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Natur oder Lebensmittel? Wie wichtig ist der Faktor Landnutzung? (Landnutzung II)

Ohne Umwandlung von Naturflächen in Ackerland und Weiden hätten schon unsere Vorfahren nichts zu essen gehabt. Aber erst das industrialisierungs-zeitliche Ausmaß solcher Landnutzungsänderungen trägt wesentlich zum Klimawandel bei. Welche Zahlen hat der Weltklimarat dazu veröffentlicht? Und wie trägt Österreich zu Landnutzungsänderungen in fernen Ländern bei? Antworten findest du in diesem zweiten von insgesamt drei Artikeln zum Thema „Landnutzung“.  

Die Natur kennt keine Äcker. Landnutzungsänderungen sind daher überall auf der Welt immer schon die Voraussetzung jeder Form des Ackerbaus gewesen. Weideland kann es zwar auch ohne menschlichen Einfluss geben, aber auch für seine Mehrung rodeten Menschen schon vor vielen tausend Jahren Wälder, auch hier im heutigen Österreich. Die Neugewinnung von Äckern und Grünland geschah oft unter Einsatz von Feuer. Brandrodung, wie wir sie heute nur noch von Fernsehbildern, etwa aus Brasilien, kennen, war zum Teil sogar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein auch in Mitteleuropa gängige Praxis. Auch das Trockenlegen von Sümpfen oder die Begradigung von Flüssen wie Rhein und Donau schufen neues Agrarland, das wir noch heute für die Lebensmittelproduktion nutzen. 

Nun gibt es in Zeiten einer wachsenden Bevölkerung immer nur zwei Möglichkeiten zur Steigerung der Produktionsmengen: erstens die Erwirtschaftung höherer Erträge auf den bereits vorhandenen Agrarflächen und zweitens die Ausweitung der Agrarflächen. Das große Problem in Sachen Weltklima ist, dass auch zweiteres noch immer passiert, vor allem auf der Südhalbkugel, mit angetrieben auch durch unseren Konsum auf der Nordhalbkugel. Zwar konnte die globale Landwirtschaft inklusive der österreichischen die Flächenerträge in den vergangenen Jahrzehnten erheblich steigern und dadurch den Landbedarf pro Person deutlich verkleinern. Dennoch führen das Wachstum der Weltbevölkerung und die Mehrung ihres Wohlstandes zu einem wachsenden Lebensmittelbedarf und damit eben auch weiterhin zu Agrarland-Neugewinnung. 

Parallel dazu ist ein gegenteiliger Trend festzustellen: Vorhandene Agrarflächen gehen verloren, etwa durch Bodendegeneration und Wüstenbildung, Verbauung oder Nutzungsaufgabe. Gerade Österreich tritt in Sachen Verbauung und Bodenversiegelung in besonders negativer Weise hervor: Noch immer werden hierzulande jeden Tag durchschnittlich rund 11 Hektar Boden verbaut. Jedes Jahr enden so Äcker und Wiesen in der Größe Eisenstadts als Gewerbepark, Straße, Supermarktparkplatz oder Wohngebiet. Grob die Hälfte dieser Fläche wird dabei mit Beton oder Asphalt versiegelt40, wodurch der Boden für sehr lange Zeit weder CO2 binden noch der Lebensmittelproduktion dienen kann. 

Der wachsende Lebensmittelkonsum bei gleichzeitigem Verlust von Agrarflächen sorgt für Druck auf die globalen Landflächen. Der Anreiz, neue Agrarflächen zu schaffen, bleibt das folgenschwerste Problem des Ernährungssystems. 

Infografik zur Landnutzung: 29 % Land, 71 % Wasser, davon 45 % Agrarfläche, 38 % Wald, 13 % Buschland. © Land schafft Leben 2026

Der Beitrag der Landnutzung zum Klimawandel 

Als Menschheit sind wir also noch immer dabei, Naturflächen in Agrarflächen umzuwandeln, insbesondere auf der Südhalbkugel. Und das führt – netto – zu beträchtlichen Treibhausgasemissionen, die auch durch den Waldzuwachs auf der Nordhalbkugel und die damit verbundene Rückumwandlung von Agrarflächen nicht kompensiert werden. Während Landnutzungsänderungen in Regionen wie dem Kongobecken oft von Kleinbauern aus nackter Not heraus vorangetrieben werden, sind es in Südamerika eher Großfarmer, die umgewandelte Landflächen für den Ackerbau nutzen, um mehr Soja nach China oder Europa exportieren und so die Nachfrage nach Fleisch bzw. Tierfutter stillen zu können. 

