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Wie steht es um das Tierwohl in der Schweinefleischproduktion?

Wie lässt sich Tierwohl in der Schweineproduktion eigentlich definieren? Nach welchen Kriterien kann man sich diesem komplexen Thema annähern? Und welche Bedeutung haben dabei wirtschaftliche Rahmenbedingungen und das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten?

Drei Ferkel mit Ohrmarken stehen auf Stroh und blicken in verschiedene Richtungen. Drei Ferkel mit Ohrmarken stehen auf Stroh und blicken in verschiedene Richtungen.

Die Liste der Themen, die im Kontext der Schweinefleischproduktion aus Sicht der Nachhaltigkeit teils diskussionswürdig erscheinen, ist lang. Je nach Blickwinkel werden vorliegende Zahlen und Daten ganz unterschiedlich interpretiert. Gerade beim Schwein ist die untrennbare Verflechtung der heimischen Produktion in gesamteuropäische und globale Zusammenhänge ein mitentscheidender Umstand. Dies macht eine Bewertung der spezifisch österreichischen Produktionsvoraussetzungen nach Tierwohl- und anderen Nachhaltigkeitskriterien schwierig bis unmöglich. Hier können nur ein paar Aspekte aufgezeigt werden, die besonderes öffentliches Interesse beanspruchen.

Tierwohl und der fragende Blick der Ethik

Christian Dürnberger vom Messerli-Forschungsinstitut in Wien beschäftigt sich mit ethischen Fragen der Nutztierhaltung. Ethik richtet den Blick auf gängige Moralvorstellungen und hinterfragt diese. Aus dieser Sicht heraus sei zunächst einmal festzustellen, dass das Schwein leidensfähig ist. Dies, so Dürnberger, könne uns moralisch nicht egal sein, „das heißt, wir sind dafür verantwortlich, dem Schwein Leid zu ersparen. Hierin zeigt sich der Gedanke des klassischen Tierschutzes. Seit geraumer Zeit allerdings stellen sich viele die Frage: Genügt das? Oder will ein Tier wie ein Schwein nicht mehr als ‚nur‘ ein leidfreies Leben? Das Konzept ‚Tierwohl‘ setzt sich genau mit diesen Aspekten auseinander, die über die Leidensfreiheit hinausgehen.“

Manche Akteure in der Schweineproduktion unterschätzen laut Dürnberger noch immer, dass es mehr und mehr Menschen gibt, denen bloßes Leidersparnis bei Nutztieren zu wenig ist – sie wünschen sich nicht nur Schutz vor Leiden für die Tiere, sondern auch Tierwohl.

Mehrere Schweine fressen auf einer offenen Weide mit Unterstand; im Hintergrund ländliche Landschaft.

Ethische Kriterien für praxistaugliches Tierwohl

Wie aber ist Tierwohl definiert bzw. welche möglichen objektiven Kriterien ermöglichen eine auch praxistaugliche Annäherung an das Problemfeld Tierwohl? Isabel Hennig-Pauka, zum Zeitpunkt unseres Filminterviews Leiterin der Schweineklinik an der Veterinärmedizinischen Uni Wien veranschaulicht, was mit Tierwohl gemeint ist, anhand des Konzepts der fünf Freiheiten. Demnach spreche die Wissenschaft davon, dass dem Schwein …

  1. Freiheit von Hunger und Durst, also Zugang zu frischem Wasser und gesundem Futter,

  2. Freiheit von haltungsbedingten Beschwerden,

  3. Freiheit von Schmerz, Verletzungen und Krankheit,

  4. Freiheit von Angst und Stress

… gewährt werden müsse und dass die (5.) Freiheit sich auf das Tierwohl beziehe. Diese verlangt die Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster, das heißt ausreichendes Platzangebot, Gruppenhaltung, etc. Hier geht es nicht mehr um Leid, sondern darum, dass das Schwein seine natürlichen Verhaltensmuster leben kann. Hier geht es über den klassischen Tierschutz hinaus.

Was ist die „natürlichste“ Haltungsform?

Eine radikale Position in diesem Zusammenhang nimmt der Schweinebauer Norbert Hackl aus der Oststeiermark ein. Seine „Sonnenschweine“ leben weitestgehend artgerecht, wie er überzeugt ist. Sie verfügen über ein vergleichsweise enormes Raumangebot, leben ähnlich ihren wilden Verwandten das ganze Jahr über im Freien, können dem Bedürfnis nach Suhlen und Wühlen ungehemmt nachgehen. Für Hackl ist dies die einzig vertretbare Form der Schweinehaltung. Auch Standard-Bio-Haltung lehnt er für sich selbst ab.

