Über 250 Millionen Euro kostet die Entwicklung eines chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittels. Ein Grund dafür ist das aufwändige Zulassungsverfahren. NGOs werfen den Herstellern und Behörden zu wenig Transparenz, mangelnde Unabhängigkeit und das Ignorieren von unabsehbaren Risiken der Pestizide vor. Die internationalen Hersteller sprechen von Angstmache und weisen auf Sicherheitspolster im Zulassungsverfahren hin.


Schon bei der Bezeichnung gehen die Meinungen auseinander. Die Hersteller bevorzugen den Begriff “chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel”, Kritiker nennen sie lieber “Pestizide”. Beide Bezeichnungen stehen für dieselben Mittel, wir verwenden in diesem Artikel beide. Pestizide schützen Nutzpflanzen, indem sie schädliche Tiere, Pflanzen oder Bakterien zerstören. Und beide sind Überbegriffe für Fungizide gegen Pilze, Insektizide gegen Insekten und Herbizide gegen Unkraut. Diese drei Gruppen sind die wichtigsten, weitere wirken etwa gegen Bakterien.

Zulassung aufwändig, teuer und umstritten

Pestizide dürfen nicht einfach so entwickelt und ausgebracht werden. Dazwischen steht ein umfangreiches Verfahren, das die Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt prüft. Der gesamte Prozess, von der Entwicklung bis zum Verkauf am Markt kostet über 250 Millionen Euro. Die Hersteller müssen zahlreiche Aspekte eines Mittels untersuchen lassen und die Studien einreichen. In Österreich übernimmt die Österreichische Agentur für Gesundheit Ernährungssicherheit AGES einen Teil des Zulassungsverfahrens.

Am Beispiel von Bier erklärt Albert Bergmann, Leiter des Instituts für Pflanzenschutzmittel der AGES, dass selbst ein Genussmittel theoretisch keine Zulassung erhalten könnte. Auch für Bier, dass früher als Hausmittel im Pflanzenschutz verwendet wurde, bräuchte man einen sehr umfangreichen und teuren Datensatz, “über die Toxikologie, zum Umweltverhalten, was passiert mit Fischen und Wasserflöhen, wie geht es Regenwürmern usw.”, so Bergmann. Bier würde die Zulassung wohl nicht erhalten, Bergmann erklärt warum: “Die IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO, Anm.) hat bei alkoholischen Getränken zweifelsfrei festgestellt, dass diese für den Menschen krebserregend sind.” In so einem Fall habe eine Produkt keine Chance auf eine Zulassung als Pflanzenschutzmittel.

 

"Pflanzenschutzmittel sind die am besten untersuchten Substanzen, die es überhaupt gibt."

Christian Stockmar, IndustrieGruppe Pflanzenschutz und Syngenta Österreich

 

Christian Stockmar ist Vertriebsleiter von Syngenta Österreich und Vorsitzender der Industriegruppe Pflanzenschutz. Er verweist auf die sehr hohen und stetig steigenden Kosten und auf die lange Dauer des Verfahrens. Pflanzenschutzmittel würden sogar mehr untersucht als Medikamente für Menschen, weil der Bereich der Umweltauswirkungen hinzukomme. Christa Größ von Bio Austria bestätigt, dass die Verfahren immer aufwändiger werden, gibt aber zu bedenken: “Oft kommt man erst 20 oder 30 Jahre später drauf, was man alles nicht  gewusst hat, was passiert ist an Schäden, sei es in der Umwelt oder bei der Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze.”

Albert Bergmann von der AGES betont, dass in Versuchen Ratten und Mäusen eine Substanz ein Leben lang verabreicht wird. Klaus Gehring von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft erwähnt, dass Studien die Tierversuche über mehrere Generationen machen. Nur Langzeitfolgen, die “keinen ursächlichen Zusammenhang” mehr mit dem Einsatz eines Wirkstoffes hätten, sondern nur mit “sekundären Nebeneffekten”, könnte man unter Umständen mit wissenschaftlichen Methoden nicht abprüfen, so Gehring. 

Wie sechs Kilometer Sicherheitsabstand bei 100 km/h oder zu unsicher?