Landnutzungsänderungen waren im Jahr 2019, laut IPCC-Daten, global für 11 Prozent der insgesamt 59 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente menschengemachter Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. 

Ändert man die Bezugsgröße auf die Emissionen des Sektors „Landwirtschaft, Forstwirtschaft und sonstige Landnutzung (AFOLU)“, dann fallen 51 Prozent davon auf Landnutzungsänderungen, sprich die Rodung von Wäldern, das Beackern von trockengelegten Mooren, das Umbrechen von Grünland auf die Ausbreitung von Siedlungsgebieten mit ihrer entsprechenden Verbauung und Versiegelung von Böden. Dabei wurde bereits jenes CO2 gegengerechnet, das der Atmosphäre durch Ausbreitung und Wachstum von Wäldern wieder entzogen wird. Zum Vergleich: 23 Prozent der Sektor-Emissionen betreffen das Methan aus der Wiederkäuerverdauung, 3 Prozent die Ausbringung von synthetischen Stickstoffdüngern.  

Auch an dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, dass die Klimawirkung des gesamten Ernährungssystems über jene der Landwirtschaft hinausgeht. Siehe dazu auch das Kapitel zu den wichtigsten Zahlen des Klimawandels weiter oben. 

In Bezug auf unser tägliches Einkaufs- und Ernährungsverhalten legen diese Zusammenhänge rund um das Thema Landnutzung mehrere Dinge nahe: Zum einen sollten wir möglichst keine Produkte kaufen, die mit der Umwandlung von Natur- und Agrarflächen in Zusammenhang stehen. Wobei indirekte Effekte zu beachten sind. Wenn wir hier in Österreich bestimmte Produkte nicht nachfragen, könnten diese zu einem vergünstigten Preis Abnehmer in anderen Erdteilen finden und dort sogar den Absatz ankurbeln. Kaufen wir zugleich Alternativen derselben Art von Produkt, nur von landnutzungsfreier Herkunft, dann bleibt die nachgefragte Menge über eine Art Dreieckshandel gleich oder wächst sogar. Für dieselbe Art von Produkt würde dann gleich viel oder sogar noch mehr Land in Anspruch genommen werden. Um schädliche Landnutzungsänderungen zu vermeiden sind daher überregionale Regelungen besonders gefragt. Ein Beispiel dafür ist das 2006 in Kraft getretene Amazonas-Soja-Moratorium.  

Zum anderen sollten wir möglichst wenig Lebensmittel verschwenden, was gleichbedeutend mit einem allgemein reduzierten Konsum ist. Besser als vermeintlich klimafreundliche Alternativen zu kaufen, ist es aus Sicht des Klimaschutzes immer weniger zu kaufen. Dadurch können wir vielerlei Arten von Ressourcen sparen und auch unseren Anteil am globalen Druck auf Landflächen reduzieren. 

Schließlich sollten wir aber auch den Wert einer standortangepassten und flächeneffizienten Landwirtschaft bedenken, die durch ein angepasstes Maß an Intensität mit guten Erträgen Flächen spart oder für artenreiche extensive Formen der Landwirtschaft freischaufelt. 

Kreisdiagramm zu Emissionsquellen der Land- und Forstwirtschaft: Größter Anteil Landnutzung, gefolgt von Vieh, Böden und Reisanbau. © Land schafft Leben 2026

Landnutzung als wichtigster Faktor für Biodiversität 

Dass die Landnutzung auch in Sachen globaler Biodiversitätsfragen eine entscheidende Rolle spielt, betont unter anderem der Weltbiodiversitätsrat IPBES. In seinem „globalen Gutachten zu Biodiversität und Ökosystemleistungen“ aus dem Jahr 2019 schreibt dieser auf Seite 16 der Zusammenfassung: 

Das Tempo der globalen Veränderungen in der Natur während der vergangenen 50 Jahre ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit.

