Sind Kühe klimaschädlich?
Grundsätzlich entsteht im Verdauungstrakt von Kühen Methan, das 28-mal klimaschädlicher ist als CO₂. Das allein sagt aber wenig im Hinblick auf die Bewertung der Nachhaltigkeit von Milch. Österreichs Kühe fressen einen hohen Anteil an Futter, das auf den landwirtschaftlichen Betrieben selbst produziert wird. Diese weitreichende Eigenversorgung mit Futtermitteln und weitere Aspekte führen dazu, dass Milch aus Österreich im Vergleich zu jener aus vielen anderen Ländern eher klimafreundlich ist.
Kritisch betrachtet
Klimakiller Kuh?Die Kuh gilt für manche Menschen noch immer als „Klimakiller“. Richtig ist, dass bei der Verdauung von Gras und anderem Grünfutter im Pansen-Magen der Kuh Methan entsteht und in die Atmosphäre entweicht. Methan belastet das Klima, berechnet mit den international üblichen Ansätzen, rund 28-mal stärker als CO2. Erhöht man dagegen den Anteil von Kraftfutter wie Getreide, Mais oder Raps, dann steigert sich die Milchleistung der Kühe und der Methanausstoß pro Liter Milch geht zurück. Gilt daher: Je mehr Kraftfutter, desto besser?
Nein, denn Wiederkäuer wie die Kuh brauchen rohfaserreiches Futter wie Gras für ihre Gesundheit. Gras wächst zudem mehr oder weniger ohne großes Zutun des Menschen fast von Natur aus, während der Anbau von Kraftfutter wertvolles Ackerland in Anspruch nimmt, das die Landwirtschaft unter höherem Energieeinsatz bearbeitet, düngt oder mittels Pflanzenschutzmitteln vor Schadorganismen schützt. Auch speichert Grünland seinerseits mehr Kohlenstoff als Ackerland und spielt eine wichtige Rolle bei der Biodiversität und beim Erosionsschutz. Ökologisch nachteilig wirkt sich nach Stimmen aus der Wissenschaft erst ein Landwirtschaftssystem aus, das die Kuh vom Grasland aussperrt und mit eiweißreichem Kraftfutter zu Nahrungskonkurrenten des Menschen macht. Nicht mehr, sondern weniger Kraftfutter lautet daher die Schlussfolgerung dieses Ansatzes. Wiederkäuer sollten demnach vor allem das fressen, was aus den verschiedensten Gründen nicht am Teller des Menschen landet. Zu dieser „nicht-essbaren Biomasse“ zählen unter anderem Gras sowie Neben- und Koppelprodukte wie etwa jene Teile des Getreidekorns, die bei der Vermahlung zu Mehl aussortiert werden (Kleie). Mehr dazu findest du in unserem Artikel „Die Kuh und das Methan: Eine Frage der Bewertung“ und in unserem Artikel „Unsere Lebensmittel: Was wir erzeugen und verbrauchen und was wir essen und trinken sollten“.
Kraftfutteranteil bei Bio-Milch begrenzt
In der Bio-Landwirtschaft beispielsweise ist der Anteil an Kraftfutter bei der Fütterung von Wiederkäuern unter anderem durch das EU-Regelwerk[i] begrenzt. Es schreibt für die Tagesration zumindest einen 60-prozentigen Raufutteranteil vor. Als Raufutter zählen etwa Gras und Grassilage, Heu, aber auch Maissilage (wobei Mais wiederum zu den eher ressourcenintensiven Ackerfrüchten zählt).
Beim Verband „Bio Austria“ gilt zusätzlich: Über ein Jahr gerechnet darf die durchschnittliche Kraftfuttermenge eines Bio-Betriebs maximal 15 Prozent der Trockenmasseaufnahme ausmachen. Auch durch den verpflichtenden sommerlichen Weidezugang wird die Aufnahme von Ackerfrüchten wie Maissilage oder Kraftfutter begrenzt.
Für biologische und konventionelle Landwirtschaft gilt gleichermaßen, dass eine hohe Grundfutterqualität mit geringerem Fasergehalt zur Verringerung der Methan-Emissionen direkt beiträgt. Zusätzlich auch indirekt, da bei höherer Grundfutterqualität der Anteil an Kraftfutter (bei gleicher Milchleistung) reduziert werden kann.
