Weihnachten im Kuhstall: Tacheles in der Rauhnacht

21.12.2016 / Landwirtschaft & Produktion, Lebensmittel & Ernährung

Die in den Alpenregionen Österreichs bekannten Rauhnächte sind voller Geschichten und Geheimnisse. Seit meiner Kindheit, die ich wann immer möglich am benachbarten Bauernhof und dort vorzugsweise bei meinen geliebten Kühen verbrachte, fasziniert mich vor allem die Mär von der Rauhnacht am 24. Dezember. In dieser Nacht nämlich kann, wer sich das zumuten will, die Tiere sprechen hören in unserer Sprache. Manche sagen auch, der Bauer bekomme in dieser Nacht zu hören, ob seine Tiere im abgelaufenen Jahr mit ihrer „Betreuung“ zu Frieden gewesen waren. Würden die Tiere sich gar zu arg beschweren, so verhieße das für den dergestalt Beklagten im folgenden Jahr nichts Gutes, es sei denn, er nähme es sich zu Herzen und bessere sich…

Weil mich diese Geschichte nicht losgelassen hat, habe ich mich letztes Jahr am Weihnachtsabend klammheimlich in einen Kuhstall geschlichen. Warst du schon einmal in einem Kuhstall? Für mich ist das ein wunderbarer Ort. Ein Ort meiner Kindheit. Mit Gerüchen meiner Kindheit. Die warmen Kuhleiber, die so gut riechen, Das duftende Heu! Du wirst lachen, aber ich mag sogar den Geruch von Kuhfladen.

Ich schleich mich also rein. Das Scheunentor ist offen. Mein Herz schlägt laut in der Brust. Ich bin nervös. Alles dunkel. Ich taste mich vorwärts. Plötzlich stößt mein Fuß an etwas Weiches. Ein gereiztes Knurren fährt mir durch und durch und mein Herz rutscht in die Hose. "Pass doch auf, du Tölpel! Hast du keine Augen im Kopf?" schnauzt mich der Hofkater an. Nun, zumindest keine Katzenaugen, denke ich mir und entschuldige mich flüsternd. Es stimmt also - ich kann die Tiere reden hören! Wahnsinn! Ich bewege mich weiter Richtung Kuhstall und tauche in ein immer lauter werdendes Gemurmel ein. Die Kühe schwatzen miteinander. Etwas undeutlich zwar, weil von den Mahlgeräuschen beim Wiederkäuen überlagert. Aber schön langsam schälen sich zwei Stimmen deutlich vernehmbar heraus. Schnell wird mir klar, dass ich Zeuge eines tiefgründigen Gespräches bin... 

 

Zum Beweis hab ich die beiden Plaudertaschen abfotografiert...

 

Kuh 1, genannt Edelweiß:

Hast schon gehört Enzian, jetzt sollen wir Kühe gar am Klimawandel und am Welthunger mit Schuld sein. Was sagst denn dazu?

Kuh 2, genannt Enzian:

Du meinst die Sache mit dem Rülpsen und dem Methan und die miserable CO2-Bilanz, die man unserer Milch und unserem Fleisch nachredet? Ja, typisch Mensch: Was er verbockt, schiebt er dann immer wem anderen in die Schuhe. Hätt er uns nicht vom Grünland und den Weiden weg- und in Ställe und Feedlots eingesperrt überall auf der Welt, würd es den blöden Vorwurf überhaupt nicht geben.

Edelweiß:

Aha, wie das?

Enzian:

Ganz einfach. Schau her: Würden alle Rindviecher so wie wir gehalten, nämlich wann immer möglich auf der Weide, im Sommer, wo es die noch gibt, auf der Alm und im Winter hauptsächlich mit Heu oder mit Grassilage gefüttert anstatt mit Maissilage, Soja und Getreide, würd unterm Strich heraus kommen, dass wir Kühe nicht nur keine CO2-Sünder sind sondern eindeutig positiv bilanzieren.

Edelweiß:

Versteh ich nicht. Ist’s nicht grad das Grünfutter, das uns rülpsen lässt, weswegen manche Forscher sogar zu mehr statt zu weniger Kraftfutter raten, weil wir dann weniger Methan emittieren würden pro Liter Milch, den wir produzieren?

Enzian:

Hab ich auch schon gehört diesen hanebüchenen Blödsinn. Nimm ein Element aus der komplexen Gesamtbilanz heraus, rechne es innerhalb des gegenwärtigen Frames hoch und komme dann zu derart aberwitzigen Empfehlungen! So dumm kann nur ein Mensch sein.

Edelweiß:

Das mit der Dummheit der Menschen ist geschenkt. Aber erklär mir jetzt mal deine Rechnung.