Der Bericht nennt die in der globalen Betrachtung fünf wichtigsten Ursachen „beginnend mit denen mit den größten Auswirkungen“. Siehe dazu unsere Grafik. Sie zeigt: Auch beim Verlust von Biodiversität spielt also das Umwandeln von Flächen in eine andere Nutzungskategorie die bedeutendste, wenn gleich längst nicht die einzige Rolle. 

Die Crux dabei: Bemühungen zur Verbesserung der Biodiversität an einem bestimmten Ort können in einem Zielkonflikt mit der Biodiversität an einem anderen Ort stehen. Dies wäre etwa dann der Fall, wenn diese Bemühungen zu erheblichen Ertragsrückgängen führen, die dann durch die Steigerung der Produktion an einem anderen Ort ausgeglichen werden müssten, sei es in anderen Landesteilen oder auf anderen Kontinenten. Dies könnte dort nur durch Intensivierung der Produktion oder die Gewinnung von zusätzlichen Agrarflächen ermöglicht werden, zum Beispiel auf Kosten von Regenwald. 

Umgekehrt ist festzustellen: Die Intensivierung der Produktion auf bestehenden Flächen steigert zwar die Erträge und mindert dadurch den Druck auf die globalen Landflächen, was sowohl für das Klima als auch die globale (!) Biodiversität gut ist. Sie kann aber umgekehrt zu mehr Emissionen und weniger Biodiversität auf den betreffenden Produktionsflächen führen. Diesen Zielkonflikt auszutarieren, kann als eine der zentralen Herausforderungen der Landwirtschaft betrachtet werden. Der Weltklimarat IPCC versucht durch den Begriff der „nachhaltigen Intensivierung“ einer Auflösung des Konflikts näherzukommen. Siehe dazu auch den Abschnitt „Land teilen oder Land sparen“ innerhalb des Artikels „Sind hohe Erträge in der Landwirtschaft gut fürs Klima?“.

Infografik: Die fünf Hauptursachen für Biodiversitätsverlust sind Nutzung, Ausbeutung, Klimawandel, Verschmutzung, invasive Arten. © Land schafft Leben 2026

Landnutzung in Ökobilanzen 

Den mit Abstand größten Klima- (und Umwelt-)Schaden kann die globale Landwirtschaft also dadurch anrichten, dass sie ihre Flächen auf Kosten von Naturflächen ausdehnt. In Österreich liegt die großflächige Umwandlung von Naturflächen meist viele Jahrhunderte zurück. Zu Landnutzungsänderungen kommt es hier in jüngerer Vergangenheit vor allem durch die Ausdehnung der Waldflächen auf ehemaligem Grünland. Im geringen Ausmaß wird aber auch Wald zu Grünland oder Grünland zu Ackerflächen umgewandelt, was aber im Vergleich zum Waldwachstum kaum ins Gewicht fällt. 

Und dennoch können auch hier produzierte Lebensmittel zu schädlichen Landnutzungsänderungen beitragen. Nämlich dann, wenn importierte Komponenten im Spiel sind, für deren Produktion Flächen genutzt werden, die durch Landnutzungsänderungen gewonnen worden waren.   

Ein Beispiel ist die Produktion von Schweinefleisch in Österreich. Der überwiegende Teil des Futters österreichischer Mastschweine (Mais, Getreide) wird von den Mastbetrieben selbst angebaut oder stammt aus anderweitigem regionalen Anbau. Dieses Futter ist damit definitionsgemäß frei von Landnutzungsänderungen. Bis zu 20 Prozent der Futterration, speziell der eiweißreiche Teil der Ration, wird in der Regel durch Soja gedeckt. Aufgrund des Preisvorteils stammt dieses Soja meist aus Nord- oder Südamerika, wobei die Importe aus Südamerika von Flächen stammen können, die kurz zuvor noch aus Savanne oder Regenwald bestanden. Ist das der Fall, erhöht sich der CO2-Fußabdruck des Futters und damit auch des Schweinefleischs sprunghaft. 

Manche Schweinefleisch-Programme werben mit einem erheblich reduzierten Treibhausgasausstoß, der durch den Verzicht auf Soja aus Übersee zustande kommt.41 In der österreichischen Milch-, Eier- und Geflügelfleischproduktion wird dasselbe Ziel – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – bereits indirekt über den Verzicht auf bestimmte Formen der Gentechnik erreicht. Da Soja in Südamerika fast ausschließlich mit gentechnisch verändertem Saatgut produziert wird, bewirkt der Verzicht auf klassische Gentechnik automatisch den nahezu vollständigen Verzicht auf Soja aus Südamerika – und damit auf Futter, das mittels Landnutzungsänderungen einen erhöhten CO2-Fußabdruck mit sich bringt.  