Kraftfutter: kaum Soja, viel Mais
Über den tatsächlichen Kraftfutteranteil bei Österreichs konventionellen Milchbetrieben liegen keine Daten vor. Sicher ist dagegen, dass die gesamte Milchproduktion in Österreich gänzlich auf Futtermittel aus Pflanzensorten verzichtet, die mittels klassischer Gentechnik gezüchtet wurden. Deshalb spielt die mit Abstand am meisten eingesetzte Eiweißpflanze, nämlich Soja, in Österreich eine im internationalen Vergleich untergeordnete Rolle. Der Verzicht auf klassische Gentechnik führt indirekt zum Verzicht auf Importe aus Ländern, in denen etwa auch in Regenwaldgebieten Soja auf sehr großen Feldern angebaut wird. Verdrängt Soja Regenwald, ist es klimaschädlich. Es wird in anderen milchproduzierenden Ländern in großen Mengen vor allem aus Südamerika und den USA importiert.
Andererseits ist auch in Österreich bei Hochleistungskühen den internationalen Trend zu immer höheren Anteilen an Kraft- und Eiweißfutter zu beobachten. Vor allem die überaus energiereiche Maissilage wird von vielen Milchbauern in zunehmendem Maße als Grundfutterbestandteil verwendet. Maisanbauflächen müssen in der Regel wesentlich intensiver gedüngt werden. Außerdem erweisen sie sich bei zu engen Fruchtfolgen immer anfälliger für Krankheiten. Eine enge Fruchtfolge bedeutet, dass Mais innerhalb einiger Jahre sehr häufig auf demselben Feld angebaut wird. Damit können auch Ernteausfälle oder der vermehrte Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln verbunden sein.
Weltweit einziges Land mit garantiert gentechnikfreier Milchproduktion
Die heimische Milchwirtschaft hat sich entschieden, gentechnikfrei zu produzieren. Kauft man Milch, die in Österreich gemolken und verarbeitet wurde, ist diese seit dem Jahr 2010 „garantiert gentechnikfrei“, das bedeutet „gentechnikfrei“ im Sinne des österreichischen Lebensmittelkodexes. Dazu muss man wissen, dass es mehrere Formen von Gentechnik gibt. Wenn von „gentechnikfrei“ die Rede ist, dann ist in der Regel lediglich jene Form gemeint, bei der Gene eines fremden Organismus in eine Kulturpflanze übertragen wurden (Transgentechnik). Bei vielen modernen Formen der Gentechnik ist das nicht mehr notwendig.
Nach den entsprechenden Richtlinien hergestellte Lebensmittel erhalten das vom Verein „Arbeitsgemeinschaft für Gentechnik-frei erzeugte Lebensmittel“ (kurz: ARGE Gentechnik-frei) vergebene Siegel mit dem Schriftzug „ohne Gentechnik hergestellt“. Die Einhaltung der „Gentechnikfreiheit“ unterliegt Kontrollen durch unabhängige Kontrollstellen, die von der ARGE Gentechnik-frei autorisiert wurden. Der Verein versteht sich als unabhängige Plattform von Mitgliedsunternehmen aus dem Lebensmittelhandel, der Lebensmittelherstellung und der Futtermittelproduktion sowie von Organisationen aus den Bereichen Umweltschutz, Konsumentenschutz und Bauernvertretungen.
Mehr zu diesem Thema findest du auch im Abschnitt „Was bewirkt die gentechnik-freie Produktion“ im Artikel „Gentechnik-Soja: Was ist das?“
Zur Umsetzung der landesweiten gentechnik-freien Milchproduktion brauchte es umfangreiche Beprobungen und Untersuchungen. Es wurden Testprogramme für Futtermittel entwickelt. Insgesamt ist der Verzicht mit wesentlich höheren Produktionskosten verbunden. Der Milchpreis in Österreich ist aber stark an den Weltmarktpreis gebunden, was den Kostendruck auf heimische Bäuerinnen und Bauern zusätzlich erhöht. Für jene, die nicht an eine österreichische Molkerei liefern, gilt die Branchenlösung theoretisch nicht.
