„Milch entgiftet!“ hat meine Mutter immer gesagt…

21.04.2016 / Landwirtschaft & Produktion

Momentan kocht – nein nicht die Milch – sondern die Diskussion über diese wieder einmal hoch. Der Milchpreis ist im Keller. Der Markt ist heiß umkämpft. Milch als Lebensmittel selbst nicht unumstritten. Viele Fragen, kaum befriedigende Antworten. Ich versuche es einmal ganz anders. Mit einer Geschichte, in der Milch eine Hauptrolle spielt. Sie hat sich genauso zugetragen und wirft vielleicht ein interessantes Licht auf die Milch abseits der medialen Scheinwerfer.

 

Eine wahre Milchgeschichte von der Alm – "auf Leben und Tod"

Meine Flachlandverwandten aus dem Waldviertel zu Besuch beim Familien-Almöhi. Sie finden’s wunderbar hier oben, wenngleich schon bedrohlich steil. Trotzdem wird die arbeitsfreie Zeit genutzt für einen kleinen Ausflug. Ein Gipfelsieg muss her. Das Schwaigberghorn – fast ein 2000er! Der Gipfel wird erreicht. Herrliche Aussicht. Cousinchen nebst Ehemann glücklich, aber schon ein bisschen müde. Der Abstieg dann. Die Expedition zieht sich in die Länge – Halbschuhindianer eben. Die von mir nach meinen Maßstäben großzügig veranschlagte Zeit: sie reicht nie und nimmer. Ich aber muss zurück. Meine Milchprinzessinnen wollen gemolken werden. Ich sag der Flachlandabteilung einfach runter wie rauf, das findet ihr schon und sprinte los. Direttissima. Weglos über steile Almwiesen durch ausgetrocknete Bachläufe. Und in genau einem solchen passiert’s: Ich trete mitten in ein Wespennest. Die lieben Tierchen finden das gar nicht komisch und stechen gnadenlos zu. Ich laufe weiter, ignoriere die Schmerzen, merke aber, wie mir im wahrsten Sinne des Wortes die Puste ausgeht. 

 

Baumgartenalm, Kelchsau, Tirol - hier hat sich die Geschichte zugetragen

 

Bei der Alm angelangt, kann ich kaum noch atmen.

Ein Blick in den Spiegel zeigt einen Mongolen mit Filzhut. Die Augen kleine Schlitze. Derart geschwollen das Gesicht. Und wenn’s nur das wäre. Der Hals geschwollen. Die Lymphknoten zu. Da kommt so gut wie keine Luft mehr durch. Ich versuche, nicht in Panik zu geraten. Die nächste Alm mit Telefon ist eine halbe Stunde entfernt. Bis dorthin schaff ich’s nie (Zur Erklärung: Wir schreiben 1996, das Handyzeitalter hat noch nicht Einzug gehalten auf Tiroler Almen.) Was tun? Ich mach mir nix vor. Das fühlt sich an wie Sterben. Ohne Sauerstoff macht er’s nicht lang, der Mensch. Eine Art Dämmerzustand senkt sich über mich. Gedankenfetzen und Bilder ungeordnet. Versuche die Sache anzunehmen. Rede mit mir. Du trittst jetzt da mit Würde ab – ich erinnere mich noch ganz genau, wortwörtlich sag ich das zu mir. Da plötzlich, unter den anderen ganz unwirklich anmutenden Bildern, meine Mutter – sie ist vor einem Jahr gestorben –, meine Mutter taucht auf und sagt, laut und deutlich sagt meine Mutter: Milch entgiftet!

laut und deutlich sagt meine Mutter: Milch entgiftet!

Milch entgiftet! Verdammt, wieso bin ich da nicht selber drauf gekommen? Weil, wenn ich was habe hier oben auf der Alm, dann Milch. Frische Almwiesenmilch. Unbehandelt. Ich trinke Milch. Schluck für Schluck. Einen halben Liter. Einen ganzen. Und, wenig überraschend: Nachdem dies eine True Story ist, die ich dir heute erzähle, ich sterbe nicht. Ich merke bald, dass ich das überleben werde. Langsam, ganz langsam kommt das Atmen zurück. Ich bin über den Berg.