Medikamente werden am Ende des Zulassungsverfahrens in der Regel auch am Menschen getestet. Bei Pestiziden ist das verboten, daher kommen während des gesamten Verfahrens Tiere zum Einsatz. Die Unsicherheiten, die durch die Übertragung von Ergebnissen aus Tierversuchen auf den Menschen entstehen, werden laut Christian Stockmar, dem Vorsitzenden der IG Pflanzenschutz, im Rahmen einer wissenschaftlichen Risikoprüfung berücksichtigt. Durch die Einführung eines zusätzlichen Faktors von 100 werde das Vorsorgeprinzip sichergestellt. Für Helmut Burtscher, Umweltchemiker von Global 2000, ist das alles andere als ein beruhigendes „Sicherheitspolster“. “Wir wissen, dass der menschliche Organsismus oft anders reagiert als jener von Mäusen oder Kaninchen. Auch Tierexperimente können extrem unterschiedliche Resultate liefern“, sagt Burtscher. Für Christian Stockmar ist der Sicherheitsfaktor 100, “als würde man auf der Autobahn mit 100 km/h anstatt der vorgeschriebenen 60 Meter sechs Kilometer Abstand halten.”

 

"Das Zulassungsverfahren in der jetzigen Form ist sehr reformbedürftig."

Helmut Burtscher, Global 2000

 

NGOs kritisieren, dass die Pestizidhersteller die Studien in Auftrag geben und so gewisse Abhängigkeiten der Labors entstehen würden. Für Umweltchemiker Helmut Burtscher ist ein zentraler Kritikpunkt eine “fehlende Transparenz und fehlende Überprüfbarkeit der Richtigkeit der Daten”. Die Hersteller würden sich auf das Geschäftsgeheimnis berufen, für Burtscher ist das inakzeptabel. Das Zulassungsverfahren sei überhaupt “in der jetzigen Form (...) sehr reformbedürftig.” Auch François Meienberg von der NGO Public Eye spricht das Thema der Transparenz an. Seine Organisation hat zum Herbizid Paraquat recherchiert. “Da haben wir gesehen, dass der überwiegende Teil der Studien nicht einsehbar war”, so Meienberg. In der EU ist Paraquat übrigens seit 2007 nicht mehr zugelassen. Meienberg kritisiert, dass es Syngenta in anderen Ländern dennoch weiterhin verkauft.  

 

“Ohne neue Technologien und Lösungen der nächsten Generation werden schwer zu kontrollierende Schädlinge die Landwirtschaft zwingen, einen Schritt rückwärts zu machen.”

Dow AgroSciences

 

Wir haben bei der internationalen Kommunikationsstelle des Pestizidherstellers Dow AgroSciences nachgefragt, warum es überhaupt notwendig ist, immer neue Pestizide zu entwickeln. Dow AgroSciences verweist auf die Geschichte und das Auftreten von Resistenzen: “Schon immer haben sich Schädlinge weiterentwickelt und sie werden Jahr für Jahr eine größere Herausforderung für die Bauern.” Ohne neue Technologien würde die Landwirtschaft einen Schritt zurück machen, so das Unternehmen.

Wie genau das Zulassungsverfahren abläuft und wie ein Pflanzenschutzmittel aufs Feld gebracht wird, zeigen wir in folgendem Video.:

So läuft die Zulassung ab

Über 250 Millionen Euro kostet und über zehn Jahre dauert die Zulassung eines neuen Pflanzenschutzmittels. Das Zulassungsverfahren läuft wie folgt ab und gilt auch für nicht-chemisch-synthetische Mittel für die Bio-Landwirtschaft.


1.  Der Hersteller entwickelt einen Wirkstoff, der später in einem Pflanzenschutzprodukt eingesetzt werden soll. Er reicht Studien ein. Alle Mitgliedstaaten und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA prüfen diese. In Österreich übernimmt diesen Schritt die AGES. Nach positiver Prüfung und Schlussfolgerung der EFSA spricht die EU-Kommission eine Genehmigung aus.

2. Das Pflanzenschutzprodukt, das den Wirkstoff enthält, wird im so genannten “Zonalen Verfahren” geprüft. Dazu ist Europa in drei Zonen unterteilt - Norden, Mitte und Süden. Lässt ein Land einer Zone ein Produkt zu, wird das weitere Verfahren in den weiteren Ländern dieser Zone verkürzt.

3. Das Bundesamt für Ernährungssicherheit BAES erteilt die Zulassung auf Basis der Prüfung durch die AGES und die EFSA. Für Österreich werden bei der Produkt-Zulassung noch spezielle Daten für Boden und Klima eingefordert. Ist die Bewertung positiv, werden noch die Bedingungen festgelegt, unter welchen das Mittel angewendet werden darf.

