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Wie gut oder schlecht ist Bierproduktion für die Umwelt?

Wie streng sind die Grenzwerte für Glyphosat im Bier und können Rückstände gefährlich werden? Welche Rolle spielen Neonicotinoide und wie wirkt sich der Klimawandel auf das Rohstoffangebot aus?Hier findest du Antworten auf deine Fragen.

Gabelstapler fährt zwischen hohen Stapeln gelber Getränkekisten im Außenlager einer Brauerei entlang. Gabelstapler fährt zwischen hohen Stapeln gelber Getränkekisten im Außenlager einer Brauerei entlang.

Wie gefährlich ist Glyphosat im Bier?

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) veröffentlichte in seinem Magazin KONSUMENT 4/2018 Testergebnisse, wonach in sieben von dreizehn Biersorten Spuren des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat gefunden wurden. Darunter auch in fünf Bieren aus heimischer Produktion. Die gemessene Glyphosat-Konzentration lag zwischen 0,7 und 1,8 Mikrogramm pro Kilogramm Bier. Zum Vergleich: Der Grenzwert für Glyphosat im Trinkwasser liegt bei 0,1 Mikrogramm pro Kilogramm. Ein Glyphosat-Grenzwert für Bier existiert nicht. Im Filminterview wurden 2018/19 mehrere Experten von Land schafft Leben zu diesen Ergebnissen befragt. Roland Achatz, der für die Risikokommunikation der „Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit“ (AGES) zuständig ist, meint dazu, dass diese Ergebnisse aus wissenschaftlicher Sicht unproblematisch seien, da - nach breitem wissenschaftlichem Konsens - keine gesundheitliche Relevanz vorliege. „Bei sachgemäßer Anwendung geht vom Wirkstoff kein Krebsrisiko aus“, so sein Fazit. 

Nicht vom im Spurenbereich enthaltenen Glyphosat, sehr wohl aber vom Alkohol. Er plädiere dafür, die Relation eines tatsächlichen Gefährdungspotenzials nicht aus den Augen zu verlieren. Dieses sei bei Alkohol unstrittig, während eine ganze Reihe von Risikobewertungsinstitutionen weltweit seit Jahrzehnten Glyphosat als unbedenklich einstufen würden, mit einer Ausnahme, der IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung).

Gefahr vs. tatsächliches Risiko: Ein wichtiger Unterschied

 Die Einstufung der Krebsgefahr geht also auf diese WHO-Unterorganisation zurück. Diese prüft, ob ein Stoff – aber auch bestimmte Tätigkeiten, Infektionen und anderes – prinzipiell das Potenzial besitzt, Krebs auszulösen. Wichtig ist dabei: Die Einstufung der IARC erlaubt keine Aussage über die Höhe des tatsächlichen Krebsrisikos. Wie wahrscheinlich eine Erkrankung aufgrund einer bestimmten Substanz ist, hängt unter anderem ganz entscheidend von der aufgenommenen Dosis ab oder von der Dauer, die ein Mensch einem Stoff ausgesetzt ist.

 Im Rahmen dieser Prüfung stufte die Agentur Glyphosat in die Kategorie 2a und somit als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. In derselben Kategorie befindet sich etwa auch der Friseurberuf, Nachtarbeit, rotes Fleisch oder sehr heiß getrunkene Getränke. In der Kategorie 1 der als (unzweifelhaft) potenziell „krebserregend“ bewerteten Stoffe sind zum Beispiel Alkohol, Tabakrauch (auch passiv eingeatmet), Aflatoxine (Schimmelpilzgifte), Sonnenstrahlung, Wurst (verarbeitetes Fleisch), bestimmte hormonelle Verhütungsmittel, Holz- und Lederstaub oder der Beruf Feuerwehrmann/-frau aufgelistet. Beispiele wie rotes Fleisch oder Sonnenlicht machen deutlich, dass ein und dieselben Dinge negative und positive Folgen haben können. Der toxikologische Grundsatz „Die Dosis macht das Gift“ gilt auch in diesem Fall. Zu bedenken ist in diesem Fall auch, dass die definitiv potenziell krebserregende Substanz Alkohol im Bier in sehr viel höheren Konzentrationen vorliegt als Glyphosat (sofern dieses überhaupt enthalten ist). Demnach stellt Alkohol weit vor Glyphosat ein Argument für den maßvollen Konsum des Getränks dar.

Wie gelangt Glyphosat ins Bier?

Von Michael Gartner, Mitglied der österreichischen Lebensmittelcodex-Kommission, wollten wir im oben erwähnten Filminterview (2018/19) wissen, wie Glyphosat ins Bier gelangen kann – ungeachtet der geringen festgestellten Mengen. Er betont, dass die direkte Anwendung von Glyphosat bei den für die Bierherstellung benötigten landwirtschaftlichen Rohstoffen, also Gerste, Weizen und Hopfen in Österreich nicht erlaubt sei. Warum es dennoch in Spuren nachgewiesen werden konnte, beantwortet Michael Gartner wie folgt: „Glyphosat werde ich am Großglockner finden, im Wörthersee, überall, wenn ich die Nachweisgrenze entsprechend weit senke. Wenn Spuren gefunden werden, muss man sagen, dass wir in einer Welt leben, wo man sich nicht abkapseln kann.“   