Vom Berg runter sind inzwischen meine Verwandten. Bei meinem Anblick, entsetzte Gesichter. Ich versuch sie zu beruhigen. Ich weiß ja mittlerweile, dass das nicht mein letzter Tag ist. Sie wissen’s noch nicht und meinen Beteuerungen ist schließlich nicht zu trauen. Wer traut schon einem Mongolen mit Filzhut auf einer Tiroler Alm. Cousinchen „rennt“ also los Richtung Nachbaralm. Mir geht’s minütlich besser. Nach der Milch. Da fallen mir meine Milchspenderinnen ein. Verdammt, Melkzeit ist eine Stunde drüber. Ist jetzt noch keine Katastrophe, das „heben“ die schon. Aber, gemolken muss werden. Gesagt getan. Der Mann meiner Cousine erklärt mich für verrückt als ich mich Richtung Stall aufmache.

Das Melken dann, wie in Trance.

Sicher, mir ist total schwindlig. Die Handgriffe machen sich von selbst. Ich schau ihnen zu wie von einem anderen Stern. Aber es funktioniert. Ich melke. Das beruhigt mich zusätzlich.

Cousinchen ist zurück. Sie hat mit meinem Vater telefoniert und der mit unserem Hausarzt. Und dieser, nach Schilderung der Symptome, hat sofort den Rettungshubschrauber angefordert. Eine allergische Reaktion, drohender anaphylaktischer Schock, absolut lebensgefährlich.

Meine Kühe sind gemolken. Ich lass sie raus auf die Nachtweide. Genau in dem Moment geht der Hubschrauber nieder. Meine armen Muhkuhdis haben sowas noch nicht gesehen und gehört. Rennen panisch davon. Ich, inzwischen ein verdreckter Mongole mit Filzhut und Gummistiefeln, wanke Richtung Hubschrauber.

Notarzt und Helfer hüpfen raus. Bei meinem Anblick müssen die lächeln. Ich versuch ihnen auszudeutschen, was geschehen ist. Meine Sprechwerkzeuge sind ebenfalls kaum zu gebrauchen. Während ich erkläre, dass mir die Milch mein Leben gerettet hat, misst mir der Doc den Blutdruck, fühlt meinen Puls. Soweit ganz gut, meint er. Die Vitalfunktionen sind nicht akut gefährdet. Aber ausschauen tät ich halt schon… Ich sag ihm, wenn er schon da ist, dann soll er mir ein Spritzchen geben, das mir hilft. Das kann er schon machen, meint er, aber dann müssen sie mich mitnehmen und weiter beobachten. Drauf ich: Und wer macht dann die Arbeit hier? Nein, mitfliegen kommt nicht in Frage. Ich werd’s überleben. Mit oder ohne Spritzchen. Der Doc lacht und meint, dass er das auch glaube. Wünscht mir alles Gute, hüpft wieder rein in den Heli und ab durch die Mitte.

Mir ist sie wertvoll, die Milch. So wie die Kühe, die sie uns geben. Auch die bäuerliche Arbeit, die dahinter steckt.

 

Fazit – unsere Beziehung zu Lebensmittel ist selten eine rein „objektive“

Soweit meine Geschichte. Ich wiederhole: sie ist wahr. Sie beweist natürlich nix. Sie bewirbt auch nix. Sie zeigt vielleicht, dass wir zu manchen Lebensmitteln eine ganz besonders subjektiv gefärbte Beziehung haben. Zu Milch hab ich die ganz gewiss. Mir ist sie wertvoll, die Milch. So wie die Kühe, die sie uns geben. Auch die bäuerliche Arbeit, die dahinter steckt. Ich weiß und verschließe meine Augen nicht, dass da nicht alles so läuft, wie ich es jedenfalls gern hätte. Da ist einiges im Argen. Weltweit. Und in Österreich? Soweit ich es einschätze, machen unsere Milchbauern ihre Sache gut. Viele machen es gut hier. Manche von ihnen machen es besser. Besser geht immer. Aber ich weiß auch, dass es komplizierter und vielschichtiger ist, als es oft dargestellt wird. Und ich weiß auch, dass es bei weitem nicht an den Bauern alleine liegt.

Und weil das so ist, wünsche ich mir eine Qualitätsdiskussion, die umfassender geführt wird als es derzeit der Fall ist. Und weniger polemisch und selbstgerecht – von welcher Seite auch immer. Die „heißen Eisen“: ich wünsche mir, dass sie von den berufensten Köpfen angefasst werden. Die Bereitschaft, einer kritischen Öffentlichkeit mit Transparenz entgegen zu kommen, erfordert Mut und einen kühlen Kopf. Ich denke, das würde sich lohnen. Für die Milch. Und für die Kühe. Und für die Bauern. Und für alle, die Milch weiterhin als Lebensmittel ansehen.

Was meinst du dazu?

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