Alle zehn Jahre muss ein Wirkstoff EU-weit wieder genehmigt werden. Besteht dieser aufgrund neuester Studien die strenge Prüfung nicht, muss die Zulassung von  Pflanzenschutzmitteln mit diesem Wirkstoff zurückgenommen werden.

Glyphosat am meisten diskutiert

Das bekannteste Pflanzenschutzmittel ist das Unkrautvernichtsungsmittel Glyphosat. Wegen einer möglichen Neuzulassung in der EU war es im Frühjahr 2016 im Fokus der Öffentlichkeit. Dabei ist Glyphosat nicht das giftigste Mittel, aber das gefragteste. “Glyphosat steht mit Sicherheit derzeit überproportional in der Diskussion. (...) Es ist einer von 300 Wirkstoffen, wird aber am meisten eingesetzt”, sagt Helmut Burtscher, der sich im Namen von Global 2000 klar gegen eine Neuzulassung ausspricht. Glyphosat hätte aber “die Schwächen des derzeitigen Zulassungsverfahrens” deutlich gemacht, so Burtscher.

Größter Glyphosat-Einzelverbraucher in Österreich sind die ÖBB, die damit ihre Gleisanlagen freihalten. In der Landwirtschaft kommt es laut dem Lebensministerium auf weniger als drei Prozent der Fläche zum Einsatz. Die Industriegruppe Pflanzenschutz titelte eine Presseaussendung mit “Erneute Entscheidung gegen Wissenschaft und für Populismus”, als die Entscheidung über die Zulassung im Mai 2016 vertagt wurde. Global 2000 führe eine “absurde Kampagne” gegen Glyphosat, wie es in der Aussendung heißt.

Für die IG Pflanzenschutz ist klar: “Glyphosat ist bei sachgemäßer Anwendung für Mensch, Tier und Umwelt unbedenklich.” Die Industriegruppe bezieht sich auf Bewertungen des Deutschen Bundesinstituts für Risikoforschung, der europäischen EFSA und weiterer Behörden rund um die Welt. Burtscher wirft vor allem dem deutschen BfR schwere Mängel bei der Auswertung von Studien vor. Er verweist auf einen Bericht, den die Internationale Krebsforschungsagentur IARC der WHO 2015 publiziert hat. Diese stuft Glyphosat als “wahrscheinlich für den Menschen krebserregend” ein. 

 

“So (wie Glyphosat, Anm.) wurden beispielsweise auch Sonnenlicht, Fleischverzehr oder Nachtarbeit eingestuft.”

Thoralf Küchler, Monsanto Deutschland

 

Der Pestizid- und Saatguthersteller Monsanto hielt das Glyphosat-Patent, das mittlerweile in vielen Ländern abgelaufen ist. Wir haben Monsanto Deutschland zu der IARC-Bewertung gefragt. Sprecher Thoralf Küchler wies darauf hin, dass auch Sonnenlicht und Nachtarbeit als “wahrscheinlich krebserregend” eingestuft wurden. Geht man die Liste der IARC durch, findet man unter anderem auch den Friseurberuf und rotes Fleisch in derselben Kategorie wie Glyphosat. In Kategorie 1 der Stoffe, die die IARC als “krebserrengend für den Menschen” einstuft, sind neben zahlreichen weiteren Risiken Tabakrauch, verarbeitetes Fleisch - also Wurst - alkoholische Getränke und Luftverschmutzung aufgelistet.


Dass Glyphosat eine Ebene unter diesen Risiken steht, ist für Glyphosat-Befürworter Argument für eine Neuzulassung, für Helmut Burtscher von Global 2000 ein Argument dagegen: “Die verfügbaren epidemiologischen Studien deuten darauf hin, dass aufgrund der beruflichen und privaten Anwendung von Glyphosat zehntausende Menschen in Europa im Fall einer Zulassungsverlängerung einen bösartigen Lymphdrüsenkrebs bekommen werden.” Dass der Konsum von verarbeitetem Fleisch bei noch mehr Menschen zu Darmkrebs führe, “kann doch wohl kein Argument sein, Glyphosat zuzulassen”, so Burtscher. Im Anbau von Gentechnik-Soja in Südamerika wird das glyphosathältige Roundup Ready großflächig und oft von Flugzeugen ausgebracht. Der argentinische Biologe Raúl Montenegro und die Umweltjournalistin Silvana Buján haben uns über schwere gesundheitliche Schäden in der argentinischen Bevölkerung durch Pestizidcocktails berichtet.