Werner Hagmüller, zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Textes Leiter der Bio-Schweine-Forschung in Thalheim bei Wels ist selbst Bio-Schweinehalter und Tierarzt. Er gibt zu bedenken, dass eine Schweinehaltung, die sich allzu sehr an den Gegebenheiten orientiert, wie sie die „freie Natur“ bietet, zur Romantisierung neigt. Wild lebende Schweine sind etwa schon hinsichtlich der oben angeführten Freiheiten schlechter dran als domestizierte. In der freien Natur ist ein stets gefüllter Futtertrog, Schutz vor Kälte, Parasiten oder Fressfeinden nicht gegeben. Die Sterblichkeit etwa bei Jungtieren ist um ein Vielfaches höher und der Kampf ums Überleben sozusagen täglich Brot. Er plädiert daher für einen pragmatischen Zugang und warnt vor unzulässigen Vergleichen mit der angeblich so „freien Natur“.

Tierwohl als Aufgabe der Gesellschaft

Tierethiker Dürnberger sieht Tierwohl als eine gesellschaftliche Aufgabe. Es ließe sich nur realisieren, wenn die Gesellschaft das ermöglicht. Der Landwirt kann innerhalb eines vorgegebenen Rahmens Dinge gut oder schlecht machen – die Rahmenbedingungen selbst allerdings kann er nur sehr bedingt ändern. Ethik soll die Menschen dazu bringen, über ihre Einstellung und ihr Handeln nachzudenken. Die Schwierigkeit sei, dass Bäuerinnen und Bauern häufig hochgradig verunsichert reagieren. Sie stehen am moralischen Pranger und verfallen in eine einseitige Rechtfertigungshaltung. Gelingt der Schritt aus dieser heraus, wird klar: Ich bin nicht der Sündenbock für das ganze System. Erst dann werden neue Handlungsoptionen frei.

Tierwohl und der rechnende Blick der Ökonomie

Ein rosafarbenes Ferkel steht auf Spaltenboden im Stall, umgeben von anderen Ferkeln.

Im Begriff Landwirtschaft steckt der Begriff Wirtschaft. Die Betriebe werden weniger und größer und sehen sich mit der Situation konfrontiert, dass die Preise auf dem Weltmarkt traditionell starken Schwankungen ausgesetzt sind. Diese machen aufgrund ihrer relativen Unvorhersagbarkeit Investitionen im großen Stil schwierig. Dies sei an einem Beispiel demonstriert: Ein neuer moderner Stall ist fünf Jahre nach Fertigstellung bereits nicht mehr auf dem neuesten Stand. Die Landwirtin oder der Landwirt muss jedoch mindestens noch 20 Jahre wirtschaften, bis der „neue“ Stall abgezahlt ist.

Auch gesellschaftliche Erwartungen und politische Reaktionen darauf, etwa in Form von Tierschutzrichtlinien, führen zu veränderten, in der Regel erhöhten, Standards. Der landwirtschaftliche Betrieb und die ganze Kette der Produktion können hier oft nur hinterherhinken. Neue Erkenntnisse und neue Forschungsergebnisse bezüglich Tierwohl werden laufend generiert. Auch wenn also ein sehr umfangreiches Wissen in Bezug auf das Tierwohl gegeben ist, stellt sich die Frage nach der Umsetzbarkeit und damit letztlich die nach der Finanzierung. Nur eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung kann den Spagat zwischen ökonomisch vertretbaren „Zusatzleistungen“ der Branche und dem gesellschaftlichen Wunsch nach mehr Tierwohl leisten.

Tierwohl und der entfremdete Blick der Konsumentinnen und Konsumenten

Ein Schwein schaut neugierig durch ein Gitter, daneben ein weiteres Schwein, beide auf Stroh im Stall.

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Dieses berühmte Zitat von Berthold Brecht bringt es auf den Punkt: Erst seit im reichen Westen die Frage der Ernährungssicherheit als weitestgehend geklärt angesehen werden kann, richtet sich der gesellschaftliche Fokus auf die darüberhinausgehende Frage nach dem Tierwohl. Hier nun, so der Tier-Ethiker Christian Dürnberger vom Messerli-Forschungsinstitut in Wien, sehen sich Schweinehalterinnen und Schlachthofbetreiber und die ganze Branche, mit neuen Herausforderungen konfrontiert.

Land schafft Leben © 2017

Gesellschaftlicher Wandel: Vom Sattsein zur Moralfrage

Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein schien die Gesellschaft von Landwirtschaft und Verarbeitung nichts weiter zu verlangen als genügend Schweinefleisch zu produzieren – zu einem günstigen Preis und unter Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften in puncto Lebensmittelsicherheit und Hygiene. Diese Anforderungen werden von der Branche heute erfüllt. Über die ganze Erzeugungskette strengstens kontrolliertes, einwandfreies und preisgünstiges Schweinefleisch ist heute in Österreich – wie in großen Teilen der westlichen Welt – eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit.

