Die Kartoffel und ihr Weg nach Österreich

11.10.2018 / Gastbeitrag, Trends, Innovationen, Interessantes & Skurriles

Was wäre unsere Küche ohne die Kartoffel? Die allseits beliebte Knolle hat einen langen Weg hinter sich. Als unscheinbares Andengemüse hatte sie dabei so manchen Widerstand zu überwinden. Ein paar der interessantesten Stationen auf ihrem Siegeszug zeichnet Robert Brungert (Gartenreich Ratgeber) in einem spannenden Gastbeitrag nach.

 

Andengemüse seit 12.000 Jahren

Bereits seit 10.000 v. Chr. wird die Kartoffel durch die damals vermutlich gerade eintreffenden Menschen in den Anden als Nahrung genutzt. Kartoffeln wurden in Höhen kultiviert, die für Mais nicht mehr interessant waren. Mit der Entdeckung der neuen Welt erreichten die Kartoffeln mit dem wissenschaftlichen Namen Solanum tuberosum ab Mitte des 16. Jahrhunderts Spanien und anschließend ganz Europa. Diese einstigen Kartoffeln kamen jedoch nicht bei den einfachen Bürgern an, die teils unter Strafandrohung zum Anbau und Verzehr der Kartoffeln gezwungen wurden. Am amüsantesten waren die Franzosen. Der Apotheker Antoine Auguste Parmentier hat nach der Hungersnot im Jahr 1769 am Tag sein Kartoffelfeld bewachen lassen, um die Knollen als besonders wertvoll darzustellen, damit die Bauern in der Nacht die Kartoffeln stehlen und selber anbauen. Er hat sogar Ludwig XVI. Kartoffeln und Kartoffelblüten geschenkt, um diese Pflanze hoffähig zu machen.

Bereits um 1620 erreichte die Kartoffel Österreich. Sie stand hier vor dem gleichen Anfangsproblem, dass die einfachen Leute sie nicht als Nahrung akzeptierten. Grün werdende Kartoffeln oder ihre oberirdischen Früchte sind immerhin giftig. Vielleicht lag das Problem einfach darin, den einfachen Leuten den Umgang mit der Kartoffel beizubringen?

In Seitenstetten war Caspar Plautz der Abt im Kloster, welcher die Kartoffeln ab dem besagten Jahr 1620 im Klostergarten anbaute. Er hat viele Rezepte für die Zubereitung zusammengestellt, die jedoch nicht ihren Weg in die Klosterküche fanden. Im Jahr 1621 erschien sein Kochbuch mit den Kartoffelrezepten in Linz. Erst viele Jahre später erließ Maria Theresia, ab 1740 regierende Erzherzogin von Österreich, den Befehl, dass die Bauern Kartoffeln anzubauen haben. Im Waldviertel mussten besonders viele Kartoffeln angebaut werden.

Maria Theresia höchstpersönlich hatte ein Herz für die exotische Knolle und pushte ihren Anbau. Vor allem im Waldviertel.

Der „Kartoffelkrieg“

Als die Bayerische Linie der Wittelsbacher im Jahr 1777 ausstarb, hatten die Preußen und auch die Franzosen Bedenken, dass Teile des Kurfürstentums Bayern an Österreich fallen, womit es zu einem mächtigen Gegner werden könnte. Also sandten die Preußen im bayrischen Erbfolgekrieg ihre Truppen am 05.07.1778. Die Versorgungslage der Truppen zu beiden Seiten war katastrophal, das Wetter war schlecht, wodurch der Vormarsch stockte und die Auseinandersetzung ohne Kampfhandlung blieb. Die Soldaten raubten die Bauern aus, gruben die viel zu kleinen Kartoffeln auf den Feldern aus und die Österreicher aßen so viele Pflaumen, dass sie schon Bauchweh und Diarrhö hatten. In Preußen blieb das Ereignis als der „Kartoffelkrieg“ und in Österreich als „Zwetschgengrummel“ in Erinnerung, wobei die Bayern bis zum heutigen Tag vom „Saupreiß“ sprechen. Die Preußen setzten sich durch, womit die offizielle Erbfolge durch den Wittelsbacher Karl Theodor von Pfalz-Zweibrücken eingehalten wurde. Damit blieb der Freistaat Bayern erhalten.

