Schweiz first, Austria second? Speisekarten Eklat im TirolBerg

15.02.2017 / Landwirtschaft & Lebensmittelproduktion, Essen & bewusster Konsum

Ja, es geht um die Ski-WM. Und ja, die Schweiz ist uns voraus. Aber nicht unbedingt nur um Hundertstel und Medaillen. Österreich hat noch ein ganz anderes Duell gegen die Schweiz verloren. Nicht um Hundertstel sondern um Jahre. 

Das wurde jetzt anlässlich der Ski-WM im mondänen St. Moritz offensichtlich. Ein kleiner Skandal im von der Tirol Werbung bespielten TirolBerg. Dort wurde nämlich „Herzhaftes aus Tirol“ kredenzt. Zum Beispiel „Innsbrucker Gröstl“. Mit dem Schönheitsfehler „Herkunft Deutschland“. Oder ein „Seefelder Wildragout“ ungarischer Provenienz. Das ist peinlich und hat entsprechenden medialen Niederschlag erfahren. Und ein zumindest lokales politisches Nachbeben. Bis hinauf zum Landeshauptmann sah man sich genötigt zu reagieren.

 

'Innsbrucker Gröstl' - Herkunft Deutschland; 'Seefelder Wildragout' ungarischer Provenienz...

 

Die sichtlich betroffene Tirol Werbung,...

verantwortlich für diesen Fauxpas, redete sich auf das Tiroler Handelsunternehmen raus, welche das Fleisch gesponsert hat. Zu spät habe man erfahren, dass das Fleisch nicht aus Österreich stamme. Man sei dann vor der Wahl gestanden, entweder die Speisen von der Karte zu nehmen oder korrekt die Herkunft der Ware anzugeben. Jetzt mag sich der eine oder andere fragen, warum man es denn partout angeben musste? Warum man nicht einfach nicht angeben hätte können, woher das Fleisch stammt? Anders formuliert: Warum man nicht einfach landesüblich verfahren hätte können?

Und genau hier wird es interessant!

In der Schweiz ist das nämlich verboten! Bzw. positiv formuliert: Die Schweizer Gastronomie muss die Herkunft tierischer Lebensmittel kennzeichnen. Und jetzt vermute ich mal, dass weder die Tirol Werbung noch das angesprochene Tiroler Handelsunternehmen davon in Kenntnis waren. Und vor Ort mit den gesetzlichen Bestimmungen konfrontiert, notgedrungen die Krot schlucken mussten. 

In good old Tirol und in ganz Österreich...

hätte sich niemand gestoßen am „Innsbrucker Gröstel“ mit deutschem Fleisch oder dem kroatischen Schwein in der Schnitzelsemmel. Derartiger Etikettenschwindel ist in der Gastronomie und generell im Außer-Haus-Konsum hierzulande nämlich gängige Praxis. Ich will gar nicht wissen wie oft polnisches oder ungarisches Huhn im „Steirischen Backhendl“ steckt! Ehrlich gesagt, weiß ich es so ungefähr…

 

 

Kennzeichnungspflicht in der Schweiz seit den 90ern

Österreichs Paradebranche, die Gastronomie nämlich, sträubt sich seit Jahren gegen eine Kennzeichnungspflicht, wie sie die Schweiz längst flächendeckend implementiert hat. Der Grund ist einfach: Österreichische Produktionsstandards vor allem bei tierischen Produkten schlagen sich auf den Preis nieder. In Sachen Tierwohl etwa tanzt Österreich in vielen Punkten aus der EU-Reihe und orientiert sich eher an Schweizer oder skandinavischen Niveaus, die zusammen mit heimischen Standards weltweit im Spitzendfeld liegen. Österreichische Qualität kostet also. Und sie kostet in aller Regel mehr als importierte Ware. 

Österreichische Produktionsstandards vor allem bei tierischen Produkten schlagen sich auf den Preis nieder

 

Und weil die Gastronomie auch die sogenannte Systemgastronomie und mehr noch Großküchen aller Art preisgetrieben sind und riesige Mengen umschlagen, bietet der sie beliefernde Großhandel häufig billigere ausländische Ware in seinem Sortiment an. 

Mit anderen Worten: Was in St. Moritz jetzt wie ein Skandal daher kommt, wäre in Österreich erst gar nicht aufgeflogen, sondern als alltägliche Praxis unbemerkt am Konsumenten vorbei gegangen.

 

Keine Kennzeichnung in Österreich - ein internes ÖVP-Politikum

Dass man sich hier nicht die Schweiz zum Vorbild nimmt und eine Herkunftskennzeichnung gesetzlich festlegt, wird vom Wirtschaftsflügel innerhalb der Regierungspartei ÖVP blockiert trotz vieler Vorstöße vonseiten des Landwirtschaftsflügels seit Jahr und Tag.

 

Was in St. Moritz jetzt wie ein Skandal daher kommt, wäre in Österreich erst gar nicht aufgeflogen

 

Ich will das politische Ränkespiel hier nicht näher analysieren und denke mir nur, dass das Resultat eindeutig auf Kosten des Konsumenten geht, sei er Einheimischer oder Gast. Ich möchte nämlich wissen, woher das Fleisch, die Eier, die Milch etc. kommen, die ich außer Haus konsumiere. Wie sie und wo sie "produziert" worden sind, innerhalb welcher gesetzlichen Spielräume und unter welchen Kontrollmechanismen. Ich frage deshalb regelmäßig nach, wenn es nicht ersichtlich ist. Vielleicht interessiert es dich ja auch? Vielleicht solltest du bei nächster Gelegenheit mal nachfragen? Und regelmäßig dann? Weil’s auch dir nicht egal ist?

 

Ich will wissen, wo das Fleisch, die Eier, die Milch herkommen, die ich außer Haus konsumiere

 

Glückliche Schweiz, denk ich mir anlässlich der Vorkommnisse in St. Moritz - nicht nur in Sachen Medaillenregen und Hundertstelglück…

Weil uns von Land schafft Leben das Thema naturgemäß sehr interessiert, sind wir ihm schon im Vorjahr vor Ort, also in der Schweiz, auf den Grund gegangen und haben uns das genau angeschaut.

>Blog: Wer hat’s erfunden? Die Schweiz! Herkunftskennzeichnung für Fleisch in der Gastronomie?