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Soja: Sein Weg nach Europa

Soja hat insbesondere in Asien eine jahrtausendalte Geschichte. Nach Europa kam die Leguminose erst viel später. Eine besondere Rolle spielte dabei die Wiener Weltausstellung und die Zeit der Nazi-Diktatur, vor allem aber das späte 20. Jahrhundert.

Gezeichnete Sojabohne mit Koffer läuft von Österreich-Karte zu einem alten Stadtplan von Wien, Weltausstellung 1873. Gezeichnete Sojabohne mit Koffer läuft von Österreich-Karte zu einem alten Stadtplan von Wien, Weltausstellung 1873.

Ursprünglich stammt die Sojabohne aus Asien. Dort hat sie eine jahrtausendalte Geschichte: Es gibt erste Berichte aus 2.800 vor Christus. Archäologische Funde von kultiviertem Soja werden etwas später datiert – ungefähr 800 bis 700 vor Christus.

Nach Europa kam die Leguminose erst viel später. Anfang des 18. Jahrhunderts beschrieb der deutsche Forschungsreisende Engelbert Kaempfer die Sojabohne als Nahrungsmittel. Er lernte sie in Japan kennen und brachte sie 1712 nach Deutschland mit. In den darauffolgenden Jahren wurde Soja von den Europäerinnen und Europäern erstmals in botanischen Gärten als exotische Gewürzpflanze bewundert. Landwirtschaftliche Anbauversuche blieben damals noch erfolglos, unter anderem wohl, weil die subtropische Pflanze empfindlich auf Nässe und Kälte reagiert und das Know-how für eine erfolgreiche Kultivierung noch fehlte.

Nahaufnahme reifer Sojabohnen in braunen Schoten auf einem Feld vor unscharfem Hintergrund mit gelbgrüner Vegetation.

Ein wichtiger Wegbereiter der Sojabohne außerhalb Asiens war Friedrich Haberlandt. Der österreichische Agrarwissenschaftler gewann nach einem Besuch auf der Wiener Weltausstellung 1873 Interesse. Von einer japanischen Delegation bekam er bei dieser Gelegenheit Saatgut, womit er anschließend Anbauversuche in verschiedenen Regionen der Monarchie organisierte. Die Erkenntnisse sowie den besonderen Nährwert der „Wunderbohne“ hielt er in seinem Buch Die Sojabohne: Ergebnisse der Studien und Versuche über die Anbauwürdigkeit dieser neu einzuführenden Kulturpflanze fest, das in seinem Todesjahr 1878 erschien. Haberlandt sah im Doppelpotential der Bohne (20 Prozent Fett und 40 Prozent Eiweiß) nicht weniger als die Lösung des zu seiner Zeit viel diskutierten Problems der „Volksernährung“. Als Alternative zu Fleisch könne die Bohne vor allem die wachsende Schicht der (armen) Arbeiterklasse ernähren. Auch wenn es anders kam als von Haberlandt angedacht, gilt der Wissenschaftler heute als Wegbereiter des Sojaanbaus außerhalb der ostasiatischen Heimat der Pflanze. Seine Forschung war wichtige Grundlage für spätere Versuche, unter anderem in den USA. Im deutschsprachigen Raum wurde die Sojabohne sogar lange als „Haberlandt-Bohne“ bezeichnet.

Historischer Lageplan der Weltausstellung 1873 in Wien mit Hauptgebäude und Gelände, zentrale Halle rot markiert.

Zu einer ersten nennenswerten Nachfrage nach Soja (als Importgut) kam es in Europa aber erst Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt war fast ausschließlich das Sojaöl als wertvoller Rohstoff gefragt. Es war die Zeit der Hochindustrialisierung. Das Öl diente als Schmiermittel für Maschinen und Motoren, wurde in Fabriken aber auch zu Seifen, Kosmetika, Margarine oder Schmalzersatz verarbeitet. Sojaöl half, den steigenden Bedarf an Pflanzenölen zu decken, der durch die heimische Produktion von Raps, Lein oder anderen Pflanzen nicht mehr gedeckt werden konnte. Der Rohstoff kam per Schiff aus der damals japanisch dominierten Mandschurei (heute vor allem chinesisches und russisches Territorium) nach Europa (vor allem Großbritannien) und Nordamerika.

