüttert werden dürfen, in der Praxis spielt dies aber kaum eine Rolle. Küchenabfälle dürfen bis heute nicht verfüttert werden. Diese Vorgaben sollen verhindern, dass sich bestimmte Krankheiten verbreiten. So wurde aus dem Allesfresser Schwein, dessen Verdauungssystem dem des Menschen ähnelt, gezwungenermaßen ein Vegetarier, manchmal sogar Veganer. Da Schweine heute also viel fressen, was auch Menschen verzehren könnten, sind sie Nahrungskonkurrent des Menschen geworden.8,9
Branchenvertreterinnen und -vertreter weisen allerdings darauf hin, dass Futterpflanzen nicht immer direkt für den Menschen verwertbar wären. Beim Weizen beispielsweise gibt es verschiedene Qualitätsstufen. Ein zu niedriger Proteingehalt macht den Weizen für die Brotherstellung ungeeignet. Jedoch kann dieser Weizen an Schweine verfüttert werden. Gleichzeitig kann man den Umstand nicht leugnen, dass die Schweineproduktion für die Futtergewinnung global gesehen Ackerland in großem Ausmaß in Anspruch nimmt. Zumindest teilweise könnten diese Flächen direkt der menschlichen Ernährung dienen. Dasselbe gilt auch für Geflügel und Rinder. Wobei Rinder als Wiederkäuer bei artgerechter Fütterung auch ohne Getreide oder andere Ackerfrüchte auskommen könnten. In der Praxis ist der Getreide-Anteil beziehungsweise der Anteil anderer Ackerfrüchte je nach Art des Produktionssystems unterschiedlich hoch.
Zumindest Teile der Wissenschaft plädieren dafür, Nutztieren, insbesondere Schweinen und Geflügel, künftig nur noch das zu fressen zu geben, was Menschen nicht verdauen können beziehungsweise nicht essen wollen. In diesem Zusammenhang ist auch von der „nicht-essbaren Biomasse“ die Rede. Klassisches Beispiel dafür ist etwa die Weizenkleie. Das ist jener Anteil des Weizenkorns, der bei der Herstellung von Weißmehl ausgesiebt wird und nicht im Mehl landet. Über die Verfütterung kann diese Ressource zur Herstellung von hochwertigen tierischen Lebensmitteln genutzt werden.
Eine ausführliche Erklärung zu diesen Zusammenhängen findest du im Artikel „Unsere Lebensmittel: Was wir erzeugen und verbrauchen und was wir essen und trinken sollten".
Besonderheiten in Österreich
Bodengebundene Schweinemast in ÖsterreichJohann Schlederer, bis Jänner 2026 Geschäftsführer der sogenannten „Schweinebörse“, dem bedeutendsten nationalen Schweinevermarktungsverband, betont eine österreichische Besonderheit: Hierzulande erzeugen die Schweinebäuerinnen und -bauern den überwiegenden Anteil an Futtermitteln selbst am eigenen Betrieb. Lediglich die Eiweißkomponente kommt in der Regel in Form von Soja aus Nord- und Südamerika. Die Schweinebetriebe sind innerhalb Österreichs dort angesiedelt, wo auf Ackerflächen Futter produziert wird. Dieselben Ackerflächen nehmen dann auch die in der Schweineproduktion anfallende Gülle auf.
Friedrich Schmoll von der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) bestätigt diese Aussage und nennt einen zweiten damit verbundenen Vorteil: Große Schweinebetriebe in Deutschland, den Niederlanden oder Dänemark verfüttern meist das jeweils billigste Getreide, welches am Hafen der niederländischen Stadt Rotterdam vom Weltmarkt kommend angeliefert wird. Im Vergleich zu Österreich ist hier das Risiko größer, dass Keime durch kontaminierte Futtermittel eingeschleppt werden und so die Gesundheit der Schweine gefährden.