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Markt der ganz Großen

Die Entwicklung eines Mittels können sich nur Unternehmen leisten, die weltweit agieren. Die sieben größten Hersteller haben einen Marktanteil von über 75 Prozent. François Meienberg von Public Eye ergänzt: “Die Marktkonzentration, die wir zur Zeit beobachten, und die wirklich besorgniserregend ist, ist keine Auswirkung dieses Zulassungsverfahrens.” Das Interview mit Meienberg führten wir noch bevor im September 2016 der deutsche Chemiekonzern Bayer um 66 Milliarden Dollar den US-Saatgutkonzern Monsanto kaufte. Eine weitere Übernahme wird derzeit von Kartellbehörden geprüft. Das staatliche chinesische ChemChina, mittlerweile einer der Top-10-Pestizidhersteller, will die Mehrheit an Marktführer Syngenta kaufen.

Die großen Pestizidhersteller sind internationale Aktiengesellschaften und verkaufen ihre Produkte auf allen Kontinenten. Sie bieten in der Regel auch Saatgut an, dass zum Teil in Kombination mit Pflanzenschutzmitteln verkauft wird. Christian Stockmar, Obmann der IG Pflanzenschutz und als Vertriebsleiter von Syngenta Österreich ebenfalls in beiden Sparten tätig, erklärt: “Syngenta hat weltweit 28.000 Mitarbeiter. Wir investieren 1,4 Milliarden US-Dollar jährlich in Forschung und Entwicklung. Dabei stellen wir unsere Forschung auf eine breite Basis und suchen die besten Problemlösungen, die sowohl über die Pflanzensorten, Stichwort resistente oder stresstolerante Pflanzen, als auch über den Pflanzenschutz kommen können. Pflanzenschutzmittelhersteller entwickeln auch permanent die Anwendungstechnik weiter, damit die Mittel gezielt mit der nötigen Dosierung ausgebracht werden und auch nur da landen, wo sie wirken sollen.” Der Großteil der Unternehmen verfolgt dabei laut Stockmar einen “ganzheitlichen Ansatz” und entwickle Saatgut, Pflanzenschutzmittel und technische Hilfsmittel “für eine möglichst einfache, wirtschaftliche und schonende Anwendung für den Landwirt“.  

Bei Grün über die Ampel

“Jeder Bauer versucht, mit möglichst wenig Chemie auszukommen”, sagt Albert Bergmann von der AGES. Auch die hohen Kosten würden zu einem gezielten Einsatz führen. Die Maxime des Integrierten Pflanzenschutzes laute: "So wenig wie möglich und so viel wie notwendig, um eine Wirkung zu erzielen." Pflanzenschutz beginne beim Boden, der richtigen Sortenwahl, optimalem Düngemanagement, dem Schaderreger-Monitoring und ende bei der Bekämpfung von Schädlingen und Krankheiten mit Nützlingen oder Pflanzenschutzmitteln.

Um überhaupt Pestizide einsetzen zu dürfen, müssen Bauern Schulungen absolvieren. Diese organisiert die Landwirtschaftskammer. Eine Ausnahme ist der Haus- und Kleingartenbereich. Dafür gibt es eine eigene gesetzliche Regelung. Bergmann erklärt, dass die Mittel für Haus- und Kleingärten wässrige Verdünnungen seien, keine kritischen Kennzeichnungselemente nach dem Chemikaliengesetz beinhalten würden und auch absolut anwenderfreundlich seien.

 

“Es ist wie überall im Leben nie ausgeschlossen, dass es unter einer großen Herde weißer Schafe auch ein oder zwei schwarze Schafe gibt.”

Klaus Gehring, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft 

 

Ganz ausschließen werde man Fehler in der Anwendung nie können, sagt Klaus Gehring von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Er nennt als Vergleich eine Ampel, die auf Grün umgeschaltet hat: “Sie werden losfahren (...) und davon ausgehen, dass keiner von der anderen Seite in Ihr Fahrzeug reinfährt, aber es ist nicht ausgeschlossen.” 