Aber warum soll es eigentlich einen Unterschied machen, ob eine Fläche „kurz zuvor“ oder hunderte Jahre zuvor entwaldet wurde? Oder anders formuliert: Dürfen wir Brasilien für seine aktuelle Waldrodung überhaupt kritisieren, obwohl wir in der Vergangenheit dasselbe getan haben? Schließlich gab es Felder auch in Österreich zu keinem Zeitpunkt von Natur aus. 

Derzeit werden solche Fragen in der Regel so beantwortet, dass ein länger zurückliegender CO2-Ausstoß durch Landnutzungsänderungen in den Bilanzen als abgeschrieben bewertet wird und somit unberücksichtigt bleibt. Oft gilt: Wenn eine Fläche in den 20 vor dem Betrachtungszeitpunkt liegenden Jahren umgewandelt wurde, rechnet man darauf gewachsenen Lebens- oder Futtermitteln einen Anteil der durch die Umwandlung entstandenen Emissionen zu. Würde man keinen zeitlichen Rahmen setzen, dann wäre jeder Acker auf der Erde – der grundsätzlich auf einstigen Naturflächen liegt – durch Landnutzungsänderungen belastet. Vergleichbares bringen manche Forschenden als eine Option in die Diskussion ein. 

Wie Österreich die globale Landnutzung beeinflusst 

Der Zukauf von Futtermitteln aus Übersee ist bekanntermaßen nicht die einzige Verbindung zwischen der österreichischen Landwirtschaft und dem Rest der Welt. Es ist schlussendlich die Gesamtheit unserer Produktions- sowie Konsummuster, die auf die eine oder andere Weise – mal direkt, mal indirekt – Einfluss auf das globale Geschehen und damit auch auf die Landnutzung auf anderen Kontinenten nimmt. Das gilt erst recht, wenn wir Österreich als das sehen, was es ist: ein zwar kleiner, aber gleichberechtigt mitspracheberechtigter Teil der EU, einer Staaten-Gemeinschaft mit fast 450 Millionen Einwohnern. 

Zu bedenken ist also, dass Österreich und die EU Teil eines globalen Marktes sind. Wir importieren und exportieren Lebens- und Futtermittel. Wir nehmen mit knapp neun Millionen konsumierenden Menschen am Marktgeschehen teil. Zwar sind das banale Feststellungen, was daraus für die globale Landnutzung folgt, ist dagegen weniger banal: 

  1. Durch Lebensmittel-Importe beanspruchen wir Agrarflächen in Drittstaaten. 

  2. Durch Lebensmittel-Exporte stellen wir unsere eigenen Agrarflächen für die Versorgung anderer Länder zur Verfügung. 

  3. Auch Lebensmittel, die vollständig in Österreich hergestellt und konsumiert werden, beeinflussen indirekt den Weltmarkt. Denn würde die heimische Landwirtschaft ihre Produktion auf null herunterfahren, dann müssten alle Einwohner des Landes mit Lebensmitteln aus anderen Staaten versorgt werden. 

Das führt unter der Annahme, dass es global nicht zu Einsparungen in Form von weniger Lebensmittelverschwendung und veränderten Konsummustern kommt, zu folgendem Schluss: Ohne österreichische Produktion müssten woanders in der Welt mehr Lebensmittel produziert werden. Um dies zu erreichen, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder die Intensivierung der Produktion oder die Vergrößerung der Agrarflächen. Mehr klimaschädliche Landnutzungsänderungen wären sehr wahrscheinlich die Folge. 

Quellen

40 durchschnittlich 41 – 58 Prozent; Quelle: umweltbundesamt.at (2023): Flächeninanspruchnahme; abgerufen: 27.3.23 

41 berger-schinken.at: News: Bis zu 45% weniger CO2-Ausstoß; abgerufen 25.5.2023 

Dieser Artikel ist Teil unseres Reports „Landwirtschaft, Ernährung und Klima“.