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Wo der Schaden entsteht, ist dem Klima egal – Warum allein unser Konsum entscheidet

Klimabilanzen können täuschen. Zum Beispiel dadurch, dass sie lediglich berücksichtigen, was in Österreich produziert wird. Was wir konsumieren, sorgt aber in der Regel auch für Emissionen in anderen Ländern. 

Wichtig zu beachten ist: Die österreichische Landwirtschaft verursacht – indirekt – mehr Treibhausgasemissionen als sich in der nationalen Bilanz des Klimaschutzberichtes im Sektor Landwirtschaft wiederfinden. Emissionen, die etwa der Anbau von Soja in Brasilien verursacht, das dann in der österreichischen Schweinemast verfüttert wird, belasten die Treibhausgasbilanz der brasilianischen, und nicht der österreichischen Landwirtschaft. Das liegt an den international gültigen Regeln, die für das Erstellen der offiziellen Bilanzen (der sogenannten Treibhausgasinventuren) gelten. 

Zum Hintergrund: Jeder Staat muss die Menge seiner Treibhausgasemissionen jährlich an den Weltklimarat IPCC berichten – genauer gesagt an das Sekretariat der sogenannten Klimarahmenkonvention UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change). Jedem Staat werden jene Emissionen angerechnet, die auf seinem eigenen Territorium entstehen. Sei es durch Fabriken, Kohlekraftwerke, Straßenverkehr, Büro- und Wohnhäuser oder in Ställen und auf Feldern. Dieser produktions- beziehungsweise territorial-basierte Ansatz bildet die Grundlage aller internationalen Vereinbarungen im Rahmen der Klimaschutzpolitik. Auch die nationalen Reduktionsziele beziehen sich auf die nach diesem Prinzip erstellten Bilanzen. 

Liniendiagramm zeigt CO₂-Emissionen in Österreich 1990–2023: Konsum höher als Produktion, beide Werte sinken.

© Land schafft Leben 2026

Ein Produkt durchläuft mehrere Sektoren und oft mehrere Länder 

Erschwerend kommt hinzu: An der Bereitstellung eines Produkts sind stets mehrere Sektoren beteiligt. Welche Emission welchem Sektor zugerechnet wird, ist dabei nicht immer selbsterklärend. Außerdem wird diese Frage teilweise unterschiedlich gehandhabt, je nachdem, ob es sich etwa um eine Bilanz des IPCC oder um einen nationalen Klimaschutzbericht handelt. 

Fährt zum Beispiel ein Traktor mit dem Düngerstreuer über ein Feld des Weinviertels, um synthetischen Stickstoffdünger auszubringen, dann stehen damit Emissionen in Zusammenhang, die mehreren unterschiedlichen Sektoren unterschiedlicher Länder angerechnet werden. 

Der Traktor muss zunächst einmal gebaut werden. Allein das verursacht CO2-Emissionen in zahlreichen Ländern und unterschiedlichen Sektoren. Zum Beispiel bei der Stahlproduktion im Industrie-Sektor Chinas oder bei der Anlieferung der zahlreichen Komponenten im Transport-Sektor der jeweiligen Zuliefer-Länder und des Landes, in dem der Traktor zusammengebaut wird. 

Auf dem Acker im Weinviertel verbrennt der Traktor in seinem Motor Diesel-Kraftstoff. Das dabei entstehende CO2 wird vom österreichischen Umweltbundesamt gemäß den internationalen Richtlinien als Teil des Sektors Transport an den IPCC berichtet. Diese internationalen Richtlinien zur Bilanzierung von Treibhausgas-Emissionen werden unter der Rahmenvereinbarung UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) festgelegt. Davon unabhängig sieht allerdings das Klimaschutzgesetz Österreichs vor, dieselben Emissionen aus dem Diesel-Kraftstoff im nationalen Klimaschutzbericht, statt im Sektor Transport im Sektor Landwirtschaft zu verbuchen. In diesem Punkt unterscheidet sich eine Darstellung des IPCC also von einer Darstellung des österreichischen Umweltbundesamts. 

In jedem Fall verursacht aber nicht nur die Verbrennung des Diesels Emissionen, sondern bereits seine Herstellung aus Rohöl in der Raffinerie. Diese werden dem Energie-Sektor des Landes angerechnet, in dem die Raffinerie steht. 

Ähnliches gilt für den synthetischen Stickstoffdünger. Wenn dieser zum Beispiel in Deutschland produziert wurde, dann werden die bei der Herstellung entstehenden CO2-Emissionen dem Industriesektor Deutschlands angerechnet, auch wenn die Nährstoffe schließlich österreichische Felder düngen. Dabei wird der Düngertransport bis zur Grenze dem deutschen und ab der Grenze dem österreichischen Transportsektor angelastet. 

Und zuletzt verursacht der Dünger durch bakterielle Umwandlungsprozesse im Boden des Weinviertels auch die Freisetzung von klimaschädlichem Lachgas. Dieses wird der österreichischen Landwirtschaft zugerechnet. 

Die Sache ist also kompliziert und vielschichtig. Der rein nationale Blickwinkel ist sinnvoll, solange es darum geht, die hier entstehenden Emissionen zu mindern, also vor der eigenen Haustüre zu kehren. Einen verlässlichen Rückschluss auf die Klimawirkung unseres Konsums lässt er aber nicht zu. 