Kontrollen im Inland, machtlos im Ausland

Zulassungsverfahren, Proben in der Umwelt und Rückstandskontrollen regeln die EU und nationale Gesetze. Auch Lebensmittel, die aus Drittländern kommen, werden auf Rückstände kontrolliert. Dies geschieht dort, wo die Lebensmittel erstmals in die EU gelangen, also zum Beispiel im Hafen Rotterdam oder am Flughafen Schwechat. In Österreich ist dafür das Institut für Lebensmittelsicherheit der AGES zuständig. Laut Albert Bergmann seien 2015 weniger als zwei Prozent der Proben beanstandet worden. Die AGES mache ein “sehr intensives” Rückstandsmonitoring. Geht man davon aus, dass vom Zulassungsverfahren angefangen in Europa alles gemäß dem derzeitigen Gesetz abläuft, bleibt die Unsicherheit, wie sich Pestizide in Drittländern auf Mensch und Umwelt auswirken. Kauft ein Konsument etwa Tee aus Indien, kann er zwar davon ausgehen, dass die Pestizidrückstände unter den gesetzlichen Höchstwerten liegen, weiß aber nicht, ob die Arbeiter am Feld und die dortige Umwelt Schaden erleiden. 

 

“In Dritte-Welt-Ländern ist natürlich die Anwendung ein Problem. Aber die Rückstände (auf Importware) sind es nicht, die werden kontrolliert. Die AGES macht hier ein sehr intensives Rückstandsmonitoring.”

Albert Bergmann, Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES)

 

Christian Stockmar von Syngenta Österreich weist auf Schulungen zur korrekten Anwendung von Pflanzenschutzmitteln hin. Alleine im Jahr 2015 wurden weltweit fast sechs Millionen Bauern trainiert, darunter viele Kleinbauern in Entwicklungsländern. Auf unsere Frage, ob ihm Länder oder Regionen bekannt sind, wo chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel zu großen Umweltproblemen und gesundheitlichen Schäden führen, antwortet Stockmar: “Hier werden immer wieder Zahlen in den Raum gestellt, die ich aus meiner österreichischen Sicht nicht beurteilen kann. (...) Wenn man davon ausgeht, dass ein Pflanzenschutzmittel sachgerecht eingesetzt wird, kann man gesundheitliche Probleme so gut wie ausschließen.” Ein Missbrauch sei immer möglich, davor sei man nicht gefeit.

François Meienberg, Pflanzenschutz-Experte der NGO Public Eye bezeichnet diese Behauptung als “extrem zynisch und menschenverachtend”. Die Bauern und Feldarbeiter in ärmeren Ländern würden oft ohne die auf der Pestizid-Verpackung angegebene Schutzausrüstung die Mittel ausbringen. Studien darüber hat Syngenta laut Meienberg selbst in Auftrag gegeben: “Syngenta selbst weiß, dass in Indien die Bauern gar keine realistische Möglichkeit haben, Schutzbrillen, Schutzhandschuhe, Filter zu kaufen.” 

 

“Der Hauptwiderstand rührt aus einem mangelnden Bewusstsein und der Unbequemlichkeit, die durch die meist hohen Temperaturen beim Tragen im Feld verursacht wird.”

Peter Hefner, Unternehmenssprecher Syngenta

 

Wir haben bei Peter Hefner nachgefragt. Er ist Unternehmenssprecher von Syngenta und betont, dass Landwirte Pflanzenschutzmittel “immer mit einer persönlichen Schutzausrüstung ausbringen sollten.” Die entsprechende Information darüber sei auf jedem Etikett in der jeweiligen Sprache oder in Form von Piktogrammen abgebildet. Über den Vorwurf, dass sich Bauern in Dritte-Welt-Ländern die Ausrüstung oft nicht leisten könnten, sagt Hefner: “Obwohl die meisten Händler Schutzausrüstungen verkaufen und die Landbesitzer in vielen Ländern verpflichtet sind ihre Arbeiter damit auszustatten, rührt der Hauptwiderstand aus einem mangelnden Bewusstsein und der Unbequemlichkeit, die durch die meist hohen Temperaturen beim Tragen im Feld verursacht wird.” Daher arbeite Syngenta mit Partnern aus Industrie, Handel, Regierungen und NGOs zusammen, “um bei einer Vielzahl von Landwirten, meist Kleinbauern, das Bewusstsein für die Risiken zu schärfen, die mit der Arbeit in der Landwirtschaft verbunden sind”, ergänzt Syngenta-Sprecher Peter Hefner.

