Wie nachhaltig ist die Getreideproduktion?
Wie groß ist der CO2-Rucksack von österreichischem Mehl? Wie gut können wir uns selbst in Österreich versorgen? Und wie beeinflusst das Klima die Zuchtziele von Getreide?
Kurze Wege mit kleinem CO₂-Rucksack
Als pflanzliches Lebensmittel hat Getreide beziehungsweise Mehl generell und verglichen mit tierischen Lebensmittel geringere Auswirkungen in puncto Klima. Dies gilt unabhängig vom Ort der Produktion und den zurückgelegten Transportstrecken. Allerdings deutet einiges darauf hin, dass österreichisches Mehl auch im Vergleich zu Mehlen aus anderen Ländern Vorzüge aufweisen kann. Erst, wenn man diesen Vergleich anstellt, fallen die Transporte verstärkt ins Gewicht. Mehr zu den grundlegenden Zusammenhängen rund um das Thema findest du in unserem Report „Landwirtschaft, Ernährung und Klima“.
Im internationalen Vergleich legt der Großteil des heimischen Getreides vergleichsweise kurze Wege zurück, bis es zu Mehl vermahlen wird. Die großen und kleineren Mühlen des Landes beziehen ihren Rohstoff in einem recht engen Umkreis aus der Region. In Österreich aus österreichischen Rohstoffen erzeugtes Mehl kann daher auch in dieser Hinsicht als ein klimafreundlich gewonnenes Lebensmittel bezeichnet werden.
Der Geschäftsführer der größten Mühlengruppe Österreichs, Peter Stallberger von GoodMills, spricht von einer sehr kurzen Logistik: Aufgrund der guten Qualitäten in der Region lege das an die beiden Standorte in Schwechat und die Mühle im steirischen Raaba angelieferte Getreide durchschnittlich unter 80 Kilometer zurück. Mit der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Wien beziehungsweise der zweitgrößten Stadt des Landes Graz habe man die wichtigsten Märkte außerdem direkt vor der Haustür. Mehl, so Stallberger, könne maximal 200 bis 300 Kilometer per LKW wirtschaftlich transportiert werden. Die potenziellen Exportmärkte sind daher eingeschränkt.
Regionales Getreide aus Tschechien oder Süddeutschland?
Auch die größte private Mühle Österreichs im oberösterreichischen Grieskirchen bezieht laut ihrem Geschäftsführer Markus Haberfellner das Getreide aus regionalen Quellen, sprich aus Ober- und Niederösterreich. Er regt allerdings dazu an, den Begriff „regional“ nicht in allen Fällen an die Rohstoffherkunft Österreich zu binden. Für Mühlen in Westösterreich sind die Transportwege aus süddeutschen Weizenanbaugebieten wesentlich kürzer als etwa aus dem Weinviertel.
Auch für Lisa Dyk, Geschäftsführerin der gleichnamigen Bio-Mühle im Waldviertler Raabs an der Thaya, ist der grenznahe Export von heimischen Mehlspezialitäten kein Widerspruch zu gelebter Regionalität. So finden ihre Spezialmehle in Tschechien einen nennenswerten Exportmarkt, der ihr hilft, ihre kleine Mühle als regionalen Arbeitgeber und als sicheren Abnehmer für Bio-Bauern aus der Umgebung zu erhalten.
International gesehen sind kurze regionale Kreisläufe bei Getreide aber eher die Ausnahme. Getreide, insbesondere Weizen, gehört zu den sogenannten „Commodities“ (deutsch: Rohstoff), also Waren mit relativ einheitlichen Produkteigenschaften, die einen wichtigen Bestandteil des internationalen Handels ausmachen. Mit Weizen wird an wichtigen Börsenplätzen wie etwa in Chicago oder Paris gehandelt. Er wird per Schiff über die Weltmeere und von großen Anbauländern wie USA, Kanada oder Russland in Richtung von Regionen mit geringerem Anbau wie in Nordafrika oder Asien transportiert.
Etwas längere Wege mit etwas größerem CO₂-Rucksack
Etwa die Hälfte der heimischen Weizenernte geht in den Export. Das hängt mit der Qualität des in Österreich produzierten Weizens zusammen. Wichtig zu beachten ist allerdings, dass damit nicht eine gute oder schlechte Qualität im engeren gesundheitlichen Sinne gemeint ist. Vielmehr geht es um den Eiweißgehalt des Weizens und seine damit verbundenen Backeigenschaften. Weizen mit hohem Proteingehalt dient unter anderem dazu, ihn mit Weizen von niedrigerem Gehalt zu vermischen und so den für das jeweilige Produkt idealen Proteingehalt „einzustellen“.
Weizen aus Österreich mit hohen Proteingehalten wird zum Beispiel im oberitalienischen Raum besonders nachgefragt und per LKW dorthin geliefert. In Italien wird er zu Brotspezialitäten verarbeitet, die dann ihrerseits zum Teil wieder in den Export gehen.
Österreichisches Bio-Getreide wiederum findet vor allem in der Schweiz eine nennenswerte Nachfrage, wohin es ebenfalls mittels LKW transportiert wird.