Wer alle Emissionsquellen auf einer Rechnung sehen möchte, die mit der Bereitstellung eines bestimmten Produkts in Verbindung stehen, der braucht eine sogenannte Ökobilanz. Nur sie verrät – über alle Sektoren und Länder hinweg – wie viele Emissionen ein Produkt insgesamt verursacht. 

Klimaschutz durch Abschaffung der Landwirtschaft? 

Übrigens: Ein rein nationaler Blick auf den Klimawandel kann zu einem grotesken Bild führen. Würde Österreich seine Landwirtschaft komplett abschaffen und 100 Prozent seiner Nahrungsmittel aus dem Ausland einführen, dann sänke der Beitrag der hiesigen Landwirtschaft zur Klimaerwärmung auf null. Und die Gesamtemissionen des Landes würden mindestens um den sektoralen Anteil der Landwirtschaft schrumpfen, sprich um rund 11 Prozent. 

Global betrachtet würden die Emissionsmengen allerdings wachsen, da viele Agrargüter hierzulande mit geringerem Treibhausgas-Ausstoß hergestellt werden als im globalen Durschnitt. Außerdem müssten sämtliche Lebensmittel und andere hierzulande konsumierten Agrargüter aus dem Ausland nach Österreich transportiert werden. Dies würde weitere zusätzliche Emissionen nach sich ziehen. 

Die ehrliche Bilanz und der konsumbasierte Ansatz 

Der offizielle Treibhausgasausstoß eines Landes ergibt sich also durch das Addieren aller Sektor-Emissionen des Landes. Etwas völlig anderes zeigt allerdings die aufsummierte „Klimalast“, die sich durch den Konsum all seiner Bewohnerinnen und Besucher ergibt. Das liegt daran, dass wir Produkte importieren und konsumieren, deren Klimawirkung aber den jeweiligen Herkunftsländern angerechnet wird. Umgekehrt belasten in Österreich produzierte Waren das nationale Treibhausgas-Budget auch dann, wenn sie exportiert und woanders verbraucht beziehungsweise genutzt werden.   

© Timo Küntzle

Ein Beispiel: Zur Emissionsmenge, die aus der Produktion von Salami in Österreich dem nationalen Budget angerechnet wird, zählt, was direkt auf österreichischen Feldern, in Ställen oder in den Werken der Wursthersteller freigesetzt wird. Also etwa Lachgasemissionen aus der Düngung der heimischen Äcker, auf denen Futter für die Schweine wächst sowie aus dem Einsatz von Landmaschinen. Oder der CO2-Ausstoß, der im Zusammenhang mit der Kühlung des rohen Fleischs, dem Räuchern der Würste oder deren Transport innerhalb Österreichs entsteht. 

Nicht in die nationale Bilanz fließen jene Emissionen ein, die dabei etwa in Südamerika entstehen können. Dort werden Sojabohnen angebaut, die zum Teil auch nach Österreich exportiert und als wichtige Eiweißkomponente ins Schweinefutter gemischt werden. Wenn dies der Fall ist, dann wird das Lachgas, das dort in Südamerika frei wird, beispielsweise dem brasilianischen oder argentinischen Budget angerechnet, nicht dem österreichischen. Genau wie die CO2-Moleküle, die aus frisch angelegten Ackerparzellen aufsteigen, die kurz zuvor noch mit Savannengras oder Regenwald bedeckt waren. Mehr zur Bedeutung solcher Landnutzungsänderungen findest du im Artikel „Feld, Wald und Moor: Wie der unterschätzte Faktor ‚Landnutzung‘ das Klima beeinflusst“.

Ganz generell kommt hinzu, dass importierte Lebens- und Futtermittel logischerweise nach den im jeweiligen Herkunftsland geltenden Standards produziert werden. Diese unterscheiden sich von hiesigen Standards zum Teil stark. Ein Beispiel: Bei der sogenannten Reifespritzung (Sikkation) mit dem Wirkstoff Glyphosat, werden unvollständig abgereifte Pflanzen eines Sojabohnenfeldes oder anderer Kulturen künstlich ausgetrocknet und so zur Reife gebracht, wodurch sich Ernteverluste reduzieren lassen. Um selbst geringste Rückstandsspuren im Erntegut zu vermeiden, ist Reifespritzung mittels Glyphosat in Österreich verboten, in anderen Ländern hingegen erlaubt. 

All dies gilt für sämtliche Bereiche der Wirtschaft und nicht nur für die Lebensmittelproduktion. Auch in Österreich eingesetzte Mobiltelefone, Autos oder Bekleidungstextilien verursachen Treibhausgasemissionen in den Ländern, wo die jeweiligen Produktionsschritte ablaufen. Nur die konsumbasierte Betrachtung, wie sie in unten stehender Grafik für die reinen CO2-Emissionen Österreichs dargestellt ist, zeigt daher die tatsächliche Klimawirkung der Bevölkerung. In diesem Fall allerdings ausschließlich für das wichtigste Treibhausgas CO2, also ohne Methan oder andere Klimagase. 

Dieser Artikel ist Teil unseres Reports „Landwirtschaft, Ernährung und Klima“.