Eine Halbe Bier pro Tag

14.09.2018 / Landwirtschaft & Produktion

143 Liter Bier trinken die Tschechen im Schnitt pro Kopf und Jahr. Babys, Kinder und sonstige Nicht-Alkoholtrinker eingerechnet. Macht pro Biertrinker locker eine Halbe pro Tag. Ich war in jener Region nordwestlich von Prag, in der jedes Jahr der beeindruckenste Bierbauch gewählt wird und das höchste Gebäude der Stadt allein dem Hopfen gehört.

Wir von Land schafft Leben sind derzeit dem österreichischen Bier auf der Spur. Eine vom tschechischen Agrarjournalistenverband organisierte Pressereise ließ mich erahnen, wie die Biernation schlechthin tickt. Tschechien ist Weltmeister im Bier-Konsum. Die Deutschen und Österreicher trinken fast ein Seiterl pro Tag. Das ist auch nicht wenig und reicht zu Platz Zwei und Drei weltweit. Die Tschechen schaffen es tatsächlich, nochmal 40 Liter mehr Bier pro Jahr zu trinken. 

 

Die Studenten an der Agraruni Prag brauen ein eigenes Bier. 

 

Hopfen, so weit das Auge reicht

Wir fahren von Prag aus Richtung Nordwesten, durch eine leicht hügelige, mit einzelnen vulkanförmigen Bergen versehene und im heurigen Jahr trockene Landschaft. Die Hopfenfelder sind nicht zu übersehen. Für alle, die kein Bild von einem Hopfenfeld im Kopf haben: Das sind keine Pflanzen, die einen halben Meter hoch ein Feld bedecken. Die meisten Hopfenanlagen sind fast so hoch wie Einfamilienhäuser. Das fällt natürlich auf, egal ob im Mühlviertel oder hier rund um die 19.000-Einwohner-Stadt Žatec. Hopfenfelder in Österreich sind überschaubar und um Bauernhöfe angelegt. In Žatec sieht man ihr Ende nicht. In der Mitte steht ein Schloss, das den Hopfenerzeugern gehört. Sie haben auch ein eigenes Hopfenforschungsinstitut, das Sorten züchtet und testet. Es macht Forschungsarbeit, die Auswirkung auf den Geschmack von Bieren in aller Welt hat.

Österreich und Tschechien haben je drei Hopfenanbauregionen. Nur wird in Österreich auf 250 Hektar Hopfen angebaut, in Tschechien auf 5.000 Hektar, auf 20-mal so viel Fläche. Weltweit ergibt das Platz Drei. Nur die USA und Deutschland haben wesentlich mehr. Historisch bedingt sind die „Bauern“ keine Familienbetriebe, sondern „Czech Companies“, wie uns František Kumhála, Professor an der Prager Agraruni erklärt. Familienbetrieb fällt ihm ein einziger ein. Anfang September tut sich viel auf den Feldern. Traktoren reißen die Hopfenpflanzen von ihren Verankerungen in sieben Meter Höhe. Was zurückbleibt, holt ein Arbeiter händisch herunter. Dazu wird er von einem Traktor in schwindelerregende Höhe gehoben. Die meisten Arbeiter sind Slowaken und Ukrainer. Erntehelfer aus dem eigenen Land finden sich keine. Ein Thema, das uns aus der österreichischen Obst- und Gemüseerzeugung bekannt ist. 

 

Das imposante Hopfenlager von Žatec

 

Bei der Ankunft in Žatec sticht mir ein Gebäude in verschiedenen Grün- und Gelbtönen ins Auge, 14 Stockwerke hoch. Wie ein etwas lieblos hingestellter Bau aus Zeiten des Kommunismus sieht es aus, 1974 wurde das Gebäude fertiggestellt. Doch dann die Überraschung, die das Gebäude wieder sympathisch macht. Es existiert einzig und allein für den Hopfen. Hier lagert der Hopfen, der zuvor geerntet, getrocknet, zu 95 Prozent in Pellets gepresst, in Ein- bis 140-Kilo-Packungen gesteckt und übers Jahr zu 65 Prozent in alle Welt exportiert wird. 

 

Auch der Bischof hat Hopfen und Bier

In Litoměřice an der Elbe haben wir einen besonderen Termin. Jan Baxant, Bischof von Litoměřice, hat uns Journalisten persönlich eingeladen. Die 24.000-Einwohner-Stadt hat eine turbulente Geschichte. 1946 wurden 90 Prozent der Bevölkerung vertrieben. Die verbliebenen Katholiken hatten es schwer, denn Religion war im Kommunismus unerwünscht. „Aber wir hatten noch den Hopfen“, sagt der Bischof. Er selbst hat mitten in Litoměřice eine kleine Brauerei mit Gasthaus. Den Hopfen dafür baut er auf seinen 30 Hektar Hopfenfeldern an.

 

Wer hat den umfangreichsten Bierbauch?

Zurück in Žatec bekommen wir eine Führung durch die wunderbare, aber touristenleere Altstadt. In Žatec steht das weltgrößte Hopfenmuseum, der „Hops & Beer Temple“. Er erzählt von der langen Hopfentradition der Stadt und von der Legende rund um das Symbol mit sieben Zählstrichen, das in einem uralten Grab entdeckt wurde. Es war einmal ein Mann, der eine böse Frau hatte. So trank er täglich sieben Bier. Eines Tages trank er aber 14. Das überlebte er nicht.

Am Hauptplatz von Žatec findet man das „kleinste Hopfenfeld“ der Welt. Und für die Bewohner wohl am wichtigsten, zweimal im Jahr gibt’s ein Hopfenfest, im Frühjahr und im Herbst. Neben unzähligen Traditionen veranstalten die Žatecer einen Wettbewerb. Es gewinnt derjenige, der den Bierbauch mit dem größten Umfang hat. Vielleicht ist es ja der Ehrgeiz der Bewohner von Žatec, der den Pro-Kopf-Verbrauch Tschechiens auf unfassbare 143 Liter treibt.