Grundsätzlich kann der Wirkstoff Glyphosat in Spuren aber vor allem dadurch im Bier landen, dass er beim Anbau von Braugerste oder -weizen zum Einsatz kommt. So ist es in manchen Ländern möglich, den Wirkstoff wenige Tage vor der geplanten Ernte des Getreides anzuwenden. Auf diese Weise kann etwa eine starke Verunkrautung beseitigt und dadurch die Ernte erst ermöglicht werden. Ein häufigerer Anwendungsfall ist aber die sogenannte Sikkation. Sie kommt etwa in ungleich abgereiften Getreidebeständen zum Einsatz. Dazu gilt es zu wissen: Ist das Getreide erst einmal reif, muss es schnell und vor der nächsten Regenperiode geerntet werden, um die Qualität zu erhalten und es später zur Malzherstellung verwenden zu können. Mittels Glyphosat können nicht vollständig reife Teilbestände eines Felds zur beschleunigten Austrocknung, sprich Reife gebracht werden. Wenige Tage später kann dann das gesamte Feld ohne Qualitätsverluste geerntet werden. Aufgrund des Risikos von Glyphosatrückständen sind diese beiden Formen der Anwendung in Österreich aber verboten. Bei importiertem Braugetreide kann es anders sein.

Land schafft Leben © 2019

Beizung von Winterbraugerste – Neonicotinoide nicht mehr erlaubt

Im Jahr 2018 beschloss die Europäische Kommission ein Verbot für den Freilandeinsatz von Pflanzenschutzmitteln mit drei bestimmten Wirkstoffen aus der Gruppe der Neonicotinoide. Das Verbot trat Ende 2018 in Kraft. Dass einige Neonicotinoide bienenschädigendes Potenzial besitzen, ist in der Wissenschaft unbestritten. Umstritten ist allerdings, inwiefern und in welchem Ausmaß diese „Neonics“ bei unterschiedlichen Anwendungen in der agrarischen Praxis tatsächlich Bestäubern schaden.

Seit einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Jänner 2023 ist auch die ausnahmsweise Anwendung der entsprechenden Neonicotinoide über sogenannte Notfallzulassungen nicht mehr zulässig.

Warum Blattläuse im Gerstenanbau ein Problem sind

 Auch beim Anbau von Winterbraugerste waren Beizmittel mit den inzwischen nicht mehr zugelassenen Wirkstoffen im Einsatz. Sie dienten der Bekämpfung von Blattläusen. Blattläuse können als Überträger des gefürchteten Gelbverzwergungsvirus bereits zum Zeitpunkt des Anbaus der Gerste im Herbst große Schäden anrichten. Diese Schäden zeigen sich allerdings erst kurz vor dem Austreiben der Ähren im März/April. Bei starkem Befall muss das Feld unter Umständen komplett umgebrochen werden. Verstärkt tritt das Problem durch die klimawandelbedingten meist milderen Herbsttemperaturen auf.

Später säen, resistente Sorten züchten: Lösungen für die Praxis

Eine Maßnahme, um das Problem zu umgehen, ist der später in den Herbst hinein verschobene Anbau der Wintergerste. Kühlere Temperaturen mindern den Druck durch Blattläuse und andere Schädlinge und somit auch das Infektionsrisiko – gleichzeitig kann sich das Risiko von Ertragsverlusten durch einen frühen Wintereinbruch dadurch erhöhen. Saatzuchtunternehmen arbeiten zudem daran, die Auswahl an virusresistenten Sorten zu vergrößern. Neben der Resistenz müssen diese auch andere Anforderungen an Qualität und Ertrag erfüllen.

Trotz der Herausforderungen vollzieht sich derzeit ein Wandel: Braugerste wird in Österreich mehr und mehr in Form von Winterbraugerste statt als Sommerbraugerste angebaut. Zum Teil werden auch Sommergerstensorten – so wie eine Wintergerste – im Herbst angebaut. Ursache für diesen Wandel sind die Veränderungen beim Klima.

Klimawandel gefährdet Rohstoffangebot

Die mit großem Abstand wichtigste Region für den heimischen Anbau von Sommerbraugerste ist das Weinviertel. Hier machten sich in den vergangenen Jahren die Auswirkungen des Klimawandels ganz besonders bemerkbar: sprich höhere Temperaturen im Jahresschnitt bei gleichzeitiger Zunahme von Extremwetterereignissen wie Starkregen, Hitze- oder Trockenperioden. Vor allem die zunehmende Frühjahrstrockenheit führe laut Thomas Taibel, einem Ackerbauern der Erzeugergemeinschaft Zistersdorf, zu engeren Zeitfenstern für Anbau und Ernte. Das Risiko für Fehlernten beziehungsweise Ernten von minderer Qualität nehme zu. Erfüllt eine Ladung Gerste nicht die angestrebten Qualitätskriterien für Braugerste, kann sie nur noch anderweitig vermarktet werden, zum Beispiel als Viehfutter.   

Winterbraugerste, die trotz der Krankheitsproblematik (siehe oben) mit bedeutend weniger Risikofaktoren im Anbau verbunden ist, wurde in der Vergangenheit von vielen Brauereien eher weniger geschätzt und nur zu geringen Teilen beigemischt. Auch hier setzt bei den Brauereien langsam ein Sinneswandel ein und die Akzeptanz von Wintergerste steigt. Gerste ist als relativ extensive Frucht, die den Boden schont und mit vergleichsweise wenig Düngung auskommt, ein auch ökologisch wertvoller Bestandteil für die Fruchtfolge. 

Laut Einschätzung der Landwirtschaftskammer Niederösterreich steigerte sich die Menge der insgesamt in Österreich geernteten Braugerste nach einem zwischenzeitlichen Tiefpunkt im Jahr 2021 von 135.000 Tonnen auf 185.000 Tonnen im Jahr 2025. Dabei fiel im Jahr 2025 jeweils grob die Hälfte der geernteten Menge auf Sommer- beziehungsweise Winterbraugerste.