Wie lebt eine Zuchtsau in Österreich?
In diesem Artikel erfährst du, wie eine Zuchtsau in Österreich lebt, welche Phasen sie im Laufe ihres Lebens durchläuft und welche Rolle sie in der Ferkelproduktion spielt. Wir haben dir die wichtigsten Stationen und Abläufe zusammengefasst.
Ein Zuchtsau-Leben
In der Zucht unterscheidet man zwischen Zuchtbetrieben, die Zuchtsauen und -eber erzeugen, und Ferkelproduzenten, die Mastferkel erzeugen. Mit sechs Monaten wird eine Jungsau geschlechtsreif, mit acht Monaten wird sie erstmals besamt, was unter Fachleuten als „belegt“ bezeichnet wird. Bei erfolgreicher Besamung ist die Sau anschließend 115 Tage lang trächtig (das Pendant zu „schwanger“ bei Frauen). Die Trächtigkeitsdauer ist leicht zu merken: 115 Tage entsprechen nämlich genau drei Monaten, drei Wochen und drei Tagen.
Eine Zuchtsau kommt statistisch auf 2,2 Würfe pro Jahr und sechs Würfe innerhalb ihrer Lebenszeit. Pro Wurf werden im Schnitt 12 Ferkel geboren. Normalerweise wird die Sau mit drei bis vier Jahren geschlachtet, wenn ihre Fruchtbarkeit und die Zahl der geborenen Ferkel zurückgehen. Im Anschluss wird sie meist zu Wurst verarbeitet.
Zwischen jeder Besamung und jedem Absetzen der Ferkel durchläuft die Zuchtsau einen Zyklus mit drei Stationen. Alle drei befinden sich am selben Bauernhof. Die Sauen wandern in Gruppen von einer Station zur nächsten. Es werden nicht alle auf einmal besamt, weil sonst alle gleichzeitig Ferkel bekommen würden und viel mehr Abferkelbuchten benötigt würden. Ein Drei-Wochen-Rhythmus sorgt dafür, dass die meisten Stallräume belegt sind.
Deckzentrum
Im Deckzentrum werden die Sauen besamt. Selten erfolgt das durch den Natursprung eines Ebers. Meistens werden die Sauen künstlich besamt. Das bedeutet, dass das von Ebern gewonnene Sperma zum richtigen Zeitpunkt in die Sau eingeführt wird. Um eine möglichst hohe Erfolgsquote zu erzielen, muss der Bauer darauf achten, wann genau seine Sauen fruchtbar sind. Für die Besamung werden die Sauen etwa eine Woche lang einzeln in sogenannten Besamungsbuchten gehalten. Während dieser Zeit können sie sich nicht frei bewegen. Maximal zehn Tage Einzelhaltung sind erlaubt. Bezüglich der Arbeitsabläufe beim Besamen ist diese Form der Sauenhaltung von Vorteil. Durch die Einzelhaltung werden auch Stress und Verletzungen verhindert. Dazu könnte es zum Beispiel durch Rangkämpfe zwischen den Sauen kommen, die in dieser Zeit häufig zu beobachten sind.
Ebersperma für die künstliche Besamung von Zuchtsauen wird in spezialisierten und von der Ferkelproduktion getrennten Betrieben gewonnen. Diese werden häufig als „Besamungsstation“ bezeichnet, obwohl dort keine Sauen besamt werden. Der synonym verwendete Begriff „Eberstation“ birgt dagegen weniger Verwirrungspotenzial.
Um die Sauen zum Zweck der Besamung „in Stimmung“ zu bringen, geht ein Eber vor den Sauen den Gang im Deckzentrum auf und ab. Sein Geruch trägt dazu bei, dass die Sauen in die Rausche kommen. Die Ferkelproduktionsbetriebe halten meist nur zu diesem Zweck einen Eber. Geschätzte 90 Prozent der Sauen werden mit Sperma von Besamungsstationen (Eberstationen) künstlich besamt. Die restlichen Sauen werden per Natursprung vom Eber befruchtet. Die Besamung ist zu 90 Prozent erfolgreich und die Sau wird trächtig. Nach drei Wochen wird per Ultraschalluntersuchung geprüft, ob die Sau trächtig ist. War die Besamung nicht erfolgreich, muss sie zurück ins Deckzentrum. Dann gibt es zum geplanten Geburtstermin eine Geburt weniger, also auch weniger Ferkel und weniger Ertrag für den Bauernhof.