Wie wichtig ist Grünland für das Klima?
Extensives Grünland ist eine der artenreichsten landwirtschaftlichen Kulturen überhaupt. Rinder als evolutionäre Grasfresser sind perfekt zur Nutzung dieser Flächen geeignet, die sinnvollerweise nicht beackert werden sollten. Anders ausgedrückt: Die Grünland-Kuh frisst dem Menschen nichts weg. Im Gegenteil, sie macht die im Grünland gespeicherte Energie über ihre Milch und ihr Fleisch erst für die menschliche Ernährung nutzbar.
Vor allem in den inneralpinen Regionen Österreichs ist es, vereinfacht gesagt, über das Jahr gerechnet zu kalt und zu nass, um im großen Stil andere agrarische Kulturen wie Getreide oder Gemüse anzubauen. Aufgrund der regional sehr unterschiedlichen Klima-, Wetter- und Bodenverhältnisse gibt es in Österreich eine vergleichsweise große Artenvielfalt bei unterschiedlich (intensiven) Nutzungsweisen des Grünlandes. Über 3.000 verschiedene Gräser, Kräuter und Kleearten sind in den Wiesen, Weiden und Almflächen Österreichs insgesamt gezählt worden. Diese wiederum bieten zahllosen Klein- und Kleinsttieren einen Lebensraum, etwa auch den wichtigen Bestäubern wie der Biene. Allerdings hängt der ökologische Wert des Grünlands stark von der Intensität seiner Nutzung ab. Vereinfacht gesagt: häufig gemähtes und stärker gedüngtes Grünland kann sehr artenarm sein, nicht oder wenig gedüngtes und ein- bis zweimal gemähtes sehr artenreich. Auf der anderen Seite liefert ersteres höherwertiges Futter, das Kraftfutter ersetzen und damit Ackerflächen einsparen helfen kann.
Österreichs Grünland mit vielen Funktionen
Dauerbegrüntes Land bedeckt noch immer etwa die Hälfte der agrarisch genutzten Fläche Österreichs. Es ist über Jahrhunderte entstanden, durch bäuerliche Bewirtschaftung und vor allem dank der Nutzung des wichtigsten Wiederkäuers, des Rindes. Ohne Bäuerinnen und Bauern und Kühe wäre Österreichs Grünland im wesentlichen Wald – und wichtige Flächen für Naherholung, Tourismus, Biodiversität und Lebensmittelproduktion würden fehlen.
Durch die Nutzung des artenreichen Grünlandes bleibt dieser Lebensraum erhalten. Intakte Wiesen speichern im Grünlandboden beträchtliche Mengen Kohlenstoff (C) und verhindern so einen noch höheren CO2-Gehalt der Atmosphäre. Durch die intensive Durchwurzelung wird auch in den steilsten Flächen der Boden vor Erosion geschützt. Bodenerosion bedeutet, dass der Boden durch Wind und Wasser abgetragen wird und dadurch Schicht um Schicht an Fruchtbarkeit verliert. Regenwürmer, Pilze und Bakterien verarbeiten abgestorbene Wurzeln zusammen mit anderen Pflanzenresten zu Humus. Weil Humus zu mehr als 50 Prozent aus Kohlenstoff besteht, entlastet jede zusätzliche Tonne Humus die Atmosphäre um mehr als 1,8 Tonnen CO2. Umgekehrt belasten entsprechend alle Maßnahmen, die zu Humusabbau führen, die Atmosphäre. Gleichzeitig ist dieser Humus Garant der Bodenfruchtbarkeit und die Basis einer nachhaltigen Versorgung mit Lebensmitteln.
Eine ausführlichere Betrachtung dazu findest du im Artikel „Die Klimawirkung von Rindfleisch“, Abschnitt „Futter vom Grünland: keine Nahrungskonkurrenz und besser fürs Klima“.
