„Nicht nur was für Bobos aus dem 7. Bezirk …“

28.07.2016 / Trends, Innovationen, Interessantes & Skurriles

Was ist eigentlich Urban Gardening?

„Nicht nur was für Bobos aus dem 7. Bezirk, es kommt aus einer Not heraus…“

sagt Barbara Kanzian, Bloggerin und Social Media Strategin in Wien. Wir befinden uns in der „Schraubenfabrik“ im zweiten Bezirk. Auch eine Bobo-Adresse. Die Schraubenfabrik ist ein sogenannter Coworking Space. Ein E(in)P(ersonen)U(nternehmen) neben dem anderen. Sieht ein bisschen aus wie ein Großraumbüro mit Flair, das sich über zwei Stockwerke verteilt. Nur dass hier kein Arbeitsplatz dem anderen auch nur annähernd gleicht. Lauter individuell gestaltete, zumeist üppig begrünte rund um einen Laptop angelegte „Arbeitsoasen“. Eine umgewidmete Industrieruine. Statt Schrauben werden hier jetzt Ideen und Dienstleistungen hergestellt UND auf der gemeinsam genutzten Terrasse allerlei Essbares.

 

Büros in der Schraubenfabrik, der "Mutter aller Coworking Spaces" von Wien

 

Auf dieser Terrasse dann auch unser Interview mit Barbara Kanzian. Schön ist es hier. Hochbeete, Töpfe mit verschiedenerlei Gemüse, Kräutern und jeder Menge Beikräutern – meine Mutter hätte gesagt „Unkraut“. Hier darf wachsen, was wachsen will. Hintergrundgeräusch: spielende Kinder. 

Was hat es auf sich mit diesem unter dem Modewort „Urban Gardening“...

laufenden Trend, will ich wissen. Der komme eigentlich aus Übersee zu uns, weiß Kanzian. Die Geburtstunde von „Urban Gardening“ habe in Detroit geschlagen, dem herunter gewirtschafteten ehemaligen Autoherzen der USA. Ganze Heerscharen von arbeitslos gewordenen ehemaligen Autoindustriearbeitern hätten aus ihrer Not eine Tugend und aus den Betondschungels von Detroit blühende Gärten gemacht. Über 1500 solcher Gärten zierten und ernährten heute die Stadt.

Ein weiteres berühmtes Beispiel sei Havanna. Aus ganz ähnlichen Motiven, sprich der puren Not heraus und mit der Frage konfrontiert: was esse ich heute und morgen, wenn ich mir „Essen kaufen“ nicht leisten kann, bzw. gar keine Lebensmittel am „Markt“ sind, habe sich hier eine regelrechte städtische Selbstversorgungskultur entwickelt. Das ginge schon in Richtung „Urban Farming“, weil in Havanna auch jede Menge Hühner, Schweine und Ziegen die Hinterhofproduktion animalisch erweitern.

 

In Havanna hat sich aus der simplen Not: "Was esse ich heute?" eine regelrechte städtische Selbstversorgungskultur entwickelt

Nun, Hühner und Ziegen laufen in der Leopoldstadt (noch) keine herum... 

und die große „Not“ kann es ja hier wohl nicht sein, die einen zur Selbsthilfe zwingt. Was also ihr persönliches Motiv sei, sich dem städtischen Gärtnern zu verschreiben, frage ich meine Interviewpartnerin. Urban Gardening, das sei die Liebe des Städters zu seinen verloren gegangenen Wurzeln. Und es sei eine Win-win-Situation par excellence: „Mit Liebe und Leidenschaft in der Freizeit etwa Erdiges machen. Wenn man schon den ganzen Tag am PC sitzt. Eine Nähe spüren zur Landwirtschaft, an die wir uns ja gar nicht mehr erinnern können. Und nebenbei die Stadt begrünen. Pflanzen atmen CO2 ein und Sauerstoff aus, dadurch wird auch die Luft besser. UND schließlich noch die Ernte! Das weiß ja nun jeder, wie gut selbst geerntete Paradeiser z.B. schmecken. Das genießen wir hier dann auch gemeinsam. Das ist ein weiterer Gewinn: man tauscht sich aus, man kommt über die Sorge um die Pflanzen ins Gespräch.“ Das sei ganz wichtig. 