Wartestall
Im Wartestall sind die Sauen nach der erfolgreichen Besamung und bis wenige Tage vor der Geburt der Ferkel untergebracht. In diesen etwa 15 Wochen beziehungsweise dreieinhalb Monaten haben die Sauen soziale Kontakte zu Artgenossinnen. In dieser Zeit werden sie in Gruppen gehalten, diese ist seit 2013 verpflichtend. Die Gruppengröße ist je nach Betrieb unterschiedlich. Zum Fressen gehen die Sauen in einen Bereich, wo sie ungestört von anderen Sauen fressen können. So werden Konflikte vermieden.
Fixierung der Sau rund um die Geburt
Fünf Tage vor und vier Wochen nach der Geburt sind konventionelle Zuchtsauen derzeit noch in einem Kastenstand fixiert. Dieser schützt die Ferkel vor dem Erdrücktwerden durch das Muttertier und erleichtert Arbeitsabläufe. Der Kastenstand steht in der Kritik, weil die Bewegungsfreiheit der Sau stark eingeschränkt ist. Ab dem Jahr 2033 ist die routinemäßige Fixierung im Kastenstand verboten.
Der Kastenstand – auch als „Ferkelschutzkorb“ bezeichnet – ist so konstruiert, dass sich die Sau in einem Bereich in der Abferkelbucht aufhält, während die Ferkel die ganze Bucht nutzen können. Jede Sau hat zusammen mit ihren Ferkeln eine eigene Bucht. Die Sau wird mittels Ferkelschutzkorb, bestehend aus einem Metallgestänge, fixiert. Sie kann sich dabei nicht umdrehen und kaum nach vorne oder hinten bewegen.
Kastenstand als Schutz für Ferkel und Personen
Der Vorteil eines Kastenstands ist, dass die Sau weniger Ferkel erdrückt. Die Abferkelbuchten sind jene Bereiche eines Schweinestallgebäudes, deren Umbau am teuersten wäre. Ein weiterer Vorteil des Kastenstandes ist der bessere Arbeitsschutz. Wenn die Bäuerin oder der Bauer mit den Schweinen arbeitet, insbesondere, wenn Ferkel aus der Abferkelbucht genommen werden, kann die Muttersau aggressiv werden. Mit dem Kastenstand kann dieser Arbeitsgang erledigt werden, ohne mit der Sau in direkten Kontakt zu kommen.
„Keine tiergerechte Haltung“
Aus der Sicht von Barbara Fiala-Köck, ehemalige Tierschutz-Ombudsfrau des Landes Steiermark, erfüllt die derzeit übliche Abferkelbucht nicht die Ansprüche an eine tiergerechte Haltung. Sie erwähnt beispielsweise ein Bedürfnis unmittelbar vor der Geburt: „Es fehlt die Möglichkeit des Auslebens des Nestbauverhaltens. Die Schweine können sich nicht ordentlich ablegen und sie können sich nicht umdrehen.“ Zudem fehle der Sozialkontakt mit den Ferkeln, so Fiala-Köck.
Ab 2033 Bewegungsfreiheit verpflichtend
Im Projekt „Pro Sau“ wurde eine Abferkelbucht getestet, die die Bewegung nach der Geburt ermöglicht. Die Sau kann während notwendiger Arbeiten zeitweise fixiert werden. Erste Betriebe verwenden bereits „Pro Sau“-Abferkelbuchten. Ab dem Jahr 2033 wird es generell verboten sein, Zuchtsauen in der Abferkelbucht dauerhaft zu fixieren. Betriebe, die heute einen neuen Stall bauen, verwenden das neue System.
Bio-Sauenhaltung
Im Gegensatz zur konventionellen Haltung müssen Sauen in der Bio-Landwirtschaft immer Zugang zu einem Auslauf in Freie haben, auch während der Säugezeit. Auf diese Weise können sich die Tiere dem natürlichen Tageslicht, Wind, Sonne oder Regen aussetzen und so artgemäßen Lebensumständen näherkommen. Die Ausläufe sind meist befestigt, Weidezugang ist nicht verpflichtend. Auch Wühlmaterial muss immer zur Verfügung stehen. Meist wird Stroh verwendet. Kastenstände als Haltungssystem für säugende Sauen sind verboten.