Wie nachhaltig ist die Eierproduktion?
Wie nachhaltig ist die Eierproduktion in Österreich wirklich? Von gentechnikfreiem Futter über Hochleistungszucht bis zu Tierwohlfragen: Dieser Überblick zeigt, welche ökologischen und ethischen Aspekte hinter österreichischen Eiern stecken – und wo es auch kritische Punkte gibt.
Besonderheiten in Österreich
Ist das Soja im Futter gentechnisch verändert?Zu den wesentlichen Bestandteilen des Futters von Legehennen gehören neben Mais und Weizen auch Soja (Extraktionsschrot, Sojakuchen, Sojabohne). Dabei wird auf klassisch gentechnisch verändertes Soja aus Übersee verzichtet. Die heimische Eierbranche hat sich im Jahr 2010 nämlich auf eine „gentechnik-freie“ Fütterung geeinigt. Stattdessen setzt man auf Soja aus der Donauregion und vermindert dadurch Überseeimporte. Seither finden sich auf jeder heimischen Frischeipackung die Siegel der „ARGE Gentechnik-frei“ und des Vereins „Donau Soja“. Letzterer steht laut seiner Webseite dafür, dass „Soja-LandwirtInnen sich an die EU-Pflanzenschutzrichtlinien und die EU-Arbeits- und Sozialrechte halten und kein Land kultivieren, welches nicht bereits vor dem 1. Januar 2008 als landwirtschaftliche Fläche genutzt wurde.“ Damit sollen ebenjene ökologischen Aspekte, deren Fehlen in der Sojaproduktion in Übersee seit vielen Jahren bemängelt wird, berücksichtigt werden.
Wissenschaftlich betrachtet gibt es keinen Grund, die Gentechnik als Werkzeug der Pflanzenzüchtung abzulehnen. Vielmehr besteht ein globaler wissenschaftlicher Konsens, wonach bei der Nachhaltigkeitsbewertung einer Pflanzensorte allein deren Eigenschaften ins Gewicht fallen, unabhängig von der Züchtungsmethode, mit der diese Eigenschaften verändert wurden.
Interessant zu wissen ist auch: Es gibt verschiedene Formen der Gentechnik. Nicht alle davon sind durch die Definition von „gentechnik-frei“ ausgeschlossen. Mehr zum Thema Lebens- und Futtermittel Soja findest du in unserem Artikel „Gentechnik-Soja – Was ist das?“.
Züchtung auf Hochleistung
Weltweit stammen die meisten Legehennen aus dem Züchtungsunternehmen „Lohmann Breeders“ mit Sitz in Cuxhaven, Niedersachsen. Lohmann ist eine Tochtergesellschaft der „EW Group“, die ihren Sitz in Visbek hat, ebenfalls Niedersachsen. Die meisten der mehr als zwei Milliarden Eier, die in Österreich jährlich konsumiert werden, werden von Hochleistungstieren gelegt, die von diesem Unternehmen stammen. Dabei handelt es sich um sogenannte Hybridlinien, die Namen wie „Lohmann Brown“, „Lohmann Sandy“ oder „LSL“ (Lohmann selected Leghorn) tragen. Aufgrund von strenger Selektionszucht im Laufe ihrer ungefähr einjährigen Legezeit legen diese Rassen beinahe täglich ein Ei . Weltmarktführer Lohmann beschreibt die Züchtung auf Land-schafft-Leben-Anfrage als „Balanced Breeding“ und meint damit eine ausgeglichene Züchtung zwischen Leistung und Tierwohl. Die wichtigsten Zuchtziele seien „Eiqualität, Legeleistung, Eigewicht, Tierwohl und Verhalten“.