Dauergrünland wird weniger
Dauergrünland ist in Österreich über die vergangenen 150 Jahre betrachtet bis heute auf dem Rückzug. Unrentable Almflächen werden nicht mehr von Tieren beweidet und verbuschen oder verwalden, teilweise unkontrolliert. Verwaldete Almen verlieren dabei zusätzlich ihren touristischen Reiz und Mehrwert als Wander- und Erholungsgebiet. Viele großflächige Einkaufszentren, Autobahnrastplätze und ähnliches stehen auf einstmals fruchtbarem Grün- und Ackerland. Aber auch die „Umwidmung“ von Dauergrünland in intensiver genutzte Ackerfläche findet statt. Ackerkulturen leisten dabei vor allem im steileren Gelände der Erosion weniger Widerstand als gut durchwurzeltes Grünland.
Milchkuhhaltung in Form von Kreislaufwirtschaft
In Österreich wird die Milchkuhhaltung vorrangig in Form einer Kreislaufwirtschaft beziehungsweise bodengebundenen Viehhaltung betrieben.
In der Kreislaufwirtschaft sollen die eingesetzten Rohstoffe über den Lebenszyklus einer Ware hinaus wieder vollständig in den Produktionsprozess zurückgelangen. Grundlage für Überlegungen zum Kreislaufprinzip war die Erkenntnis, dass in einer endlichen Welt nur Produktionsverfahren mit einem Kreisschluss unbeschränkt fortgeführt werden können. Kreislaufwirtschaft nimmt daher den Stoffkreislauf der Natur zum Vorbild und versucht, kaskadische Nutzungen ohne Abfälle und ohne Emissionen zu erreichen.
Bodengebundene Viehhaltung heißt, dass ein Betrieb über ausreichend eigene Flächen verfügen muss, um daraus den Großteil der Futtermittel für die Tiere zu gewinnen. Dadurch wird verhindert, dass große Mengen von außen zugekauft werden müssen. Dies wäre unvereinbar mit dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft. Und in der Folge steht wieder genügend Boden zur Verfügung, um den anfallenden Wirtschaftdünger sinnvoll verwerten zu können.
Gülle lässt das Futter wachsen
Für Österreich bedeutet das in erster Linie, dass es ohne Grünflächen zur Futtermittelgewinnung auch keine Milchkuhhaltung gibt und die Nährstoffe, die den Grünflächen entzogen wurden, im Zuge der Düngung (Mist, Gülle, Jauche, Kompost) wieder rückgeführt werden.
Ein gewisser Anteil der von den Milchkühen mit dem Futter aufgenommenen Nährstoffe verlässt den Bauernhof in Form von Milch und Fleisch. Ein großer Teil wird aber in Form von Kot und Urin wieder ausgeschieden und im landwirtschaftlichen Betrieb als natürlicher Dünger (Gülle und/oder Mist) verwendet. Die Nährstoffe werden von den Pflanzenwurzeln aufgenommen und regen zu neuem Wachstum an. Wie viel Dünger und in welcher Form ausgebracht wird, ist dabei von entscheidender Bedeutung. Regelmäßige Bodenproben sowie fachliche Schulungen helfen in der landwirtschaftlichen Praxis, das Düngemanagement zu optimieren. So wird sichergestellt, dass Böden weder unter- noch überversorgt sind.
Intensive Nutzung mit mehr Dünger
Besondere Wachstumsimpulse erhalten Pflanzen zusätzlich durch das Abgrasen weidender Kühe. Diese traditionelle Form der Grünlandnutzung fördert den Artenreichtum der Pflanzen. Allerdings ist es dabei wichtig, dass weder zu viele noch zu wenige Tiere auf der Weide gehalten werden. Die aus Weidehaltung gewonnene Milch weist zudem ein etwas günstigeres Fettsäuremuster auf, sprich einen höheren Anteil an ungesättigten Fettsäuren wie Omega-3-Fettsäure.
Je intensiver Grünland genutzt wird, je öfter im Jahr beispielsweise Tallagen gemäht werden, desto eine größere Nährstoffmenge muss dem Boden wieder zugeführt werden. Besonders hohe Düngermengen können sich negativ auf die Ökobilanz auswirken. In erster Linie mindern sie die Artenvielfalt, weil sich dann wenige schnell wachsende Pflanzenarten gegenüber konkurrenzschwächeren durchsetzen. Auch Belastungen für das Grundwasser durch die Auswaschung von Nährstoffen sind prinzipiell möglich. Und zwar dann, wenn entgegen dem Kreislaufprinzip große Mengen an Futtermittel von außen zugekauft werden und dabei zu wenig Fläche für die Ausbringung des anfallenden Wirtschaftdüngers vorhanden ist. Gesetzliche Mengengrenzwerte für die Ausbringung von Wirtschaftsdünger in der EU und in Österreich sollen dieser Gefahr vorbeugen.