Gentechnisch verändertes Soja
Soja ist wegen seines hohen Eiweißgehaltes ein wichtiger Futterbestandteil in der Schweinemast. Dabei kommt in der Regel gentechnisch verändertes Soja aus Übersee zum Einsatz. Es ist deutlich billiger als die in Europa inklusive Österreich angebaute gentechnikfreie Variante.
Vor allem der großflächige Soja-Anbau in Südamerika steht wegen vermeintlicher und tatsächlicher Auswirkungen auf Mensch und Umwelt in der Kritik. Umweltschutzorganisationen, allen voran Greenpeace, kritisieren seit der Ankunft der ersten Schiffe mit gentechnisch verändertem Soja 1996 den mutmaßlich hohen Pestizideinsatz, Regenwaldabholzung, großflächige Monokulturen und vor allem die Gentechnik an sich. Öffentlichkeitswirksame Kampagnen haben dazu geführt, dass die Bevölkerung Mitteleuropas Gentechnik in der Pflanzenzüchtung weitgehend ablehnt. In keinem anderen Erdteil gibt es einen ähnlich ausgeprägten Wunsch nach „Gentechnikfreiheit“.
Wissenschaftlich betrachtet gibt es keinen Grund, die Gentechnik als Werkzeug der Pflanzenzüchtung abzulehnen. Vielmehr gibt es in der globalen Wissenschaft einen weitreichenden Konsens darüber, dass für die Nachhaltigkeitsbewertung einer Pflanzensorte deren Eigenschaften entscheidend sind – und nicht die Methode, mit der die Sorte gezüchtet wurde.10
Was genau Soja im Allgemeinen als Futtermittel so wertvoll macht, erfährst du im Artikel „Die Bedeutung von Soja als Futtermittel“. Welche Eigenschaften das im Schweinefutter verwendete gentechnisch veränderte Soja mit sich bringt, haben wir in unserem Artikel „Gentechnik-Soja: Was ist das?“ für dich zusammengetragen. Die je nach Anbaumethode eher positiven oder eher negativen Auswirkungen des Soja-Anbaus beschreiben wir im Artikel „Soja-Anbau: Welche klimatischen und ökologischen Auswirkungen sind möglich?“ Interessant zu wissen ist auch: Es gibt verschiedene Formen der Gentechnik. Nicht alle davon sind durch die österreichische Definition von „gentechnikfrei“ ausgeschlossen. Mehr dazu findest du in unseren Artikel „Was ist Gentechnik?“
Quellen
1 European Center für Disease Prevention and Control, ECDC; European Food Safety Authority, EFSA; European Medicines Agency, EMA (2024): Antimicrobial cunsumption and resistance in bacteria from humans and food-producing animals in the EU/EEA, S.16
2 Antao, Wagner-Ahlfs (2018): Antibiotikaresistenz – Eine gesellschaftliche Herausforderung
3 Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR (bfr.bund.de: FAQ – Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung; Beitrag vom 07.01.2026; Zugriff: 22.09.2026)
4 AGES (2020): Bericht über den Vertrieb von Antibiotika in der Veterinärmedizin in Österreich 2015–2019, S. 20, Tab. 12
5 AGES (ages.at, Tierarzneimittel & Hormone: Antibiotika-Vertriebs- und Abgabemengen in der Veterinärmedizin 2025 – Abgabemenge in mg/PCU je Tierart getrennt nach Jahren; Zugriff: 22.09.2026)
6 AGES (2026): Bewertung der Ergebnisse des Rückstandskontrollplanes 2024, S. 13
7 Frantz et al. (2019): Ancient pig reveal a near-complete genomic turnover following their introduction to Europe
8 EFSA (efsa.europa.eu: Tierische Nebenprodukte, Rolle der EFSA; Zugriff: 22.09.2026)
9 Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (bmleh.de, Futtermittel, Häufig nachgefragt: Dürfen Küchen- und Speiseabfälle an Tiere verfüttert werden? Zugriff: 22.09.2026)
10 Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften (2015): Akademien nehmen Stellung zu Fortschritten der molekularen Züchtung und zum erwogenen nationalen Anbauverbot gentechnisch veränderter Pflanzen