Obwohl der österreichische BOKU-Professor Friedrich Haberlandt sehr für Soja als Ganzes zur menschlichen Ernährung warb, spielte dies zunächst keine Rolle. Das Überbleibsel aus der Ölgewinnung, der Presskuchen, wurde schon damals an das Vieh verfüttert.

Während der Nazi-Diktatur 1933 bis 1945 wurde eine möglichst unabhängige Nahrungsmittelversorgung angestrebt, wobei Soja eine wichtige Rolle einnahm. Soja, später auch als „Nazi-Bohne“ bezeichnet, wurde als alternativer Fett- und Eiweißträger angesehen und im Deutschen Reich, vor allem auch in Österreich, erstmals großflächig angebaut. Sojawürste gehörten teilweise zur Essensration der Frontsoldaten im Zweiten Weltkrieg.

Dazu Ernst Langthaler: „Die Pemmikan-Landjäger-Wurst der deutschen Wehrmacht enthielt geräuchertes Fleisch, getrocknetes Obst, Molke, Tomatenmark, Hefeextrakt, grüne Paprika, Preiselbeeren, Lecithin und Vollsojamehl und sollte schnell vorrückenden Truppenteilen alle nötigen Nährstoffe in hochkonzentrierter Form liefern. Daher der von englischen Zeitungen geprägte Ausdruck ‚Nazi-Bohne‘.“

Der Krieg war aber vor allem wegen der Entwicklung in den USA eine Schubphase für den Sojaanbau. Dort wurde die Forschung intensiviert und die Sojawirtschaft massiv ausgebaut. Der Bedarf an Öl war groß und durch den Krieg im Pazifikraum waren die USA vom Nachschub an tropischen Pflanzenölen abgeschnitten, die unter anderem zur Gewinnung von Nitroglycerin zur Herstellung von Sprengstoff und Arzneimitteln wichtig waren. Auch in der Tierhaltung gewann Soja als Futtermittel stark an Bedeutung: Am Ende des Krieges konsumierte die US-amerikanische Bevölkerung mehr Fleisch als am Beginn.

Wirtschaftsaufschwung und Fleischkonsum

Dank des Wirtschaftsaufschwungs der 1950er und 60er Jahre konnte sich nun auch die (west-)europäische Bevölkerung mehr tierische Produkte in der Ernährung leisten, was mit einem Ausbau der Viehwirtschaft einherging. In der Zeit des Kalten Krieges exportierten die USA daher Sojaschrot als Viehfutter an ihre Verbündeten in Westeuropa. Die Supermacht stieg auch zum weltweit größten Sojaproduzenten auf. Gleichzeitig wurden für technisch-industrielle Zwecke mehr und mehr Erdölprodukte eingesetzt, sodass die Bedeutung von Sojaöl in den Hintergrund trat.

„Die Hauptantriebskraft für den Sojaanbau verändert sich in der Nachkriegszeit in Richtung Viehfütterung. Es ist die Zeit des zunehmenden Wohlstands im Westen. Die Zeit, in der die Konsumenten auch prestigeträchtige Fleischnahrung nachfragen und sich immer mehr Mittelschichtfamilien die tägliche Fleischspeise leisten können. Dies führt zu einem unglaublichen Nachfragesog nach Fleisch. Die Mastbetriebe boomen, werden immer größer und brauchen immer mehr Futtermittel. Und das kommt eben zu großen Teilen aus den USA in Form von proteinreichem Soja“, erklärt Ernst Langthaler.

1973 verhängte die US-Regierung einen kurzzeitigen Exportstopp für Soja, nachdem Russland mehr als eine Million Tonnen Sojabohnen (und ein Viertel der US-amerikanischen Weizenernte) gekauft hatte. Zudem hatte eine Verknappung von peruanischem Fischmehl zu einer Verteuerung eiweißreichen Viehfutters beigetragen. Das Embargo dauerte weniger als einen Monat, erschütterte aber dennoch das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der USA als Handelspartner und Bezugsquelle für Soja. Die importierenden Staaten hielten Ausschau nach Alternativen, die in Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern schnell gefunden waren. Dort wurde der Sojaanbau nun stark ausgeweitet und Brasilien holte nach und nach gegenüber den USA als weltweit lange Zeit wichtigstem Produzenten auf. Im Jahr 2019 produzierte Brasilien erstmals eine größere Menge als die USA und kletterte damit auf Platz eins der weltweit größten Soja-Produzenten.

