Wie werden Karotten gezüchtet?
Wie bei vielen Lebensmitteln sind auch bei Karotten für gewöhnlich drei Bereiche getrennt: Züchtung, Saatgutvermehrung und landwirtschaftliche Produktion. Diese Spezialisierung hilft dabei, professionell Saatgut zu entwickeln, das möglichst einheitliche Eigenschaften aufweist und zuverlässig gute Erträge liefert.
Vereinfacht lässt sich zusammenfassen: In der Züchtung entstehen durch Versuche und Forschung neue Sorten. In der Saatgutvermehrung werden diese Sorten dann angebaut, damit Samen gewonnen werden. Und in der landwirtschaftlichen Produktion wird dieses Saatgut schließlich genutzt, um Lebensmittel zu erzeugen.
Welches Saatgut wird verwendet?
Karotten sind eigentlich zweijährige Pflanzen. Sie bilden erst im zweiten Jahr Blüten und Samen zur Fortpflanzung. Geerntet werden sie aber schon im ersten Jahr – nämlich dann, wenn die Wurzel, also die Karotte, essbar ist. Deshalb kommt es im normalen Karottenanbau in der Regel gar nicht zur Samenbildung.1
Neben den pflanzenbaulichen Gründen gibt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt: In der Karottenproduktion wird meist sogenanntes Hybrid-Saatgut eingesetzt.2
Dabei werden zwei reinerbige Elternlinien miteinander gekreuzt, die jeweils bestimmte gewünschte Eigenschaften mitbringen – zum Beispiel Ertrag, Form oder Widerstandsfähigkeit. Die erste Nachfolgegeneration profitiert oft vom sogenannten Heterosis-Effekt: Die Pflanzen sind besonders leistungsfähig und können ihre Eltern in wichtigen Merkmalen sogar übertreffen. Aus diesem so erzeugten Hybrid-Saatgut lassen sich sehr gleichmäßige und ertragreiche Karotten anbauen. Das funktioniert besonders gut bei Pflanzen mit Fremdbefruchtung – dazu zählt auch die Karotte, die sich überwiegend so vermehrt.3
Allerdings hat dieses System auch eine wichtige Konsequenz: Hybrid-Saatgut ist nicht samenfest. Das bedeutet, dass die Samen, die aus Hybrid-Sorten entstehen, in der nächsten Generation nicht mehr die gleichen Eigenschaften aufweisen. Ertrag und Qualität nehmen meist deutlich ab, weil sich die genetischen Eigenschaften wieder aufspalten“.4
Für die Praxis heißt das: Bäuerinnen und Bauern profitieren von hochwertigem, leistungsstarkem Saatgut, sind aber gleichzeitig darauf angewiesen, dieses regelmäßig neu zuzukaufen, anstatt es selbst weiter zu vermehren.
Auch wenn im Karottenanbau meist Hybrid-Saatgut verwendet wird, gibt es Ausnahmen. Vor allem im Bio-Landbau werden bestimmte Kategorien von Hybrid-Sorten von vielen Verbänden abgelehnt. Es wird stattdessen auf samenfeste Sorten gesetzt: diese können am Betrieb selbst weitervermehrt werden.5,6 Dabei ist jedoch wichtig, auf ausreichend große Bestände zu achten. Werden zu wenige Pflanzen zur Vermehrung genutzt, kann es auch bei dieser Methode zu Inzucht kommen – das wirkt sich oft negativ auf Ertrag und Vitalität aus. Eine breite genetische Basis hilft, die Leistungsfähigkeit zu erhalten.7
Im Vergleich zu Hybrid-Sorten sind samenfeste Sorten in der Regel weniger ertragreich, bieten dafür aber mehr Unabhängigkeit in der Saatgutgewinnung.
Woher kommt das Saatgut?
Woher das Saatgut für den Karottenanbau stammt, ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Auch das AMA-Gütesiegel beispielsweise macht dazu keine Vorgaben. Ein Grund dafür ist, dass Züchtung und Saatgutproduktion heute meist stark spezialisiert und international organisiert sind – oft in den Händen weniger großer Unternehmen.
In Österreich verwendetes Karotten-Saatgut kommt laut Brancheninformationen häufig aus Ländern wie den Niederlanden oder Belgien. Im konventionellen Gemüsebau wird Saatgut oft gesammelt über Erzeugerorganisationen bestellt und anschließend verteilt. Das erleichtert die Planung und macht die Logistik effizienter.8,9,10
Interessant zu wissen: Große Saatgutunternehmen setzen auf Produktionsstandorte rund um den Globus. Dahinter steckt ein klares Prinzip: Risikostreuung. Denn fällt die Ernte in einer Region zum Beispiel durch Extremwetter oder andere unvorhersehbare Ereignisse aus, können andere Standorte einspringen. So bleibt die Versorgung mit Saatgut möglichst stabil – und damit auch die Grundlage für unsere Lebensmittelproduktion.11
Im Bio-Gemüsebau und in der Direktvermarktung spielt zusätzlich auch die eigene Vermehrung am Betrieb sowie der Bezug von kleineren, oft regionalen Anbietern oder innerhalb von Verbandsstrukturen eine größere Rolle.
Welche Zuchtziele gibt es bei Karotten?