Rückstandskontrolle

In welcher Menge chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel auf Lebensmitteln zu finden sein dürfen, ist gesetzlich festgelegt. EU-weit gelten dieselben Höchstwerte, auch für Ware aus Drittländern. Für jeden Wirkstoff von Pflanzenschutzprodukten gibt es einen eigenen Höchstwert. Wenn nicht, gilt der Standardhöchstwert von 0,01 mg Pestizidrückständen auf einem Kilogramm eines Lebensmittels. In Österreich kontrolliert die AGES stichprobenartig die Rückstände. Liegt ein Lebensmittel über einem Höchstwert, wird es, soweit noch möglich, aus dem Verkehr gezogen und bis zum Produzenten zurückverfolgt.

Die EU schreibt vor, wie die Höchstwerte für einzelne Wirkstoffe festzulegen sind. Laut der EU-Verordnung 396/2005 “muss sichergestellt werden, dass diese Rückstände nicht in Mengen vorhanden sind, die ein inakzeptables Gesundheitsrisiko für Menschen oder gegebenenfalls für Tiere darstellen. Die Rückstandshöchstgehalte sollten für jedes Pestizid auf dem niedrigsten erreichbaren Niveau festgesetzt werden, das mit der guten Agrarpraxis vereinbar ist, um besonders gefährdete Gruppen wie Kinder und Ungeborene zu schützen.” Auch eine “lebenslange und ggf. (...) akute Exposition” von Verbrauchern und sämtliche toxikologischen Wirkungen werden gemäß der EU-Verordnung berücksichtigt. 

Auch Bio braucht Pflanzenschutzmittel

Eines der Grundprinzipien biologischer Landwirtschaft ist der Verzicht auf Pestizide. Natürliche organische Substanzen sind erlaubt. Auch sie durchlaufen ein aufwändiges Zulassungsverfahren und werden von den weltgrößten Pestizidherstellern produziert. Christian Stockmar von der IG Pflanzenschutz meint, “dass beide Methoden sinnvoll sind”. Der Ökolandbau habe seine Stärke, weil er das pflanzenbauliche Wissen, beispielsweise die nachhaltige Gestaltung der Fruchtfolge, stärker in den Mittelpunkt stellt. Stockmar stellt aber klar, dass in beiden Produktionsformen Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen. „Dass ein Mittel, nur weil es vom Menschen synthetisiert wurde, von vornherein schlechter sein sollte, ist nicht unbedingt logisch“, so Stockmar. Jeder Landwirt solle selbst entscheiden, welche Anbaumethode für ihn am besten geeignet ist. Stockmar ergänzt: “Es können beide voneinander profitieren und dazu lernen.”

 

“Im System biologische Landwirtschaft sind alle vorbeugenden Maßnahmen ganz entscheidend.”

Christa Größ, Bio Austria

 

Ein Bio-Pflanzenschutzmittel ist zum Beispiel jenes Öl, das aus dem Niembaum gewonnen wird und Insekten abtöten kann. Der Niembaum wächst in den Subtropen und Tropen. Christa Größ, landwirtschaftliche Leiterin von Bio Austria erklärt, das vollständige Pestizid-Verbot bei Bio sei selbstverständlich und gebe es seit den Anfängen des Bio-Landbaus in den 1940er Jahren. “Wir sind überzeugt, dass es ohne diese Produkte geht,  dass die Natur diese Hilfsmittel nicht braucht und ohne sie langfristig nachhaltige und stabile Erträge zu erzielen sind”, so Größ. Wenn ein Ackerbau-Betrieb auf Bio umstellt, würden die Ertragsverluste meist zwischen 20 und 40 Prozent liegen, je nachdem, wie intensiv der Bauer davor gewirtschaftet habe. Bio-Landwirtschaft bedeutet nicht nur den Verzicht auf Pestizide, sondern es muss das gesamte Bewirtschaftungssystem umgestellt werden. Im Ackerbau sind die zentralen Ansatzpunkte eine vielfältige Fruchtfolge und die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit. Bei keiner oder zu einseitiger Fruchtfolge werden Schädlinge und Krankheiten gefördert und auch Nährstoffmangel kann eine Folge sein.  