In dieser Zeit und während der Napoleonischen Kriege etablierte sich die Kartoffel nicht allein in Österreich, sondern in ganz Europa. Zu erwähnen bleibt noch der Meierhof des denkmalgeschützten Schloss' Kleßheim. Hier wurden erstmals 1817 Kartoffeln gepflanzt. Dieses Ereignis ist bedeutsam, da dieser Meierhof neben der Kartoffel um diese Zeit eine ganze Reihe seltener Gemüse kultivierte und damit in Österreich verbreitete.

Pro Kopf wurden zur damaligen Zeit zwischenzeitlich bis zu 200 kg Kartoffeln von einem Europäer im Jahr verspeist. Heute sind es für Österreicher noch etwas über 50 kg im Jahr.

Pro Kopf wurden zwischenzeitlich bis 200 kg Kartoffeln von einem Europäer im Jahr verspeist. Heute sind es für Österreicher noch etwas über 50 kg.

Kulturgut Kartoffel – kulturfremd

Die Kartoffel hatte es auch in Österreich über eine lange Zeit schwer, sich durch zu setzen. In diesen Zeiten hatten Adelige oder Geistliche Vorkoster, weil das Vergiften der Konkurrenten das Anliegen vieler war. Auch der Aberglaube rund um dunkle Mächte und Dämonen prägte das Verhalten vieler Menschen. Ein bezeichnendes Beispiel für die Angst vor dem Unbekannten ereignete sich bereits mit den Anfängen der europäischen Kartoffel in Spanien. Diese wurde schon ab 1570 in der Gegend des damals wichtigsten spanischen Amerikahafens Sevilla auf ganzen Feldern angebaut. Der damalige spanische König Philipp II. ließ bereits um 1565 dem an Gicht leidenden Papst Pius IV einige Kartoffeln zukommen. Diese können eine schwache medizinische Wirkung entfalten. Der Papst traute den Kartoffeln nicht, die den Ruf hatten, krank zu machen. Er baute sie als Zierblumen an und verfütterte die Knollen an die Schweine. Die Kartoffel war schlichtweg „kulturfremd“.

Der Wert der Kartoffeln

Unstrittig ist, dass die Kartoffel als „Blume“ neben all den anderen schönen Gewächsen nicht bestehen kann. Außerdem sind Kartoffeln ohne Beilagen keine ausgewogene und vor allem keine schmackhafte Nahrung. Erst mit raffinierten Soßen, passenden Gewürzen, etwas Butter, leckerem Gemüse und vielleicht etwas Fleisch oder Fisch sind Kartoffeln das perfekte Grundnahrungsmittel. Sie können mit sämtlichen Beilagen kombiniert werden. Das einstige Landvolk hatte in der Küche nicht viel Auswahl und schmähte die Kartoffeln. Warum wollte der Adel die Kartoffel auf den Tisch und nicht in den Staudengarten? Schon damals waren die Erträge im Vergleich zu anderen Feldfrüchten enorm. Zudem können Kartoffeln mit der richtigen Vorgehensweise lange gelagert werden und sind einfach zu kultivieren. Mit Kartoffeln werden von gleicher Fläche wesentlich mehr Menschen satt. Heute haben wir die Hungersnöte nicht mehr vor Augen und verdanken das auch der Kartoffel.

Diese einfache Feldfrucht ist im zweiten Weltkrieg von großer Bedeutung gewesen. Die US-Amerikaner brachten uns den Kartoffelkäfer, der ganze Felder vernichtete und den Kriegswillen im dritten Reich brechen sollte. Der Kartoffelkäfer ist uns leider noch immer erhalten, mit der richtigen Abwehr gedeihen die Kartoffeln dennoch.

Die unscheinbare Kartoffel hat eine sehr lange Geschichte, sie hat viele Namen wie Erdapfel, Erdbirne oder Grundbirne. Inzwischen gibt es hunderte Sorten der Kartoffel, die weltweit angebaut wird, für deren Zubereitung es unzählige Rezepte gibt. Kartoffelschmarn, Erdäpfelkäs oder Nidei sind nur einige für Österreich typische Beispiele. Das alles macht die Kartoffel so wertvoll und auch lecker, dass wir sie heute freiwillig anbauen, verspeisen und als heimische Kulturpflanze anerkennen.

Heute haben wir die Hungersnöte nicht mehr vor Augen und verdanken das auch der Kartoffel.