Wie sich unsere Bauern für unser Bier und Brot in den Acker reinknien

22.10.2018 / Landwirtschaft & Produktion

Impressionen aus dem Weinviertel zum Anbau von Winterbraugerste (Bier) und Winterweizen (Brot)

Reinhard Epp ist ein junger, top ausgebildeter Acker- und Weinbauer im Weinviertel hart an der slowakischen Grenze. Reinhard schmeißt nach dem tödlichen Arbeitsunfall seines Vaters mit seinen (von mir geschätzten) dreißig Jahren zusammen mit seiner Mutter und einem slowakischen Vollzeit-Arbeiter seinen Betrieb. Mir begegnet im Zuge unserer Dreharbeiten zu den beiden Lebensmitteln Bier und Brot ein junger, hart arbeitender und vieles bedenkender Mann, der mir ganz offen Rede und Antwort steht. Auch zu so heiklen Themen wie Pflanzenschutz, Humusabbau und Klimawandel. 

 

Zwei Stunden auf Weinviertler Äckern zusammen mit meinem kleinen Filmteam und unserem bäuerlichen Protagonisten sind reich an Eindrücken. Wir sind auf geschichtsträchtigem Boden, Nähe Dürnkrut, wo Anno 1278 die für Österreichs Geschicke so wegweisende Schlacht am Marchfeld geschlagen wurde. Wir wären heute wohl alle Tschechen bzw. Slowaken, hätte damals König Ottokar und nicht sein Habsburgischer Gegner Kaiser Rudolf I. den Sieg davongetragen.

Heute findet hier keine Schlacht mehr statt. Dafür aber ein Kampf in mehrfacher Hinsicht. Ein zusehends schwieriger werdender Kampf um die Ernte. Ein Kampf gegen den Wind, der den wertvollen Humus gnadenlos wegträgt, wie wir sehen können, während Reinhard seine Winterweizensaat ausbringt. Ein Kampf auch, wie er uns ganz offen verrät, gegen so manche von ihm als donquichotteske Windmühle empfundene Auflage in Sachen Pflanzenschutz. Das sagt er uns, während sich im Hintergrund die realen Windmühlen fleißig im nervigen Südwind drehen.

"Der Wind trägt während der nötigen Überfahrten des Bauers eigentliches Kapital davon"

 

Was gut für die Energiegewinnung ist, ist schlecht für unseren Landwirt. Der Wind trocknet die ohnehin dürstende wertvolle oberste Schicht seines Ackers zusätzlich aus und trägt, wie schon beschrieben, während der nötigen Überfahrten, des Bauers eigentliches Kapital davon. Hecken, werfe ich ein, würden sich doch als Windschutz bezahlt machen. Ja, sagt Reinhard, das stimmt absolut. Hecken wären schon gut, gegen den Wind, für das Niederwild und überhaupt. Nur, will halt kein Bauer sie ausgerechnet auf seinem Acker haben, außerdem müssten sie zuerst einmal aufwändig gepflanzt werden. Dafür hat bei der pausenlosen Plackerei das ganze Jahr über keiner Zeit. 

Apropos Zeit: Die Zeitpunkte für die Winteraussat festzulegen (also den Anbau von Kulturen, die über den Winter auf dem Acker stehen und dann erst im nächsten Jahr erntereif sind) wird zunehmend schwieriger. Wenn es Mitte Oktober 20 Grad und mehr hat, ist es überhaupt beinah absurd von einer Winter-aussat zu sprechen, meint Reinhard. 20 Grad heißt zum Beispiel Blattläuse und keine erlaubte Möglichkeit sich gegen diese zu wehren. Das bislang zugelassene Insektizid aus der Gruppe der Neonicotinoide ist seit heuer verboten. Damit war standardmäßig das Saatgut „gebeizt“, also ummantelt. Dieser Stoff wirkt in die aufgehende junge Pflanze hinein und killt beispielsweise die Blattlaus, die sich an der zarten Pflanze vergehen will.

Jetzt also kann sich die Blattlaus ungestört in die Gerste verbeißen und derart das gefürchtete Gelbverzwergungsvirus übertragen, das massive Schäden im Bestand anrichtet. Die Neonicotinoide sind wegen ihrer potentiellen Bienentoxizität verboten worden. Bienen, Mitte Oktober in der Wintergerste? Reinhard versteht den Sinn hinter diesem Totalverbot nicht. Er wäre für eine partielle Freigabe, je nach Kultur und Jahreszeit, aber er weiß, dass dieser Zug wohl abgefahren ist. Was ihm bleibt, ist ein deutlich höheres Risiko von Ertragseinbußen bis hin zu Totalausfällen.

"Wir knien jetzt auf seinem Acker und mich beeindruckt dieses Bild."  

 

Eine Ungewissheit mehr in seinem Leben als agrarischer Unternehmer. Ob das mit der Ernte etwas wird, weiß er nicht. Ob sich der Weizen Richtung Qualitätsweizen für die Broterzeugung auswächst, ob seine Winterbraugerste tatsächlich einmal für die Bierproduktion gemalzt wird, weiß er nicht. Möglicherweise landen beide stattdessen im Futtertrog, oder im Biosprit. Was er also einmal dafür bekommen wird, ob er überhaupt etwas bekommt, weiß er nicht. Wie das mit dem Klimawandel weitergeht, welche Fruchtfolgen sich für ihn und seinen Boden als nachhaltig erweisen werden – er weiß es nicht.

Das heißt nicht, dass er sich nicht ständig Überlegungen macht, wie es gehen könnte, wohin sich die Dinge entwickeln. Das heißt nicht, dass er sich nicht in seine Arbeit reinkniet. Und in seinen Acker. Jetzt. Wortwörtlich. Wir knien jetzt auf seinem Acker und mich beeindruckt dieses Bild.