 „Wir sind satt“, so Dürnberger weiter, und deshalb hinterfragen wir die Produktionsprozesse. Für ihn ist die gesamte Debatte jedoch keine Luxusdiskussion im Sinne von verschwenderisch oder sinnlos, vielmehr sollte die Gesellschaft froh darüber sein, einen Wohlstand erreicht zu haben, der derartige ethische Fragen in den Blick kommen lässt. Dazu kommt, dass man heute einfach mehr weiß über das Tier und dessen Bedürfnisse. Man kann nicht länger so tun, als sei man hier ahnungslos. Eine immer kritischer werdende Öffentlichkeit richtet ihren fragenden Blick auf die Vorgänge in der Produktion. Und die Akteure der Branche spüren einen zunehmenden Rechtfertigungsdruck.

Laut Manuela Schürr, zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Textes bei der AMA (Agrarmarkt Austria) für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, betreffen die meisten Konsumentenanfragen, die bei der AMA eingehen, das Thema Tierwohl. Diese Anfragen zeigen einen besonders hohen Emotionsgehalt. Dies sei, so Schürr, unter anderem dem Umstand geschuldet, dass sich die kritische Öffentlichkeit von der Produktion immer weiter entfernt – sowohl aus örtlicher Sicht als auch mental-emotionaler. Es fehlt ein Basiswissen über die zeitgemäßen Produktionsbedingungen. Es fehlen Hintergrundinformationen, welche bestimmte Aspekte erst verständlich machen würden, zumindest einem Verständnis näherbringen könnten. Schweinezucht und -mast sind ebenso wie der Transport und die Schlachtung vor dem Auge des Konsumenten gut verborgen. Die wenigen Bilder und Informationen, welche diesen erreichen, sind dann zumeist jene, die Umwelt- und Tierschutzorganisationen mit der Absicht verbreiten, das ganze System zu hinterfragen bis dorthin, es in Bausch und Bogen abzulehnen. 

Mehr Transparenz in der Schweinefleischproduktion: Lösungen und Verantwortung

Der Philosoph Christian Dürnberger erkennt darin eine Gefahr und andererseits auch eine Chance. Gefährlich könnte es werden, wenn sich die Branche gesellschaftlichen Entwicklungen komplett verschließt. Die Chance hingegen bestehe darin, diesen gesellschaftlichen Wunsch ernst zu nehmen und sich selbst mehr als bisher proaktiv in die Tierwohldebatte einzubringen.

Schweinemäster Werner Pail aus der Südsteiermark versucht diesen Schritt auf den Konsumenten zuzugehen. Der von ihm gegründete Verein „Saugut“ bemüht sich, das gegenwärtige System der Schweinemast für interessierte Konsumenten im Rahmen von Veranstaltungen und Vorträgen verständlich zu machen und seine Stalltür zu öffnen. Schlachthöfe reagieren auf den gesellschaftlichen Wunsch nach mehr Transparenz mit Kameras an den besonders neuralgischen Punkten innerhalb des Schlachtprozesses. Der Schlachthof von Norbert Marcher in Graz geht sogar so weit, Interessentinnen und Interessenten einzuladen sich die Schlachtabläufe anhand der installierten Kameras anzusehen.

Konsumentinnen und Konsumenten können laut Dürnberger mit ihrem Handeln positiv zum Tierwohl beitragen. Sie können mehr Geld in Schweinefleisch investieren, das heißt bewusst Fleisch kaufen, das nach Tierwohl-Kriterien produziert wurde; oder insgesamt mehr Interesse für die landwirtschaftliche Produktion aufbringen. Der Philosoph wünscht sich in dieser Hinsicht eine unaufgeregte Debattenkultur anstatt einseitigen Schuldzuweisungen.

Was sind Tierwohl-Programme?

Tierwohl-Programme in Österreich sollen bessere Haltungsbedingungen in der Schweineproduktion fördern und diese für Konsumentinnen und Konsumenten sichtbar machen. Neben dem AMA-Gütesiegel mit zusätzlichen Tierwohlmodulen gibt es Programme des Handels sowie Bio-Standards, die etwa mehr Platz, Beschäftigungsmaterial oder Auslauf vorsehen. Diese Programme steigern das Tierwohl, sind aber auch mit höheren Kosten für Produktionsbetriebe verbunden. Tierwohl-Programme hängen damit stark von bewussten Kaufentscheidungen ab.