Wie viel Wasser verbraucht die Milchproduktion?
Im Zusammenhang mit Milch wird immer wieder auch das Thema „Wasser“ diskutiert. Teilweise werden dabei überraschend hohe Werte eines angeblichen „Wasserverbrauchs“ genannt. Zugrunde liegen solchen Werten Berechnungen des sogenannten Wasserfußabdrucks. Bei der Verwendung entsprechender Zahlen kommt es häufig zu irreführenden Fehlinterpretationen. Ohne Kenntnis über die höchst unterschiedlichen Bestandteile eines Wasserfußabdrucks ist es unmöglich, diesen auf sinnvolle Weise als Maßstab für eine Nachhaltigkeitsbewertung von Milch, Käse oder anderen Lebensmitteln einzusetzen.
Grundsätzlich wird Wasser durch Nutzung in Haushalten, Industrie und Landwirtschaft nicht „verbraucht“, da das Wasser auch nach der Nutzung Wasser bleibt.
Allerdings kann es verschmutzt oder für eine unmittelbare Folgenutzung unbrauchbar gemacht werden. Das Wasser, das beispielsweise eine Kuh getrunken hat, kann unmittelbar nicht noch einmal getrunken werden. Es wandert zunächst, vor allem über Atemluft und Urin, in die Umwelt und durchläuft den natürlichen Wasserkreislauf, bevor es erneut Trinkwasserreserven befüllen kann.
In vielen Erdregionen ist Wasser ein knappes Gut. Selbst dort, wo Wasser grundsätzlich ausreichend vorhanden wäre, kann sauberes Trinkwasser knapp oder gar nicht verfügbar sein. Österreich ist aufgrund seiner natürlichen Gegebenheiten grundsätzlich ein wasserreiches Land. Auch der Klimawandel hat bislang nicht zu einer Veränderung der jährlichen Niederschlagsmengen geführt. Allerdings verteilen sich die Niederschläge zunehmend ungleichmäßiger über das Jahr, sodass es immer häufiger zu regionalen Trockenperioden kommt, die die Landwirtschaft vor wachsende Herausforderungen stellen. Flächendeckende Trinkwasserknappheit lässt dies aber nicht unmittelbar erwarten.
Milch und „virtuelles Wasser“
Das Konzept des „virtuellen Wassers“ soll dabei helfen, die Bedeutung von Frischwasser bei der Produktion von Gütern zu verdeutlichen. Gemäß des Konzepts umfasst die Menge des virtuellen Wassers die aufsummierte Wassermenge, die über den gesamten Herstellungszyklus eines Produkts direkt oder indirekt genutzt wird. Das genutzte virtuelle Wasser wird dabei in drei Kategorien unterteilt.
Blaues Wasser: Wasser, das technisch gewonnen wird. Es kann aus Grundwasser- oder Oberflächengewässern, in manchen Ländern auch aus Meerwasserentsalzungsanlagen stammen. Blaues Wasser wird für die künstliche Bewässerung von Nutzpflanzen, für Viehtränken oder innerhalb von Verarbeitungsprozessen zum Auswaschen von Produktanteilen oder zum Reinigen von Anlagen und Räumen genutzt.
Graues Wasser: Das ist die Wassermenge, die im Zuge der Herstellung eines Produkts qualitativ so beeinträchtigt, beziehungsweise verschmutzt wird, dass sie nicht mehr uneingeschränkt für andere Zwecke nutzbar ist.
Grünes Wasser: Die Menge des Regenwassers, die von Pflanzen während ihres Wachstums aufgenommen wird. Nur ein verschwindend geringer Teil davon ist zum Zeitpunkt der Ernte oder des Abweidens durch Tiere in den Pflanzen gespeichert. Fast die gesamte Menge wird während der Vegetationsperiode von den Pflanzen aufgenommen, für den Transport von Nährstoffen im Pflanzeninneren genutzt und schließlich wieder verdunstet, also an die Atmosphäre abgegeben.