Dem exportierten, hochqualitativen Weizen, steht Weizen von niedrigerer Qualität – im Sinne eines geringeren Proteingehalts – gegenüber. Solcher wird per Schiff über die Donau aus den Donauanrainer-Staaten und insbesondere auch aus der Schwarzmeerregion importiert. Dazu gehört Getreide aus Ungarn, der Ukraine, Kasachstan sowie – jedenfalls bis zu Beginn des russischen Ankriffskrieges auf die Ukraine 2022 – der Süden Russlands. Österreich importiert auf diesem Weg vor allem Futterweizen. Dieser enthält geringere Anteile an Protein, erfüllt aber alle Kriterien zur Verwendung als Viehfutter. Futterweizen wird hierzulande zu wenig produziert. Zusätzlich verbraucht die industrielle Verwertung zu Bioethanol größere Mengen Weizen. Laut Website des Unternehmens AGRANA werden in dessen Bioethanolwerk in Pischelsdorf (NÖ) – dem einzigen in Österreich – jährlich rund 600.000 Tonnen Getreide, vor allem Weizen und Mais, zu 260.000 Kubikmetern Bioethanol verarbeitet. Ein beträchtlicher Teil der Rohstoffmenge stammt aus Importen.
Klima wandelt Zuchtziele
Saatzucht ist weltweit ein sehr intensives Forschungsfeld, auf dem in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte erzielt wurden. Getreideforschung und -züchtung haben – im Zusammenspiel mit synthetischen Düngemitteln, Pflanzenschutzmitteln und der allgemeinen Mechanisierung der Landwirtschaft – beispielsweise die globalen Weizenerträge seit Anfang der 1960er-Jahre deutlich mehr als verdreifacht.[i]
Ein Teil der Forschung befasst sich etwa damit, die Reifephasen des Korns kürzer werden zu lassen. Ein anderer Teil versucht das Wachstum der Pflanze zu beeinflussen, indem kürzere Halme gezüchtet werden. Statt die ganze Wachstumskraft in den Halm zu investieren, kann die Getreidepflanze bei einem geringeren Halmwachstum mehr Ressourcen für den Aufbau der Körnerfrucht verwenden. Geforscht wird auch in den Kategorien Resistenz gegen Krankheiten, bessere Verträglichkeit von Klimaschwankungen oder Ertragssteigerung.
Das bestätigt auch Helmut Wagentristl, der die BOKU-Versuchswirtschaft in Groß-Enzersdorf leitet:
Seit der Sesshaftwerdung hat der Mensch Züchtung betrieben. Ursprünglich war das natürlich Auslesezüchtung. Das hat sich ganz einfach gestaltet, indem er die besten Körner aufgehoben hat für den nächstjährigen Anbau. Das war das Wertvollste, das man nicht verzehrt hat. In neuerer Zeit haben wir zwei Züchtungsrichtungen: Einerseits auf Ertrag und Ertragsstabilität, die andere sind die Resistenzzüchtungen, dass die Sorten wenig krankheitsanfällig sind.“
Ertragssicherheit ist wichtigstes Zuchtziel
Oberstes Zuchtziel wird immer die Ertragssicherheit sein. Änderungen der Niederschlagshäufigkeit und -intensität, wie sie dem Klimawandel geschuldet sind, heißt für die Züchtung aber auch, dass eine möglichst große Vielfalt an unterschiedlichen Sorten gewährleistet sein muss. Laut Österreichischer Beschreibender Sortenliste sind mit Stand 2025 hierzulande 262 Getreidesorten (ohne Mais und Hirse) zugelassen. Speziell für Winterweizen sind derzeit 74 verschiedene Sorten gelistet. Zum Vergleich: 1960 waren es lediglich 24 Sorten.
Hinzu kommt ein in sogenannten Saatgutbanken gelagertes Reservoir an alten Sorten und sogenannten Landrassen. Sie erweitern den verfügbaren Genpool zusätzlich. Durch das Einkreuzen bestimmter Sorten in vorhandene, moderne Sorten werden auch bestimmte Eigenschaften übertragen. Die Anforderungen an landwirtschaftliche Nutzpflanzen ändern sich stetig. Mit einer größeren Vielfalt an bestehenden, verfügbaren Sorten, lässt sich auch in Zukunft auf einen größeren Pool an potenziell nützlichen Eigenschaften zurückgreifen. Auch moderne Züchtungstechniken wie das sogenannte Genome Editing werden dazu in Zukunft einen Beitrag leisten.
Sind alte Sorten wirklich besser?
Dem häufig gehörten Mythos, dass „alte Sorten“ generell gesünder und widerstandfähiger seien, wird allerdings vonseiten der heimischen Saatgutzüchter unisono widersprochen. Zwar wird alte Genetik durch die Erhaltung alter Sorten konserviert, um die Variabilität nicht zu gefährden. Anders ausgedrückt: Um einzelne positive Eigenschaften der alten in moderne Sorten übertragen zu können. Aber in der Praxis kommen praktisch ausschließlich moderne Hochleistungs-Züchtungen zum Einsatz, die eine Vielzahl von erwünschten Eigenschaften aufweisen. Neue Sorten haben eine durchschnittliche „Lebensdauer“ von fünf bis sechs Jahren. Das heißt, danach werden sie durch neuere, bessere Sorten verdrängt.
Neuerdings unter dem Label „Urgetreide“ angebotene Sorten wie Emmer und Einkorn erleben zwar eine gewisse Renaissance im Nischensegment. Alfred Mar, zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Textes Lebensmitteltechnologe an der BOKU Wien, verweist aber auf den Umstand, dass diese Sorten in der amtlichen Statistik gar nicht extra ausgewiesen sind, was ihre quantitative Bedeutung widerspiegle. Mehr dazu findest du in unserem Artikel „Was ist Ur- und Pseudogetreide?“.