Unfreiwilliger Bio-Boom in Kuba

Als Beispiel für ein Land, das erfolgreich auf Bio-Landbau setzt, gilt Kuba. Laut der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, ist Kuba das einzige Land der Karibik-Region, das den Hunger vollständig beseitigt hat. Die FAO nennt “Importsubstitionen”, die Förderung der inländischen Produktion, als einen der Gründe. Anfang der 1990er-Jahre rutschte das Land in eine schwere Wirtschaftskrise. Importe aus der Sowjetunion fielen weg, chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel kamen wegen dem US-Embargo nicht mehr ins Land. Das Resultat war eine Hungersnot und die Tatsache, dass sich die Landwirtschaft umstellen musste. Die Kubaner waren gezwungen sich selbst zu versorgen und begannen wegen der fehlenden Pestizide biologisch zu produzieren. Bis heute bewirtschaften Kubas Bauern einen Großteil ihrer Felder ökologisch und nachhaltig. Die Landwirtschaft ist sehr klein strukturiert.  

Die Biene und der Maiswurzelbohrer

Ein zentraler Kritikpunkt von Umweltschützern an Pestiziden ist deren Auswirkung auf die Artenvielfalt. Auch das viel zitierte weltweite Bienensterben soll zumindest teilweise durch chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verursacht werden. 2013 beschloss die EU-Kommission ein Verbot von drei Neonicotinoiden für bestimmte Pflanzen, darunter Mais. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Insektiziden, die auf die Nervenzellen von bestimmten Insekten wirken. Neonicotinoide stehen im Verdacht, nicht nur Schädlinge, sondern auch Honigbienen zu vergiften. Das Verbot hat dazu beigetragen, dass sich der Maiswurzelbohrer von Ungarn nach Österreich ausgebreitet hat. Im Süden Österreichs zerstörte er die Wurzeln von zahlreichen Maispflanzen. Ernteausfälle waren die Folge. Und weil der Bedarf nach Mais als Futter- und Lebensmittel bei geringeren Erträgen im Inland gleich bleibt, importierte Österreich mehr Mais aus dem Ausland. 2016 hielten eine vermehrte Fruchtfolge und Niederschläge zum richtigen Zeitpunkt die Ernteausfälle durch Maiswurzelbohrer weitgehend in Grenzen. 

Pflanzenschutzmittel und Welternährung

Hersteller von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln argumentieren immer wieder, man würde diese für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung unbedingt benötigen. “Solutions for the Growing World” - “Lösungen für die wachsende Welt”, lautet der Slogan des Pestizidherstellers Dow AgroSciences. Sowohl die Produzenten als auch die NGOs weisen auf den starken Widerspruch hin, billige Lebensmittel kaufen zu wollen und gleichzeitig über den Bauern zu schimpfen, der nebenan Nutzpflanzen schützt.

Syngenta-Sprecher Peter Hefner spricht den Klimawandel, die Wasserknappheit und die wachsende Weltbevölkerung an. Die Produktion auf der vorhandenen Fläche müsse optimiert werden. “Wenn wir 70 Prozent mehr Nahrung für zusätzliche 2,3 Milliarden Menschen produzieren und gleichzeitig das Armuts- und Hungerproblem bekämpfen wollen, müssen wir die knappen natürlichen Ressourcen besser nutzen. In Zeiten des Klimawandels geht das erst Recht nicht ohne den Einsatz von Technologie, einschließlich des Pflanzenschutzes”, so Hefner.

 

“Diejenigen, die kein Geld haben, können sich Lebensmittel schlichtweg nicht leisten, selbst wenn sie irgendwo auf der Welt produziert werden.”

François Meienberg, Public Eye

 

François Meienberg von der Schweizer NGO Public Eye weist auf jene Menschen in ärmeren Ländern hin, die Lebensmittel nicht mehr selbst produzieren, wenig oder kein Geld verdienen und für die dann Lebensmittel am Markt zu teuer sind. Er kritisiert insbesonders, dass in Industrieländern Lebensmittel als Treibstoff verwendet werden, auch in Europa. “Unsere Tanks, unsere Autos für Agrotreibstoffe oder selbst unsere Hunde und Katzen haben eine größere Kaufkraft, um Lebensmittel zu kaufen, als die Leute, die das wirklich notwendig haben”, so Meienberg. Auch Christa Größ von Bio Austria betont, dass der Welthunger ein Verteilungsproblem ist. In den Industrieländern werde zu viel Fleisch gegessen: “Wenn wir uns anders ernähren, mit weniger tierischem Eiweiß, dann wird sich das ausgehen, sonst nicht.”