In der Karottenzüchtung geht es – zusätzlich zu sortenspezifischen Anforderungen – vor allem um eines: leistungsfähige und verlässliche Sorten. Im Fokus stehen dabei Ertrag und Qualität, aber auch Geschmack, Farbe und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten und Schädlingen.12 Ebenso wichtig sind eine gute Lagerfähigkeit, die Anpassung an unterschiedliche Klimabedingungen und passende ackerbauliche Eigenschaften für den Anbau.13
Besonders wichtig ist die Züchtung von Resistenzen: Sind Karotten weniger anfällig für Krankheiten und Schädlinge, kann der Bedarf an weiteren Pflanzenschutzmaßnahmen – etwa dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln – reduziert werden.14
Wird Karotten-Saatgut gebeizt?
Unter einer Saatgutbeize versteht man Pflanzenschutzmittel, die schon vor der Aussaat direkt auf das Saatgut aufgebracht werden. Die Samen werden dabei mit einer Flüssigkeit oder einem Pulver behandelt, das neben dem Wirkstoff auch weitere Bestandteile wie Haftmittel enthält. Diese Mischung legt sich als dünne Schicht um das einzelne Korn.15
Die Beizung schützt die Samen – und oft auch die jungen Keimlinge – bereits in einer frühen Phase vor Krankheiten oder Schädlingen. Bei Karotten sind derzeit in Österreich nur Beizen gegen pilzliche Schaderreger zugelassen.16 Eine davon ist sogar im Bio-Landbau erlaubt, da es sich um einen natürlichen Organismus handelt: einen Pilz, der andere, für die Pflanze schädliche Pilze hemmen kann.17 Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel – und damit auch entsprechende Beizen – sind im biologischen Gemüsebau hingegen nicht erlaubt.18
In Österreich kommt laut Brancheninformationen Karotten-Saatgut oft bereits gebeizt bei den Betrieben an. Die Behandlung erfolgt im Vorfeld durch Saatgutunternehmen oder spezialisierte Dienstleistungsunternehmen. Gebeiztes Saatgut ist meist eingefärbt – so ist auf einen Blick erkennbar, dass es behandelt wurde.19
Ein Vorteil von Saatgutbehandlungen ist, dass das Pflanzenschutzmittel genau dort eingesetzt wird, wo es gebraucht wird – direkt am Samen. Dadurch kann mit vergleichsweise geringen Aufwandmengen eine gezielte und effiziente Wirkung erzielt werden. Ein Nachteil ist jedoch der Zeitpunkt der Anwendung: Die Behandlung erfolgt bereits vor der Aussaat. Das bedeutet, dass nicht nach dem Schadschwellenprinzip gearbeitet werden kann – also ohne Garantie, ob tatsächlich ein Befall auftritt und die Maßnahme überhaupt notwendig gewesen wäre.20
Quellen
1 Laber und Lattauschke (2020): Gemüsebau, 3. erweiterte Auflage, S. 219ff
2 EG mit Jürgen Eckmayr (seed & plant) vom 07.12.2017
3 Becker (2019): Pflanzenzüchtung, 3. Auflage, S. 168 ff
4 Becker (2019): Pflanzenzüchtung, 3. Auflage, S. 281 ff
5 Wachendorf et al. (2022): Ökologische Landwirtschaft, 2. Auflage, S. 17
6 BIO AUSTRIA – Verein zur Förderung des Biologischen Landbaus (bio-austria.at: Richtlinien für die Produktion, November 2025; Zugriff: 27.04.2026)
7 Verein ARCHE NOAH (arche-noah.at Qualitätsstandards für die ARCHE NOAH Saatgutvermehrung – Karotte; Zugriff 27.04.2026)
8 EG mit Norbert Friedrich (ETG e. Gen. Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse) vom 12.10.2016
9 EG mit Herbert Bucher (Erzeugerorganisation Marchfeldgemüse GmbH) vom 21.10.2016
10 EG mit Andreas Felber (LK Niederösterreich) vom 09.05.2016
11 EG mit Jürgen Eckmayr (seed & plant) vom 07.12.2017
12 Loarca et al. (2024): Evaluation of shoot-growth variation in diverse carrot (Daucus carota L.) germplasm for genetic improvement of stand establishment, Frontiers in Plant Science 15:1342512
13 EG mit Jürgen Eckmayr (seed & plant) vom 07.12.2017
14 Hallmann und von Tiedemann (2019): Phytomedizin, 3., vollständig überarbeitete Auflage, S. 224 ff
15 Gut und Bürki (2022): Pflanzenschutz an Zier- und Nutzpflanzen, 9., aktualisierte Auflage, S. 51
16 Bundesamt für Ernährungssicherheit (baes.gv.at: Pflanzenschutzmittelregister; Karotte (Saatgutbehandlung); Gemüsekulturen (Saatgutbehandlung); Zugriff: 29.04.2026)
17 Bělonožníková et al. (2022): Pythium oligandrum in plant protection and growth promotion: Secretion of hydrolytic enzymes, elicitors and tryptamine as auxin precursor, Microbiological Research 258: 126976
18 Verordnung (EU) 2018/848 des Europäischen Parlaments und des Rates (2018) über die ökologische/biologische Produktion und die Kennzeichnung von ökologischen/biologischen Erzeugnissen sowie zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 834/2007 des Rates
19 EG mit Jürgen Eckmayr (seed & plant) vom 07.12.2017
20 Gut und Bürki (2022): Pflanzenschutz an Zier- und Nutzpflanzen, 9., aktualisierte Auflage, S. 51