Enzian:

Die Kuh und das Grünland gehören zusammen. Was Gott oder (für dich als Atheistin gesagt) die Evolution zusammen gebracht hat, soll der Mensch nicht trennen. Schau, global gesehen sind zwei Drittel der landwirtschaftlichen Flächen Grasland, und ein großer Teil davon eignet sich mangels Nährstoffen oder auf Grund der Topografie nicht als Ackerland. Man kann es entweder gar nicht nutzen oder uns darauf schicken, die wir mit den Gräsern und Kräutern etwas anfangen können. Natürlich auch die Kollegen von der Wiederkäuerfraktion: Schafe und Ziegen und die Exoten aus unserer Sicht wie Kamele, Yaks usw. Wir Kühe sind aber bei weitem die Bedeutendsten. Nur wir können faserreiche Grünlandkost in Energie verwandeln und diese in Form von Fleisch, Fell, Wolle und Milch dem Menschen geben…

Edelweiß:

Wahnsinn eigentlich, was wir leisten! Und was gibt uns der Mensch noch mal schnell dafür?

Enzian:

Kost und Logis, Schutz und Sicherheit für uns und unsere Kälber vor anderen Fressfeinden als ihm selbst. Außerdem hat er versprochen uns gut zu behandeln. So stand es ursprünglich im Vertrag -  im Kleingedruckten. Ich fürchte nur, der Mensch in seiner Kurzsichtigkeit kann das Kleingedruckte nicht mehr lesen…

Aber weiter in der Klimabilanz: Je nach landwirtschaftlichem System kommen zum Ertrag noch Dünger und Energie in Form von Zugkraft, Brennstoff oder Biogas hinzu. Auch das sollte in die Rechnung eingehen. Der Grünlandboden hat außerdem einen sehr hohen Humusgehalt, und durch das stetige Pflanzenwachstum, das wir durch unser Abgrasen noch erwiesenermaßen in seiner Biodiversität begünstigen, wird ständig Kohlendioxid aus der Luft gebunden. Unsere Gärgase werden so mehr als kompensiert.

Das eigentliche Problem für Klima und Welternährung sind also nicht wir, sondern unser Futter. Würde der Mensch auf dem weltweiten Ackerland wieder mehr Nahrungs- statt Futtermittel und Treibstoffe anbauen, gäbe es theoretisch mehr zu essen und weniger Umweltprobleme wie Treibhausgase und Stickstoffüberschüsse.

Edelweiß:

Jetzt verstehe ich. Ganz zu schweigen davon, dass wir Wiederkäuer wieder das futtern würden wofür unser komplizierter Verdauungsapparat  geschaffen ist. Eine entfernte Verwandte hat mir unlängst ihr Leid geklagt. Sie fühle sich wie ein Schwein bei all dem Getreide, das sie zu schlucken bekomme – hat schon arge Verdauungsprobleme, die Arme! Und was sie so hört, ist sie nicht allein in ihrem Stall…

Enzian: 

Ja ich weiß, auch einer meiner Verwandten, Ochse Otto berichtet mir Ähnliches. Wir haben wirklich Glück hier. Der Mensch im Großen und Ganzen spielt uns schon wirklich arg mit. Jetzt feiert er Weihnachten. Das Fest der Liebe nennt er es. Das sehen die Kollegen vom Federvieh ganz anders. Denen geht es massenhaft an den Kragen. Wenn sie wenigstens vorher gut gehalten worden wären! Aber nein, auch bei denen wird gespart, wo es geht. Ein Jammer oft!

Edelweiß:

Ich weiß, ich weiß. Aber, weil du den Ochsen Otto erwähnt hast und Weihnachten. Da fällt mir eine Bemerkung ein, die unser Bauer neulich beim Melken gemacht hat. An der sieht man schön, dass es nicht nur wir Tiere sind, die an der Dummheit, dem Geiz und der Engstirnigkeit des Menschen oft zu leiden haben.

Enzian:

Jetzt bin ich aber gespannt…

Edelweiß:

„Ja…“, hat er gesagt unser Bauer zu seinem Sohn, „…jetzt wird wieder fleißig gegen Ausländer und Migranten Stimmung gemacht. Und berufen tun sich viele auf die abendländische Kultur und Religion. Die sind angeblich bedroht. 'UNSER Weihnachtsfest' – wenn ich das schon hör, als wollt uns das wer wegnehmen. Als hätten wir uns nicht schon längst selbst um das Wesentliche an dem Fest gebracht. 'Besinnliche Weihnachten?' – dass ich nicht lache! Wie vielen kommt es wohl in den Sinn , dass das alles Juden, Araber, Palästinenser, Afrikaner und Flüchtlinge sind, die da in der Weihnachtskrippe rum stehen? Wenn ich die weg tu, bleiben grad mal Ochs, Esel und ein paar Schafe übrig…

 

Tja, soweit mein Ohrenzeugenbericht vom vergangenen Weihnachtsabend, der Rauhnacht, wo Tiere einem die Wahrheit sagen. Vielleicht hast du die Stimmen von Enzian und Edelweiß im Ohr, wenn du diese Weihnachten beschließt zu einem echten Fest zu machen anstatt zur übl(ich)en Aktionsfleischvertilgung? Und vielleicht auch klingen dir die Worte des Bauers nach, wie sie mir von der Kuh überliefert worden sind?

Frohes Fest!

 

 

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