Die errechnete Menge des virtuellen Wassers wird in der Kommunikation häufig in Form des sogenannten Wasserfußabdrucks verwendet. Dieser lässt sich etwa für Produkte oder Unternehmen darstellen oder als durchschnittlicher Wasserbedarf pro Person (Pro-Kopf-Kennzahl).
Da die Größe des Anteils des grünen Wassers vom Witterungsverlauf am jeweiligen Standort abhängt, kann diese im Prinzip nicht beeinflusst werden. Zudem fällt grünes Wasser ohnehin vom Himmel und wird im Zuge seiner Nutzung wieder an die Atmosphäre abgegeben. Es handelt sich in diesem Zusammenhang daher nicht um eine Ressource, die sich durch sparsames Verhalten schonen ließe – im Gegensatz etwa zu potenziell knappem Trinkwasser, das gefördert, transportiert und unter Umständen aufbereitet werden muss.
Eine Publikation des Landwirtschaftsministeriums zu virtuellem Wasser aus dem Jahr 2021 bringt dies wie folgt auf den Punkt: „Bei der Betrachtung des Wasserfußabdrucks selbst ist es somit von wesentlicher Bedeutung, ob es sich in der landwirtschaftlichen Produktion überwiegend um grünes, blaues oder graues virtuelles Wasser handelt. Aus Überlegungen zur Verfügbarkeit können bestimmte Wasserbedarfe in unterschiedlichen Regionen akzeptabel sein oder auch nicht. Zumindest für Österreich sind (...) die regional verfügbaren Grundwasserressourcen bekannt und können dem Wasserbedarf gegenübergestellt werden. Dabei zeigt sich, dass die gegenwärtigen Nutzungen aus dem Grundwasser nachhaltig gedeckt werden können.“
Allerdings könnte sich diese Situation mit dem Klimawandel regional ändern: „Für den Zeithorizont 2050 ergeben sich je nach betrachtetem Klimaszenario für einige Regionen mögliche Zustände, in denen ein sehr hoher Ausnutzungsgrad wahrscheinlich ist“, erklärt das Ministeriums-Dokument.
Die Milch und ihr Wasserfußabdruck
Die untenstehende Grafik zeigt den Wasserfußabdruck für einen Liter Milch aus dem Alpenvorland laut einer Schätzung von Thomas Guggenberger, Leiter des Instituts für Nutztierforschung an der HBLFA Raumberg-Gumpenstein. Die Zahlen zeigen: 99 Prozent des Wasserfußabdrucks der Milch umfassen die Menge des Regenwassers, das auf Grün- und Ackerland niederregnet. Berücksichtigt man ausschließlich jene Wassermenge, die technisch beeinflussbar ist, dann beläuft sich dieser Teil des Wasserfußabdrucks auf acht Liter Wasser pro Liter Milch.
Lokaler Wirtschaftsmotor und Erhalter des Landschaftsbildes
Milchbäuerinnen und -bauern spielen eine wichtige Rolle für die lokale Wirtschaft. Das gilt vor allem in abgelegenen und benachteiligten alpinen Regionen. Auch das dörfliche Leben ist vielerorts noch immer von der Landwirtschaft und speziell der Milchwirtschaft geprägt. Bäuerliche Betriebe schaffen Arbeitsplätze, bieten Ausbildungsplätze an, unterstützen lokale Betriebe, pflegen die Landschaft und erhalten auf diese Weise zugleich Erholungsräume. Die durch die Landwirtschaft geprägte Kulturlandschaft ist daher auch die Basis der in Österreich besonders wichtigen Tourismus- und Freizeitwirtschaft.
Befragungen von Touristinnen und Touristen zeigen regelmäßig, dass Österreichs Regionen mit ihrem gepflegten und halb-offenen Landschaftsbild der wichtigste Grund dafür sind, dass Gäste hierherkommen. Gerade in den inneralpinen touristischen Zentren steht und fällt dieses Landschaftsbild mit der Arbeit der Milchviehbetriebe und ihrer Kühe. Mehr dazu findest du in unserem Report „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.