Es gehe ihr persönlich also nicht darum autark zu werden,...

die Lebensmittelproduktion ist nicht der Haupt- schon gar nicht der einzige Zweck. Anders als in einigen Projekten rund um den Globus, wo die Stadt tatsächlich ernsthafte Bemühungen unternimmt, sich zumindest teilweise aus eigener Kraft zu ernähren. „Da gibt es hoch interessante Ansätze,“ sagt Barbara Kanzian „in New York zum Beispiel habe ich mir einen Versuch angeschaut, einen regelrechten Bauernhof auf einer Dachfläche zu betreiben, gewerblich. Die Vorteile: Kurze Transportwege, weil regional in der Stadt für Food Coops und die umliegende Gastronomie produziert wird.“ Ebenfalls in New York, genauer im Hafen von Big Apple sei vor kurzem ein anderes Projekt im wahrsten Sinne des Wortes „vom Stapel“ gelaufen. Ein aus ausrangierten Containern irgendwie zusammengeflicktes „Schiff“, auf dem jetzt ein schwimmender Garten betrieben wird. Mit Selbsternte zum Nulltarif. Ein als Kunst-Werk via Crowdfunding finanziertes Projekt mit genussfähigem Mehrwert. Mehr dazu hier. Damit ist ein weiterer nämlich der soziale und sozial ausgleichende Aspekt von „Urban Gardening“ angesprochen, wie er auch hier in der Schraubenfabrik gelebt wird. 

Ein richtiger Bauernhof auf einer Dachfläche - mitten in New York?

Wie sie denn nun im engeren Sinne wieder als urbane Gärtnerin...

Sorge dafür trage, dass ihre Bemühungen dasselbe mit den Früchten tun, also tragen? Setzt sie Pflanzenschutz ein und wie sieht es mit dem Düngen aus, will ich von ihr wissen. Pflanzenschutz kommt der ökologisch sensibilisierten Stadtpflanze, wie sich Barbara Kanzian selbst gerne nennt, nicht in den Topf. Sie meint natürlich chemisch-synthetischen. Zusätzlich gedüngt wird die tief schwarze Pflanzenerde ebenfalls nicht. Es kommt schon vor, dass einzelne Pflanzen Hunderte Früchtchen abwerfen. Das imponiert mir. Natürlich könne es aber auch komplett schief gehen. „Stimmt das Wetter nicht, oder bekomm ich irgendeine Krankheit in die Pflanze, dann gibt es auch schon mal Totalausfälle. Da bekommt der Laie wieder ein bisschen einen Bezug zu den Sorgen und Nöten derer, die davon leben müssen, unsere Bauern.“ Das sei ein weiterer Zugewinn, ein Verständnis für die Schwierigkeiten, mit denen die Profis zu kämpfen haben in der Landwirtschaft. Sicher sei es äußerst betrüblich, wenn einem selbst die komplette Ernte ausfällt – für einen Bauern aber wäre derselbe Fall schlicht katastrophal. Wie recht sie hat, denke ich mir: Wie leicht neigen wir dazu uns aufzuregen über „verantwortungslose Bauern“ und deren Umgang mit Pestiziden und Düngemittel usw. Der urbanen Gärtnerin, die ihrer Tomatenstaude hilflos dabei zusehen muss, wie sie eingeht, falle es da vielleicht ein bisschen leichter einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. 

Da bekommt der Laie wieder ein bisschen einen Bezug zu den Sorgen und Nöten derer, die davon leben müssen, unsere Bauern

Unsere Interviewzeit ist zu Ende.

Weil wir jetzt ja Freizeit haben mitten in Wien tauchen mein Kollege Michael, der seine Kamera bei Seite gelegt hat und ich zusammen mit Barbara auf der Terrasse der Mutter aller Wiener Coworking Spaces in einen herrlichen Frühsommerabend und in ein hoch interessantes Gespräch ein über „geplante Obsoleszenz" und die intensiven Erfahrungen, die unsere mittlerweile Duz-Freundin mit einem syrischen Flüchtling macht, für den sie eine Patenschaft übernommen hat .

Vielen Dank, liebe Barbara, für das Interview und das Gespräch!