Hochleistungszucht lässt sich zum Teil als Grenzgang verstehen, der von Tierschutzorganisationen mitunter in die Nähe der „Qualzucht“ gerückt wird. Michael Zoklits, Geschäftsführer der Gesellschaft Zukunft Tierwohl, dazu im Filminterview (2018): „Vor Jahren gab es auch bei Hennen Tendenzen Richtung Qualzucht. Sie wurden immer leichter gemacht, um weniger Futter zu brauchen.“ Dadurch seien Probleme aufgetaucht, die eigentlich bereits gelöst worden waren, wie zum Beispiel Kannibalismus unter Hühnern, weil der Stoffwechsel dieser Hennen überfordert war. Zoklits sagt aber, die Züchtungsbranche habe darauf reagiert: „Heute hat man eine mittelschwere bis schwere Henne, die relativ stabil ist. Die Genetik ist derzeit vollkommen in Ordnung.“
Besonderheiten in Österreich
Geht es auch ohne Käfige?In österreichischen Supermärkten gibt es keine Frischeier aus Käfighaltung zu kaufen – global gesehen ist das aber oft anders. 2004 beschloss der österreichische Nationalrat, die Käfighaltung zu verbieten– ein weltweites Novum. Für klassische Batteriekäfige trat das nationale Verbot mit Jahresbeginn 2009 in Kraft, für sogenannte ausgestaltete Käfige mit 2020. Schätzungen globaler Tierrechtsorganisationen zufolge dürften weltweit immer noch mehr als 80 Prozent aller Legehennen in Käfigen gehalten werden– innerhalb der EU waren es Daten der EU-Kommission zufolge 38 Prozent im Jahr 2024. Über den Import von Frischeiern oder eihaltigen Produkten (Schokolade, Kuchen, etc.) landen daher auch heute noch Eier aus Käfighaltung auf österreichischen Tellern. Dies gilt im Speziellen für verarbeitete Lebensmittel und den Außer-Haus-Verzehr.
Besonderheiten in Österreich
Geht es auch ohne Schnabelkupieren?Die international weit verbreitete Praxis des sogenannten Schnabelkupierens soll verhindern, dass sich die Legehennen gegenseitig picken und verletzen. Dabei wird bereits den Küken routinemäßig die Spitze ihres Schnabels entweder mit einer heißen Klinge abgeschnitten oder mit einem Laserstrahl verödet. Tierschützerinnen und -schützer kritisieren, dass das Schnabelkupieren schon als vorbeugende Symptombehandlung durchgeführt wird. Es handle sich um einen schmerzhaften Eingriff an einem wichtigen Tastorgan der Tiere. Die Ursachen des Federpickens, die in den Haltungsbedingungen, in der Züchtung, Fütterung und letztlich im Stallmanagement vermutet werden, blieben dabei unbehandelt.
Wie bei der Abschaffung der Käfighaltung geht Österreichs Eierbranche hier erfolgreich einen alternativen Weg, wie Knut Niebuhr, Geflügelexperte und Forscher an der Veterinärmedizinischen Universität Wien im Filminterview mit Land schafft Leben (2018) erklärt. Die entscheidenden Faktoren wie Stress, Unterversorgung mit wichtigen Nahrungskomponenten, Stallklima, Licht- und Luftqualität müssten zusammenkommen, damit, wie in Österreich, auf das Kupieren verzichtet und das Problem des Federpickens trotzdem in zumutbaren Grenzen gehalten werden könne.
Kritisch betrachtet
Wie nachhaltig ist die Mast des „Bruderhahns“?Mit „Bruderhähnen“ sind männliche Nachkommen einer auf Eierlegen gezüchteten Hühnerlinie gemeint. Da sie naturgemäß keine Eier legen können, stellt sich die Frage, wie sie auf nachhaltige Weise Verwendung finden. Neben der Tötung mit anschließender Verfütterung an Zootiere, stellt die Mast – trotz ungeeigneter Genetik – eine der in Österreich praktizierten Optionen dar.
Die Mast eines „Bruderhahns“ dauert zumindest doppelt so lang wie jene eines Masthuhns. Für die Mast werden nämlich standardmäßig eigene Rassen eingesetzt, die auf Fleischansatz statt Eierproduktion ausgelegt sind. Die „Bruderhähne“ benötigen daher auch doppelt so viel Futter und somit insgesamt einen deutlich erhöhten Einsatz von Energie, Land und anderen Ressourcen pro Kilogramm Fleisch. Demgegenüber steht der Umstand, dass die Tiere nicht bereits im Alter von einem Tag getötet werden. Mehr dazu findest du im Artikel „Was passiert mit den männlichen Küken in der Eiererzeugung?“.