Für die Gegenwart höchst relevant ist zudem China, das Mitte der 1990er Jahre erstmal als Netto-Importeur von Soja in Erscheinung trat und heute mit bedeutendem Abstand global die größten Mengen einführt.

Für Österreich ist eine vollständige Eigenversorgung mit Soja zwar denkbar. Allerdings müsste dazu der Bedarf verringert werden, zum Beispiel durch verbessertes Fütterungsmanagement, verbesserte Sojasorten für den heimischen Anbau und reduzierten Fleischkonsum.

Die Entstehung des Booms

Im Jahr 1961 betrug die weltweite Anbaufläche von Sojabohnen laut Daten der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) rund 24 Millionen Hektar. Im Jahr 2024 wurden die Pflanzen auf 143 Millionen Hektar kultiviert, was rund einer Versechsfachung der Anbaufläche entspricht. Zum Vergleich: Die globale Anbaufläche von Weizen ist im selben Zeitraum lediglich um sieben Prozent auf 220 Millionen Hektar angewachsen.

Seit den 1960er Jahren hat die allgemeine Modernisierung der Landwirtschaft bei den wichtigsten Kulturen zudem enorme Steigerungen der Erträge pro Hektar gebracht und damit das Wachstum der Weltbevölkerung von rund drei Milliarden 1960 auf mehr als 8 Milliarden im Jahr 2024 mitermöglicht. In Kombination mit der Ausdehnung der Anbaufläche hat dies bei Sojabohnen dazu geführt, dass die Weltlandwirtschaft heute eine fast 15-mal größere Sojabohnenmenge erntet als 1961. Die Produktion wuchs von rund 27 Millionen Tonnen 1961 auf 349 Millionen Tonnen im Jahr 2018 und 398 Millionen Tonnen im Jahr 2024. 85 Prozent der Menge wachsen in Nord- und Südamerika (Stand 2024).

Von der regionalen Spezialität zur Cash Crop

Soja war zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts zu einer über Kontinente hinweg gehandelten Ware geworden, die von der ostasiatischen Mandschurei unter anderem nach Europa und Nordamerika verschifft wurde. Aber erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts erlangte Soja seine heutige Bedeutung.

„Wenn man es am Handelswert bemisst, dann ist Soja ungefähr zur Jahrtausendwende zum weltweit wichtigsten Handelsprodukt unter den Agrargütern geworden und hat das bis dato wichtigste Produkt, den Weizen, vom Spitzenplatz verdrängt“, stellt Ernst Langthaler dazu fest. „Soja wurde von einer tausende Jahre lang im Wesentlichen auf Ostasien beschränkten regionalen Kulturpflanze zu einer globalen ‚Cash Crop‘.“

Vor allem seit den 1990-er Jahren erlebte die globale Sojawirtschaft einen zusätzlichen Wachstumsschub, der sich in einer beschleunigten Ausweitung der Anbauflächen (vor allem in Südamerika) und einer Steigerung der gehandelten Mengen niederschlug. Selbst bezogen auf das Jahr 2000 hat sich die globale Produktion bis heute noch verdoppelt. Allein in Brasilien wuchs die Anbaufläche von 11,5 Millionen Hektar im Jahr 1990 auf 45,9 Millionen Hektar im Jahr 2024. 2019 überholte das Land die USA als weltweit größten Sojaproduzenten.

Weniger Armut – mehr Fleischkonsum

Für die Ausweitung der Sojaproduktion gibt es mehrere Ursachen, von denen die wohl allerwichtigste China betrifft. In der Volksrepublik, mit ihren heute mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern, hatte der Reformer Deng Xiaoping in den 1980er Jahren die Liberalisierung der Wirtschaft durchgesetzt, was zu schnellem Wachstum und mehr Wohlstand führte. Dies ist unter anderem auch an der Tatsache abzulesen, dass zwischen 1979 und 1999 mehr als 200 Millionen Menschen von einem Leben unterhalb der Armutsgrenze in die „Mittelschicht“ aufstiegen und sich eine bessere Ernährung inklusive mehr Fleisch leisten konnten.

Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung rasant: Die 1-Milliarden-Grenze wurde laut der Datenwebseite Our World in Data im Jahr 1980 überschritten. Nur zehn Jahre später lebten in der Volksrepublik rund 180 Millionen Menschen zusätzlich. Um die wachsende Zahl an Tierbeständen, vor allem Schweine und Hühner, ausreichend mit Eiweiß zu versorgen, reichte die innerchinesische Sojaproduktion bald nicht mehr aus. Seit Mitte der 1990er Jahre tritt China als Netto-Importeur von Soja mit stetig wachsender Bedeutung auf dem Weltmarkt auf.

Wenn man die Menge der importierten Sojabohnen sowie des importierten Sojaschrots aus den Statistiken der FAO zusammenzählt, dann zeigt sich folgendes Bild: Im Jahr 1996 importierte die EU-27 rund 29 Millionen Tonnen Soja. Diese Menge wuchs in den folgenden Jahren relativ kontinuierlich auf einen Spitzenwert von rund 45 Millionen Tonnen im Jahr 2007. Danach schrumpften die EU-Importe wieder etwas und lagen zuletzt (2020) bei 40 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojaschrot.

Für denselben Zeitraum zeigt die Statistik für China dagegen einen nahezu durchgehenden Anstieg der Importmengen: Während das Land 1996 noch rund drei Millionen Tonnen Soja (ganze Bohnen und Schrot) importierte, lag dieser Wert 2007 bereits bei 31 Millionen Tonnen und kletterte von da an weiter auf den bisherigen Rekordwert von 100 Millionen Tonnen im Jahr 2020.

Wichtig zu beachten ist, dass die Statistiken zu Produktions- oder Handelsmengen von Soja mit etlichen Fallstricken behaftet sind. Unterschiedliche Quellen liefern häufig schwer vergleichbare Daten, weshalb ein besonderes Augenmerk auf die Frage zu legen ist, um welche Werte es sich jeweils genau handelt. Überall auf der Welt geht das Entrinnen aus Armut mit dem vermehrten Konsum tierischer Lebensmittel einher. Die chinesische Bevölkerung holt in dieser Hinsicht eine Entwicklung nach, die Europäerinnen und Europäer sowie Amerikanerinnen und Amerikaner bereits in den 1950er bis -70er Jahren hinter sich gebracht hatten.

BSE-Krise befeuert Sojabedarf

Hinzu kommt: Innerhalb Europas hat ein im Jahr 2001 als Reaktion auf die BSE-Krise erlassenes weitreichendes Verfütterungsverbot für Tiermehl (Schlachtabfälle) bei der Produktion tierischer Lebensmittel den Bedarf an Eiweißalternativen wie Soja sprunghaft erhöht und damit den Run auf Soja zusätzlich befeuert (BSE: die Rinderseuche „Bovine Spongiforme Enzephalopathie“). Allein in Österreich schnellte daraufhin zwischen 2000 und 2003 der Import von Soja (ganze Bohnen und Schrot) um mehr als 100.000 Tonnen und satte 22 Prozent in die Höhe.

Sojaöl für Bio-Diesel

Ein weiterer Treiber des Sojabooms ist die Nachfrage nach Bio-Treibstoffen wie Bio-Diesel. Sie werden unter anderem auch aus Sojaöl gewonnen, wobei zuletzt nur rund drei Prozent der globalen Sojamenge in diesen Produktionszweig flossen. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass nur rund 20 Prozent der Sojabohne aus Öl bestehen und daher mit jedem Kilogramm Öl eine rund vierfache Menge an Sojaextraktionsschrot anfällt, die in der Regel Verwendung als Tierfutter findet. Da beide Verwendungsformen, ebenso wie die Nutzung von Sojaöl für die Ernährung, Erlöse einbringen, ist es schwer zu definieren, welche Verwendung den Anbau mehr fördert als die andere.

Grundsätzlich ist allerdings zu bedenken, dass der Gesamtwert der Bohne bei der Nutzung des Öls deutlich geringer wäre, ließe sich der bei der Ölproduktion verbleibende „Rest“ der Pflanze nicht als proteinreiches hochwertiges Tierfutter verkaufen. Ginge es allein um das Öl, dann wäre der Anbau von Ölpalmen – ungeachtet damit verbundener ökologischer Auswirkungen wie Regenwaldrodungen – weitaus gewinnträchtiger, da sie im Durchschnitt pro Hektar Anbaufläche 2,8 Tonnen Öl liefern, während bei Sojabohnen lediglich 0,5 Tonnen Öl pro Hektar anfallen.