Die Biobranche hat sich bereits 2016 dazu bekannt, jedes männliche Legerasse-Küken als „Bruderhahn“ aufzuziehen.
Das Mästen der Bruderhähne bei Bio-Eiern wird von Tierschutzvereinen wie „Vier Pfoten“, die an der Umsetzung des Projektes mitgearbeitet haben, als Meilenstein begrüßt, der international für Aufsehen sorgte. Die sensibilisierten Bio-Eier-Konsumentinnen und -Konsumenten könnten jetzt mit noch besserem Gewissen zum Bio-Ei greifen, weil sie wissen, dass der „Bruder ihrer Legehenne“ nicht als Eintagsküken getötet wird. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die die Aktion als „Alibilösung“ mit Ablaufdatum sehen. Einerseits wird kritisiert, dass den Konsumentinnen und Konsumenten ein geschöntes Bio-Bild unter Verwendung von Fantasienamen für die Bio-Eier verkauft werde – als setze Bio neuerdings wieder auf ein Zweinutzungshuhn alten Schlages. Dabei wird bei Bio ebenso ein Hochleistungs-Legehuhn namens „Lohmann Sandy“ oder „Lohmann Brown“ verwendet. Letztere Rasse finden wir auch in der konventionellen Legehennenhaltung.
Da diese Hochleistungshybride ausschließlich auf Legeleistung und nicht auf Fleischansatz gezüchtet wurden, eignen sich Sandy- oder Lohmann-Brown-Brüder prinzipiell nicht zur Zweitnutzung als Fleischlieferant. Und weil hier acht bis zehn Wochen lang hochwertiges Biofutter an kaum masttaugliche Tiere verfüttert wird, sprechen Kritikerinnen und Kritiker von Ressourcenverschwendung. Manfred Söllradl hingegen spricht lieber von hochwertigem Bio-Fleisch von einem Huhn, das leben durfte und das auch mit seiner Fleischqualität überzeugen könne. Er war zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Textes Geschäftsführer der größten heimischen Bio-Brüterei und Mastermind der Bruderhahn-Branchenlösung.
Kritisch betrachtet
Hat die Freilandhaltung auch Nachteile?In der Freilandhaltung wird das Auslaufareal oft nicht voll genutzt, wie Tierschutz-Experte Michael Zoklits im Filminterview mit Land schafft Leben (2018) mitteilt. Er sieht darin die eigentliche Herausforderung für diese Form der Haltung. Rechnerisch werden im Rahmen der Freilandhaltung jedem Tier per österreichischem Gesetz acht, bei Bio-Haltung nach Bio-Austria-Richtlinien sogar zehn Quadratmeter Auslauffläche zugemessen (laut EU-Bioverordnung wären lediglich vier Quadratmeter vorgeschrieben).
Aufgrund der instinktiven Angst der Hennen vor Raubtieren halten sie sich aber oftmals lieber im Nahebereich des Stalles auf. Das ist vor allem dann der Fall, wenn der Freilandbereich zu wenig schützende Elemente wie Bäume, Sträucher oder sonstige Unterstände aufweist. Außerdem fehlen in aller Regel Hähne, die dem instinktiven Schutzbedürfnis der Hennen entgegenkommen würden. All dies hat häufig zur Folge, dass sich in der Nähe der Stallausgänge zu viele Tiere aufhalten, deren Exkremente dort zu Problemen mit Parasiten führen. Zudem steigt im stallnahen Bereich des Auslaufs der Nitrateintrag in den Boden, während der Grasbewuchs meist nicht lange erhalten bleibt. Knut Niebuhr, Geflügelexperte der Veterinärmedizinischen Universität Wien verweist in diesem Zusammenhang auf sinnvolle Beschränkungen der Legehennen-Bestandszahlen wie sie bei Bio-Haltung vorgeschrieben sind – aber auch in vielen nicht biologisch zertifizierten Freilandbetrieben, die am Programm „Tierschutz geprüft“ teilnehmen umgesetzt werden.
Einen effektiv nutzbaren Auslauf auf Grünflächen ohne unerwünschten Parasitendruck und Nitrateintrag können am besten Mobilställe gewährleisten, deren Größe per se begrenzt ist und deren Standort regelmäßig gewechselt wird.